Auf welche Weise entstehen die Gedanken und welche Rolle spielt die mündliche Rede in diesem Zusammenhang?
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts beschäftigte sich Heinrich von Kleist (1777-1811) mit dieser Thematik; er entwickelte in seinem Aufsatz „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden“ völlig neue Ansichten über Sprache, Denken und die Entstehung von Gedanken. Damit stellte er die traditionellen Ansichten und Vorstellungen über Sprache und Denken in Frage. In dieser Hausarbeit sollen beide Modelle – das Kleist´sche und das traditionelle Modell – gegenübergestellt und ihre wesentlichen Merkmale dargestellt werden; dabei wird seine Abhandlung über die Gedankenverfertigung beim Reden mit Kleists Leben und seinem Gesamtwerk in Beziehung gesetzt. Weiterhin soll geklärt werden, welche Konsequenzen die jeweiligen Modelle für Sprache im Allgemeinen und auch für die Literatur haben.
Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit es Kleist gelingt, sein Modell der Gedankenverfertigung beim Reden in seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ anzuwenden und darzustellen.
Könnte die Figur des Dorfrichters Adam die dramentechnische Umsetzung des Kleist´schen Modells sein?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Worte und Fragestellung
2. Denken beim Reden – Reden vor dem Denken
3. Die Gedankenverfertigung in Kleists „Der zerbrochne Krug“
4. Zusammenfassender Schluss
Zielsetzung und Forschungsfokus
Die vorliegende Arbeit untersucht das von Heinrich von Kleist entwickelte Modell der „Gedankenverfertigung beim Reden“ und setzt es in Kontrast zum traditionellen, dualistischen Kommunikationsmodell. Dabei wird analysiert, wie Kleist die Interdependenz von Denken und Sprechen konzipiert und inwiefern sich dieses theoretische Modell auf die literarische Gestaltung, insbesondere auf die Figur des Dorfrichters Adam in „Der zerbrochne Krug“, anwenden lässt.
- Gegenüberstellung des traditionellen Sprachmodells und Kleists Konzeption der „Gedankenverfertigung beim Reden“.
- Analyse der Rolle von „äußeren Umständen“ und „Gemütsbewegungen“ für den Erkenntnisprozess.
- Untersuchung der sprachlichen Fehlleistungen als Ausdruck eines inneren Konflikts zwischen bewusster Lüge und unbewusster Wahrheit.
- Evaluierung der dramentechnischen Umsetzung des Kleist’schen Modells anhand der Figur des Adam.
- Reflexion über die Konsequenzen dieser Modelle für das Verständnis von Sprache, Literatur und zwischenmenschlicher Kommunikation.
Auszug aus dem Buch
Die Gedankenverfertigung in Kleists „Der zerbrochne Krug“
In seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ lassen sich sowohl Kleists Modell als auch das traditionelle Modell wiederfinden. Während Schreiber Licht eher für das traditionelle Kommunikationsmodell steht, repräsentiert Dorfrichter Adam das Kleist´sche Transformationsmodell der Sprache.
Die Denk- und Sprechweise Lichts ist berechnend und ahnend – mit Kalkül wählt er seine Worte. Dies ist schon im 1. Auftritt erkennbar: „Ihr stammt von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der Dinge fiel, / Und wegen seines Falls berühmt geworden; / Ihr seid doch nicht –?“ Licht ahnt, dass Adam `etwas angestellt´ hat und stellt fortan ahnungsvolle Fragen und macht andeutende Kommentare wie beispielsweise folgenden: „Ihr glaubtet wohl, es war ein Degen?“ Um so etwas zu sagen, muss der Schreiber vorher nachdenken; er muss abwägen, was er sagen kann und was nicht. Diese vorhergehende „Meditation“ muss definitiv vor der Rede geschehen. Tendenziell sind ein Großteil der Äußerungen Lichts lediglich Ausdrücke der `geronnenen´ Gedanken, welche im vorhergehenden Denkprozess entstanden sind.
Dorfrichter Adam hingegen stellt das Kleist´sche Modell dar; dies bedeutet, dass er Sprache als etwas versteht, das man ohne Skrupel zur Manipulation von anderen Menschen verwenden kann. So hat er es auch mit Eve getan: Um sich Zärtlichkeiten von ihr zu `verschaffen´, ersinnt er eine Intrige – dabei spielen Wahrheit oder Lüge keine Rolle für ihn; beides lässt sich für seine Zwecke verändern. Adam erzählt Eve, dass ihr Verlobter Ruprecht im Rahmen des Militärdienstes ins Ausland müsse und möglicherweise nicht wiederkehre. Gegen eine `Gefälligkeit´ will Adam den Ruprecht vom Militärdienst befreien. Als Adam Eve das für sie glaubwürdige – jedoch gefälschte – Formular geben will, wird er zudringlich; Eve wehrt sich, Ruprecht taucht auf und im darauffolgenden Kampf zwischen ihm und Adam, wobei Adam unerkannt bleibt, wird der Krug zerbrochen, um welchen es im dann folgenden Prozess gehen wird. Mithilfe verschiedenster Lügen, Bluffs und Ablenkungsmanöver versteht Adam es, von seiner Schuld abzulenken und sie zu verschleiern. Fast gelingt es ihm, doch am Ende wird er als Schuldiger entlarvt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Worte und Fragestellung: Das Kapitel führt in die Thematik ein, stellt das traditionelle und das Kleist'sche Kommunikationsmodell vor und formuliert das Ziel der Untersuchung anhand des Dramas „Der zerbrochne Krug“.
2. Denken beim Reden – Reden vor dem Denken: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Modelle erörtert, wobei der Fokus auf dem Gegensatz zwischen bewusster Reflexion (Meditation) und unmittelbarem, assoziativem Sprechen liegt.
3. Die Gedankenverfertigung in Kleists „Der zerbrochne Krug“: In diesem Hauptteil wird das Kleist'sche Modell auf die Dramenfiguren angewendet, wobei die Figur des Adam als Beispiel für manipulative Gedankenverfertigung und sprachliche Fehlleistungen dient.
4. Zusammenfassender Schluss: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert für eine differenzierte Sichtweise, in der beide Kommunikationsmodelle je nach Kontext ihre Berechtigung haben können.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Gedankenverfertigung, Der zerbrochne Krug, Sprachmodell, Kommunikation, Denken, Sprechen, Dorfrichter Adam, Assoziation, Fehlleistung, Wahrheitsfindung, Dramentheorie, Bewusstsein, Unterbewusstsein, Manipulation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Aufsatz über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden und dessen Anwendung auf das Lustspiel „Der zerbrochne Krug“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sprache und Denken, die Dynamik von Kommunikationsprozessen sowie die Darstellung menschlicher Unsicherheit in einer „gebrechlichen Welt“.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, das Kleist'sche Modell der „Gedankenverfertigung beim Reden“ dem traditionellen Modell gegenüberzustellen und zu prüfen, ob die Figur des Dorfrichters Adam eine gelungene dramentechnische Umsetzung dieses Konzepts darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine komparative Literaturanalyse, bei der theoretische Schriften des Autors mit dessen literarischem Werk und dem historischen Kontext (Kant/Fichte) in Beziehung gesetzt werden.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Antithetik von Meditation und Sprechen, den psychologischen Bedingungen für den Redefluss (äußere Umstände/Gemütsbewegung) und der Analyse der Figur des Adam als manipulativen Redners.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Untersuchung am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gedankenverfertigung, Sprachmodell, assoziatives Denken, Fehlleistung und Kleist'sche Transformationsmodell charakterisiert.
Inwiefern stellt der Dorfrichter Adam ein besonderes Beispiel für Kleists Sprachtheorie dar?
Adam verkörpert das Modell der Gedankenverfertigung beim Reden besonders durch seine spontane Lügenproduktion, zeigt aber gleichzeitig die Gefahren dieses Modells auf, da seine Rede nicht wahrheitserhaltend ist.
Was genau sind die „sprachlichen Fehlleistungen“, die der Dorfrichter Adam begeht?
Es handelt sich um unbewusste Versprecher, in denen die Wahrheit durch die Fassade der Lügen bricht, was auf den inneren Konflikt zwischen bewusster Täuschung und unbewusstem Wahrheitsdrang hindeutet.
- Quote paper
- Holger Vos (Author), 2001, 'Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden' in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31976