Die Arbeit setzt sich mit dem niedersächsischen Konzept "Brückenjahr", welches den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule erleichtern soll, auseinander. Hierzu wurden beteiligte Personen (Grundschullehrkräfte und Erzieher/innen) interviewt.
[...] Gerade der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ist u.a. laut Kienig (2002) sowie Griebel und Niesel (2004) besonders bedeutend in Bezug auf die weitere Entwicklung
und die Bewältigung der nachfolgenden Übergänge. Ein gelungener Schulbeginn kann positive Auswirkungen auf den Schulabschluss und somit Einfluss auf die Zukunftschancen haben. Egal, ob das Kind bereits zuvor eine Kindertageseinrichtung besucht hat oder vom Elternhaus direkt in die Schule eintritt: jedes Kind ist ab einem gewissen Alter in Deutschland schulpflichtig und muss den Schuleintritt bewältigen.
Der Schulanfang stellt für das Kind „eine vielschichtige biografische Erstsituation dar“ (Schneider, 2004: 202), die ein hohes Entwicklungspotential für das „Selbst“ aufweist.
Auf individueller Ebene erfährt das Kind eine Rollen- und Zustandsänderung und somit eine Identitätsveränderung. Neben dem Kind selbst stellen nun auch Lehrer und Eltern (neue) Ansprüche an jenes. Hinzu kommt, dass sich die äußeren Alltagsumstände des Kindes stark ändern: Die Art des Lernens, die Raum- und Zeitstruktur unterscheiden sich erheblich zu denen im Kindergarten, bekannte Rituale werden durch andere ersetzt und auch auf sozialer Ebene sind Veränderungen zu verzeichnen: Das Kind muss seine Rolle in der Klassengemeinschaft finden, neue Freundschaften werden geschlossen, alte beendet. Zudem ändert sich die Bezugsperson des Kindes innerhalb der Einrichtung (vgl. Beelmann, 2006). Diese Veränderungen erfordern Kraft, um sie zu verarbeiten und sich ihnen anzupassen. Wenn dem Kind nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, kann der Übergang häufig nicht erfolgreich bewältigt werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Grundlagen zum Begriff Transition und Kooperation
2.1. Transition, Übergang
2.2. Kooperation
2.2.1. Definition
2.2.2.Gesetzliche Lage und Nutzen der Kooperation
2.2.3. Motive der Kooperationsproblematik
3. Übergang vom Kindergarten in die Grundschule
3.1. Theorien zum Übergang in die Grundschule
3.1.1. Übergang aus ökopsychologischer Sicht
3.1.2. Übergang aus ökosystemischer Sicht
3.1.3. Übergang bedeutet psychischer Stress
3.1.4. Übergang als kritisches Lebensereignis
3.1.5. Übergang als ko-konstruktiver Prozess
3.1.6. Der Übergang in Anbetracht der Risiko- und Schutzfaktoren
3.1.7. Zusammenfassung
3.1.8. Diskontinuität vs. Kontinuität
3.2. Forschung zum Übergang in die Grundschule
3.2.1. Überblick über die Forschung zum Übergangsprozess und -bewältigung
3.2.2. Überblick über die Forschung bezüglich Kooperation im Übergang
3.2.3. Zusammenfassung
4. Modellprojekt „Das letzte Kindergartenjahr als Brückenjahr zur Grundschule“
4.1. Entwicklung/Aufbau
4.2. Orientierungslinien
4.3. Exkurs: „Frühes Lernen“ in Bremen
5. Fragestellung
6. Empirie
6.1. Stichprobe
6.2. Methodische Reflexion
6.3. Durchführung
6.4. Deskription und Ergebnisse
6.5. Interpretation und Diskussion
7. Ausblick
8. Literatur
Zielsetzung & Themen der Masterarbeit
Die Arbeit untersucht das niedersächsische Modellprojekt „Das letzte Kindergartenjahr als Brückenjahr zur Grundschule“ durch eine Bestandsaufnahme der Oldenburger Projekte (2009-2011). Ziel ist es, durch leitfadengestützte Interviews mit beteiligten Fachkräften Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Konzepts zu identifizieren, diese kritisch anhand von Übergangstheorien zu reflektieren und Optimierungsvorschläge für die Praxis sowie die Forschung abzuleiten.
- Analyse des Übergangskonzepts „Brückenjahr“
- Reflexion der Kooperation zwischen Elementar- und Primarbereich
- Untersuchung von Übergangsbewältigung und Stressfaktoren bei Kindern
- Evaluation der Projektarbeit auf Basis von Fachkräftebefragungen
- Diskussion von Chancen und Risiken bezüglich Nachhaltigkeit und Bildungsstrukturen
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Übergang aus ökopsychologischer Sicht
Bronfenbrenner (1981), ein bedeutender Psychologe, entwickelte in den späten sechziger Jahren die Theorie der „Ökologie der menschlichen Entwicklung“. Übergänge finden statt, „wenn eine Person ihre Position in der ökologisch verstandenen Umwelt durch einen Wechsel ihrer Rolle, ihres Lebensbereichs oder beider verändert“ (ebd.: 43). Besonders in solchen Phasen finde laut ihm eine starke Entwicklung statt. Der Schuleintritt stellt einen ökologischen Übergang dar, da das Kind einen neuen Lebensbereich durch den Wechsel der Institution „betritt“.
Zudem verändert sich seine Rolle in diesem, denn mit dem Wechsel vom Kindergartenkind zum Schulkind werden andere Anforderungen an das Kind gestellt, an die es sich anpassen muss. Es findet eine „fortschreitende[...] gegenseitige[...] Anpassung zwischen dem aktiven, sich entwickelnden Menschen und den wechselseitigen Eigenschaften seiner unmittelbaren Lebensbereiche“ (ebd.: 37) statt. Grundlage seiner Theorie ist die Annahme, dass das Individuum in verschiedene Systeme eingebettet ist, die sich gegenseitig beeinflussen und miteinander vernetzt sind. Auch das Individuum hat Einfluss auf die Systeme.
Wichtig für eine gelungene Entwicklung ist, dass die unterschiedlichen Lebensbereiche bzw. Systeme, also das Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystem, miteinander vereinbar sind. „Ein Mikrosystem ist ein Muster von Tätigkeiten und Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die die in Entwicklung begriffene Person in einem gegebenen Lebensbereich mit dem ihm eigentümlichen physischen und materiellen Merkmalen erlebt“ (ebd.: 38, hervorgehoben). Für das Kind bilden der Kindergarten und die Familie Mikrosysteme. Letzteres besteht aus den verschiedenen Familienmitgliedern. Diese einzelnen „Elemente“ beeinflussen sich durch ihr Verhalten gegenseitig und führen somit zu einem ständigen Wandel innerhalb der Strukturen des Mikrosystems.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule anhand einer Metapher und Begründung der Relevanz für die kindliche Entwicklung.
2. Definition und Grundlagen zum Begriff Transition und Kooperation: Theoretische Klärung der Begriffe Transition und Kooperation sowie Erläuterung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und möglicher Probleme bei der Zusammenarbeit.
3. Übergang vom Kindergarten in die Grundschule: Detaillierte Darstellung verschiedener Übergangstheorien sowie ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Übergangsbewältigung.
4. Modellprojekt „Das letzte Kindergartenjahr als Brückenjahr zur Grundschule“: Erläuterung der Entstehung, des Aufbaus und der inhaltlichen Orientierungslinien des Projekts sowie ein Vergleich mit ähnlichen Vorhaben.
5. Fragestellung: Definition der Forschungsziele und Darstellung der leitenden Fragestellungen für die empirische Untersuchung.
6. Empirie: Beschreibung des methodischen Vorgehens, der Stichprobenauswahl sowie Darstellung und Diskussion der Ergebnisse der durchgeführten Experteninterviews.
7. Ausblick: Zusammenfassende Einschätzung der Zukunftsaussichten für das Projekt und Empfehlungen für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Übergangsgestaltung.
Schlüsselwörter
Brückenjahr, Übergang, Kooperation, Transition, Grundschule, Kindergarten, Elementarbildung, Primarbildung, Schulfähigkeit, Elternarbeit, Resilienz, Schuleingangsstufe, Bildungsverständnis, Modellprojekt, Übergangsbewältigung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem niedersächsischen Modellprojekt „Brückenjahr“, das den Übergang von Kindern vom Kindergarten in die Grundschule durch eine engere institutionelle Zusammenarbeit erleichtern soll.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen des Übergangs (Transition), die notwendige Kooperation zwischen Kita und Schule, die Bedeutung der Elternarbeit sowie die empirische Bestandsaufnahme der praktischen Umsetzung an Oldenburger Standorten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Reflexion des Brückenjahr-Modells. Es soll ermittelt werden, wie das Projekt in der Praxis von den Fachkräften wahrgenommen wird und ob es zur erfolgreichen Bewältigung des Übergangs für die Kinder beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin führte eine explorative Studie mittels leitfadengestützter Experteninterviews mit zehn pädagogischen Fachkräften aus Kindertageseinrichtungen und Grundschulen durch, deren Auswertung sich an der SWOT-Analyse orientiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Modellen (z.B. ökopsychologische Sicht, Stresstheorie) insbesondere die Struktur des Modellprojekts, die praktischen Erfahrungen der Akteure sowie die Chancen, Risiken und Verbesserungspotenziale des Konzepts diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Brückenjahr, Transition, Kooperation, Übergangsbewältigung, Bildungsübergang sowie die Schnittstelle zwischen Elementar- und Primarbereich.
Warum ist die Einbeziehung der Eltern so zentral für das Modellprojekt?
Die Eltern sind wichtige Begleiter und Experten für ihre Kinder. Eine positive Zusammenarbeit zwischen Schule, Kindergarten und Elternhaus hilft, Ängste abzubauen und Sicherheit beim Übergang in die Schule zu vermitteln.
Welche Rolle spielt die „Schuleingangsstufe“ bei der Kooperation?
Das Konzept der Schuleingangsstufe harmoniert laut der Arbeit gut mit dem Brückenjahr, da sie organisatorische Kontinuität ermöglicht und den Kindern Zeit gibt, sich ohne „Schulstart-Druck“ an die neue Umgebung zu gewöhnen.
Warum wird die zeitliche Begrenzung auf zwei Jahre kritisiert?
Die Befragten befürchten, dass ohne eine dauerhafte Finanzierung und strukturelle Verankerung nach Ende der zweijährigen Förderung die Intensität der Zusammenarbeit abnimmt und die mühsam aufgebauten Kooperationsstrukturen wieder in sich zusammenbrechen könnten.
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- Anuschka Horstmann (Author), 2010, Das “Brückenjahr“ als Übergangskonzept. Von der Elementar- in die Primarbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319739