Multiperspektivische Fallarbeit. Entstehung, Entwicklung, Phasen und Fallbeispiel


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Multiperspektivische Fallarbeit
2.1 Entstehung und Entwicklung
2.2 Definition und Abgrenzung
2.3 Dimensionen der Fallarbeit
2.3.1 Fall von
2.3.2 Fall für
2.3.3 Fall mit
2.4 Phasen der Fallarbeit
2.4.1 Sozialpädagogische Anamnese
2.4.2 Sozialpädagogische Diagnose
2.4.3 Sozialpädagogische Intervention
2.4.4 Sozialpädagogische Evaluation

3. Fallbeispiel
3.1 Der Fall Marcel

4. Kritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem 1993 erstmals vorgelegten Buch „Sozialpädagogisches Können – ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit“ will Burkhard Müller aufzeigen, dass sich die Vielfalt der Sozialen Arbeit in einem verhältnismäßig übersichtlichen Muster ordnen lässt. Dieses Muster nennt er multiperspektivische Fallarbeit.

Auch wenn sich die multiperspektivische Fallarbeit auf die klassische soziale Einzelfallhilfe bezieht, gibt es Unterschiede in der Betrachtungsweise. Während die klassische soziale Einzelfallhilfe ihren Blickwinkel lediglich auf die Beziehungsarbeit zwischen dem Sozialpädagogen und dem Klienten richtet, berücksichtigt die multiperspektivische Fallarbeit ebenfalls die komplexen Handlungsbedingungen der Sozialen Arbeit sowie ihre spezifischen institutionellen Rahmungen. Gerade dieser Aspekt machte dieses Thema für mich so interessant.

In der folgenden Arbeit soll zunächst die Entstehung und Entwicklung der multiperspektivischen Fallarbeit geschildert werden. Im Anschluss daran soll der Begriff genauer definiert und zu anderen Methoden der Sozialen Arbeit abgegrenzt werden. Im weiteren Verlauf sollen dann die Dimensionen und die Phasen der Fallarbeit vorgestellt werden. Um diese verständlicher zu machen, folgt ein Fallbeispiel, an dem die einzelnen Phasen und Dimensionen verdeutlicht werden. Nach einer kurzen Kritik endet diese Arbeit mit einem abschließenden Fazit mit einer Einschätzung über die Wirksamkeit dieser Methode. Der Einfachheit wegen wird in der gesamten Arbeit nur die männliche Bezeichnung (z. B. Sozialpädagoge anstatt SozialpädagogIN) verwendet.

2. Multiperspektivische Fallarbeit

2.1 Entstehung und Entwicklung

Der von Müller geprägte Begriff der „multiperspektivischen Fallarbeit“ knüpft an die Kasuistik und damit an die Tradition der sozialen Einzelfallhilfe an.[1] Unter sozialpädagogischer Kasuistik versteht man eine bestimmte Tätigkeitsweise, in der erwogen und zu verstehen versucht wird, „inwiefern Gehalte des Einzelfalls bedeutsam sind für eine begründete und mit Perspektiven ausgestattete Entscheidung.“[2] Als die Soziale Arbeit sich am Anfang des 20. Jahrhunderts methodisierte und zum Beruf wurde, kam die sozialpädagogische Kasuistik erstmals auf. Schon damals war deutlich, dass das sozialpädagogische und berufliche Verstehen mit der Beteiligung von Seiten der Adressaten einhergeht. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bewegte sich die sozialpädagogische Kasuistik in einem Grenzgebiet zwischen beruflichem Verstehen und Teilhabe der Adressaten. In den letzten 30 Jahren erlebte sie im deutschsprachigen Raum einen deutlichen Aufschwung – angeregt unter anderem durch die benachbarten Disziplinen wie die Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Verstehende Soziologie. Damit einhergehend wurde der Sozialstaat ausgebaut und es erfolgten Bemühungen um eine Professionalisierung.[3] Methodiker entwickelten zunehmend „eine Kasuistik in Form von sogen. Lehrfällen.“[4] Somit ist die Kasuistik in der Sozialarbeit eine Falldiskussion, in der Fälle in Bezug auf ihre diagnostische Einschätzung vorgestellt und diskutiert werden. Außerdem werden an Hand der Fälle Interventionskonzepte erörtert und mit Hilfe von Falldarstellungen ausgewählte Probleme diskutiert und verglichen.[5]

2.2 Definition und Abgrenzung

Unter multiperspektivischer Fallarbeit ist eine Betrachtungsweise zu verstehen, in der im sozialpädagogischen Handeln bewusste Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen erforderlich sind.[6] Sie bezieht sich jedoch nicht allein auf die Beziehungsarbeit zwischen Klient und Sozialpädagoge wie die klassische soziale Einzelfallhilfe. Vielmehr werden die Handlungsbedingungen der Sozialen Arbeit sowie die institutionellen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Dabei soll das Ziel erreicht werden, die Komplexität sozialpädagogischen Handels transparent zu machen, ohne die Vielfalt an Faktoren wegzudenken oder sich in ihnen zu verlieren.[7]

Müller meint mit Einzelfall nicht die einzelne Person, sondern vielmehr die einzelne Situation oder einen Rückblick auf eine einzelne Praxiserfahrung. Er verzichtet hierbei auf die Darstellung beispielhafter Lehrfälle.[8] Ihm geht es – anders als bei der sozialen Einzelfallhilfe – um ein hochschuldidaktisches Unternehmen einer Kasuistik, die nicht präskriptiv sondern rekonstruktiv verfährt. Er verfolgt die Frage, wie eigene Lernerfahrungen gestärkt werden können.[9]

Müller unterscheidet drei Perspektiven der Fallbetrachtung: Fall von, Fall für und Fall mit. „Je nachdem, welche Fallperspektive man einnimmt, kommt man zu höchst unterschiedlichen Lesarten des konkreten sozialpädagogischen Falles.“[10]

Des Weiteren greift Müller auf Phasierungsmodelle zurück, die aus der klassischen Einzelfallhilfe bekannt sind. Er bezieht die Phasen der sozialpädagogischen Anamnese, Diagnose, Intervention und Evaluation in die multiperspektivische Fallarbeit mit ein. Diese Perspektiven/Dimensionen der Fallbetrachtung und die Phasen sollen im folgenden Kapitel näher vorgestellt werden.

2.3 Dimensionen der Fallarbeit

„Sozialpädagogen brauchen zur Klärung ihrer ‚Fälle’ nicht nur einen weiten Horizont und eine ganzheitliche Sichtweise, sondern je nach Fall auch sehr handfestes Fachwissen.“[11] Durch dieses Wissen – beispielsweise im Sozialrecht – ist zwar eine wichtige Voraussetzung des Fallverstehens gegeben, jedoch darf sich die Fallarbeit nicht auf rechtskundiges Verstehen beschränken. Hinzu kommen Ebenen, die nicht nur eine ganzheitliche, sondern eine mehrdimensionale Sichtweise erfordern. Daher unterscheidet Müller drei Dimensionen von Fällen, die in aller Regel in der sozialpädagogischen Fallarbeit geleistet werden müssen.[12]

Die unterschiedlichen Betrachtungweisen Fall von, Fall für und Fall mit stellen zwar verschiedene Zugänge zum praktischen Fall dar, jedoch kommen sie in der Regel gemeinsam vor. So ist ein Fall von auch ein Fall für oder ein Fall mit. Wichtig ist, dass die drei Perspektiven in einem Hilfeprozess vom Sozialarbeiter auseinander gehalten werden. Er muss sich bewusst darüber sein, auf welcher Ebene der Fallbearbeitung er sich befindet. Ist dies nicht der Fall, kann allein diese Unwissenheit zum Scheitern des Hilfeprozesses führen.[13] Ziel ist es, die Dimensionen zu unterscheiden, aber dennoch zwischen ihnen pendeln zu können.[14]

2.3.1 Fall von

Diese Dimension spricht eine Ebene an, die im sozialpädagogischen Handeln einen Charakter von „Verwaltungshandeln“ erzeugt. Denn Soziale Arbeit ist eine überwiegend in bürokratische Strukturen eingebundene Tätigkeit.[15] Jedoch beschränkt sich die Dimension ‚Fall von’ nicht nur auf rechtliche Aspekte, sondern schließt auch sozialpädagogisches Fachwissen mit ein.[16] Fall von soll bedeuten, dass der Fall „als Beispiel für ein anerkanntes Allgemeines“[17], beispielsweise eine Theorie oder eine Norm, betrachtet wird.

In der sozialarbeiterischen Tätigkeit könnte solch ein Fall beispielsweise ein Fall von Kindeswohlgefährdung sein, der sich zu einem Fall von Inobhutnahme entwickelt und damit verwaltungsrechtliches Handeln erfordern würde. Hierbei geht es darum, ein allgemeingültiges Gesetz bzw. unbestimmte Rechtsbegriffe in konkretes Handeln umzusetzen – bezogen auf den Einzelfall. Daher ist es auch nicht ausreichend, die Rechtsvorschriften nur korrekt anzuwenden.[18]

2.3.2 Fall für

Der Typus Fall für berührt eine Ebene des sozialpädagogischen Handelns, in der andere Instanzen, Personengruppen oder Professionen neben der Sozialen Arbeit beteiligt sind bzw. beteiligt werden müssen.[19] Denn Soziale Arbeit ist im Regelfall nicht allein für eine bestimmte Problembearbeitung zuständig.[20] Ein Fall kann ein Fall für die Polizei, zugleich ein Fall für die Justiz und auch ein Fall für die Psychiatrie sein. Daher erfodert das sozialpädagogische Handeln nicht nur eigene Fachkenntnisse, sondern auch handfestes Wissen anderer Disziplinen. Das heißt, dass Sozialpädagogen wissen müssen, an welche anderen Instanzen – und unter welchen Bedingungen – die Klienten verwiesen werden können bzw. müssen. Außerdem müssen sie sich über die Gründe bewusst sein, warum ihr Fall auch ein Fall für eine andere Instanz wird oder werden könnte.[21]

2.3.3 Fall mit

Die Dimension Fall mit meint die pädagogische Dimension im eigentlichen Sinn. Es geht hierbei um die Beziehungsarbeit zwischen Sozialarbeiter und Klient sowie deren Zusammenarbeit. Die Sozialarbeiter sollen sich fragen, was sie nun mit ihren Klienten machen, was sie zusammen erreichen können und wie sie überhaupt zusammenkommen. Auch für diese Ebene gilt das „anerkannte Allgemeine“, das sich in Form eines allgemein gültigen menschlichen Umgangs, in menschenwürdiger Behandlung und Fairness ausdrückt. Hierzu zählt auch die Rücksichtnahme auf Schwächere. In der Fallbearbeitung erscheint dies zunächst selbstverständlich, ist jedoch nicht immer einfach umzusetzen – gerade bei schwierigeren Fällen. Zum menschenwürdigen Umgang mit Klienten gehört auch die Fähigkeit, ihnen die Freiheit zu lassen, ‚nein’ zu sagen.[22] Diese Verhaltensregeln müssen in jedem Fall neu bestimmt und aktualisiert werden.[23]

2.4 Phasen der Fallarbeit

Wie bereits in Kapital 2.2 erwähnt, greift Müller auf die bekannten Phasierungsmodelle der klassischen Einzelfallhilfe zurück.

Die einzelnen Phasen sind mit Leitfragen ausgestattet, die den Sozialpädagogen dazu dienen sollen, die anfallende Situationsbewältigung zu strukturieren.[24]

2.4.1 Sozialpädagogische Anamnese

Müller bezeichnet die sozialpädagogische Anamnese als „aufmerksamer Umgang mit Nichtwissen“.[25] In dieser Phase der Fallbearbeitung geht es um eine möglichst breite Beschaffung von Informationen. Damit soll verhindert werden, dass vorschnell Kategorisierungen getroffen und weitere Möglichkeiten von vornherein ausgeschlossen werden. Auf der anderen Seite soll in dieser Phase der Relevanzbereich der Fallbearbeitung eingegrenzt werden.[26] Das Wahrnehmen von „Nicht-Erinnertem“[27] soll nicht der Zweck der Fallbearbeitung sein. Die Einbindung der Entstehungsgeschichte ist nur insofern wichtig, dass sie im Zusammenhang mit einem aktuellen Zustand oder Konflikt steht, der wiederum jetzt in irgendeiner Weise zum Handeln auffordert.[28] Bei der Anamnese handelt es sich folglich um einen ersten Schritt, einem ersten Zugang zum Fallverstehen. Die Fülle und die Art der Informationen können nur aus dem jeweiligen Relevanzbereich hervorgehen.[29] Anamnese ist nie vollständig und muss es auch nicht sein, denn sie beginnt immer wieder von neuem.“[30] Diese Arbeitsregel zeigt, dass es sich bei der multiperspektivischen Fallarbeit nicht um einen geradlinigen Prozess handelt. Der Fallarbeiter kann daraus erkennen, welchen Zugang er zu diesem Fall entwickelt hat. In der sozialpädagogischen Anamnese sollen nicht nur Hintergrundinformationen gesammelt werden, sondern vielmehr soll der eigene Zugang mit seinen selbstverständlichen Unterstellungen besser wahrnehmbar werden um überprüft werden zu können.[31] Die unterschiedlichen Sichtweisen und Ebenen des Falls sollen nebeneinander gestellt werden. Es darf nicht vergessen werden, dass der Fall sich wahrscheinlich auf allen drei Ebenen Fall von, Fall für und Fall mit abspielt.[32]

[...]


[1] Vgl. Müller, 2008, S. 13

[2] Hörster, 2005, S. 549

[3] Vgl. ebd., S. 549f

[4] Reader Kasuistik, o. D., S. 1

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Müller, 2008, S. 21

[7] Vgl. Galuske, 2009, S. 187

[8] Vgl. Müller, 2008, S. 13

[9] Vgl. Reader Kasuistik, o. D., S. 2

[10] Galuske, 2009, S. 187

[11] Müller, 2008, S. 40

[12] Vgl. ebd., S. 40

[13] Vgl. Galuske, 2009, S. 189

[14] Vgl. Müller, 2008, S. 42

[15] Vgl. Galuske, 2009, S. 188

[16] Vgl. Müller, 2008, S. 41

[17] Ebd., S. 42

[18] Vgl. Müller, 2008, S. 43

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl Galuske, 2009, S. 188

[21] Vgl. Müller, 2008, S. 43

[22] vgl. Müller, 2008, S. 56 f

[23] Vgl. Galuske, 2009, S. 189

[24] Vgl. ebd., S. 190

[25] Vgl. Müller, 2008, S. 99

[26] Vgl. Galuske, 2009, S. 190

[27] Müller, 2008, S. 105

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. Galuske, 2009, S. 190

[30] Müller, 2008, S. 114

[31] Vgl. ebd., S. 110

[32] Vgl. ebd., S. 112 f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Multiperspektivische Fallarbeit. Entstehung, Entwicklung, Phasen und Fallbeispiel
Hochschule
Universität Kassel  (Sozialwesen)
Veranstaltung
Methoden der Sozialen Arbeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V319510
ISBN (eBook)
9783668187894
ISBN (Buch)
9783668187900
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fallarbeit, multiperspektivisch, einzelfallhilfe
Arbeit zitieren
Josephine Rost (Autor), 2009, Multiperspektivische Fallarbeit. Entstehung, Entwicklung, Phasen und Fallbeispiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319510

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