Über das Titelblatt von Georg Hamanns "Golgotha und Scheblimini"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Komplexität des Titelblattes von Johann Georg

Hamanns kritischer Schrift Golgatha und Scheblimini[1] . Hamann schrieb dieses Werk als Antwort auf Moses Mendelssohns Jerusalem oder über die religiöse Macht und Judentum[2].

Eine nähere Betrachtung des Titelblattes scheint nicht nur deshalb aufschlussreich, da Hamann selbst anmerkte, dass der Inhalt im Titelblatt vorgezeichnet sei, sondern auch aufgrund der deutlichen Irritationen desselben.[3]

Das Titelblatt ist aus visueller Sicht in vier Abschnitte unterteilt. Diese Unterteilung

ergibt sich augenscheinlich durch eine Trennung der Abschnitte mit Hilfe von Strichen; wobei die letzte Trennung in Form von 2 Strichen erfolgt und die Teile in Schrift (Titel, Autorenschaft, Motti der Schrift) von dem letzten Teil in Zahl (das Jahr des Erstdrucks) trennt. Schreiner spricht bei der Gliederung des Titelblattes deshalb auch von einer Dreigliedrigkeit:

Die Worte Golgatha und Scheblimini als Inbegriff der Autorenschaft / des Zeugen („Prediger in der Wüste“) / auf dem Grunde der Schrift in Gnaden und Gerichtswort (die Motti); darunter die geschichtliche Fixierung.[4]

Dabei deutet Schreiner zwei der Teile in ihrer Funktionalität um: Der eigentliche Titel fungiert als Bildnis der Autorenschaft; die eigentliche Autorenschaft dient als Zeugnis. Bei der Wertigkeit der Abschnitte in Bezug auf die Anzahl der einzelnen Teile lässt Schreiner die Jahreszahl außen vor. Dafür spricht auch die visuelle Trennung durch zwei Striche.

Bei näherer Überlegung ergeben sich weitere Möglichkeiten der Gliederung:

1. Eine Fusionierung der beiden ersten Teile . Hierfür spräche das sich gegenseitige Bedingen der beiden ersten Teile und das Erschwernis, eine Trennlinie zwischen Autor und Werk zu ziehen. Hamann begünstigt diesen Eindruck, indem er durch die Nichtnennung seines Namens diesen Eindruck verstärkt. Bekräftigt wird diese Art der Gliederung durch die Länge des ersten Striches, welcher kürzer ist als die übrigen.
2. Eine inhaltliche Zusammenfügung des zweiten und letzten Teiles mit der Be- gründung des Zusammenhangs von Ort/Raum (die Wüste) und Jahr/Zeit (1784)
3. Eine Verbindung des zweiten und dritten Teiles. Hierfür spräche nicht nur die ungefähr gleiche Größe der Schrift (der Titel ist durch einen größeren Druck eindeutig hervorgehoben), sondern auch der von der Abfolge erweckte Eindruck, dass der Prediger die darauffolgenden Motti spricht.

Unabhängig davon, welche Art der Gliederung von Hamann impliziert ist, scheint für eine genauere Bedeutungszuweisung eine getrennte Analyse der Abschnitte von Interesse.

Der Titel besteht aus der Verbindung von zwei Begriffen; auf der einen Seite Golgatha, auf der anderen Scheblimini. Mit dem Wort Golgatha drückt Hamann Erniedrigung aus:

Durch den Kreuzestod scheitert die Herablassung Gottes durch die Menschwerdung durch Jesus. Das Thema der Erniedrigung ergibt sich durch die Stärke der Begrifflichkeit Golgatha, da der auf diesem Berg vollzogene Kreuzestod das Christentum ad absurdum führt. Auf der Grundlage des Erniedrigungsbegriffes baut Hamann seine Kritik gegen Judentum und Papsttum auf. Auch die Rabbiner hofften auf eine neue Thora, wollten diese jedoch durch einen siegreichen Messias verwirklicht sehen. Jesus Ende in Schande zerstört diese Hoffnung. Seine Papstkritik fundiert Hamann in der Offenlegung des Widerspruchs von Jesus selbstlosem und den Menschen ergebenem Auftreten im Vergleich zur Installation des Papstamtes, welches die Stellvertreterschaft Jesu auf Erden darstellen soll. In diesem Punkt kommt Hamann Luther nahe (vgl. Schreiner, S. 48-49).

Das Wort Scheblimini (=“setzte dich zu meiner Rechten“) ist aus dem hebräischen entnommen und dem 110. Psalm entlehnt. Es stellt das Gegenstück zu Golgatha dar (vgl. Schoonhoven, S. 314).

Der 110. Psalm[5] ist David zugeordnet und wird in die Gruppe der Königspsalmen einge- teilt. In Scheblimini wird die christologische Bedeutung offenbar, „Scheblimini ist Deckname für den zur Rechten Gottes erhöhten Herrn Christus“ (Schreiner, S. 49). Jesus Christus sitzt demnach nach der Erhöhung zu „seiner Rechten“ und Gott legt ihm „[s]eine Feinde zum Schemel [s]einer Füße“[6]. Hamann verbindet jedoch zu Beginn seiner Arbeit eine andere Bedeutung mit dem Begriff Scheblimini. Er fasst Luthers Verständnis davon auf, welcher den Glauben an den wirkenden und schaffenden Geist Gottes damit verbindet (vgl. Schreiner, S.22-23).

Hamann nimmt Luthers Kunstwort Scheblimini auf, fasst es aber zunächst und im Unterschied zu Luthers Auslegung von Psalm 110 pneumatozentrisch. []. Der pneumatologische Bezug des Scheblimini bleibt in Hamanns Autorenschaft bis zu ihrem Ende im >Fliegenden Brief<: Scheblimini als Schutzgeist der Reformation, als heiliger Geist, in der prägnanten Fassung „der heilige Scheblimini“ (Schreiner, S. 22-23).

Während der Vorarbeiten entwickelt sich aus dem pneumatozentrischen Verständis des Begriffs die christologische Schwerpunktlegung und Zentrierung im Titel des Werkes. Scheblimini ist für Hamann der Geist des erhöhten Christus (Vgl. Schreiner, S. 22). Aus historischer Sicht bedurfte die Reformation auch eines Schutzgeistes, da diese von allen Seiten bedroht schien. Das Bildnis eines auf einem Thron sitzenden Christus, welcher die Zügel in der Hand hält, scheint nicht nur Luther Trost gegeben zu haben, sondern auch Hamann. Die Aufklärungsphilosophie gewinnt mehr und mehr an Überhand und drängt Evangelium und Reformation an den Rande (vgl. Schoonhoven, S. 314).

Das daraus konstruierte Bild ist jedoch in Bezug auf Mendelssohns Position in Jerusalem oder über die religiöse Macht und Judentum ein klarer Affront. In Scheblimini vereint sich eine neue Menschwerdung durch den christologischen Bezug. Diese Genese vollzieht sich jedoch nicht aus aufgeklärtem Judentum und Christentum, sondern durch Judentum und Heidentum. Diese Wahl erklärt sich aus der Bildung eines neuen Menschen, welcher durch Judentum und Heidentum im Kreuz neu erschaffen wird (vgl. Schreiner, S. 49-50).

Erniedrigung und Erhöhung Christi ist demnach Programm für Hamanns Werk, wobei mit Erniedrigung das Christentum und mit Erhöhung das Luthertum gemeint ist. In der Verbindung beider Begriffe differenziert Hamann weiter inhaltlich:

Zum einen bildet er die Menschwerdung Gottes ab, welche durch Erniedrigung und Er- höhung (exinanitio und exaltatio) den Kern seiner Theologie umfasst (vgl. Schreiner, S. 48). Bemerkenswert ist an dieser Stelle die Synthese von zwei unterschiedlichen inhaltlichen Strängen:

Auf einer ersten Ebene paraphrasieren beide Begriffe das Fundament der christlichen Heilsgeschichte. Gott wird durch Jesus leiblich und lässt sich zu den Menschen herab, erleidet aber den Kreuzestod. Dies wird mit Golgatha umrissen.[7] Dies ist die schwärzeste Stunde des Christentums, nie war die Erniedrigung größer.

Die Erhöhung beginnt mit der Auferweckung und wird weitergeführt mit der abitus et terris und die majestas Jesu. Sie endet mit dem Sitzen zu Rechten (Deo proximo esse potestate et honore) (vgl. Schreiner, S. 48).

Die beiden Begriffe zentrieren die Höhepunkte der christlichen Passionsgeschichte; durch die Verbindung der Konjunktion „und“ gewinnt der Titel Verlaufscharakter.

Auf der anderen Seite positioniert sich Hamann durch die Gegenüberstellung der beiden Begriffe in der historischen Auseinandersetzung gegen Mendelssohn und das Judentum. Mendelssohn kämpfte für die bürgerliche Gleichstellung der Juden und war in seiner Schrift so weit gegangen, das Judentum zu glorifizieren und das Christentum als religiöse Macht herabzuwürdigen.

Hamann tritt dem gegenüber; sein Titel dient hier auch als Gegenparole mit programmatischem Inhalt(vgl. Schoonhoven, S. 309-314). Der dynamische Eindruck des Titels Schoonhoven vergleich ihn mit einem „Posaunenstoß“ (S. 314) - entsteht aufgrund der Wirkung von grafischen - dem Ausrufezeichen am Ende des Titels - und linguistischen der Bedeutung des Wortes „und“ - Mitteln. Das Ausrufezeichen verleiht dem Titel den Eindruck von Stärke, Gewaltigkeit und Geschwindigkeit und entzieht ihm jegliche nüchterne Schlagkraft, welche der erfahrende Leser erwarten dürfte. Auch ohne ein näheres inhaltliches Verständnis wird durch das Ausrufezeichen irgendeine Art der Positionierung deutlich. Die Konjunktion „und“ hat, wie schon ausgeführt, nicht nur vereinigenden Charakter, sondern steht auch hier im Gegensatz zu Mendelssohn. Dieser hat an dersel- ben Stelle in seinem Titel das Wort „oder“ benutzt[8]. Zum besseren Verständnis lohnt ein Blick auf das Titelblatt des Werkes.[9]

Hier kann man im Titel eine klare Aufteilung zwischen „Jerusalem“ und dem Abschnitt „über religiöse Macht und Judentum“ erkennen.[10] Mendelssohn setzt diese beiden Abschnitte demnach gegenüber. Auch hier ist zu bemerken, dass der Begriff „religiöse Macht“ - damit ist das Christentum gemeint - nicht ohne Wertung ausbleibt. Dennoch ist der hier erweckte Eindruck ein sehr viel sachlicher als der, welchen Hamann hervorruft. Mendelssohn scheint dem Leser in seinem Titel anzubieten, auf welcher Seite er seinen Standpunkt bezieht, wohingegen Hamann ein solches Ansinnen vordergründig nicht zu interessieren scheint. Seinen Angriff startet er frontal. Er zeigt sich dabei auch doppelt[11] gerüstet: Nicht nur mit Golgatha, sondern auch mit Scheblimini ist er aufgestellt und scheint hier sogar dreifache Stärke zu demonstrieren, da er aus der Verschmelzung von Erniedrigung und Erhöhung eine neue Menschwerdung prophezeit.

In diesem Sinne versteht sich Hamann als Prediger, welcher die Botschaft Luthers - den er als deutschen Elias bezeichnet - hervorholt und sie der Reformation als Schutzgeist zur Seite stellt (vgl. Schreiner, S. 50).

Schreiner spricht in diesem Zusammenhang von zwei Bezügen, welcher der Titel enthält. Er nennt den missionarischen und den seelsorgerischen Bezug.

Den missionarischen Bezug sieht er in der Verheißung, die Hamann mit Scheblimini entfaltet, nämlich in der Funktion als Überbrückung des Weltgeschehens zwischen Genesis und Parusie durch die kirchengeschichtliche Versöhnung von Juden und Heiden in Gott. Hamann sieht den Prozess der Vereinigung von beiden Seiten nicht durch die Schöpfung des Christentums abgeschlossen, sondern sieht diese im Christen angelegt als Gesetz und Vernunft in der Erinnerung des Menschen in Form von Sünde und Unwissenheit.

Erst durch die Wiedergeburt entschlafen Heidentum und Judentum als Zeichen des alten Menschen. Hieraus entsteht der neue Mensch als Christ (vgl. Schreiner, S. 143).

[...]


[1] Vorliegende Arbeit bezieht sich auf den Erstdruck des Werkes. Vgl. [Johann Georg Hamann], Golgatha und Scheblimini! Von einem Prediger in der Wüsten. [2 Motti]([Berlin] 1784) [Scan:http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10773907_00002.html].

[2] Vgl. Moses Mendelssohn, Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum, hrsg. v. Michael Albrecht (Hamburg 2005).

[3] Vgl. Evert Jansen Schoonhoven, Hamann in der Kontroverse mit Moses Mendelssohn. Die dialektische Verbundenheit mit Judentum und Christentum, in: Bernhard Gajek u. Albert Meier (Hrsg.), Johann Georg Hamann und die Krise der Aufklärung. Acta des fünten Internationalen HamannKolloquiums in Münster i.W. [1988] (Frankfurt am Main et al 1990), 307-326.

[4] Johann Georg Hamanns Hauptschriften erklärt, hrsg. v. Fritz Blanke und Karlfried Gründer (1956-1963), Band 7: Golgatha und Scheblimini. Erklärt von Lothar Schreiner (Güthersloh 1956), S.47.

[5] Martin Luther, Der ganze Psalter des Königs und Propheten Davids.(Löbau 1796), S. 329.

[6] Martin Luther, Die Luther-Bibel: Originalfassung 1545 und die revidierte Fassung 1912. Elektronische Version. (Berlin 2000), 10,1.

[7] Man kann sich an dieser Stelle fragen, ob Golgatha bereits mit der Herablassung Gottes zu den Menschen beginnt oder ob damit der Kreuzestod an sich gemeint ist. Schreiner schreibt hierzu:“Indem aus „Erniedrigung“ in dem obigen Aufriss <Golgatha> auf dem Titel wurde, spitzt Hamann die Menschwerdungstheologie soteriologisch zu, die Herablassung Gottes zentriert christologisch, im Kreuzestod seines Sohnes“ (Schreiner, S. 48).

[8] Vgl. den Titel: Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum.

[9] http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/mendelssohn_jerusalem_1783?p=7, aufgerufen am 11.04.2013, um 21.06. Uhr.

[10] „Jerusalem“ ist durch einen verstärkten Druck hervorgehoben, das Wort „oder“ steht alleine in einer Zeile und ist in der Schriftgröße kleiner gehalten. Davon abgetrennt erkennt man den Abschnitt „über religiöse Macht und Judentum“, welcher durch dieselbe Schriftgröße (größer als „oder“; kleiner und nicht so sehr verstärkt wie „Jerusalem“) als Einheit zu erkennen ist.

[11] Das „und“ hat hier auch aufzählenden Charakter.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über das Titelblatt von Georg Hamanns "Golgotha und Scheblimini"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Hamann: Golgotha und Scheblimini
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V319520
ISBN (eBook)
9783668186507
ISBN (Buch)
9783668186514
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, titelblatt, georg, hamanns, golgotha, scheblimini
Arbeit zitieren
Julia Müller (Autor), 2014, Über das Titelblatt von Georg Hamanns "Golgotha und Scheblimini", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319520

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