Eigenständigkeit, Lernentwicklungsbericht und Kompetenz - Momente eines 'anderen' Unterrichts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
13 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gardner und Eigenständigkeit
2.1. Gardners Kritik an Schule
2.2. Gardners Verbesserungsvorschläge
2.3. Die Prinzipien der Eigenständigkeit

3. Unterricht mit Eigenständigkeit und LEB
3.1. Ein `anderer´ Unterricht
3.2. Sich gegenseitig erfordernd: LEB und Eigenständigkeit

4. Fazit

1. Einleitung

Nicht erst seit PISA wurde Schule kritisiert und es wurden Verbesserungsvorschläge gemacht. Doch nach PISA und anderen Tests wurden Rufe nach einem `anderen´ Unterricht, nach einer `anderen´ Schule laut. Der amerikanische Psychologe H. Gardner kritisiert die Schule auf Grund von psychologischen Tests und darauf bezogenen Theorien und formuliert die provokante These, dass die Schule in den meisten Fällen versagen würde – auch dort, wo sie erfolgreich zu sein scheine.[1]

Da Deutschland und die USA im internationalen Vergleich relativ ähnliche Ergebnisse zeigten – beide Länder waren zumeist im Mittelfeld[2] –, können wir schließen, dass Gardners Theorie und Schlussfolgerungen auch für deutsche Schulen gelten können. Der Kern seiner Verbesserungsvorschläge ist die Forderung nach dem sog. selbstregulierten Lernen, wie auch das Deutsche PISA-Konsortium die Eigenständigkeit und Reflexivität beim Lernprozess als bedeutsam erachtet.

Doch wie soll ein Unterricht aussehen, der dieser Forderung nachzukommen hat, und wie eine Schule, in der ein solcher Unterricht stattfinden soll? Was tun die Schüler in diesem Unterricht, und was die Lehrperson? Welche Kompetenzen benötigen sie? Unabdingbar scheint ein didaktisches Modell, das den Aspekten der Eigenständigkeit genüge leistet. Eigenständiges bzw. selbstreguliertes Lernen bedeutet auch individuelles Lernen – wie plant die Lehrperson den Unterricht für 25 Schüler, die individuell gefördert werden sollen? Und wie beurteilt sie die Leistungen? Die Lernentwicklungsberichte erweisen sich nun als hilfreiche Werkzeuge.

Die vorliegende Ausarbeitung versucht, eine Skizze eines Unterrichts zu entwerfen, der `anders´ ist, der womöglich den aktuellen Forderungen entspricht. Es wird sich zeigen, dass das Moment der Eigenständigkeit für den Unterricht und für das Lernen sehr wichtig ist und dass Lernentwicklungsberichte (im folgenden kurz LEB genannt) und Eigenständigkeit sich gegenseitig erfordern. Nachdem Gardners Kritik und seine Theorie erläutert worden sind, sollen Bestandteile seines Schulkonzeptes vorgestellt werden, allen voran das unterrichtliche Setting des Lehrlingsverhältnisses. Dann soll aufgezeigt werden, auf welche Weise der Unterricht im Sinne der Eigenständigkeit geplant werden soll. Die LEB spielen hierbei eine bedeutsame Rolle.

2. Gardner und Eigenständigkeit

Die Kernüberlegung, die der Schulkonzeption von Howard Gardner zu Grunde liegt, ist die, dass Eigenständigkeit zu einem besseren Verständnis führt. Dies sei im Folgenden kurz skizziert.

2.1. Gardners Kritik an Schule

Wie bereits erwähnt, ist Gardner ein Psychologe. Kommend von seiner Profession übt er Kritik an der Schule. Selbige gründet sich auf seinen Forschungen zur Intelligenz sowie zum Verständnis. So behauptet er, „daß alle Menschen auf mindestens sieben Arten fähig sind, die Welt zu erfahren – Arten, die ich an anderer Stelle die sieben menschlichen Intelligenzen genannt habe.“[3] Mit Intelligenz ist hier die Art und Weise gemeint, wie ein Mensch Erfahrungen mit der Umwelt macht und Informationen über sie sammelt. Der Mensch kann mit Hilfe der Sprache, mit logisch-mathematischen Verfahrensweisen, mit räumlicher Vorstellung, mit musikalischem Denken, mit Hilfe des eigenen Körpers, mit anderen Personen oder durch das eigene Ich etwas über die Welt erfahren.[4]

Die `traditionelle´ Schule (also vorwiegend lehrerzentriert, Frontalunterricht, irrige Annahme von Homogenität der Lerngruppe) beansprucht vorwiegend die beiden ersten Typen von Intelligenz: die linguistische und die logisch-mathematische. Andere, besonders die musischen Intelligenztypen, werden meist nicht beachtet. Jedoch scheint sich für den Typ der kinästhetischen Intelligenz etwas getan zu haben, schaut man sich die einschlägige Literatur zur sog. Bewegten Schule an. Man sieht hier nicht nur bewegungspädagogische Vorteile, sondern man nimmt auch an, dass bewegtes Lernen bzw. Lernen mit Hilfe des eigenen Körpers zu besserem Verständnis führt. Die Begründungen der Befürworter der Bewegten Schule sind mit Gardners Theorie kompatibel und gehen auf die Philanthropen zurück; schon Pestalozzi nannte die Hand (also den Körper, neben Kopf und Herz) als ein `Werkzeug´ des Lernens.

Im Hinblick auf diesen Intelligenzbegriff unterscheiden sich nun die Menschen, dergestalt, dass jeder ein individuelles „Profil der Intelligenzen“ besitzt.[5] Bei einem Menschen beispielsweise ist die musikalische Intelligenz besonders ausgeprägt, beim anderen die räumliche. Kommen diese beiden Menschen nun in die Schule, wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie Probleme bekommen, größer sein als bei einem anderen Menschen, dessen sprachliche Intelligenz sehr stark ausgeprägt ist: Diese beiden werden, so Gardners Theorie, kein echtes Verständnis von den meisten Fächern bekommen, da eben die meisten Fächer sprachlich vermittelt sind.

Nun zur Differenzierung der Lerntypen (bzw. Verständnisarten) nach Gardner:

Zunächst ist da der intuitive Lerntyp, der ein intuitives bzw. konventionelles Verständnis zeigt. Dieser Lerntyp, das kleine Kind, ist begabt – auf Grund von genetischen Determinanten – zum Sprachenlernen sowie zum Erlernen anderer Symbolsysteme und besitzt evolutionär bedingte Theorien über sich und die Umwelt. Diese Theorien sind naiv, aber ausbaufähig, und sie sind nur mit Anstrengung zu überwinden.

Der schulische Lerntyp, also im `Teenageralter´, ist hauptsächlich darum bemüht, dem institutionell bedingten sog. `geheimen Lehrplan´ zu entsprechen, d.h. er lernt die Regeln der Schule kennen, verinnerlicht diese und gibt mechanische Leistungen. Ein solches mechanisches bzw. ritualisiertes Leistungsverhalten ist z.B. das Lernen für eine Arbeit, worauf ein mechanisches Verständnis des Gelernten folgt, was meist nach der Arbeit wieder vergessen wird. Ein echtes Verständnis stellt sich hier nicht ein, da es im Rahmen der schulischen Institution auch nicht wichtig ist.

Der Lernexperte besitzt ein echtes bzw. „fachliches Verständnis“ von dem, was er sich erarbeitet hat.[6] Diese „voll ausgebildete Person“ ist ein Individuum beliebigen Alters, das sich die Fertigkeiten und Prinzipien eines oder mehrerer Fächer angeeignet hat.[7] Ein Lernexperte kann sein erworbenes Wissen auch in anderen und neuen Zusammenhängen anwenden; das wirkliche Verständnis versetzt ihn in die Lage, mit seinem Wissen arbeiten zu können.[8]

Gardner kritisiert die Schule massiv, indem er behauptet, die Schule versage in den meisten Fällen – auch dort, wo sie erfolgreich zu sein scheine. Nun können wir diesen Satz besser nachvollziehen: Auf Grund der institutionellen Bedingungen sowie wegen der schwerpunktmäßigen Förderung der sprachlichen und logisch-mathematischen Intelligenzen ist es nahezu kein Schüler, der echtes Verständnis von den schulischen Inhalten hat. Zahlreiche Schüler erwerben mechanisches Verständnis in ihrer Schulzeit, und außerhalb des Klassenraumes legen sie oft ein intuitives Verständnis an den Tag.[9]

Weiter bemerkt Gardner, dass die einzelnen Lerntypen nicht entwicklungsbedingt ineinander übergehen, sondern dass zwischen ihnen Klüfte existieren, die ein großes pädagogisches Problem darstellen.[10]

Das angestrebte Ziel ist leicht nachvollziehbar: Möglichst alle Schüler sollen die Lerninhalte wirklich verstehen, also ein echtes Verständnis, wie die Lernexperten, zeigen. Die Eigenständigkeit und Reflexivität der Schüler spielt hierbei eine wichtige Rolle.

2.2. Gardners Verbesserungsvorschläge

Die folgenden methodischen Bestandteile eines Gardner´schen Schulkonzeptes muten praxeologisch an, sind jedoch, wie gezeigt, von einer lernpsychologischen Theorie abgeleitet.

Ein prägendes Merkmal ist die Überzeugung aller an der Schule Beteiligten, dass die verschiedenen Intelligenzen der Schüler täglich gefördert bzw. angesprochen werden sollten. Gardner spricht hier von „multiple intelligences“.[11]

Auch die weiteren Merkmale des Gardner´schen Konzeptes sind darauf ausgelegt, in der schulischen Ausbildung echtes Verständnis zu erzeugen. In einem an das althergebrachte Lehrlingswesen erinnernde Setting erlernen Schüler von einem Experten ein bestimmtes Fach oder Handwerk. Da es sich bei diesem Setting um eine altersheterogene Gruppe handelt, „haben alle Schüler Gelegenheit, sich mit einer Tätigkeit zu befassen, die ihrem eigenen Wissensniveau entspricht, und mit einer Geschwindigkeit fortzuschreiten, die ihnen angenehm ist.“[12] Aufgaben und Lerntempo sind also individuell bestimmbar. Die Schüler arbeiten mit einem Experten des jeweiligen Faches zusammen und können so diesem bei seiner Arbeit zuschauen.[13]

[...]


[1] Vgl. Gardner, 15.

[2] Vgl. Deutsches PISA-Konsortium, 107.

[3] Gardner, 25.

[4] Vgl. ebd., 25f.

[5] Ebd., 26.

[6] Gardner, 29.

[7] Ebd., 19.

[8] Vgl. ebd., 19 + 29.

[9] Vgl. Gardner, 17.

[10] Vgl. ebd., 23.

[11] Ebd., 267.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Eigenständigkeit, Lernentwicklungsbericht und Kompetenz - Momente eines 'anderen' Unterrichts
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V31977
ISBN (eBook)
9783638328333
ISBN (Buch)
9783638778541
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eigenständigkeit, Lernentwicklungsbericht, Kompetenz, Momente, Unterrichts
Arbeit zitieren
Holger Vos (Autor), 2003, Eigenständigkeit, Lernentwicklungsbericht und Kompetenz - Momente eines 'anderen' Unterrichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31977

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