Der "Eneasroman" Heinrichs von Veldeke wurde im Jahre 1183 fertig gestellt und erstmals einem höfischen Publikum vorgetragen. Der im Eneasroman behandelte Stoff jedoch wurde zuvor schon in altfranzösischer Sprache im "Roman d’Eneas" von einem anonymen Verfasser publiziert und war Veldeke bekannt. Beide mittelalterlichen Fassungen – die mittelhochdeutsche und die altfranzösische – gehen im Ursprung auf die lateinische Vorlage der "Aeneis" des antiken Dichters Vergil zurück.
Die differenzierte Untersuchung der von Veldeke übernommenen Aspekte seiner Vorlagen, sowie der Abweichungen selbiger sollen in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Exemplarisch dafür soll die Unterweltfahrt des Protagonisten dienen, da sie wie keine andere Szene zu zeigen vermag, inwiefern sich die drei Versionen des Stoffes unterscheiden.
Die Figur der Dido, auf deren Darstellung diese Arbeit ihren Fokus legt, hat in allen drei behandelten Werken einen vergleichsweise kurzen Auftritt, oder gar eine Nebenrolle, neben der Dominanz der Rolle es Eneas.
Nichts desto trotz – und das versucht diese Arbeit zu zeigen – ist die Darstellung der Dido in der Unterwelt in hohem Maße semantisch beladen und somit eine vertiefende Untersuchung wert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Unterweltfahrt
2.1 Abstieg und Gang durch die Unterwelt
2.2 Begegnung mit Dido
2.2.1 Ort und Umfang
2.2.2 Kommunikationsart
2.2.3 Schuldfrage
2.3 Resümee
3. Ursachen für die abweichenden Bearbeitungen
3.1 Wiedererzählen
3.2 Theologische Aspekte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die differenzierte Darstellung der Figur der Dido in der Unterwelt in Vergils Aeneis, dem Roman d'Eneas und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke. Dabei wird analysiert, wie sich die drei Autoren in der erzählerischen Gewichtung von Didos Rolle, der Schuldfrage ihres Suizids und den theologischen sowie poetischen Anpassungen an ihr jeweiliges Publikum unterscheiden.
- Vergleichende Analyse der Unterweltfahrt in den drei Werken.
- Untersuchung der erzählerischen Darstellung und Bewertung von Dido.
- Herausarbeitung von Unterschieden in der Schuldzuweisung bezüglich Didos Suizid.
- Diskussion der poetologischen Konzepte des "Wiedererzählens" und der theologischen Anpassungen.
- Interpretation der Abweichungen durch den zeitgenössischen Kontext der Autoren und deren Publikum.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Kommunikationsart
Die Begegnung mit Dido weist auch Differenzen hinsichtlich der Art der Kommunikation zwischen dem Protagonisten und der Dido auf: In der Aeneis spricht Aeneas Dido direkt an und verweist darauf, dass die Götter ihm befohlen haben, sie zu verlassen. In der antiken Perspektive ist der Rückgriff auf ein Gebot der Götter die höchste Legitimation überhaupt, die Aeneas unter Tränen vorträgt. Darüber hinaus, müht sich Aeneas, Dido zu beschwichtigen, bleibt damit allerdings erfolglos.
Dido reagiert feindselig und zeigt offen die Bindung zu ihrem verstorbenen, ersten Ehemann Sychaeus. Die Dido bei Vergil akzeptiert also zum einen die Gottesfürchtigkeit Aeneas‘ nicht und bricht zum anderen auch mit der Verbindung zu Aeneas, indem sie im Jenseits eine solche mit Sychaeus (wieder) eingeht (AE VI, 451-478). Der Monolog Eneas‘ und die Schweigsamkeit Didos erinnert an die, bis dahin, letzte Begegnung der beiden, den flehenden Monolog Didos vor der Abreise Eneas‘ und dem darauf folgenden Suizid.
Die altfranzösische Bearbeitung lässt Eneas ausführlich erläutern, weshalb er Dido verlassen musste, ebenfalls in Form eines Monologs. Auch hier schildert Eneas die Umstände seiner Abreise, betont dabei ebenfalls, dass es nicht sein freier Wille war und er somit auch keine Schuld trägt. Dido flüchtet ebenfalls in den Wald, nicht weniger feindselig, aber nun auch beschämt und trifft dort ebenfalls auf ihren verstorbenen, ersten Ehemann Sychaeus. (RdE, 2621-2663).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Stoffgeschichte des Eneas-Epos von Vergil bis Heinrich von Veldeke ein und definiert die Unterweltfahrt sowie die Figur der Dido als zentrales Untersuchungsobjekt.
2. Die Unterweltfahrt: Dieses Kapitel vergleicht detailliert den Abstieg der Protagonisten, die Begegnung mit Dido in der Unterwelt und die unterschiedlichen Interpretationen der Schuldfrage in den drei Fassungen.
3. Ursachen für die abweichenden Bearbeitungen: Dieses Kapitel analysiert die poetologischen und theologischen Hintergründe, die die Bearbeiter dazu veranlassten, die antike Vorlage für ihr mittelalterliches Publikum anzupassen.
Schlüsselwörter
Eneasroman, Heinrich von Veldeke, Aeneis, Roman d'Eneas, Dido, Unterwelt, Schuldfrage, Suizid, Mittelalter, Rezeption, Wiedererzählen, Theologie, Literaturwissenschaft, Sibylle, Epik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung und moralische Bewertung der Figur Dido in der Unterwelt-Szene, wie sie bei Vergil, im altfranzösischen Eneas-Roman und bei Heinrich von Veldeke auftritt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die vergleichende Literaturwissenschaft, die mittelalterliche Rezeption antiker Stoffe, die Schuldfrage des Suizids sowie der Einfluss christlicher Vorstellungen auf die literarische Adaption.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der antiken Vorlage und den mittelalterlichen Bearbeitungen aufzuzeigen und Erklärungsansätze für die divergierende Gestaltung der Dido-Figur zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Es wird eine vergleichende Quellenanalyse durchgeführt, die den Textvergleich der drei Fassungen mit einer Einbettung in den historischen und theologischen Kontext des 12. Jahrhunderts kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem Vergleich der Unterweltfahrt, der konkreten Interaktion zwischen Eneas und Dido sowie der Reflexion darüber, warum die mittelalterlichen Autoren den antiken Stoff in spezifischer Weise umgestalteten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Eneasroman, Dido, Unterweltfahrt, Rezeption, Schuldfrage, christliche Adaption und mittelalterliche Epik.
Wie unterscheidet sich die Dido-Darstellung bei Heinrich von Veldeke von jener Vergils?
Veldeke tilgt die Figur des Sychaeus und verkürzt die Szene stark, um eine möglichst neutrale Kommunikation zu ermöglichen und Dido von dem Makel der Schuld zu entlasten.
Welche Rolle spielt die christliche Prägung für die Analyse des Eneasromans?
Die christliche Perspektive beeinflusst die Reduktion des antiken Götterapparats und die Umdeutung der antiken Seelenwanderung in eine christlich akzeptablere Form, wie die Weissagung aus dem Wasser.
- Quote paper
- Moritz Sehn (Author), 2014, Dido in der Unterwelt. Ein Vergleich von Vergils "Aeneis", dem "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" von Heinrich von Veldeke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319532