Die literarische Gattung der Idylle. Zur Rolle des Idyllischen in Friedrich Schillers "Wilhelm Tell"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung Idyll(e) im literaturgeschichtlichen Überblick

3. Wege zur Idylle: Die triadische Disposition nach Schiller

4. Zur Darstellung des Idyllischen in „Wilhelm Tell“
4.1 Locus amoenus und die Natur des Vaterlandes
4.2 Trauer um die vergangene Idylle
4.3 Idylle als Gemeinschaftsgedanke und menschliches Freiheitsstreben
4.4 Verkörperung der Idylle durch den Protagonisten Wilhelm Tell

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1793 ordnete das französische Nationalkonvent an, die Tragödie des „Wilhelm Tell und andere Stücke, die die ruhmvollen Ereignisse der [französischen] Revolution und die Tugenden der Verteidiger der Freiheit darstellen“, dreimal wöchentlich auf den Pariser Bühnen aufführen zu lassen (Soboul 1973, S. 533). Straßen, Plätze und Ortschaften wurden während der Revolutionsjahre nach Wilhelm Tell benannt. Auch 1798 noch stürmten die französischen Revolutionäre mit Parolen wie „Vive Guillaume Tell! Vive les descendants de Guillaume Tell!“ über die Schweizer Grenze und gründeten die bis 1803 bestehende Helvetische Republik (Borchmeyer 1982, S. 70). Diese und viele weitere Beispiele zeigen auf, dass der Tell-Mythos, der seit dem 15. Jahrhundert bis über die deutschsprachigen Grenzen hinaus eine ungeheure Popularität erfährt, zu einer zentralen Identifikationsfigur verschiedener konservativer und patriotischer Kreise geworden ist und gerne als Analogie zur Französischen Revolution gesetzt wird. Auch der Dichter Friedrich Schiller griff die Legende um Wilhelm Tell und den Befreiungskampf der Schweizer Eidgenossenschaft wieder auf und verfasste in seiner späten Schaffensphase das gleichnamige Bühnenwerk Wilhelm Tell, welches 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wurde. Schillers Dramatisierung verkörpert hingegen weniger die Verherrlichung der Französischen Revolution mit der nachfolgenden Jakobiner-Herrschaft, sondern verbindet vielmehr die Vorstellung einer friedlichen Revolution gegen die Tyrannei. Mit seinem Drama Wilhelm Tell schuf er ein „politisch-ästhetisches Gegenmodell“ (Borchmeyer 1982, S. 70), das seine Idealvorstellungen von einem ästhetischen und moralischen Staat widerspiegelt[1]. Gleichsam integrierte Schiller in seine Idee von einer „ursprünglich-harmonischen Naturgesellschaft“ (Kaiser 1971, S. 109) die Konzeption der Idylle - einer Gattung, welche im 18. Jahrhundert grundlegende semantische und literarische Erweiterungen erfuhr.

Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit den idyllischen Elementen in Schillers Wilhelm Tell. Bevor mithilfe einer ausführlichen Inhaltsanalyse die idyllischen Elemente des Dramas untersucht und die Rolle des Idyllischen für die Gesamtinterpretation des Dramas herausgearbeitet werden, soll der Begriff Idylle definiert und auf Probleme bei der Gattungsabgrenzung aufmerksam gemacht werden. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein zusammenfassendes Fazit.

2. Begriffserklärung Idyll(e) im literaturgeschichtlichen Überblick

„Alle Gemählde von stiller Ruhe und sanftem ungestöhrtem Glük, müssen Leuten von edler Denkart gefallen; und um so viel mehr gefallen uns Scenen die der Dichter aus der unverdorbenen Natur herholt, weil sie oft mit unsern seligsten Stunden, die wir gelebt, Ähnlichkeit zu haben scheinen.” (Salomon Gessner, in: Idyllen. Von dem Verfasser der Daphnis, Zürich: 1756) Idyllische Landschaften mit Burgen, Schlössern und einer vom Menschen noch unberührten Natur inmitten von Ruhe und Harmonie - Kunstwerke mit idyllischen Motiven aus der Malerei (z.B. von Giorgione, Claude Lorrain, Claude Poussin, Francois Boucher u.v.a.) und Porzellanplastik (z.B. von Johann Joachim Kändler, F. A. Bustelli u.a.), die vor allem in der Renaissance, im Rokoko und bis ins 18. Jahrhundert hindurch entstanden, prägen bis heute das semantische Gedächtnis unserer heutigen Gesellschaft und beeinflussen die Vorstellung davon, was idyllisch bedeutet und was eine Idylle kennzeichnet. So wird in der heutigen Alltagssprache das Adjektiv idyllisch synonym zu harmonisch, ländlich, friedvoll, paradiesisch, romantisch oder auch verträumt (Duden 2015) gebraucht und bezeichnet oftmals eine idealisierte Darstellung eines harmonisch verklärten und ländlichen Lebens.

Doch der Idyllen-Begriff, dessen Wortherkunft bereits in der griechischen Antike (griech. eidyllion) zu finden ist, bezeichnet in der Literaturwissenschaft ebenso eine epische als auch dramatische Dichtform, welche das empfindsame, friedvoll-bescheidene, paradiesische sowie ländliche Leben schildert und dabei eine harmlose, friedfertige, geborgene und harmonische Welt zeigt (Meid 2001, S. 248). Das Volks- und Landleben wird so von der Antike bis ins 17./18. Jahrhundert in dichterisch-harmonischer Form idealisierend dargestellt. Der Ursprung dieser Gattung geht dabei auf antike Werke des griechischen Dichters Theokrit zurück, der in Hirtengedichten (Bukolik, Pastoralen) das ländliche Leben zu seinem Hauptgegenstand machte. Auch römische Dichter wie Vergil und Catull haben diese Dichtung nachgeahmt und unteranderem dazu beigetragen, dass diese Form der Darstellung in der Literatur bis zur Neuzeit fortlebte. Ihre Blütezeit hatte die Idylle in der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert. Die Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter und der Wunsch nach (innerem) Frieden waren hier kennzeichnend für die literarische Idylle. Auch der Topos des locus amoenus, des lieblichen Ortes, welcher oftmals an einem abgelegenen Quell oder in einem ruhigen Hain dargestellt wurde und mit der Vorstellung von Arkadien - jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge - verbunden war, waren zentrale Motive jener Literaturepoche.

Doch während der Begriff Idylle seit der Renaissance synonym mit Ekloge und Hirten- und Schäferdichtung gebraucht wurde, erfuhr er bereits im 17. und 18. Jahrhundert thematische Erweiterungen. So wurde nicht mehr nur die Einzeldichtung anhand ihrer inhaltlichen und formalen Aspekte in die literarische Gattung der Idylle eingeordnet, grundlegende Idyllenelemente und -Motive konnten aus der Dichtung herausgelöst und - nach dem Grundsatz „pars pro toto“ - in anderen, fremden Gattungen gesucht und als das „Idyllische“ bezeichnet werden. Der Begriff Idylle existierte demnach nicht nur als Gattungsbegriff, sondern wird gleichsam mit der Idee der Idylle bzw. dem Idyllischen, vermischt. In dieser Form lebt die Idylle auch außerhalb der eigentlichen Gattung weiter und kann als Motiv gattungs- und epochenübergreifend auftauchen.

Als einer der wichtigsten Vertreter dieser Zeit wird der Idyllendichter, Maler und Grafiker Salomon Gessner (1730-1788) angesehen. Seine Idyllen (1756) stellen nicht nur die Harmonie zwischen Mensch und Natur als „Gegenentwurf zur zeitgenössischen Wirklichkeit“ (Meid 2001, S. 148) dar, sondern repräsentieren ebenso grundlegende Bewusstseinsänderungen der Menschen im Kontext der Aufklärung. Auch die Idyllen-Konzepte von Dichter Johann Heinrich Voß (1751-1826) stellten einen entscheidenden Neuansatz in der Literaturtheorie dar und verbanden die Darstellung der Idylle mit gesellschaftskritischen Zügen. So löste Voß den Begriff von der Kopplung an das friedliche Landleben und das harmonische Zusammenleben von Mensch und Natur. Seine Idyllen stellen menschliche Grundhaltungen wie Liebe, Zufriedenheit, aber auch Aberglauben oder Freiheitsstreben in leicht überschaubaren Szenen dar (Köppe 2001, S. 265 ff.). Begriffe wie Vernunft, Freiheit, aber auch Moral und Tugend werden in völlig neue Zusammenhänge integriert und die Funktion des Menschen in der Gesellschaft kritisch hinterfragt. Werke wie Luise. Ein ländliches Gedicht in drei Idyllen von Voß sowie Goethes Hermann und Dorothea sind nur einige beispielhafte Idyllen jener Zeit, die mit Eduard Mörikes Idylle vom Bodensee (1846), Friedrich Hebbels Mutter und Kind (1859) sowie Thomas Manns Gesang vom Kindchen (1919) Nachahmer im 19. und 20. Jahrhundert fanden (Meid 2001, S. 249).

Auch Werke aus dem Genre Heimat- und Dorfliteratur enthielten Anfang des 19. Jahrhunderts noch die Tendenz, eine idyllische Lebenswelt darzustellen und wirkliche Lebensverhältnisse zu idealisieren. Das Dorfmilieu wird hier zur einfachen, überschaubaren und heilen Welt verklärt und in Gegensatz zur unruhigen, zivilisationsgeschädigten Stadt gesetzt. Vor allem Dorfgeschichten des 19. Jahrhunderts können als Verbindung von Heimat, Volk und Sprache verstanden werden und weisen sowohl aufklärerische, romantische, idyllische als auch (früh)realistische Elemente auf. Doch bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts treten auch hier zunehmend sozialkritische Elemente und volkserzieherische Ideen in den Mittelpunkt (Hein 1976, S. 10 f.) und verdrängen damit idyllischen Darstellungen.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts zeigt sich jedoch wieder ein „verstärktes Interesse an den Themen Landschaft und Blick auf die Landschaft“ (Kittstein/Kugler 2007, S. 261). So entstehen Werke wie Das Dorf lebt (Rosita Müller 2007), La carte et le territoire (Michel Houellebecq 2010), Vor dem Fest (Sascha Stanišić 2014) u.a., die eine gewisse Nostalgie verbunden mit der Sehnsucht nach der ´guten alten Zeit´ zum Ausdruck bringen und die Natur der Heimat mit idyllischen Zügen versehen. Modernisierungsprozesse der heutigen Gesellschaft werden auf diese Weise nicht nur ausgeblendet, es werden ebenso verherrlichende Gegenwelten als Erinnerungsorte geschaffen, wodurch abstrakte kulturwissenschaftliche Begriffe wie Kultur und Raum vermehrte Beachtung finden (ebenda) und die dörfliche Idylle eine Art Wiederbelebung erfährt (Sauer-Kretschmer 2014, S. 376).

Zusammenfassend lässt sich demnach festhalten, dass die Idylle nicht nur als eine literarische Gattung mit festgelegten Inhalt und formalen Aspekten angesehen werden kann, sondern ebenso einen Zustand menschlichen Daseins im Einklang mit der Natur darstellt, der auch in anderen literarischen Gattungen wiederzufinden ist.

3. Wege zur Idylle: Die triadische Disposition nach Schiller

In seiner Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung von 1795 arbeitete Schiller eine Reihe von philosophischen, ästhetischen sowie gattungstheoretischen Theorien heraus und stellte unteranderem seine eigene Idyllen-Definition auf. Hinter seinen vielschichtigen und umfangreichen Erläuterungen zur Idylle sowie zu der Idee eines ästhetisch-moralischen Staates arbeitete Schiller einen Dreischritt aus, der auf das einzelne Individuum sowie auf die gesamte Menschheitsgeschichte anwendbar ist. Der Weg zur Idylle durch drei aufeinanderfolgende Stadien lässt sich, laut Ludwig Völker, Germanistikdozent an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, auch innerhalb des Dramas Wilhelm Tell auf verschiedene Weise erkennen (Völker 1976, S. 190).

Die Idylle sei, laut Schiller, - neben der Satire und Elegie - eine der drei einzig möglichen Arten sentimentalischer Poesie und könne in seiner Darstellung mit einer mündigen, mit Kultur und Natur versöhnten Menschheit gleichgesetzt werden (Schiller 1989, S. 744 ff.). Dieser Zustand sei allerdings erst durch das Durchschreiten zweier vorangegangener Stadien, dem Stadium der Natur und Kultur, möglich.

[...]


[1] Nachzulesen in - Friedrich Schiller (1989): Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: G. Fricke & H. Göpfert (Hrsg.): Friedrich Schiller. Sämtliche Werke. Fünfter Band. München: Carl Hanser Verlag, S. 570 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die literarische Gattung der Idylle. Zur Rolle des Idyllischen in Friedrich Schillers "Wilhelm Tell"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Historische Dramen des 18. Jahrhunderts
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V319591
ISBN (eBook)
9783668191785
ISBN (Buch)
9783668191792
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drama, Schiller, Wilhelm Tell, Literaturgeschichte, Idylle, locus amoenus, natur, ideal, 18. Jahrhundert, Literaturepoche, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Deutsche Literatur, Friedrich Schiller, Historische Dramen, Triadische Disposition
Arbeit zitieren
Anika Strelow (Autor), 2015, Die literarische Gattung der Idylle. Zur Rolle des Idyllischen in Friedrich Schillers "Wilhelm Tell", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319591

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