Wer schreibt? Zur Relevanz des Autorengeschlechts in der Literaturwissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Zur Kategorie des Autors in der Literaturwissenschaft
2.2 Die Frage nach dem Geschlecht ± Beiträge aus der Genderforschung
2.2.1 Forschungsgegenstand der feministischen Literaturwissenschaft und Gender Studies
2.2.2 Typisch männlich, typisch weiblich? ± Geschlechtsunterscheidung als soziale Praxis

3. Zur Stellung der Frau als Subjekt und Objekt im literaturhistorischen Überblick

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Hinweis im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes:

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechterspezifische Differenzierung, wie z. B. Autor/in, verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.

1. Einleitung

ÄWir kaufen uns den ‚neuen Grass‘, gehen zu Martin Walsers Autorenlesungen, [] sehen uns die neuste Shakespeare-Verfilmung im Kino an []“ (Jannidis & Lauer et al. 2000, S. 9) und lesen ‚Goethe‘ und ‚Schiller‘ im Deutschunterricht. Diese oder andere metonymischen Verwendungen, bei denen der Autor ± nach dem Grundsatz totum pro parte ± stellvertretend für sein Werk genannt wird, sind im alltäglichen Sprachgebrauch omnipräsent und verweisen auf die zentrale Bedeutung der Autorenfigur in unserer allgemeinmenschlichen Verstehens- und Deutungspraxis.

Literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen über Fragen zur Relevanz des empirischen Autors hat es in den letzten Jahrzehnten in vielfacher Ausführung gegeben. Dabei wurden immer wieder neue Theorien und Methoden aus dem Bereich der Literaturtheorie mit Ansätzen und Modellen aus der Philosophie, Sozio- und Psychologie sowie der Geschichtswissenschaft oder Linguistik verknüpft. Während der Autor bei (post-)strukturanalytischen Interpretationsund Rezeptionsmodellen einen eher unwissenschaftlichen Bezugspunkt darstellt, gilt er bei produktionsorientierten Interpretationsmodellen als eine entscheidende Instanz (siehe S. 4 ff.). Auch die zur Gender Studies gehörende feministische Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit biographischen und soziokulturellen Faktoren des Autors (siehe S. 8 ff.). Denn in Hinblick auf die in den letzten Jahrhunderten vorherrschenden Unterschiede in den Bildungsvoraussetzungen und Publikationsbedingungen schreibender Männer und Frauen gewinnt das biologische Geschlecht für den wissenschaftlichen Umgang mit Literatur maßgeblich an Bedeutung.

Den Schwerpunkt der hier vorliegenden Arbeit bildet daher die Frage, welche Relevanz das Geschlecht des empirischen Autors für die Rezeption und Bewertung eines literarischen Textes einnimmt. Nachdem die literaturtheoretische Bedeutung der Autorenkategorie multiperspektivisch beleuchtet wird, wird auf die in unserer abendländischen Gesellschaft vorherrschenden, geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen, die als Grundlage der hier vorliegenden Arbeit angesehen werden können, eingegangen. Anschließend folgt ein kurzer Abriss zur marginalisierten Stellung der schreibenden Frau als Subjekt und Objekt in der Literaturgeschichtsschreibung sowie die Suche möglicher Ursachen für die von Feministinnen betonte, fehlende Identität weiblicher Autorenschaft. Den Abschluss dieser Arbeit bilden eine ausführliche Diskussion zur gängigen Geschlechtsunterscheidung in unserer Gesellschaft sowie ein zusammenfassendes Fazit (siehe S. 17 f.).

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Zur Kategorie des Autors in der Literaturwissenschaft

In der Literaturtheorie gibt es mehrere verschiedene systematische Auffassungen darüber, welche Rolle der Autor ± und damit Urheber und Verfasser eines literarischen Textes ± für die Interpretation und Bewertung seines Werkes einnimmt. Um die eingangs erwähnte Fragestellung zur Relevanz des Autorengeschlechts für einen literarischen Text überhaupt beantworten zu können, sollte die Kategorie des Autors allgemein (ob weiblich oder männlich) zunächst reflektiert werden. Da das Autorenkonzept in den letzten Jahrzehnten zu den meist umstrittensten Themen der Literaturtheorie zählt und multiperspektivisch betrachtet werden kann/muss, folgt nun ein Überblick über literaturtheoretisch unterschiedliche Auffassungen zur Kategorie des Autors.

Während das Leben und die Persönlichkeit des Autors noch bis ins 18. Jahrhundert hinein für die Rezeption und Interpretation uninteressant war, da der Leserschaft wenig bis gar keine Informationen zum empirischen Autor vorlagen, wurde mit dem Beginn der Romantik eine ÄEpoche des individuellen Schaffens“ (Tomaševskij 2000, S. 51) eingeleitet und das Interesse des Lesers vom Werk auf seinen Schöpfer ausgedehnt. Literarische Werke jener Zeit wurden als Teil der Biographie sowie Ausdruck der Gefühls- und Gedankenwelt des Autors verstanden. Autoren des 18./19. Jahrhunderts waren somit nicht nur Urheber ihrer Texte, Äsondern auch Figuren des öffentlichen Lebens“, die, wie z.B. Voltaire, ihr Äkünstlerische[s] Schaffen zur Propagandawaffe“ machten (vgl. ebenda). Andere Schriftsteller hingegen, wie der französische Schriftsteller Guy de Maupassant, negierten zwar öffentlich einen Zusammenhang zwischen dem Inhalt ihrer literarischen Werke und ihrem Leben sowie Geisteszustand[1], dennoch galt die Gleichsetzung von Mensch und Werk ± L´homme et l´œuvre[2] ± bis ins 20. Jahrhundert als gängige Interpretationspraxis (Grésillon 2014, S. 67 f.).

Mit der Jahrhundertwende legte der Psychologe Sigmund Freud mit seinen Schriften zur Lehre der Psychoanalyse (1900) einen bahnbrechenden Meilenstein in der Psychotherapie sowie in

der psychoanalytischen Literaturwissenschaft. Im Zentrum seiner Untersuchung standen unbe- wusste psychische Symptome und Verhaltensweisen, die das menschliche Denken, Handeln und Fühlen maßgeblich beeinflussen. Neben der Analyse von Träumen und anderen Fantasieauslebungen können Texte jeglicher Form, so Freuds Annahme, als Mittel zu therapeutischen Zwecken verwendet werden, da auch sie unbewusste Gedanken, Wünsche und Gefühle in verhüllter Form artikulieren (vgl. ebenda, S. 45), wodurch der Autor in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses rückt. Laut psychoanalytischer Studien können Textgestalt, Darstellung sowie das Verhalten von Figuren als unbewusster Ausdruck des seelischen Empfindens des Autors gedeutet werden und somit einen Bezug zu dessen Lebenswelt darstellen (Freud 2000, S. 42-43). Auch Charles Mauron sieht einen Zusammenhang zwischen dem literarischen Werk eines Autors und dessen unbewusste Verarbeitung von Konflikten und Gedanken. So untersuchte er verschiedene Texte eines Autors auf wiederkehrende latente Motive und Strukturen, um diese anschließend mit biographischen Daten des Autors abzugleichen und für die Textinterpretation und das Textverständnis zu nutzen (Compagnon 2015, URL).

Auch Vertreter des Hermeneutischen Intentionalismus sind unter Einbezug der Sprechakttheorie (1969) von Searle sowie der Sprachphilosophie von Paul Grice (1989) der Auffassung, der Autor sei bei der Interpretation eines literarischen Textes eine wichtige Bezugsgröße (Schaffrick & Willand 2014, S. 19 ff.). Dieser bediene sich bei der Textproduktion, so die Kernaussage des Hermeneutischen Intentionalismus, bestimmter sprachlicher Mittel, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Ziel der Interpretation besteht anschließend darin, herauszufinden, welche Mitteilungsabsichten dem Text zugrunde liegen (vgl. ebenda, S. 25).

Gegen diese Art der Beurteilung und Deutung eines literarischen Textes wendeten sich in den 1940er Jahren bereites William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley mit ihrem vielzitierten und berühmt gewordenen Aufsatz The Intentional Fallacy (1946). Sie fordern, lediglich den Text mitsamt seiner literarischen Strukturen und Merkmale in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Interpretation zu stellen und nicht die Autorintention, Ädie sich nur mithilfe textexternen Materials rekonstruieren lässt“ (Wimsatt & Beardsley 2000, S. 80) und damit Änicht Teil des [eigentlichen] Werkes als sprachliche[s] Faktu[m]“ darstellt (vgl. ebenda, S. 89). Weitere wichtige theoretische Grundlagen zur Kategorie des Autors, die sich gegen biographistische, psychologische und historische Betrachtungsweisen und den Einbezug außerliterarischer Sachverhalte bei der Textanalyse richteten, entstanden bereits im Formalismus und frühen Strukturalismus zwischen 1915 und 1930. Bedeutende russische Formalisten und Vertreter des Prager Linguisten-Zirkels, wie Roman Jakobson, Boris Tomaševskij sowie Viktor Šklovskij u.a., betrachten literarische Texte als literarische Gebilde, deren Besonderheit und Bedeutung (sog. Literarizität) nicht etwa auf die Persönlichkeit und das Talent des Autors, sondern auf die ästhetische Wirkung der verwendeten Sprache (im Gegensatz zur Alltagssprache) zurückzuführen ist (Engel 2002, URL).

Die bedeutendsten Ansätze des späteren Strukturalismus fußen auf Ferdinand de Saussures 1916 erstmals veröffentlichten Vorlesungsaufzeichnungen seines Cours de linguistique générale und die Entwicklung eines sprachlichen Zeichenmodells. Im Mittelpunkt der strukturalistischen literaturtheoretischen Praxis werden literarische Texte als Äsynchrone Systeme von Zeichen betrachtet, von Zeichen, die aus einem materiellen Zeichenträger (Signifikant) und einer Bedeutung (Signifikat) zusammengesetzt sind [] und in sich geschlossene, kohärente Strukturen“ (Ecker 1985, S. 9) bilden. Ziel des Strukturalismus, zu dessen Vertretern der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, der russische Philologe Roman Jakobson und der französische Philologe und Literaturkritiker Roland Barthes zählen, ist daher die Freilegung und Analyse des semiotischen bzw. zeichenhaften Charakters eines literarischen Textes. Die Änaive Identifikation von Werkbedeutung und Autorbiographie“ (Jannidis & Lauer et al. 2000, S. 181) sowie die Suche nach der Autorenintention wird von einem Großteil der Strukturalisten als ‚unwissenschaftliche‘ Herangehensweise an Literatur betrachtet. Laut strukturalistischer Prämisse ist es Ädie Sprache, die spricht, nicht der Autor“ (Barthes 2000, S. 187). In dem wohl bekanntesten Aufsatz La Mort de l´auteur (1986) identifiziert Roland Barthes den Autor als Konstrukt der Moderne (vgl. ebenda, S. 186) und plädiert für dessen Verabschiedung aus der literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis (vgl. ebenda, S. 189). Für ihn ist jeder literarischer Text Äein Gewebe von Zitaten [écritures]“ (vgl. ebenda, S. 190), wie ein Flickenteppich aus Ävielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen“ (vgl. ebenda, S. 192). Da kein Text Äoriginell“ ist (vgl. ebenda, S. 190), existiere auch kein Autor als Urheberinstanz, sondern lediglich Äder moderne Schreiber [scripteur]“ (vgl. ebenda, S. 189), der Äkeine Passionen, Stimmungen und Gefühle oder Eindrücke mehr in sich“ (vgl. ebenda, S. 191) trage. Im Mittelpunkt des literaturwissenschaftlichen Interesses kann daher nur die Analyse und Dekonstruktion des jeweiligen sprachlichen ‚Gewebes‘ stehen, wobei der endgültige Sinn eines Textes nicht Äentziffert“, sondern nur Äentwirrt“ werden kann (vgl. ebenda), da mehrere Deutungsvarianten und Interpretationsansätze möglich sind.

Obwohl eine Vielzahl an Literaturtheoretikern[3] ebenso für die Ausblendung und ‚den Tod des Autors‘ plädieren, zeigt der französische Philosoph Michel Foucault in seinem Aufsatz Qu´est- ce qu´un auteur? von 1969 auf, wie der Autor als abstrakte Instanz zur grundlegenden Bedeu- tung für die Beurteilung eines Textes wird. Der Autorname besitze eine klassifikatorische Funktion: « [] un tel nom permet de regrouper un certain nombre de textes, de les délimiter, d'en exclure quelques-uns, de les opposer à d'autres. » (Foucault 1969, URL) und diene dazu, das literarische Werk im Diskurs einer Gesellschaft/Kultur sichtbar zu machen und einzuordnen. Foucault vertritt daher die Auffassung, dass es für einen literarischen Text nicht irrelevant ist, ob er von Voltaire, Balzac oder einem anonymen Autor verfasst wurde, auch wenn sich der Text rein objektiv betrachtet nicht verändert (vgl. ebenda). Der Autor kann damit nicht nur als real existierende Person angesehen werden, sondern als ein abstraktes Konstrukt seiner Leserschaft, über dessen Bedeutung, Gruppierung und Einordnung entschieden wird (Foucault 2000, S. 218-224).

Auch neuere literaturwissenschaftliche Auffassungen begreifen Literatur in erster Linie als ein gesellschaftliches Produkt, bei dem die jeweilige soziale Bedingtheit sowie der Entstehungskontext nicht ausgeblendet werden können[4]. Aus Sicht des marxistischen Literatursoziologen Lucien Goldmann ist ein literarischer Text stets von der materiellen Wirklichkeit, der Sozialisation sowie der Weltanschauung seines Autors geprägt (Danko 2012, S. 38). Allerdings muss der Autor dabei nicht zwangsläufig seine Sichtweise und Meinung artikulieren, sondern kann auch eine deutlich abweichende Weltanschauung zum Ausdruck bringen (Gröne & Reiser 2007, S. 177). Auch der Soziologe Pierre Bourdieu betont einen Zusammenhang zwischen sozialer Struktur und kultureller Produktion. In Abgrenzung zur marxistischen Auffassung sind allerdings nicht nur das ökonomische Kapital und damit die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, sondern auch Determinanten wie Prestige und fachliche Autorität (symbolisches Kapital) einflussnehmende Größen für den Inhalt eines literarischen Textes (vgl. ebenda, S. 178).

Zusammenfassend lässt sich demnach feststellen, dass die ÄProblematisierungen des Autors“ nicht nur auf literaturwissenschaftliche Untersuchungen, sondern oftmals auf Äallgemeiner[e], kulturphilosophisch[e] und kulturkritisch[e] hberlegungen“ beruhen (Jannidis & Lauer et al. 2000, S. 9). Die Frage nach der Relevanz des Entstehungskontextes eines Textes wird bei der literaturwissenschaftlichen und -theoretischen Beschäftigung mit Literatur immer wieder aufgeworfen und bleibt Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

[...]


[1] So schrieb Maupassant nach der Veröffentlichung seiner novellenartigen Erzählung in Tagebuchform Le Horla (1887): « [] je suis sain d´esprit, et je savais très bien, en écrivant cette nouvelle, ce que je faisais. » (Tassart 1962, S. 93).

[2] Die biographisch ausgerichtete Betrachtungsweise von Literatur wird unter dem Sammelbegriff L´homme et l´œuvre zusammengefasst (Viala 1992, S. 2).

[3] Vgl. Texte von Derrida, Barthes, Foucault sowie Mallarmé.

[4] Allerdings ist dieser Ansatz nicht neu und geht bereits auf Gesellschaftsmodelle des Soziologen Karl Marx (1818-1883) zurück.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wer schreibt? Zur Relevanz des Autorengeschlechts in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Theorien der Autorenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V319595
ISBN (eBook)
9783668186903
ISBN (Buch)
9783668186910
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien der Autorenschaft, gender studies, Autor, Autorenschaft, Kristeva, Barthes, Tod des Autors, Geschlecht, männlich, weiblich, Autorin, Feminismus, Feministische Literaturwissenschaft, Geschlechtsfrage, Autorenfrage, soziale Praxis, Rezeption, Diskurs, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Anika Strelow (Autor), 2015, Wer schreibt? Zur Relevanz des Autorengeschlechts in der Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319595

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