Die 68er in Uwe Timms "Heißer Sommer". Ein kritischer Beitrag zur Studentenbewegung der 1960er Jahre?

Eine Symbiose aus zeitgeschichtlich-ideologischer und literarischer Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die 68er Bewegung
2.1 Verlauf und zentrale Akteure
2.2 Geistige Väter der Bewegung

3. Uwe Timms Heißer Sommer
3.1 Analyse
3.2 Darstellung der 68er
3.2.1 Ullrich Krause
3.2.2 Nebenfiguren

4. Wertung

5. Literaturangaben:

Ach Deutschland, deine Mörder Es ist das alte Lied Schon wieder Blut und Tränen Was gehst Du denn mit denen Du weißt doch was dir blüht! Wolf Biermann: Drei Kugeln auf Rudi Dutschke (1968)[1]

1. Einleitung

Der Titel lässt die grundlegende Zweiteilung dieser Arbeit erahnen: In einem ersten Teil steht mit dem Phänomen der 68er-Bewegung ein zeitgeschichtlich-politische Perspektive im Fokus. Dabei sollen die relevanten Eckpunkte dieser, die 60er Jahre bestimmenden Bewegung dargestellt werden - wie kam es zur Bewegung der 68er, welche Ereignisse waren elementar für den Verlauf und wer waren die zentralen Akteure?

Der zweite Teil der Arbeit stellt den Autor Uwe Timm und das Werk Heißer Sommer in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Dabei stehen Analyse der Struktur und die Entwicklung zentraler Figuren im Laufe dessen im Mittelpunkt. Im Anschluss daran wird diskutiert, wie Uwe Timm die 68er, zentrale Konfliktlinien und historische Ereignisse thematisiert und auch bewertet.

Daraus hervor geht die abschließende Frage, ob Uwe Timm mit Heißer Sommer einen 68er-Roman, oder doch einen kritischen Beitrag zur Studentenbewegung der 60er Jahre verfasst hat.

2. Die 68er Bewegung

2.1 Verlauf und zentrale Akteure

‚1968‘, Studentenbewegung, Kulturrevolution, Sozialproteste, Generationenrevolte - die mannigfaltigen Begrifflichkeiten, die zur Beschreibung dessen, was gemeinhin unter der Chiffre ‚68‘ kumuliert wird, verweist schon auf die kontroverse Diskussion um die Frage, Äwas ‚68‘ war“[2] ?

Auf der Suche nach den Bedingungen, die zur Etablierung der deutschen Studentenbewegung in den späten 60er Jahren führten, nimmt das Ende des zweiten Weltkrieges eine grundlegende Stellung ein. Die Herrschaft des faschistischen Regimes der Nationalsozi- alisten wurde ‚von außen‘, also durch die Alliierten beendet - nicht etwa durch Widerstand aus den Reihen der Bevölkerung. Im gleichen Zuge wurde in der neugegründeten Bundesrepublik die Gesellschaftsform der Demokratie ‚von oben‘ eingesetzt, ebenfalls durch den Einfluss der Alliierten geprägt.

Bedeutung hat dieser zeitgeschichtliche Rückblick für die 1960er Jahre, weil diejenige Generation, die während des NS-Regimes Eltern wurden, weder gegen die diktatorische Herrschaft der NSDAP Stellung bezogen, noch aktiv am Prozess der Demokratisierung ‚von unten‘ partizipiert haben. In den 1960er Jahren gibt es in der Bundesrepublik eine ganze Generation junger Menschen, deren Eltern dieser Beschreibung folgen. Die unzureichende Aufarbeitung des Dritten Reiches führt für diese junge Generation im Wesentlichen zu unausgesprochenen Fragen beziehungsweise zu ausbleibenden Antworten auf Fragen zur Rolle der sogenannten ÄVätergeneration“[3].

Mit Wolf Schönbohm fasst auch ein konservativer Autor den Geist der Zeit trefflich zusammen: ÄEs gab damals in der jungen Generation ein tief sitzendes Unbehagen über die Muffigkeit, die Autoritätsgläubigkeit, die spießige Kleinkariertheit und geistige Enge ihrer Familien und ihres Lebensumfeldes.“[4]

Es sind politische und gesellschaftliche Ereignisse wie das schwindende Wirtschaftswunder oder der Bau der Berliner Mauer, die die Hoffnung auf eine positive Zukunft drücken. Die SPIEGEL-Affäre im Jahre 1962 und der Kriegseinsatz der Vereinigten Staaten in Vietnam, der weltweite Proteste mit sich bringt, spielen dabei eine tragende Rolle.

Besonders die Vereinigten Staaten dienten als Inbegriff des Kapitalismus (‚Amerikanischer Traum‘, ‚vom Tellerwäscher zum Millionär‘) und Imperialismus als geeignetes Ziel von grundlegender Kritik. Der Vietnamkrieg und insbesondere die Verwendung biologischer Waffen führten durch eine breite Ablehnung zu einem sinn- und identitätsstiftenden Aspekt der 1960er Jahre[5]. Hervorzuheben ist an dieser Stelle die empfundene Parallele zum Holocaust des Dritten Reichs: ÄSie [die Studenten, M.S.] erachteten den Unterschied zwischen Zyklon B in Auschwitz und Napalm in Vietnam für gering.“[6]

Ebenfalls bedeutsam sind die Vereinigten Staaten, wie auch England aufgrund der musikalischen Vorreiterrolle für Deutschland und ganz Europa. Mit Bob Dylan, Jimi Hendrix, Frank Zappa, den Beatles und Rolling Stones entstammt ein Großteil der populärsten Musiker der Studentenbewegung dem angloamerikanischen Sprachraum.

ÄAlle diese verschiedenen musikalischen Werke hatten für die Studentenbewegung eine gemeinsame Funktion: sie stärkten die Überzeugung von der Internationalität der eigenen Sache. [] Wenn es möglich war, daß auf dem Kurfürstendamm in Berlin, auf dem Campus von Berkeley und auf dem linken Seineufer dasselbe gesungen wurde, dann befreite man sich vom Gefühl der Isoliertheit in einer vom Kapitalismus beherrschten Welt und schöpfte Hoffnung, daß eine universelle Sympathie den Kräften der Reaktion einmal überlegen sein würde. ‚Wes hall overcome!‘“

(Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF. Bouvier Verlag: Bonn, 1998. S. 112f.)

Mit der Bildung einer großen Koalition aus Union und SPD im Jahre 1966 und der Besetzung des Bundespräsidialamtes durch Heinrich Lübke, der nachweislich[7] an der Planung von Konzentrationslagern mitwirkte, erfuhr auch die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen durch die Politik einen Rückschlag. Als Reaktion darauf wurde mit der Bildung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) eine zivilgesellschaftliche Reaktion auf die Entwicklungen politische Kräfteverhältnisse gezeigt. Das Aufkommen der Kinderläden, der sexuellen Selbstbestimmung und des Schwangerschaftsabbruchs, sowie emanzipatorische Bestrebungen verschiedenster Minoritäten sind Ausdruck einer sich öffnenden Gesellschaft.

Wesentlich für die Entwicklung der Bewegung ist der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der 1961 aus der SPD entspringt, sich aber wegen inhaltlicher Differenzen ausgliedert. Der SDS verfügte Anfang des Jahres 1968 in 108 deutschen Universitäten Einrichtungen und repräsentierte so über 300.000 Studierende und machte damit eine bedeutsame Kraft innerhalb der APO aus.[8]

Den Studierenden zahlreicher Universitäten kam dabei eine entscheidende Rolle zu, ent- wickelte sich die Universität als ein Feld, in dem gleich mehrere Konflikte in Erscheinung traten: Die nicht existente ‚Stunde Null‘ in der bundesdeutschen Geschichte führte dazu, dass der Lehrbetrieb auch in den 60er Jahren von Professoren geleitet wurde, die eine NSVergangenheit vorweisen. Darüber hinaus waren weite Teile der universitären Rahmenbedingungen reformbedürftig - über deren Ursache aber unterschiedliche Auffassungen vorherrschten:

ÄNicht unzeitgemäße Studienbedingungen, überfüllte Hörsäle und Bibliotheken, didaktisch hoffnungslos veraltete Lehrveranstaltungen, völlig unkoordinierte Studiengänge und willkürlich zusammengesetzte Prüfungen waren daran schuld, daß das Studium sehr lange dauerte oder die Studenten gar nicht damit fertig wurden (in jener Zeit brachen 40 Prozent ihr Studium zwischen den vierten und sechsten Studienjahr ab). Die Ursache hierfür lag nach Aussage der Professoren einzig und allein in der Unfähigkeit der Studierenden, in ihrem begrenzten Leistungswillen oder sogar in der für ein Universitätsstudium nicht ausreichenden Begabung.“

(Uesseler, Rolf: Die 68er: ÄMacht kaputt, was euch kaputt macht!“. Wilhelm Heyne Verlag: München, 1998[2]. S. 97f.)

Die andauernde Konfrontation zwischen Studierenden und Professoren spitzte sich Ende des Jahres 1966 zu, Äum dann, sechs Monate später, in den dramatischen Ereignissen vom

2. Juli mit der Ermordung von Benno Ohnesorg ihren ersten tragischen Höhepunkt zu erreichen.“[9].

Es sind die Namen Karl-Heinz Kurras und Benno Ohnesorg, die für die Geschehnisse des 2. Juli 1967 stehen, als der Schah von Persien zu einem offiziellen Staatsbesuch in Berlin weilte. Für weite Teile der Studentenbewegung stand der Schah exemplarisch für Staaten, die eine Amerika-freundliche Haltung nach außen und innenpolitischen autoritären Gebaren an den Tag legten.[10] Bei der Demonstration gegen den Besuch des Schahs bei Bundeskanzler Kiesinger wurde Benno Ohnesorg vom Polizisten Kurras von hinten (!) erschossen. Auch die ausbleibenden juristischen Konsequenzen für den Schützen führten dazu, dass der 2. Juni 1967 zu einer Äpolitisch-moralischen Sensibilisierung“[11] führte.

Als im April 1968 binnen weniger Tage mit Martin Luther King, die Führungsfigur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gegen Rassendiskriminierung erschossen wird und mit Rudi Dutschke das Gesicht der Studentenbewegung ein Attentat überlebt, erlebt die Bewegung einen Hochpunkt.

Dutschke trat 1965 dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei und entwickelte sich ob seiner rhetorischen Fähigkeiten zu einer der einflussreichsten und bedeutsamsten Persönlichkeiten der 68er.[12] Dem Attentat auf Dutschke voraus ging eine mediale Kampagne des Springerverlages, der zum damaligen Zeitpunkt die westdeutsche Presselandschaft dominiert. Insbesondere die Geschehnisse um den 2. Juli und die Darstellung der Person Dutschkes lassen sich als ÄPraktiken der publizistischen Manipulation“[13] verstehen.

Die Haltung Springers beschreibt Weisz so: ÄSpringer verfolgte die extremen Linken in seinen Blättern mit geradezu religiösem Eifer. Er transportiert politische Meinungen in einem Atemzug mit billiger Folklore.“[14]

Es folgen mehrere Versuche, verschiedene Ausgaben der BILD-Zeitung zu verhindern, um darauf hinzuweisen, dass es die Springerpresse ein ÄMedium [ist, M.S.], das sich gewaltlos gibt, aber mit Worten tötet und einfache Toleranzgebote täglich verletzt“[15]

Die Reaktion der Bundesregierung auf die wütenden Proteste, die nun bundesweit zu Tage traten und unter dem Begriff der ‚Osterunruhen‘ gefasst werden können, folgte in Form der Notstandsgesetze am 30.05.1968. Die Idee der Einführung eines Notstandsgesetzes war zu diesem Zeitpunkt nicht neu, doch waren es die klaren Mehrheitsverhältnisse der großen Koalition, die nun die nötigen Stimmen im Bundestag vereinen konnte. Für weite Teile der 68er stellten die Notstandsgesetze den erwarteten Schritt der Bundesrepublik hin zum autoritären Staat dar - konnten nun zentrale Grundrechte ausgesetzt werden, die Bundeswehr bei inneren Angelegenheiten eingesetzt werden und grundlegende bürgerliche Freiheiten beschnitten werden[16].

ÄDie Studenten wussten nun [im Herbst des Jahres 1968, M.S.], daß ihr Protest im Mai `68 den Gipfel erreicht hatte und daß jetzt der Abstieg vor ihnen lag.“[17] In der Folge kam

[...]


[1] http://www.kopfsplitter.de/Biermann.htm (letzter Aufruf am 21.08.14)

[2] Frei, Norbert: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. dtv: München, 2008[2]. S.209.

[3] Weisz, Sabine: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. In: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag. Reihe: Literaturwissenschaft, Band 11. Tectum-Verlag: Marburg, 2009. S. 15.

[4] Schönbohm, Wolf: Die 68er: politische Verirrungen und gesellschaftliche Veränderungen. In: 40 Jahre 1968. Hrsg. von Bernhard Vogel und Matthias Kutsch im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung. Herder: Freiburg, 2008. S. 17.

[5] Vgl. Frei, Norbert: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. dtv: München, 2008[2]. S.216.

[6] Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Bouvier Verlag: Bonn, 1998. S. 59.

[7] Interview mit Jens-Christian Wagner, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-19285864.html (25.08.14)

[8] Vgl. Kurlansky, Mark: 1968. Das Jahr das die Welt veränderte. Wilhelm Heyne Verlag: München, 2007. S. 102. (Taschenbuchausgabe)

[9] Uesseler, Rolf: Die 68er: ÄMacht kaputt, was euch kaputt macht!“. Wilhelm Heyne Verlag: München, 1998 [2]. S. 204

[10] Vgl. ebd. S. 244-245.

[11] Weisz, Sabine: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. S. 19.

[12] Vgl. Weisz, Sabine: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. S. 20ff.

[13] Die Erklärung der Vierzehn. In: DIE ZEIT, 19.4.1968 Nr. 16 (online einsehbar unter: http://www.zeit.de/1968/16/die-erklaerung-der-vierzehn, letzter Aufruf am 26.08.14)

[14] Weisz, Sabine: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. S. 24.

[15] Negt, Oskar: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht. Steidl Verlag: Göttingen, 2001 [3]. S. 96.

[16] Vgl. Uesseler, Rolf: Die 68er: ÄMacht kaputt, was euch kaputt macht. S. 301f.

[17] Ebd. S. 322

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die 68er in Uwe Timms "Heißer Sommer". Ein kritischer Beitrag zur Studentenbewegung der 1960er Jahre?
Untertitel
Eine Symbiose aus zeitgeschichtlich-ideologischer und literarischer Perspektive
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V319533
ISBN (eBook)
9783668186866
ISBN (Buch)
9783668186873
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Uwe Timm, Heißer Sommer, 68er, Studentenbewegung, Frankfurter Schule, Horkheimer, Adorno, Marcuse
Arbeit zitieren
Moritz Sehn (Autor), 2014, Die 68er in Uwe Timms "Heißer Sommer". Ein kritischer Beitrag zur Studentenbewegung der 1960er Jahre?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319533

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