Sexualisierte Kriegsgewalt als Waffe. Eine Untersuchung anhand des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Funktion von sexualisierter Gewalt in Kriegen
2.1. ... als sexueller Ausdruck von Aggression
2.2. als Angegriff auf das männliche Beschützergebot
2.3. ... als Angriff auf die Kultur des Gegners
2.4. ... zur Demonstration der Besitzansprüche des Siegers
2.5. ... zu Propagandazwecken

3. Sexuelle Gewalt gegen Frauen in Jugoslawien

4. Juristische Verfolgung
4. 1. Der lange Weg zur Strafe
4.2. Die Prozesse des ICTY
4.2.1. Der „Čelebići-Prozess“ und das Urteil gegen Anto Furundzija
4.2.2. Der „Foča-Prozess”

5. Langfristige Folgen für die Opfer

6. Ansätze der Enttabuisierung und Verfolgung

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In allen Kriegen spielt sexualisierte Gewalt gegen Frauen als Waffe eine wichtige Rolle und findet regelmäßig und massenhaft Anwendung. Formen der sexuellen Ausbeutung und Folter wie Zwangsprostitution, 'Kriegsehen' und Vergewaltigungen werden in Konflikten angewandt und als Kriegswaffe und Behauptung männlicher Dominanz eingesetzt. Auch soll mit der Unterwerfung des weiblichen Körpers die Integrität der feindlichen Kultur getroffen werden.[1] Dies ist jedoch keine Erscheinung der Neuzeit, sondern Begleiterscheinung eines jeden Krieges. So ist in „... der Geschichte (...) fast kein bewaffneter Konflikt bekannt, in dem es nicht zu sexualisierter Gewalt an Frauen gekommen wäre.“[2] Beispiele für solche Kriegsverbrechen von Männern sind Zwangsprostitution in Wehrmachtsbordellen und japanischen Kriegsbordellen, die Vergewaltigungen von Nanking 1937 durch japanische Besatzungssoldaten während des Zweiten Weltkrieges oder auch die zahlreichen Vergewaltigungen in den eroberten Ostgebieten und in Deutschland Ende des Zweiten Weltkrieges. Trotzdem wurden Vergewaltigungen in Kriegen lange Zeit nicht als Kriegsverbrechen anerkannt.[3] Die Genfer Konvention verurteilte Vergewaltigungen als unerlaubtes Mittel der Kriegsführung, dennoch dauerte es bis zum Jahr 2001, bis Täter zur Verantwortung gezogen wurden. In einem wegweisenden Prozess zu den Verbrechen in der bosnischen Stadt Foča verurteilte das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoswlawien in Den Haag erstmals Kriegsverbrecher wegen der gezielten Ausübung sexueller Gewalt.

In dieser Arbeit soll zunächst untersucht werden, welche Funktionen sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Krieg erfüllt. Am Beispiel des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien von 1992 bis 1995 wird diese verdeutlicht.[4] Die juristische Verfolgung der Taten am ICTY wird unter Punkt 4 erläutert, besonders auf den so genannten Foča Prozess gehe ich auf Grund seiner historischen Bedeutung näher ein. Unter den langfristigen Folgen der sexuellen Gewalt leiden die Opfer auch nach Beendigung des Krieges. Möglichkeiten der gesellschaftlichen Enttabuisierung werden unter Punkt 6 aufgezeigt.

2.Funktion von sexualisierter Gewalt in Kriegen

2.1 als sexueller Ausdruck von Aggression

In jedem Krieg und Bürgerkrieg gehört die Vergewaltigung vom Frauen der jeweils anderen Partei zum Kriegsalltag.[5] Massenvergewaltigungen im Krieg widerlegen die Legende von der unbezähmbaren Triebhaftigkeit des Mannes, die in dessen Natur liege, und sie widerlegen den Mythos von der Vergewaltigung als Ausdruck von Sexualität. Vielmehr bietet der Krieg als Ausdruck von aggressiver Männlichkeit den institutionellen Rahmen und die Legitimation dafür, um Angehörigen des Gegners alle Formen von Gewalt zuzufügen. Vergewaltigung ist kein aggressiver Ausdruck von Sexualität, sondern ein sexueller Ausdruck von Agression.[6]

2.2 als Angegriff auf das männliche Beschützergebot

Vergewaltigungen können im Kontext von Kriegen als der letztliche symbolische Ausdruck der Erniedrigung des männlichen Gegners betrachtet werden. Der weibliche Körper wird zum Territorium, auf dem die Dominanz der einen über die andere Gruppe ausgetragen wird. Er repräsentiert auf der Ebene von Sprache und Symbolen den Volkskörper; dies zeigt sich in nationalen Sinnbildern wie der französischen Marianne, der Britannia oder Germania.[7] Zudem besteht eine zentrale Aufgabe von Frauen in bewaffneten Konflikten darin, durch die Geburt von potentiellen (männlichen) Kämpfern die eigene Gruppe zu erhalten und zu vergrößern.[8] Sexualisierte Gewalt gegen Frauen der 'feindlichen' Seite enthalten eine Botschaft: Ihre Nation, ihre Kultur wird in und mit den Frauen diffamiert, die den Frauen zugefügte Gewalt dient ebenso der Demütigung der Männer. Ihnen wird vermittelt, dass sie außerstande sind, die Integrität der Nation sowie die Frauen zu schützen und die intakte Reproduktion ihrer Gemeinschaft zu sichern.[9] Es verwandelt sich „ the body of a raped woman [in] a ceremonial battlefield... The act that is played out upon her is a message between men - vivid proof of victory for one and loss and defeat for the other.“[10]

2.3 als Angriff auf die Kultur des Gegners

Die Gewalt, die an Frauen verübt wird, zielt auf die körperliche und personelle Integrität einer Gruppe ab. Auf diesem Hintergrund gewinnen die Massenvergewaltigungen, die kriegsimmanent sind, neue Bedeutung. „Sie sind keineswegs Akt sinnloser Brutalität, sondern kulturzerstörerische Akte mit strategischer Raison.“[11]

Anlässlich der Massenvergewaltigungen in Bangladesh 1971 war ein indischer Schriftsteller überzeugt, dass es sich um ein geplantes Verbrechen gehandelt hatte. Es sei derart systematisch und flächendeckend vergewaltigt worden, dass nur bewusste, militärische Taktik habe dahinter stehen können. Der Verdacht regte sich in ihm, dass damit eine neue Rasse geschaffen und das bengalische Nationalgefühl ausgelöscht werden sollte.[12]

2.4 zur Demonstration der Besitzansprüche des Siegers

Vor allem unmittelbar nach Kriegen wurden Massenvergewaltigungen der besiegten Frauen von Seiten der Sieger bekannt. Auch hier werden mit diesem Unterwerfungsakt die Kriegsverlierer gedemütigt, deren Frauen in Besitz genommen und als 'Siegertrophäe' benutzt wurden.[13]

Die Ohnmacht der Besiegten und Angegriffenen und die Allmacht der Sieger und Angreifer gehören zum Krieg wie auch das Ziel, tief ins Innere des Landes des Angegriffenen vorzudringen: Demoralisierung, Verlust, Niederlage und Fremdbestimmung für den einen und Sieg, Erhabenheit, Gewinn und Selbstbestimmung für den anderen. Und genau die Parallele zwischen der Landnahme des Gegners einerseits und der 'Inbesitznahme' von deren Frauen andererseits zeigt den nicht nur im Kriegsgeschehen tief verankerten Besitzanspruch der Männer auf Frauen auf: Frauen gehören neben dem Sach- und Immobilieneigentum des Gegners zu dessen Besitz.[14]

[...]


1 Vgl. von Braunmühl, Claudia: Geschlechterdimensionen gewalttätig ausgetragener Konflikte in der Internationalen Politik. Januar 2008. S.8

2 Palt, Alexandra: Kriegsverbrechen: Massenvergewaltigung. In: ai-Journal 06/2000, S.1. Zitiert nach Förster, Angelika: Vergewaltigung im Krieg und seine Strafverfolgung durch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag 2002. S.2

3 Obwohl dem Militärgerichtshof eindeutige Aussagen vorlagen, wurden Verbrechen sexueller Gewalt waehrend des Zweiten Weltkrieges nicht angeklagt. Vgl. Palt, A. 06/2000. S.1. In: Förster, Angelika. S.3

4 Auf die historischen Hintergründe, in denen Erklärungen für die tiefen Gegensätzlichkeiten der südslawischen Völker liegen und somit auch die Ursachen für ihren gegenseitigen Hass, kann ich in dieser Arbeit leider nicht eingehen.

5 Vgl. Brownmiller, Susan: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Frankfurt a. M. 1980. Zitiert nach: Wasmuth, Ulrike C.: Warum bleiben Kriege gesellschaftsfähig? Zum weiblichen Gesicht des Krieges. Opladen 2002. S.97

6 Vgl. Seifert, Ruth: Krieg und Vergewaltigung. Ansaetze zu einer Analyse. Zitiert nach: Stiglmayer, Alexandra (Hg): Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen. Freiburg 1993. S. 86

7 Vgl. Seifert, Ruth: Mass Rapes in Bosnia-Herzegovina and Elsewhere: A Pattern of Cultural Destruction. In: Swiss Peace Foundation (Ed.), War Against Women: The Impact of Violence on Gender Relations. Report of the 6th Annual Conference 16/17 September 1994. Bern: Swiss Peace Foundation 1995. S.81. Zitiert nach: Engels, Bettina und Chojnacki, Sven: Krieg, Identität und die Konstruktion von Geschlecht. November 2007. S.7

8 Vgl. Moghadam, Valentine M.: Introduction and Overview. In: Moghadam, Valentine M. (Ed.): Gender and National Identities. London/New York 1994. S.18. Zitiert nach ebd. S.7

9 Vgl. Alsion, Miranda: Wartime sexual violence: women's human rights and questions of masculinity. In: Review of International Studies, 33. 2007. S. 75-90. Zitiert nach: von Braunmühl, Claudia: Geschlechterdimensionen gewalttätig ausgetragener Konflikte in der Internationalen Politik. Januar 2008. S.7

10 Brownmiller, Susan: Against our will: men, woman and rape. New York 1975. S. 38. Zitiert nach: Zwingel, Susanne: Was trennt Krieg und Frieden? Gewalt gegen Frauen aus feministischer und völkerrechtlicher Perspektive. In: Harder, Cilja und Rosz, Bettina (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden. Perspektiven der feministischen Analyse internationaler Beziehungen. Opladen 2002. S.178

11 Seifert, Ruth: Krieg und Vergewaltigung. Anätze zu einer Analyse. In: Stiglmayer, Alexandra (Hg): Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen. Freiburg 1993. S.98

12 Vgl. Brownmiller, Susan: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Frankfurt a.M. 1978. S.89. in Seifert, Ruth. Ebd. S.98

13 Vgl. Wasmuth, Ulrike C.: Warum bleiben Kriege gesellschaftsfähig? Opladen 2002. S.98

14 Vgl. Ebd. S.98

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Sexualisierte Kriegsgewalt als Waffe. Eine Untersuchung anhand des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto Suhr Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V319502
ISBN (eBook)
9783668187191
ISBN (Buch)
9783668187207
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualisierte, kriegsgewalt, waffe, eine, untersuchung, bosnienkrieges, jugoslawien
Arbeit zitieren
B.A. Janina Jasencak (Autor), 2010, Sexualisierte Kriegsgewalt als Waffe. Eine Untersuchung anhand des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319502

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sexualisierte Kriegsgewalt als Waffe. Eine Untersuchung anhand des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden