'Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden' in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug"


Seminararbeit, 2001
14 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte und Fragestellung

2. Denken beim Reden – Reden vor dem Denken

3. Die Gedankenverfertigung in Kleists „Der zerbrochne Krug“

4. Zusammenfassender Schluss

1. Einleitende Worte und Fragestellung

Auf welche Weise entstehen die Gedanken und welche Rolle spielt die mündliche Rede in diesem Zusammenhang? Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts beschäftigte sich Heinrich von Kleist (1777-1811) mit dieser Thematik; er entwickelte in seinem Aufsatz „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden“ völlig neue Ansichten über Sprache, Denken und die Entstehung von Gedanken. Damit stellte er die traditionellen Ansichten und Vorstellungen über Sprache und Denken in Frage.

In dieser Hausarbeit sollen beide Modelle – das Kleist´sche und das traditionelle Modell – gegenübergestellt und ihre wesentlichen Merkmale dargestellt werden; dabei wird seine Abhandlung über die Gedankenverfertigung beim Reden mit Kleists Leben und seinem Gesamtwerk in Beziehung gesetzt. Weiterhin soll geklärt werden, welche Konsequenzen die jeweiligen Modelle für Sprache im Allgemeinen und auch für die Literatur haben.

Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit es Kleist gelingt, sein Modell der Gedankenverfertigung beim Reden in seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ anzuwenden und darzustellen. Könnte die Figur des Dorfrichters Adam die dramentechnische Umsetzung des Kleist´schen Modells sein?

2. Denken beim Reden – Reden vor dem Denken

Kleist erlebte die Welt und das Leben als Katastrophe. Zeit seines Lebens erfuhr er Bedrohungen und Rückschläge: die napoleonische Besatzungsmacht, der Zusammenbruch des preußischen Reiches und die mangelnde Anerkennung seines schriftstellerischen Könnens seitens seiner Dichterkollegen. Die Beschäftigung mit Kants (oder Fichtes?)[1] Philosophie bewog ihn, zu denken, dass der Mensch niemals vollständige Erkenntnis über die Welt erlangen könne und er somit einer nicht berechenbaren Welt ausgeliefert sei. Zentrales Thema seiner Werke ist eben diese Unsicherheit des Menschen in einer „gebrechlichen“ Welt.[2] Ein anderes Thema, jedoch mit dem zentralen Thema verknüpft, ist die Suche nach einem unmittelbaren und vollständigen Ausdruck der Seele bzw. des Ichs.

In seinem Aufsatz „Über das Marionettentheater“ beschreibt Kleist die bewusstlose, unreflektierte Grazie bzw. Bewegung des Körpers als einen unmittelbaren und vollständigen Ausdruck der Seele. Wer hingegen über seine Bewegungen reflektiert, trennt somit den Körper von der Seele; die Körperlichkeit ist dann lediglich ein auf die Seele verweisendes Zeichen.[3] Vom sportlichen Bewegen ist dies bekannt: Werden Bewegungen ohne nachzudenken und spontan ausgeführt, so sind sie in den meisten Fällen gelungener als solche Bewegungen, über die vorher lange `nachgegrübelt´ wurde. Ähnlich ist es mit der Sprache: Kleist sucht nach einer Sprache bzw. „nach einer kommunikativen Rede, die das Ich unmittelbar und vollständig ausdrückt“.[4] Bei seinen Betrachtungen erkennt er, dass die Sprache dies im Paradigma des traditionellen Sprach- bzw. Kommunikationsmodells nicht leisten kann. Grund dafür ist die für das Kommunikationsmodell charakteristische Trennung zwischen Denken und Sprechen. Diese Trennung ist im 18. Jahrhundert philosophisches Allgemeingut, wie der Anfang des Artikels „Sprache“ aus Zedlers Universallexikon von 1745 mit seiner Unterscheidung zwischen „Stimme“ (Sprache) und „Gedancken“ (Denken) belegt: „Das Wort Sprache hat zweyerley Bedeutung: Einmahl wird dadurch verstanden das Vermögen, welches der Mensch hat, seine Gedancken durch eine vernehmliche Stimme zu erkennen zu geben [...Und andererseits] bedeutet es die vernehmliche Stimme selbst, durch welche ein Mensch dem andern seine Gedancken mittheilet [...].“[5] Da Sprache der reflektierte Ausdruck von beim Sprechen schon `geronnener´ Gedanken ist, kann sie nicht direkt und vollständig die Seele ausdrücken und trägt aufgrund dieser Eigenschaft dazu bei, dass die „gebrechliche Einrichtung der Welt“[6] bestehen bleibt. Jederzeit muss man der Sprache misstrauen und fürchten, von seinem Gegenüber nicht verstanden zu werden.

In den traditionellen Ansichten über Sprache wird sie als Kommunikationssystem gesehen, welches zur Übermittlung von Informationen dient. Dabei spielen – in moderner Terminologie – die Begriffe `Sprecher´, `Hörer´, `Ausdruck´ (Code) und `Inhalt´ (Message) eine zentrale Rolle: Bevor der Sprecher eine Äußerung tätigt, steht das, was er sagen will, der Ausdruck, schon fest; die `fertigen´ Gedanken (die Inhalte) werden von Sprecher zu Hörer übermittelt. Die Sprache ist in diesem Zusammenhang von den Gedanken getrennt, und dies kann Missverständnisse und Unwahrheit hervorrufen.

Im Aufsatz „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden“ – allein der Titel kündigt schon eine neue Betrachtungsweise an – beschreibt Kleist ein alternatives Modell zur Betrachtung von Sprache. Er entwickelt dieses Modell, indem er das traditionelle Kommunikationsmodell negiert: er schreibt nicht „über die allmähliche Verfertigung des Redens beim Denken, sondern über die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Reden“.[7]

Indem er „die Prinzipien wahrheitserhaltender Kommunikation entwickelt“[8], versucht Kleist zu erreichen, die Sprache als unmittelbaren und vollständigen Ausdruck der Seele bzw. des Ichs darzustellen und somit verlässlicher in einer sonst nicht verlässlichen Welt zu machen. Im Folgenden sollen die Prinzipien der Verfertigung der Gedanken beim Reden dargestellt werden.

Weil Kleist, um sein Modell zu beschreiben, des traditionellen Kommunikationsmodells bedarf, sind in seinem Aufsatz immer beide Modelle präsent. Dies ist schon im ersten Satz zu erkennen; die Grundstrukturen der beiden Modelle werden durch die Begriffe „Meditation“ und „Sprechen“ sichtbar.[9] „Meditation“ steht für das traditionelle Modell; „Sprechen“, womit unbedingt das laute Sprechen gemeint ist, steht für das Kleist´sche Modell.

Um etwas zu erfahren, sollte man laut Kleist also mit einem anderen Menschen darüber sprechen. Doch sollte man diesen Menschen nicht befragen, wie es im traditionellen Modell der Fall wäre, sondern ihm/ihr von den Dingen erzählen, die einen beschäftigen. Im Gegensatz zum traditionellen Modell braucht der/die Andere im Kontext des alternativen Modells „nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein“[10], da er/sie nicht belehren soll; das Belehren ist einem selbst überlassen. Es soll in der Absicht, sich selbst zu belehren, gesprochen werden. Dem Wort „Belehren“ wird hier ein doppelter Sinn zugesprochen: „In traditioneller Auffassung bedeutet es Mitteilen von Wissen als Resultat des Denkprozesses („andere belehren“), im Kleist´schen Modell als „sich belehren“ den Prozeß der lauten Gedankenproduktion selbst im nicht fragend-belehrenden Erzählen.“[11]

Nachdem beide Modelle antithetisch gegenübergestellt wurden, wird das Kleist´sche Modell nun näher erläutert. Indem er eine frz. Formel aus dem Bereich des Essens – „l´appétit vient en mangeant“ (`Der Appetit kommt beim Essen´) – modifiziert, er sagt „l´idée vient en parlant“ (`Der Gedanke kommt beim Reden´), formuliert er die Hauptthese seiner Abhandlung.[12] In einigen Fällen werden die von Kleist beschriebenen Prinzipien im Text selbst dargestellt; so auch in folgendem Satz: „Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären.“[13] Das Wort „Bestreben“ schildert den Prozess der Gedankenverfertigung, der eingeschobene Nebensatz steht für den Verlauf dieses Prozesses, der `fertige´ Gedanke ist „sich aufzuklären“.[14] Kleist beschreibt sein Vorgehen, wenn er etwas wissen bzw. erfahren will. Er erzählt das, was ihn beschäftigt, seiner Schwester, die ihm beim Hervorbringen seiner Gedanken nicht hilft; weder fragt sie ihn, noch sagt sie ihm, was er wissen will, denn „sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kästner studiert.“[15] Der Meditation – „stundenlanges Brüten“[16] als anderer Ausdruck dafür – wird das laute Reden mit der Schwester gegenübergestellt. Es wird hervorgehoben, dass Kleist nicht an einen Dialog mit ihr denkt; sie redet nicht mit ihm, hört ihm nur zu und ist nebenher mit anderen Dingen beschäftigt. Eine der Voraussetzungen für eine „Verfertigung der Gedanken beim Reden“ ist eine „dunkle Vorstellung“[17] von dem, was gesucht wird. Dabei ist es nicht von Bedeutung, wie dunkel und verworren die `Ausgangsgedanken´ sind, man muss nur den Mut haben, um „dreist damit den Anfang [zu] mache[n]“.[18] Dieser Mut ist eine weitere Voraussetzung. Außerdem sind die äußeren Umstände (z.B. die Gegenwart und die Gestik und Mimik der Schwester) wichtig, um die daraus resultierende Erregung des Gemüts herbeizuführen. Mit `Erregung des Gemüts´ ist die Motivation, mit dem Reden zu beginnen, gemeint. In der Beschreibung des zwischen „dunklem“ Anfang und „deutlichem“ Ende liegenden Erkenntnisprozesses tauchen drei zentrale Begriffe auf: Ich, Gemüt und Rede. Wieder wird durch den Satzbau der zu beschreibende Prozess der Gedankenverfertigung beim Reden verdeutlicht: Zunächst hat das „Ich“ eine „dunkle Vorstellung“ von dem, was gesucht wird; aufgrund der genannten Voraussetzungen beginnt das „Ich“ mit der Rede. Der fortschreitende Prozess wird bestimmt durch die Begriffe „Gemüt“ und „Rede“.[19] Dieser `Gemüts-Mechanismus´ lässt den Redenden mit der Rede fortfahren. Um Zeit für die Verfertigung der Gedanken zu gewinnen, werden „Kunstgriffe“ wie z.B. die Beimischung von unartikulierten Tönen angewandt. Während die Rede fortschreitet, „prägt ... das Gemüt ... jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus“.[20] Denk- und Redeprozess verlaufen gleichzeitig und sind ebenfalls gleichzeitig „mit der Periode fertig“.[21]

[...]


[1] vgl. Hohoff, S.32f. „Man hat sogar gezweifelt, ob es wirklich ein `Kant-Erlebnis´ gewesen sei, das Kleist schildert. Ernst Cassirer (`Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie´. Berlin 1919) vertrat die These, Kleist habe Kant nur aus zweiter Hand gekannt, und nicht Kant, sondern Fichte gelesen.“

[2] Klöckner, S.148. „Die Unsicherheit des Menschen in einer `gebrechlichen´ Welt wurde zum zentralen Thema seiner Werke, die fast ausschließlich in den fünf letzten Lebensjahren entstanden und zu des Dichters Lebzeiten kaum Beachtung fanden.“

[3] vgl. Kleist: Über das Marionettentheater, S.560. „Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet.“

[4] Strub, S.277.

[5] Zedler, S.400.

[6] Klöckner, S.147.

[7] Strub, S.279.

[8] ebd., S.278.

[9] vgl. ebd., S.279

[10] Kleist: Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden [im Folgenden angegeben als: Verfertigung], S.534.

[11] Strub, S.280.

[12] vgl. ebd.

[13] Kleist: Verfertigung, S.535.

[14] vgl. Strub, S.281.

[15] Kleist: Verfertigung, S.535.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] vgl. Strub, S.282.

[20] Kleist: Verfertigung, S.535.

[21] ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
'Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden' in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug"
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V31976
ISBN (eBook)
9783638328326
ISBN (Buch)
9783638778534
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verfertigung, Gedanken, Reden, Heinrich, Kleists, Krug
Arbeit zitieren
Holger Vos (Autor), 2001, 'Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden' in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31976

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