Wir arbeiten gemeinsam. Ein Konzept zur Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
38 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung
1.1 Allgemeine Einleitung
1.2 Begründung der Themenwahl
1.3 Formulierung der Fragestellung
1.4 Eingrenzung des Themas
1.5 Ziele
1.6 Kriterien und Indikatoren
1.7 Bezug zu den Richtlinien und Lehrplänen
1.8 Aufbau der Hausarbeit

2.Theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Begriffsklärung
2.2 Gründe für das Kooperative Lernen
2.3 Ziele des Kooperativen Lernens
2.4 Fünf Basiselemente des Kooperativen Lernens
2.5 Rolle der Lehrkräfte im kooperativen Unterricht

3.Durchführung
3.1 Analyse der Ausgangslage
3.1.1 Bemerkungen zur Lerngruppe
3.1.2 Beobachtungen zur Lerngruppe
3.1.3 Einstellung der Schülerinnen und Schüler zum Kooperativen Lernen
3.2 Mögliche Risiken- und Chancenbetrachtung
3.3 „Auf dem Weg zum Kooperativen Lernen“
3.3.1 Auseinandersetzung mit dem Konzept des Kooperativen Lernens
3.3.2 Themenauswahl und -begründung
3.3.3 Methodenauswahl und -begründung
3.3.4 Planung der Unterrichtsreihe
3.3.5 Einführung in der Klasse

4.Reflexion
4.1 Erfahrungen mit den Methoden
4.2 Darstellung der Ergebnisse
4.2.1 Eigene Einschätzung
4.2.2 „Fremdeinschätzung“
4.2.3 Einstellung der Schülerinnen und Schüler zum Kooperativen Lernen
4.3 Reflexion der eigenen Lehrerrolle
4.4 Aufzeigen der Lehrerfunktionen
4.5 Zusammenfassende Wertung
4.6 Ausblick

5.Literaturverzeichnis

6.Internetquellenverzeichnis

7.Anhang

1. Einführung

1.1 Allgemeine Einleitung

Die Fähigkeit zur Kooperation und Zusammenarbeit mit anderen spielen in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle. Egal ob im Beruf oder in zwischenmenschlichen Beziehungen, überall kommt es auf die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit des Einzelnen an. Wer es gelernt hat, angemessen mit anderen zu kommunizieren und zu kooperieren, erspart sich so manche Probleme. Daher können Kompetenzen in diesen Bereichen gar nicht früh genug aufgebaut, gefördert und ausgebaut werden. Denn „früh übt sich“ bekanntlich. Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Hausarbeit mit der Anbahnung kooperativer Arbeitsweise in einem ersten Schuljahr.

1.2 Begründung der Themenwahl

Ich habe als Thema meiner Hausarbeit zur Erlangung der Zweiten Staatsprüfung für das Lehramt die Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr gewählt, da ich im Rahmen des bedarfsdeckenden Unterrichts den Deutschunterricht in einem ersten Schuljahr gebe und den Schülerinnen und Schülern dieser Klasse kooperative Arbeitsweisen weitgehend fremd und unbekannt waren. Die Kinder hatten in ihren ersten Monaten an der Schule ganz gelegentlich mit einem Partner gearbeitet, aber kooperative Arbeitsweisen waren ihnen fremd. Da aber gerade in unserer heutigen Gesellschaft die Kooperation mit anderen zu einer Schlüsselqualifikation geworden ist, war es mir ein Anliegen, mich gemeinsam mit den Erstklässlern „auf den Weg“ zum kooperativen Arbeiten und Lernen zu machen, um sie bereits früh an die Zusammenarbeit mit anderen heranzuführen, daran zu gewöhnen und ihnen die Vorteile, die das gemeinsame Arbeiten und Lernen bietet, aufzuzeigen. Bereits für Kinder in der Schuleingangsstufe ist es sinnvoll und vorteilhaft, wenn sie in Kooperation mit anderen Lernen. Gründe für das Arbeiten und Lernen in kooperativen Arbeitsweisen lassen sich aus den beiden „Hauptzielen“ des Kooperativen Lernens ableiten: Die höhere Qualität fachlicher Bildung und die Herausbildung sozialen Kompetenzen.1 Ausgehend von diesen Zielen dürfte klar sein, warum die Anbahnung kooperativer Arbeitsformen bereits in einem ersten Schuljahr notwendig ist.

1.3 Formulierung der Fragestellung

Die Fragestellung, die hinter dieser Hausarbeit steht, ist Folgende: Wie kann die Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr durchgeführt werden? Welche Schritte müssen von Lehrkräften gegangen werden, die kooperative Arbeitsweisen in einem ersten Schul-jahr einführen wollen?

Auf diese Fragen will das vorliegende Konzept eine Antwort geben und im günstigsten Fall andere Lehrkräfte dabei unterstützen und ihnen eine Möglichkeit aufzeigen, wie kooperative Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr angebahnt werden können.

1.4 Eingrenzung des Themas

Wie bereits aus dem Titel der Arbeit ersichtlich wird, handelt es sich bei dem vorliegenden Konzept ausdrücklich um die Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen. Das bedeutet, dass lediglich der „Beginn des Weges“ der Arbeit in kooperativen Arbeitsformen darstellt wird. Ebenso wichtig ist zu betonen, dass die Arbeit die Anbahnung in einem ersten Schuljahr vorsieht. Die Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen muss in anderen Schuljahren selbst-verständlich anders aussehen. Mit der vorliegenden Arbeit soll jedoch ein Beispiel dafür geliefert werden, wie die Anbahnung in einem ersten Schuljahr aussehen kann. Den möglichen Lesern der Arbeit, die ebenfalls kooperative Arbeitsformen in einer ersten Klasse einführen wollen, möchte die Arbeit einen möglichen Weg aufzeigen und Hilfen an die Hand geben. Anderen möglichen Lesern, die die Einführung in einer anderen Klassenstufe anstreben, kann die Arbeit ebenfalls „kleine“ Hilfen an die Hand geben, welche Schritte bei der Einführung kooperativer Arbeits-weisen zu gehen sind. Eine Übertragung auf ihre jeweilige Lerngruppe und Klassenstufe bleibt aber unumgänglich.

1.5 Ziele

Im Folgenden werden die Ziele, die mit dieser Arbeit verfolgt werden, erläutert.

1. Ziel: Die Kinder lernen erste kooperative Arbeitsweisen2 kennen und beginnen damit mit dem kooperativen Lernen.

Diese Ziel ist das eigentliche „Hauptanliegen und -ziel“ der Arbeit. Es geht darum, dass die Erstklässler kooperative Arbeitsweise kennenlernen. Das beinhaltet, dass die Schülerinnen und Schüler wissen, wie sie sich bei einer bestimmten kooperativen Arbeitsweise zu verhalten haben und worauf sie bei dieser Arbeitsform besonders achten müssen.

2. Ziel: Die sozialen Kompetenzen der Kinder werden gefördert.

Ein weiteres Ziel ist die Förderung der sozialen Kompetenzen3 der Schülerinnen und Schüler. Das Arbeiten in kooperativen Arbeitsweisen setzt ein bestimmtes Mindestmaß an vorhandenen sozialen Kompetenzen voraus4 und ein „Hauptanliegen“ des Kooperativen Lernens ist die Herausbildung sozialer Kompetenzen.5

3. Ziel: Die kommunikativen Kompetenzen der Kinder werden gefördert.

Die Bedeutung der Fähigkeit, mit anderen Menschen „richtig“ und gewinnbringend zu kommunizieren, kann nicht hoch genug bewertet werden. Kommunikation durchdringt sowohl den beruflichen als auch den privaten Bereich. Überall ist das Kommunizieren mit anderen Menschen existentiell wichtig und unerlässlich. Die Kommunikation und der Austausch mit anderen sind für den Menschen lebenswichtig. Daher kann gar nicht früh genug damit begonnen werden, die kommunikativen Fähigkeiten eines Menschen zu fördern. Weil Kommunikation eine sehr wichtige Basis des Kooperativen Lernens ist,6 ist ein Ziel der Arbeit die Förderung der kommunikativen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler.7

4. Ziel: Zwischen den Kindern der Klasse herrscht ein respektvoller Umgang8 miteinander.

Um miteinander arbeiten und lernen zu können, ist es wichtig, dass man sich angenommen und wertgeschätzt fühlt. Meine Arbeitspartner müssen mich als Mensch mit meinen Stärken und Schwächen annehmen, denn nur dann kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stattfinden. Daher ist ein Teilziel der Arbeit, den Kindern zu vermitteln, dass jedes Kind der Klasse wertvoll und einzigartig ist und daher einem jeden Kind Respekt entgegengebracht werden muss.

5. Ziel: Die Kinder erweitern ihre Fähigkeit, ihre eigene Leistung einzuschätzen9. (Selbst-reflexionskompetenz)

Die Bewertung der eigenen Leistungen trägt dazu bei, dass man sich Gedanken macht über die erbrachte Leistung und weitergehend Überlegungen dazu anstellt, wie die eigene Leistung noch verbessert werden kann. Die eigene Leistung wird kritisch reflektiert: Was ist bereits gut gelungen? Was ist vielleicht noch nicht so gut gelungen? Was kann ich das nächste Mal besser machen?10

1.6 Kriterien und Indikatoren

In Tabelle 1 werden Kriterien und Indikatoren aufgeführt, die der Erreichung der Ziele dienen.

Tabelle 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

11 12 13 14 15

1.7 Bezug zu den Richtlinien und Lehrplänen

Dem Arbeiten und Lernen in kooperativen Arbeitsweisen wird auch in den Richtlinien und Lehrplänen eine wichtige Bedeutung zugesprochen. So findet sich im Lehrplan Deutsch folgende Aussage: „Damit Kinder sich sprachlich weiterentwickeln können, muss ein angeregtes und akzeptiertes soziales Miteinander in gegenseitiger Wertschätzung hergestellt werden, in dem kooperative Lernformen ihren festen Platz haben.“16 Kooperative Arbeitsweisen sollen im Unterricht der Grundschule demnach ihren festen Platz haben. Das heißt, dass kooperatives Arbeiten in der Grundschule stattfinden soll.

Auch in den Richtlinien finden sich Aussagen, die auf die Etablierung und den Einsatz von kooperativen Arbeitsformen im Unterricht der Grundschule verweisen. Eine dieser Aussagen sei exemplarisch zitiert: „Der Unterricht fördert die Fähigkeit und die Bereitschaft, das eigene Lernen bewusst und zielgerichtet zu gestalten und mit anderen zusammenzuarbeiten.“17 Die Zusammenarbeit und Kooperation mit anderen, das gemeinsame Lernen und Arbeiten soll laut Richtlinien und Lehrplänen den Kindern also bereits in der Grundschule ermöglicht werden.

1.8 Aufbau der Hausarbeit

Die vorliegende Arbeit lässt sich in vier große „Teile“ gliedern, wobei die einzelnen Teile der Arbeit auch Teile des Konzepts darstellen. Der erste Teil ist die Einführung, der zweite Teil ist der theoretische Bezugsrahmen, der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit der Durchführung und den Abschluss bildet die Reflexion.18

2. Theoretischer Bezugsrahmen

2.1 Begriffsklärung

Im Folgenden erfolgt die Erläuterung wichtiger Begriffe, die im Titel der Arbeit aufgeworfen werden. Zum einen findet sich dort der Begriff „kooperative Arbeitsweisen“. Synonyme für diesen Begriff sind kooperative Arbeits- oder Lernformen.19 Dahinter steht das Konzept des „Kooperativen Lernens“. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Wie im Titel der Arbeit bereits zu lesen ist, geht es beim Kooperativen Lernen um gemeinsame, kooperative Prozesse im Unterricht.20 Das Kooperative Lernen zeichnet sich durch unterschiedlichste Methoden der Partner- und Gruppenarbeit aus, wobei den sozialen Prozessen beim Lernen eine ganz besondere Bedeutung zugesprochen wird.21 Es handelt sich demnach nicht einfach um „normale, herkömmliche Partner- oder Gruppenarbeit“, denn nicht jede Partner- oder Gruppenarbeit ist Kooperatives Lernen22, sondern die drei Schlüsselbegriffe des Kooperativen Lernens sind Kommunikation, Kooperation und Sozialverhalten.23 Die Lernenden treten beim Kooperativen Lernen in Kontakt miteinander, lernen gemeinsam, miteinander, voneinander und sind gemeinsam für das Ergebnis verantwortlich. Die Lernenden werden im kooperativ angelegten Unterricht „aktiver“ als im „herkömmlichen“ Unterricht.24 Entscheidend ist beim Kooperativen Lernen, dass die „fünf Basiselemente“ beachtet werden. Was sich dahinter verbirgt, wird unten Punkt 2.5 erläutert.

Ein weiterer Begriff, der im Titel auftaucht, ist der Begriff „Konzept“. Mit diesem Begriff ist in dem vorliegenden Fall gemeint, dass die Hausarbeit das Ziel hat, einen in sich schlüssigen und begründeten Handlungsentwurf oder Ansatz darzustellen, der zur Bewältigung einer Aufgabe beiträgt.25 In diesem Fall ist die Aufgabe die Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr. Dabei besteht das Konzept in dieser Arbeit aus mehreren Teilen: 1. Einführung, 2. Theoretischer Bezugsrahmen, 3. Durchführung und 4. Reflexion. Auch die Anwendung ist Gegenstand der Hausarbeit.26 Wichtig ist, dass das entwickelte Konzept in der Schule anwendbar, über den Einzelfall hinaus übertragbar ist und auch überprüft wird.27

Ein weiterer Begriff aus dem Titel der Arbeit ist der Begriff „Anbahnung“. Damit soll hervorgehoben werden, dass es sich um den Beginn der Arbeit in kooperativen Arbeitsformen handelt. Die Kinder beginnen kooperativ zu arbeiten, aber jeder, der sich selbst bereits mit seiner Klasse auf den Weg des Kooperativen Lernens gemacht hat, wird zustimmen, dass es sich um einen ersten Schritt auf dem Weg zum kooperativen Arbeiten handelt. Doch bekanntlich beginn jeder Weg mit dem ersten Schritt.

Der Begriff „soziale Kompetenzen“ taucht zwar nicht im Titel auf, hat für diese Arbeit aber eine wichtige Bedeutung. Trotzdem entschied sich die Verfasserin dagegen, diesen Begriff hier zu erläutern, da davon auszugehen ist, dass den möglichen Lesern dieser Begriff bekannt ist. Denjenigen, denen der Begriff nicht ganz klar ist, dürften die weiteren Ausführungen in dieser Arbeit in Bezug auf soziale Kompetenzen dabei helfen, sich dem Begriff zu nähern.

2.2 Gründe für das Kooperative Lernen

Green und Green sehen in dem Kooperativen Lernen eine Antwort auf die Bedürfnisse unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen, sei es im Berufsleben oder in der Familie, eine immer wichtigere Bedeutung bekommt.28 Wer mit anderen zusammenarbeiten und erfolgreich kommunizieren kann, hat es in allen Bereichen leichter und kann erfolgreicher sein. Durch das Kooperative Lernen kann mit dem Ausbau der sozialen Kompetenzen bereits in der Grundschule begonnen werden. Somit kann eines der beiden „Hauptziele“ des Konzepts des Kooperativen Lernens, die Förderung der sozialen Kompetenzen29, auch als Grund für das Kooperative Lernen angeführt werden.

Die konstruktivistische Auffassung des Lernens rückt den aktiven, selbstständig Lernenden in den Mittelpunkt. Die Förderung der Selbstständigkeit der Lernenden wird in den Richtlinien für die Grundschule betont.30 Das Kooperative Lernen führt dazu, dass die Phasen, in denen die Schülerinnen und Schüler selbstständig lernen, länger werden.31 Dabei lernen die Kinder nicht nur „alleine“, sondern in Zusammenarbeit mit anderen, um ihre Fähigkeiten zur Kooperation auszubauen. Das Gemeinsame Lernen mit anderen wird immer notwendiger, da unsere Welt immer anspruchsvoller und komplizierter wird.32 Mit der Förderung sozialer Kompetenzen kann nicht früh genug begonnen werden. Warum nicht auch im kooperativ angelegten Unterricht der Grundschule?

Als ein weiterer Grund für das Kooperative Lernen kann ebenfalls eines der „Hauptziele“ des Kooperativen Lernens herangezogen werden: Die höhere Qualität fachlicher Bildung.33 Forschungsergebnisse bestätigen, dass sich durch das Kooperative Lernen Denkfähigkeiten auf höherem Niveau entwickeln. Die Kinder entwickeln wertvolle Problemlösungs-kompetenzen, indem sie ihre eigenen Ideen formulieren und erläutern, Rückmeldungen dazu erhalten und auf die Kommentare und Fragen eines Partners oder von Gruppenmitgliedern eingehen müssen.34 Auf diese Weise trägt das Kooperative Lernen zum Erwerb und Ausbau von übergreifenden Kompetenzen bei. Übergreifende Kompetenzen werden in konkreten Lernsituationen entwickelt, wenn Schülerinnen und Schüler eigene Lösungen für bestimmte Problemstellungen finden, eigene Lösungswege anderen beschreiben und ihre Ergebnisse präsentieren.35 Die Notwendig-keit, das Konzept des Kooperativen Lernen bereits im Unterricht der Grundschule einzusetzen, sollte mit dem Aufführen dieser bedeutenden Gründe belegt und plausibel sein.

2.3 Ziele des Kooperativen Lernens

Im Folgenden werden die Ziele des Kooperativen Lernens dargestellt. Das Kooperative Lernen hat zwei „Hauptziele“. Das eine ist die höhere Qualität fachlicher Bildung, das andere ist die Herausbildung sozialer Kompetenzen.36 Diesen beiden Hauptzielen folgen eine ganze Reihe anderer Ziele, diese sind: Förderung der Kommunikationsfähigkeit, Entwicklung und Unterstützung einer positiven Lerneinstellung, Förderung der Selbsteinschätzung, Entwicklung des Selbstwertgefühls, Bereitschaft zur Teamarbeit, Toleranz, respektvoller Umgang, Gefühl der Zugehörigkeit, Anwendung von Problemlösungsstrategien und Beherrschen von Lern-strategien.37 Diese Ziele sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: Es handelt es sich um fachliche, soziale, personale und methodische Ziele. Bei Betrachtung der Ziele, die mit dem Kooperativen Lernen angestrebt werden, wird die Bedeutung des Kooperativen Lernens deutlich. Denn wenn das Kooperative Lernen tatsächlich auf diesen vielen unterschiedlichen Ebenen zu Erfolgen führt, was könnte naheliegender sein, als das Kooperative Lernen „auszuprobieren“ und sich selbst ein Bild von seinem Erfolg zu machen?

Norman Green führt in seinem Buch „Kooperatives Lernen im Klassenraum und Kollegium“ auf, dass das Kooperative Lernen bereits seit drei Jahrzehnten erforscht wird. Die unterschiedlichen Forschungsarbeiten bestätigen, dass das Kooperative Lernen tatsächlich „einhält, was es verspricht“.38 Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Wirkung des Kooperativen Lernens erstaunlich ist. Man bedenke, dass das kooperative Lernen bereits mit „relativ“ einfachen Mitteln in den eigenen Unterricht eingebaut und integriert werden kann und damit auf so vielen unterschiedlichen Ebenen Lernerfolge erzielt werden können. Vier Forschungsergebnisse sollen an dieser Stelle aufgeführt werden: Das Kooperative Lernen führt zu einem zunehmenden Leistungsniveau, trägt zu einem wachsenden Selbstwertgefühl bei, erhöht die Akzeptanz und Toleranz von Unterschieden und fördert die Zunahme einer positiven Einstellung zum Lernen.39

2.4 Fünf Basiselemente des Kooperativen Lernens

Das Kooperative Lernen zeichnet sich dadurch aus, dass es auf fünf „Basiselementen“ aufbaut. Wünschenswert ist, dass in einer kooperativ angelegten Unterrichtsstunde möglichst viele dieser Basiselemente verwirklicht werden. Diese fünf Basiselemente sind die Folgenden: Positive Abhängigkeit, individuelle Verantwortlichkeit, soziale Kompetenzen, partnerbezogene Kommu-nikation und Prozessevaluation.40 Doch was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

Zunächst zur positiven Abhängigkeit: Alle Mitglieder einer Gruppe oder beide Partner müssen sich miteinander verbunden fühlen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Zudem muss allen klar sein, dass jeder Einzelne das Ziel erreichen muss.41 Die positive Abhängigkeit lässt sich in neun verschiedene „Abhängigkeitstypen“ unterteilen. Diese werden im Folgenden möglichst kurz und prägnant erläutert.

1.Zielabhängigkeit: Alle verfolgen ein gemeinsames Ziel und dieses Ziel gilt erst dann als erreicht, wenn jedes Mitglied der Gruppe oder des Paares das Ziel erreicht hat.42
2.Belohnungsabhängigkeit: Alle Mitglieder erhalten die gleiche Belohnung, wenn alle das Ziel erreichen.43
3.Abhängigkeit von äußeren Einflüssen: Die verschiedenen Paare oder Gruppen befinden sich in einem Wettstreit untereinander oder mit den früheren Leistungen von anderen.44
4.Reihenfolgeabhängigkeit: Die Gesamtaufgabe wird in einzelnen Arbeitsschritten gelöst und nur die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge an Arbeitsschritten führt zum gewünschten Ziel.45
5.Abhängigkeit von der Umgebung: Die Paare oder Gruppen sind „räumlich“ miteinander verbunden, dass heißt, sie sitzen nebeneinander.46
6.Rollenabhängigkeit: Die Gruppenmitglieder bekommen für die Dauer der Gruppenarbeit unterschiedliche Rolle zugewiesen. Dies können Rollen sein, die den Arbeitsprozess unterstützen wie Leser, Schreiber oder Materialmanager oder auch Rollen, die den Kooperationsprozess innerhalb der Gruppe fördern sollen wie Ermutiger oder Lobender.47
7.Identitätsabhängigkeit: Diese Abhängigkeit kann dadurch realisiert werden, dass sich das Paar oder die Gruppe für einen gemeinsamen Namen, einen Schlachtruf oder ähnliches entscheidet.48
8.Materialabhängigkeit: Die Abhängigkeit der Gruppenmitglieder zeigt sich dadurch, dass nur ein Satz an Material pro Gruppe oder Paar zur Verfügung gestellt wird. Die Gruppenmitglieder „können“ also beinah nicht anders, als zusammenzuarbeiten.49
9.Simulationsabhängigkeit: Das Paar oder die Gruppe bearbeitet hypothetische Situationen, um in diesen fiktiven Situationen ihre Verbundenheit und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu demonstrieren.50 Diese aufgeführten neun Bereiche dienen dazu, die eine Basis des Kooperativen Lernens, die positive Abhängigkeit, zu erzeugen.51

Nun zu einer weiteren Basis, die wesentlich kürzer dargestellt werden kann: Die individuelle Verantwortlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sich jedes Teammitglied für das Erreichen des gemeinsamen Zieles verantwortlich fühlt und mit all seinen Kompetenzen zur Erreichung diese Zieles beiträgt.52 Die individuelle Verantwortlichkeit soll also dem „Ausklinken“ oder Zurückziehen von Gruppenmitgliedern entgegenwirken.

Eine weitere Basis des Kooperativen Lernens ist die partnerbezogene Kommunikation. Die Kommunikation mit anderen wird dadurch gefördert und möglich gemacht, dass die Gruppe oder das Paar so sitzt, dass man sich anschauen kann und gemeinsam Zugriff auf die Arbeitmaterialien hat.53 Wenn die „Rahmenbedingungen“ ungünstig sind, dann kann die Kommunikation zwischen zwei oder mehr Kommunikationspartnern auch nicht so gut gelingen. Außerdem kann der kommunikationsfreundliche Arbeitsplatz einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Lautstärke während der Partner- und Gruppenarbeit nicht überhand nimmt.54

Auch die Förderung der sozialen Kompetenzen ist eine Basis des Kooperativen Lernens und zugleich eines der beiden Hauptziele.55 In einer kooperativ angelegten Unterrichtsstunde sollte die Förderung der sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler immer eine wichtige Rolle spielen. Das Einhalten von bestimmten sozialen Verhaltensweisen wie das Anschauen oder das Zuhören erleichtert die Kommunikation und trägt zu einem gelingenden Kommunikations-prozess bei.56

Das fünfte Basiselement des Kooperativen Lernens ist die Prozessevaluation. Das heißt, dass die Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Lernprozess in den Blick nehmen und diesen bewerten. In Bezug auf das Kooperative Lernen nehmen die Kinder also ihre Partner- oder Gruppenarbeit in den Blick und reflektieren, was bereits gut geklappt hat und was noch verbessert werden kann. Durch diese Reflexion soll sich die Partner- und Gruppenarbeit verbessern.57 Der kritische Blick trägt dazu bei, die eigenen Fähigkeiten zur Zusammenarbeit auszubauen. Außerdem lernen die Schülerinnen und Schüler, die von ihnen eingesetzten Methoden und Lernstrategien einzu-schätzen.58

Für die Planung kooperativer Unterrichtsstunden ist die Kenntnis dieser fünf Basiselemente sehr wichtig. Nur wenn man um diese Basiselemente weiß und darum bemüht ist, möglichst viele dieser Elemente in die eigene Unterrichtsstunde zu integrieren, gelingt das Kooperative Lernen.59

[...]


1 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 17.

2 Die kooperativen Arbeitsweisen, die die Kinder kennenlernen, werden unter Punkt 3.3.3 aufgeführt und begründet.

3 Natürlich werden durch die Arbeit vielfältige soziale Kompetenzen der Kinder gefördert. Die sozialen Kompetenzen, die als Sozialziele explizit gefördert und benannt werden, finden sich unter Punkt 3.3.4.

4 Vgl. Green/Green 2010, S. 87.

5 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 17.

6 Vgl. ebd., S. 13.

7 Die Förderung der kommunikativen Kompetenzen ist lediglich ein „Teilziel“ der Arbeit. Sicherlich kann die Förderung kommunikativer Kompetenzen noch umfassender durchgeführt werden, dies würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

8 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 16.

9 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 16.

10 Vgl. Bovet/ Huwendiek 2008, S. 165.

11 Kriterien beschreiben Maßnahmen und Tätigkeiten, die der Erreichung des Ziels dienen soll. Vgl.http://blikk.it/angebote/schulegestalten/se_suedtirol/se_koor_0902.htm.

12 Die Indikatoren legen beobachtbare Merkmale der Zielerreichung fest. Anhand der Indikatoren lässt sich feststellen, ob und inwieweit das Ziel erreicht wurde. Vgl. http://blikk.it/angebote/schulegestalten/se_suedtirol/se_koor_0902.htm.

13 Wie diese Einführung ganz konkret aussieht, kann unter Punkt 3.3.5 nachgelesen werden.

14 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der Tabelle die Abkürzung „SuS“ verwendet. Dies steht für „Schülerinnen und Schüler“.

15 Unter den Sozialzielen sind auch Gesprächsregeln, die Erstklässler zum Teil auch noch erlernen müssen.

16 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Frechen 2008, S. 23.

17 Ebd., S. 14.

18 Zur weiteren Orientierung innerhalb der Hausarbeit sei auf das Inhaltsverzeichnis verwiesen.

19 Vgl. Meyer 2009, S. 82.

20 Vgl. Weidner 2009, S. 28.

21 Vgl. ebd., S. 29.

22 Vgl. ebd., S. 30.

23 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 13.

24 Vgl. Brüning/Saum 2009, S. 9.

25 Vgl. Landesprüfungsamt für Zweite Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen: Hinweise zur Hausarbeit. Stand: November 2006, S. 8.

26 Vgl. Landesprüfungsamt für Zweite Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen: Hinweise zur Hausarbeit. Stand: November 2006., S. 8.

27 Vgl. ebd., S. 8.

28 Vgl. Green/Green 2010, S. 32.

29 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 17.

30 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Frechen 2008, S. 11.

31 Vgl. Brüning/Saum 2009, S. 9.

32 Vgl. Green/Green 2010, S. 32.

33 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 17.

34 Vgl. Green/Green 2010, S. 33.

35 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kompetenzorientierung – Eine veränderte Sichtweise auf das Lehren und Lernen in der Grundschule 2008, S. 10.

36 Vgl. ebd., S. 17.

37 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 16.

38 Vgl. Green/Green 2010, S. 33-37.

39 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 17.

40 Vgl. ebd., S. 30.

41 Vgl. ebd., S. 30.

42 Vgl. ebd., S. 31.

43 Vgl. Green/Green 2010, S. 77.

44 Vgl. Green/Green 2010, S. 77.

45 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 31.

46 Vgl. Green/Green 2010, S. 77.

47 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 31.

48 Vgl. Green/Green 2010, S. 77.

49 Vgl. ebd., S. 77.

50 Vgl. Weidner 2009, S. 55.

51 Vgl. ebd., S. 55.

52 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 35.

53 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 35.

54 Vgl. ebd., S. 35.

55 Siehe Punkt 2.2.

56 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 35.

57 Vgl. Brüning/Saum 2009, S. 133.

58 Vgl. Bochmann/Kirchmann 2006, S. 35.

59 Vgl. Green/Green 2010, S. 76.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Wir arbeiten gemeinsam. Ein Konzept zur Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Mönchengladbach
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
38
Katalognummer
V319819
ISBN (eBook)
9783668197848
ISBN (Buch)
9783668197855
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzept, anbahnung, arbeitsweisen, schuljahr
Arbeit zitieren
Anna Dück (Autor), 2011, Wir arbeiten gemeinsam. Ein Konzept zur Anbahnung kooperativer Arbeitsweisen in einem ersten Schuljahr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319819

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