Das militärische Handeln Israels und die Konfliktsituation während des Libanonkrieges 2006 aus neorealistischer Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

50 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der theoretische Rahmen – Neorealismus ... - 3 -
1.1 Aufbau der Arbeit ... - 6 -
1.2 Zielsetzung ... - 7 -

2. Das Verhältnis Israel-Libanon und die Entstehung der Hisbollah ... - 7 -

3. Die Konfliktparteien ... - 11 -
3.1 Israel ... - 11 -
3.1.1 Einsatzdoktrinen und Vorgehensweise ... - 11 -
3.1.2 Militärische Kapazitäten ... - 13 -
3.1.3 Ziele ... - 14 -
3.2 Hisbollah ... - 17 -
3.2.1 Einsatzdoktrinen und Vorgehensweise ... - 17 -
3.2.2 Militärische Kapazitäten ... - 20 -
3.2.3 Ziele ... - 24 -

4. Vorgeschichte, Hintergründe und Konfliktverlauf des „33-Tage-Kriegs“ im Libanon 2006 ... - 25 -
4.1 Zentrale Punkte des Verlaufs ... - 25 -
4.2 Asymmetrien des Krieges ... - 28 -

5. Bilanz sowie sicherheitspolitische Implikationen für Israel und die Hisbollah ... - 32 -

6. Fazit ... - 37 -

7. Literaturverzeichnis ... - 39 -

1. Der theoretische Rahmen – Neorealismus

Am 12. Juli 2006 entwickelten sich eine Entführung von zwei israelischen Soldaten und eine Ermordung von acht weiteren Soldaten an der nördlichen Grenze Israels zum Libanon durch die radikal-islamische libanesische Hisbollah-Miliz zum Libanonkrieg 2006. Israels Reaktion war denkbar heftig. Die IDF (Israel Defense Forces) begann eine massive Militärkampagne im südlichen Libanon und überraschte durch deren Ausmaß nicht nur die Hisbollah, sondern auch die Weltöffentlichkeit. Nach dem 34 Tage dauernden Konflikt beendete schließlich ein Waffenstillstand am 14. August 2006 die militärischen Auseinandersetzungen.1

Die Betrachtung dieser Ereignisse soll in der vorliegenden Arbeit im theoretischen Kontext des modernen Neorealismus stehen.

Diese Theorie der internationalen Beziehungen wurde durch den Politikwissenschaftler Kenneth Waltz begründet. Der Neorealismus wird oft als struktureller Realismus bezeichnet, weil er zum einen zu einem großen Teil versucht, direkt von der Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Staaten zu schließen und zum anderen größtenteils aus der kritischen Auseinandersetzung mit der klassischen Realismus-Theorie von Hans J. Morgenthau hervorgegangen ist,2 welcher diese 1948 erstmalig in Politics Among Nations formulierte.3 Es kann festgehalten werden, dass es sich sowohl beim Realismus, als auch beim Neorealismus um Theorien von Akteuren handelt. Wie beim Realismus sind auch beim Neorealismus die Staaten die zentralen Akteure. Der Neorealismus steht in der Tradition des Realismus. Allerdings ist er eine umfassende theoretisch-methodische Weiterentwicklung, die im Kontext der zwei Weltkriege und des Ost-West-Konflikts formuliert wurde. Dabei zeichnen den Neorealismus zwei zentrale Anliegen aus: Erstens versucht er zu erklären, warum sich die Bipolarität in Zeiten der hochgerüsteten Blockkonfrontation des Kalten Krieges trotz unterschiedlicher Phasen als relativ stabil erwiesen hat. Zweitens will er anhand des ökonomischen Erstarkens von Europa und Japan zeigen, warum die Hegemonialstellung der Amerikaner zunehmend nachließ.4

Der Anspruch des neorealistischen Systemansatzes war somit, die unsystematischen, zumeist aus Induktion gewonnenen Einsichten des Realismus zu systematisieren. Damit wollte er systematische Aussagen über die strukturellen Bedingungen finden, unter denen die Akteure in der internationalen Politik agieren und interagieren. Somit ging es ihm im Gegensatz zum Realismus nach Hans J. Morgenthau um die Begründung einer systemischen Theorie.5

Die grundlegenden Aussagen dieses Ansatzes finden sich in Waltz Werk “Theory of International Politics“6. Eine sehr gute Zusammenfassung und Quintessenz seines Ansatzes liefert Waltz in dem Artikel “Realist Thought and Neorealist Theory“7, allerdings ohne die nach dem Ende des Kalten Kriegs erfolgten Ergänzungen. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass auch der Neorealismus trotz seines Anspruches keine spezifische Theorie, sondern mittlerweile auf jeden Fall ein facettenreiches Paradigma ist, das man stets versuchte weiterzuentwickeln und auszudifferenzieren.8 Eine der bedeutsamsten und beachtenswertesten Weiterentwicklungen ist die Aufteilung in offensive und defensive Neorealisten. Die offensiven Neorealisten sehen Macht als ein knappes Gut an und definieren den Kampf um Macht so als eine Art Wettbewerb.9 Die defensiven Neorealisten vertreten hingegen die Ansicht, Macht sei genügend vorhanden. Deshalb wären Staaten gut beraten, ihren Status Quo im internationalen System zu verteidigen. Selbst Kenneth Waltz lässt sich aus Sicht des Verfassers zu dieser Gruppe rechnen. Heute hat sich der Neorealismus weitestgehend vom rationalistischen Strukturalismus gelöst. Der gegenwärtige und facettenreiche Neorealismus ist mehr als Waltz; er sieht die internationale Politik vor allem als ein variables Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren auf verschiedenen Analyseebenen.10

Nach den Grundannahmen des Neorealismus sind Staaten die wichtigsten und zentralen Akteure.11 Sie sind uniform, einheitlich und haben eine klare Präferenzordnung in ihrem Handeln: Zunächst verfolgen sie die sogenannten „high“ oder „hard politics“ (Sicherheit, Unabhängigkeit, Überleben), dann die „low“ bzw. „soft politics“ (im Wesentlichen alles andere). Die Struktur des internationalen Systems übt einen kausalen Einfluss auf die Akteure, also die Staaten, aus. Während die einzelnen staatlichen Systeme einer hierarchisch-zentralistischen Ordnung folgen, wird beim Neorealismus von einem dezentral-anarchischen8 Ordnungsprinzip auf der internationalen Ebene ausgegangen12, in dem es keine übergeordnete Regelungs- und/oder Sanktionsinstanz gibt.13 Dies hat ein Selbsthilfesystem der Akteure zur Folge.14 Die Staaten müssen diese Selbsthilfestrategie anwenden, wenn sie erfolgreich sein wollen, da Kooperation nahezu ausgeschlossen wird.15 Der einzige wirkliche Unterschied zwischen den Staaten in den internationalen Beziehungen ist ihr Machtpotenzial. Dieses Potential ergibt sich aus den militärischen, ökonomischen und sozialen Voraussetzungen. Macht ist auch das einzige wirksame Mittel zur Interessendurchsetzung, nämlich primär zum nationalen Sicherheitsstreben im Sinne von Positionswahrung des jeweiligen Staates. Die Machtverhältnisse zwischen den Staaten beeinflussen somit ihr Verhalten und Handeln zueinander. Beim Neorealismus wird davon ausgegangen, dass Entscheidungen von einer Zweck-Mittel-Rationalität geleitet werden und von permanentem Misstrauen geprägt sind, da man die Intentionen der anderen Staaten nicht kennt. Dies fließt in die Entscheidungen mit ein.16 Entscheidend für den weiteren Untersuchungszusammenhang ist es allerdings, hier festzuhalten, dass - in der Abgrenzung zum klassischen, anthropologischen Realismus nach Morgenthau – im Neorealismus die Wahrung der eigenen Sicherheit die oberste Maxime des Staates ist und nicht die Macht an sich.

"Das vorderste Anliegen von Staaten ist nicht, Macht zu maximieren, sondern ihre Position im System aufrechtzuerhalten [...]. Das Ziel, welches das System sie zu verfolgen antreibt, ist Sicherheit"17

Durch die permanente Unsicherheit über die Absichten und das Machtpotential des anderen ergibt sich ein Sicherheitsdilemma, welches bereits vom Realliberalisten John Herz erkannt wurde und auch bei Waltz eine hohe Relevanz besitzt.18 Es geht dabei letztlich darum, dass ein Staat nie sicher sein kann, dass beispielsweise fremde Aufrüstung ausschließlich defensive Gründe hat. Jeder Staat kann gegenüber einem anderen prinzipiell feindlich gesinnt sein. Dies hat im Zweifel eine Spirale des Wettrüstens und der Machtakkumulation zur Folge.19 Waltz hat also „Sicherheit“ als Messgröße für die Überlebensfähigkeit der Systemeinheiten, der Staaten, definiert. Sicherheit wird zum Hauptanliegen der Staaten. Sie dient nicht nur dazu, die eigene Position bzw. das Prestige von Staaten, sondern im Zweifel auch die eigene Überlebensfähigkeit im internationalen System zu sichern.20 Staaten bemühen sich also ihren Status zu halten oder verhalten sich im Zweifel auch expansionistisch, um dieses Ziel zu erreichen.21 Dieses Konzept soll in der vorliegenden Arbeit auf das militärische Handeln Israels während des Libanonkrieges 2006 angewendet werden.

1.1 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit soll im zweiten Kapitel das Verhältnis Israels zum Libanon und zur Hisbollah beleuchten. Dabei soll ein kurzer historischer Abriss gegeben werden, ohne den der Libanonkrieg 2006 nur schwer nachzuvollziehen ist. Auch soll die Einsatzdoktrin der israelischen Streitkräfte im Kontext der Bedrohung beleuchtet werden. Auf eine umfassende historische Betrachtung der Entwicklung muss hierbei auf Platzgründen verzichtet werden. Dabei soll auch die Gründung der Hisbollah im Zuge des Libanonengagements Israels sowie das problematische Verhältnis zu dieser, mehrheitlich als Terrororganisation benannten Gruppierung betrachtet werden. Auch die Hisbollah erkennt dem Staat Israel das Existenzrecht nicht zu. Dabei soll auf die Organisation selbst mit einigen Daten und Fakten, sowie auf die besondere Beziehung der Organisation vor allem mit dem Iran, aber auch mit Syrien eingegangen werden.

Im dritten Kapitel sind die Konfliktparteien, Israel und Hisbollah, am Vorabend des Konfliktes hinsichtlich ihrer Ausgangslage, ihrer militärischen Kapazitäten und ihrer Ziele das Zentrum der Betrachtung.

Das vierte Kapitel widmet sich der unmittelbaren Vorgeschichte, verschiedenen Hintergründen, sowie dem konkreten Anlass für den Konflikt. Des Weiteren soll ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen des Konfliktverlaufs gegeben werden, um die theoretischen Überlegungen bezüglich der Ziele und der Strategie der Konfliktparteien in der Praxis besser nachvollziehen zu können. Schließlich soll dabei auch die Asymmetrie dieses Krieges deutlich gemacht und herausgearbeitet werden.

Das fünfte Kapitel wird eine Bilanz des Krieges und der bisherigen Betrachtung enthalten sowie abschließende sicherheitspolitische Folgen und Implikationen für Israel und auch für die Hisbollah hinsichtlich ihrer jeweiligen Ziele vor dem Konflikt geben.

Im sechsten Kapitel soll die Beantwortung der Leitfrage im Mittelpunkt stehen, sowie ein kurzer Ausblick über die weitere mögliche Entwicklung der israelischen Sicherheitspolitik gegeben werden.

Aus Platzgründen können die “United Nations Interim Force in Lebanon“ (UNIFIL)-Mission nach dem ersten Libanonkrieg sowie die UN-Resolution 1701, welche den Zweiten Libanonkrieg beendete, und dessen Folgen nicht in ihrer kompletten Fülle behandelt werden. Ebenso soll die Betrachtung der maritimen Dimension des Krieges bei dieser Analyse zurückgestellt werden.

1.2 Zielsetzung

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, zu klären, wie das militärische Handeln Israels im Sommer 2006 aus neorealistischer Sichtweise und hinsichtlich eines präventiv-expansionistischen Sicherheitsbestrebens zu begründen ist. Dabei soll auf die unterschiedlichen Konfliktparteien, ihre Situation sowie auf ihr militärisches Potential eingegangen werden. Wie bereits erwähnt, soll darüber hinaus die asymmetrische Situation des Konflikts beschrieben werden. Die daraus folgenden Implikationen und mögliche Folgen für Israel und die Hisbollah in der Region, sowie die abschließende Klärung, ob sich das Verhalten Israels aus neorealistischer Sichtweise nachvollziehen lässt, bilden den Abschluss der Untersuchung.

2. Das Verhältnis Israel-Libanon und die Entstehung der Hisbollah

Der Zweite Libanonkrieg, welcher am 12. Juli 2006 durch die Entführung zweier israelischer Soldaten begann22 und nach 33 Tagen am 14. August 2006 endete[23], ist ohne eine kurze Einordnung in einen historischen Rahmen und der Klärung des Verhältnisses von Israel zum Libanon kaum verständlich oder erklärbar. Daher muss in diesem Zusammenhang kurz auf die Epoche des libanesischen Bürgerkrieges (1975 – 1990) und die damit verbundene Entstehung der Hisbollah eingegangen werden.[24]

Nach dem Sechstagekrieg 1967 verlor die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) durch die Eroberung des Gazastreifen und des Westjordanlandes durch Israel ihre territoriale Operationsbasis. Daraufhin verlegte sie ihr Hauptquartier nach Beirut. Israel sah sich gezwungen erneut militärisch vorzugehen, da der palästinensische Terrorismus anhielt. Nach dem sogenannten Küstenstraßen-Anschlag 1978 durch die palästinensische Fatah in Nordisrael intervenierte die israelische Armee im Südlibanon im März 1978, konnte allerdings zunächst keine wirkliche Schwächung der PLO herbeiführen. 1982 besetzte Israel vollständig das Gebiet südlich des Litani-Flusses, inklusive der Hauptstadt Beirut und zwang die PLO in diesem Ersten Libanonkrieg am 21. August zum vollständigen Rückzug. Der israelische Angriff hatte allerdings eine Destabilisierung des Landes zur Folge und führte zum Ausbruch eines Bürgerkriegs. 1983 zogen sich die israelischen Truppen, nachdem sie jahrelang tief in die Spannungen des libanesischen Bürgerkrieges involviert waren, auf eine eingerichtete Sicherheitszone an der israelisch-libanesischen Grenze im Südlibanon zurück. Die Situation verbesserte sich für Israel dadurch allerdings nur bedingt; trotz der Unterstützung durch die israelisch ausgebildete und ausgerüstete "Südlibanesischen Armee" (SLA).[25]

Im selben Zug aber erfolgte als Reaktion auf die israelische Besatzung die Gründung der schiitischen Hisbollah (Partei Gottes). Die Organisation weitete bald ihr Aktivitäten-Spektrum über Anschläge gegen die IDF aus. In den folgenden Jahrzehnten verwickelte die Hisbollah die israelische Armee in einen kräftezehrenden Guerillakrieg.[26] Als Folge flog die israelische Armee zwischen 1994 und 1995 wiederholt Luftangriffe gegen Stellungen der schiitischen Hisbollah. Damit wollte die israelische Regierung gegenüber der libanesischen Führung vor allem Ihre Forderung deutlich machen, dass die Regierung in Beirut aktiv am Kampf gegen die Hisbollah teilnehmen und zu deren Entwaffnung beitragen sollte.[27]

Nach insgesamt 18 Jahren zog sich die israelische Armee schließlich am 24. Mai 2000 mit Ausnahme des umstrittenen Gebietes derSchebaa-Farmen aus dem Libanon zurück.[28] Seit diesem Zeitpunkt bereitete sich die Hisbollah, vor allem durch die Lagerung von Nachschub, Ausbildung von Personal und Präparation von Sprengfallen, gezielt auf die nächste Konfrontation mit Israel vor.29 Mit iranischer Unterstützung zog die Organisation ihre Lehren aus den Kämpfen mit der IDF sowie auch aus militärischen und politischen Entwicklungen der letzten Jahre.[30]

Gleichzeitig aber schwächte der israelische Rückzug die Hisbollah hinsichtlich ihrer Legitimität. Daher wurde und wird von Seiten der Hisbollah angeführt, dass Israel noch die Kontrolle über die Schebaa-Farmen ausübt und deswegen weiter bekämpft werden müsse. Darüber hinaus machte der Generalsekretär und Oberbefehlshaber der Hisbollah-Milizen, Hassan Nasrallah, im Jahr 2000 unmissverständlich klar, dass seine Organisation Israel kein Existenzrecht zubilligen werde.[31] Die Hisbollah benötigt derartige Rechtfertigungen zum einen, da sie die Unterstützung von außen (Iran, etc.) nicht verlieren will, und zweitens, um ihre Stellung innerhalb des politischen Systems des Libanon zu festigen.[32] Die Ursprünge der Organisation entstanden, wie bereits erwähnt, ab 1982 durch den Zusammenschluss verschiedener schiitischer Gruppen im Libanon. Die offizielle Gründung der Hisbollah erfolgte 1985.33 An ihrer Spitze stehen schiitische geistliche Gelehrte, welchen Scheich Hassan Nasrallah vorsteht. Sie trat als eine Partei in das politische System Libanons ein und begann gleichzeitig umfangreiche Wohlfahrtsprogramme für die schiitische Bevölkerung im Südlibanon.34 Neben einer politischen Partei unterhält die Organisation eine beachtliche paramilitärische Armee.35 Die Hisbollah entwickelte sich seitdem zu einem konstanten militärischen, sozialen und politischen Machtfaktor innerhalb der libanesischen Gesellschaft, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass die Schiiten mit rund 30 Prozent der Bevölkerung die größte muslimische Gruppe im Libanon darstellen.36 Die Bezeichnungen reichen von „Staat im Staat“37 bis hin zu „Parallelstaat“38. Seit 1992 ist sie im libanesischen Parlament vertreten und damit auch ein legitimer Teil des Staates.39 Die Hisbollah wird, als eine fast ausschließlichschiitische Organisation, offen vom Iran finanziert und unterstützt.40 Nicht nur Nasrallah studierte im Iran, auch die Ausbildung der Milizen der Hisbollah wurde zumindest am Anfang von Angehörigen der iranischen „Revolutions-Garden" durchgeführt. Zudem wird der Revolutionsführer bzw. der oberste Rechtsgelehrte der Islamischen Republik Iran als oberste geistliche Autorität angesehen. Dabei zählt zu den Aufgaben der Hisbollah auch ein aktiver Einsatz für die strategischen Ziele ihrer Förderer. Dies wurde bereits ein Jahr nach ihrer Gründung deutlich, als die Hisbollah mit Selbstmord-Attentätern einen Anschlag auf die US-Botschaft in Beirut mit 16 Toten verübte und Monate später das Hauptquartier der US-Marines am Flughafen in Beirut angriff – hierbei kamen 241 Amerikaner ums Leben.41

Auch wenn in der Vergangenheit politische und strategische Änderungen im Iran oft auch mit einem Paradigmenwechsel in der Hisbollah einhergingen, so ist die Verbindung zwischen der Hisbollah und dem Iran dennoch nicht immer 1:1 zu bewerten. Trotz ihrer Verbundenheit ist die Hisbollah nicht als eine „Puppe“ des Irans anzusehen. Beide hatten zum Teil durchaus kontroverse Ansichten über manche politischen und operativen Sachverhalte. So folgt die Hisbollah vor allem ihren eigenen Überlegungen, welche sich auf ihren Status als ein wichtiger Faktor in der libanesischen Politik konzentrieren. Dazu kommen etliche Punkte, die ihren Einfluss in Syrien und den syrischen Einfluss im Libanon betreffen.42 Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist das offizielle Eingreifen der Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg auf Seiten von Präsident Baschar Hafiz al-Assad. Letztlich rätseln auch US-Geheimdienste darüber, wie eng die Hisbollah wirklich mit der iranischen Führung vernetzt und verwoben ist.43 Bezugnehmend auf die Themenstellung ist wohl anzunehmen, dass die Hisbollah die Gefangenahme der israelischen Soldaten mit dem Iran generell koordiniert und dieser seine Zustimmung gegeben hat. Allerdings lässt sich ebenso annehmen, dass der Iran der Hisbollah nicht die einzelnen Schritte diktiert hat.44

Der israelische Premier Sharon, der in gewisser Weise der „Architekt” der Libanon-Invasion von 1982 war und durch ihr letztliches Scheitern enorm an Ansehen verlor, war nicht bereit, den Konflikt mit der Hisbollah noch zu verschärfen. Sein Nachfolger, Ehud Olmert, hatte dagegen andere Ideen.45 Seit dem Abzug am 24. Mai 2000 gab es in fast regelmäßigen Abständen von zwei bis drei Monaten bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der IDF und der Hisbollah im libanesisch-israelischen Grenzgebiet.46 Die Organisation griff wiederholt Militärstützpunkte in Nordisrael und auf den von Israel annektierten Golanhöhen und Schebaa-Farmen an. So verstärkte die Hisbollah beispielsweise am 29. Mai 2000 Raketen- und Mörserangriffe in Richtung Israel, was die israelische Regierung zu größeren Luft- und Artillerieangriffen veranlasste.47 Darüber hinaus begann die Hisbollah im grenznahen Raum mit dem Bau Hunderter Bunker und Stützpunkte. Sie legte dazu umfangreiche, dezentrale Waffenlager an, welche untereinander mit einem zum Teil sehr ausgedehnten Tunnelsystem verbunden waren.48 Einige Autoren sind der Meinung, dieses System könnte man mit dem Bunkernetzwerk vergleichen, welches die nordvietnamesische Armee und der Vietcong während des Vietnamkriegs errichtet hatten.49 Letztlich war das rund 1000 km2 große Areal in fast 176 kleinere Abschnitte mit 40 Hauptstützpunkten unterteilt.50

Als der Libanonkrieg am 12. Juli 2006 ausbrach, verfügte die Hisbollah über rund 15000 Raketen unterschiedlicher Reichweite, darunter russische Katjuscha-Kurzstreckenraketen, iranischeFadschr-3 und Fadschr-5-Raketen sowie zahlreiche weitere, verschiedene Kurzstreckenraketen. Mit mehr als 13000 Stück machten die russischen Artillerieraketen vom Typ Katjuscha allerdings den Hauptteil des Raketenpotentials aus.51 Dazu besaß die Hisbollah auch einige schwere konventionelle Waffen wie Schützenpanzer und einen im Libanonkrieg 2006 eingesetzten chinesischen Streubombenwerfer.52 Diese Waffen gelangten meistens über den Seeweg sowie über die syrische Grenze in den südlichen Libanon. In einigen Fällen wurden und werden sie auch über den Seeweg geliefert sowie in seltenen Fällen über die Türkei.53

3. Die Konfliktparteien

Im Folgenden sollen die beiden Konfliktparteien, Israel und die Hisbollah, hinsichtlich ihrer Doktrinen und Vorgehensweisen im Einsatzfall, ihrer militärischen Kapazitäten und ihrer Ziele am Vorabend des Konfliktes betrachtet und analysiert werden.

3.1 Israel

3.1.1 Einsatzdoktrinen und Vorgehensweise

Die allgemeine Einsatzdoktrin der IDF ist von folgenden strategischen Überlegungen geprägt: Da das Existenzrecht Israels in der Region immer noch nicht allgemein anerkannt ist, kann es sich Israel nicht leisten, auch nur einen Krieg zu verlieren. Israel hegt keine territorialen Ansprüche mit Ausnahme derGolanhöhen und des Westjordanlandes. Des Weiteren sollen Eskalationen vermieden werden und militärische Konflikte sollen, nach Möglichkeit, durch Abschreckung und durch Mittel auf politischer Ebene verhindert werden. Das Risiko von Verlusten soll so gering wie möglich gehalten und jeder Krieg, sollte er dennoch kommen, schnell und entschieden geführt werden. Aus diesen Grundsätzen werden im Kriegsfall die strategischen Richtlinien abgeleitet, dass Israel aufgrund seiner geringen territorialen Ausdehnung keinen Raum für defensive Kriegstaktiken hat. Deshalb stehen offensive Taktiken im Vordergrund, während die Ausrichtung auf strategischer Ebene eher defensiv ist.54 Die gesamte Einsatzdoktrin ist vom Konzept der Anfangsverteidigung zum schnellen Gegenangriff geprägt, wodurch mit Hilfe des Prinzips der verbundenen Waffen die Initiative gewonnen und die Kämpfe schnell auf gegnerisches Gebiet verlagert werden sollen. Aus diesem Grund besteht die IDF aus allen drei Teilstreitkräften (Heer, Marine und Luftwaffe), welche alle modern ausgerüstet und aufeinander abgestimmt sind, sodass im Verbund operiert werden kann. 55

[...]


[1] Vgl. dazu Bloch, 2008

[2] Vgl. Siedschlag, 2001: 1

[3] Vgl. Grieco, 1997: 163

[4] Vgl. Schörnig, 2006: 66f.

[5] Vgl. Masala, 2010: 54f.

[6] Vgl. dazu Waltz, 1979

[7] Vgl. dazu Waltz, 1990

[8] Vgl. dazu beispielsweise Keohane, 1986; Brown/Lynn-Jones/Miller, 1995; Donnelly, 2000; Griffiths, 1992; Frankel, 1995; Frankel, 1996

[9] Zu den Vertretern dieser Ausrichtung kann beispielsweise John J. Mearsheimer gezählt werden, Vgl. dazu Mearsheimer, 1994/95 und Mearsheimer, 1995

[10] Vgl. Siedschlag, 2001: 21

[11] Masala, 2010: 54

[12] Waltz, 1988: 618, Z.17f.

[13] Vgl. Siedschlag, 2001: 2

[14] Waltz, 1988: 624, Z. 29 – 32

[15] Vgl. Siedschlag, 2001: 3f.

[16] Vgl. Krell, 2009: 620

[17] Waltz 1979: 126

[18] Krell, 2009: 619, Z.26f.

[19] Vgl. Ebd.: 110

[20] Vgl. Waltz 1979: 126

[21] Krell, 2009: 248, Z.23 – 27

[22] Schäuble; Flug, 2008

[23] Hildermeier, 2009: 25

[24] Für eine ausführliche Darstellung siehe hierzu: Schiff; Ya’ari, 1984

[25] Vgl. Philipp, 2011

[26] Vgl. El Khazen, 2004: 68

[27] Vgl. Schiff; Ya’ari, 1984

[28] Forster, 2006: 12

[29] Vgl. Schäuble; Flug, 2008

[30] Kulick, 2006: 30

[31] Vgl. Hamzeh, 2004: 41

[32] Philipp, 2011

[33] Vgl. Meinel, 2003: 203

[34] Salem, 2006: 15

[35] Wunder, 2007: 5

[36] Vgl. Philipp , 2011

[37] Hildermeier, 2009: 26

[38] Wunder, 2007: 93

[39] Schweitzer, 2007: 124; Zur Hisbollah im Libanon siehe auch: Harel; Issacharoff, 2008: 29

[40] Vgl. a) Cordesman, 2006; Kam, 2006: 10

[41] Philipp , 2011

[42] Kam, 2006: 10

[43] a) Cordesman, 2006: 2

[44] Kam, 2006: 10

[45] Tristam, o.J.

[46] Vgl. Hersh, 2006, Wunder 2007: 25

[47] Vgl. Down the Memory Hole, 2006

[48] Forster, 2006: 31.; Vgl. dazu auch Kulick, 2006: 30

[49] Vgl. IISS, 2007: 230

[50] Vgl. Braun; Vuitel, 2008:10 ff.

[51] Kuster, 2009: 56

[52] Vgl. Human Rights Watch, 2006

[53] Ravid, 2008

[54] Vgl. Israel Defense Forces, GlobalSecurity.org; siehe dazu auch Streitkräfteübersicht Israel, GlobalDefence.net

[55] Vgl. IDF Main Doctrine

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Das militärische Handeln Israels und die Konfliktsituation während des Libanonkrieges 2006 aus neorealistischer Perspektive
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Masterseminar: Umstrittene Geschichte – Ausgewählte Kontroverse der Historiogra-phie des Nahostkonflikts
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
50
Katalognummer
V319694
ISBN (eBook)
9783668189942
ISBN (Buch)
9783668189959
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handeln, israels, konfliktsituation, libanonkrieges, perspektive
Arbeit zitieren
Christian Rucker (Autor), 2014, Das militärische Handeln Israels und die Konfliktsituation während des Libanonkrieges 2006 aus neorealistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319694

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