Duell und Duellzwang. Effi Briest und das "tyrannisierende Gesellschafts-Etwas"


Bachelorarbeit, 2015

28 Seiten, Note: 2,0

Julia O. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Das Duell
2.1 Definition des Duellbegriffs
2.2 Ehre – Ursache des Duells
2.3 Duellkodex und Offiziersehre
2.4 Ehebruch
2.5 Von Absurditäten und Paradoxien

3.Effi Briest – ein gesellschaftskritischer Roman?
3.1 Eine wahre Begebenheit?
3.2 Gesellschaftskritik im verklärenden Schönheitsschleier
3.3 Effi und Innstetten
3.4 Duelldiskussion und gesellschaftskritische Komponente

4.Reflexion und Fazit

5.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Romane schließen damit, daß Held und Heldin heiraten. Damit müßte man anfangen, aufhören aber damit, daß sie sich wieder trennen […]“1, so die Forderung Wolfgang Matz‘ in seiner erst kürzlich erschienenen Studie zur Untersuchung des Ehebruchs als literarisches Phänomen. Eine Ehebruchgeschichte ist allerdings nie nur eine Ehebruchgeschichte. Sie ist auch oftmals eine Geschichte der Ehre und der Ehrwiederherstellung. Bettet man dieses Geschehen in den Kontext des auslaufenden 19. Jahrhunderts, so kommt man zwangsläufig um das Duell nicht herum. Summa summarum wird es mir in dieser Arbeit um eine Ehebruchgeschichte gehen, die gleichzeitig aber auch eine Duellgeschichte ist. Was wäre da glaubhafter und lebendiger, als eine wahre Begebenheit?

Theodor Fontane liefert mit seinem gesellschaftskritischen Werk Effi Briest2 ein Musterbeispiel des poetischen Realismus und gibt „einen anschaulichen Eindruck jenes Phänomens, das im 19. Jahrhundert die Spalten der Tagespresse füllte, Richtern und Totengräbern Arbeit verschaffte, die Gemüter protestantischer Synodalen und katholischer Theologen erhitzte und die Phantasie von Schriftstellern beflügelte“3.

Zunächst soll der Duellbegriff Gegenstand meiner Ausführungen sein und hinsichtlich seiner verschiedenen Facetten beleuchtet werden. Besonders eng mit dem Duell verknüpft ist der Ehrbegriff, der die Standesehre und die Mannesehre impliziert, wie Ute Frevert in ihrem Werk Ehrenmänner4 betont: „Männer […] waren zunächst einmal Mitglieder von Ständen, Staatsbürger, Berufsgenossen, Familienväter, Ehegatten […]. Die Betonung von Mut, Tapferkeit, Willenskraft und Entschlossenheit, mit denen jene Ehre verteidigt werden sollte, wies unmittelbar ins Zentrum männlicher Selbstbilder. Männer mussten stark und unbeugsam sein, um sich gegenseitig achten zu können und von Frauen geliebt zu werden.“5 Ferner fand die männliche Ehre ihren sichtbaren Ausdruck in der Fähigkeit und Bereitschaft eines Mannes, diese um jeden Preis gegen Verletzungen durch Dritte zu verteidigen. Darüber hinaus sei die Ähnlichkeit der Begriffe „ehrhaft“ und „wehrhaft“ nicht des Zufalls geschuldet, sondern vielmehr als eine „unauflösliche Symbiose“6 des männliches Charakters zu verstehen, dessen Belastbarkeit im Duell unter Beweis gestellt werden konnte. Das Duell als „‘Vehikulum des Mutes und der Entschlossenheit‘ konnte […] geradezu als eine Beweisprobe echter, unverfälschter Männlichkeit angesehen werden.“7

Das Duell – ein „mit Waffen ausgeführte[r] Zweikampf unter Männern zu dem Zweck, die verletzte oder in Frage gestellte Ehre des Forderers wiederherzustellen“8 – beziehungsweise vielmehr die gesellschaftskritische Dimension des Duellzwanges soll in meiner Arbeit vordergründig behandelt und im Rahmen der Duelldiskussion um Effi Briest Anschluss finden. Dabei werde ich nicht umhin kommen, den Ehrenzweikampf in direkter Verbindung zum Ehebruch zu beleuchten, der als besonders schweres Delikt mit zwingender Notwendigkeit ein Duell erforderte.9

Im zweiten Abschnitt des Hauptteils meiner Arbeit werde ich Theodor Fontanes Effi Briest hinsichtlich der zuvor diskutierten Duelldebatte thematisieren. Dabei möchte ich zunächst grundlegende Eckdaten des Romans hervorheben, wozu auch der Bezug zum Ursprung der Geschichte um Effi und Innstetten gehört. Darüber hinaus sollen die grundlegenden Beziehungen und Charaktereigenschaften der Protagonisten herausgestellt und kurz beleuchtet werden, Effis Affäre zu Crampas wird an dieser Stelle ebenfalls Gegenstand meiner Betrachtungen sein.

Abschließend werde ich das Duell zwischen Crampas und Innstetten, unter denen im ersten Teil meiner Arbeit herausgestellten Erkenntnissen hinsichtlich des Ehrenzweikampfes, betrachten und unter gesellschaftskritischen Aspekten analysieren und reflektieren. Am Ende meiner Ausführungen werden meine Erkenntnisse in einem kurzen Fazit zusammengefasst und ein Ausblick auf eventuell offen gebliebene Fragen gegeben.

Das Duell ist ein Phänomen längst vergangener Zeiten, beansprucht in der Literatur jedoch noch heute seinen Platz. Daher ist es notwendig, die Geschichte und Bedeutung des Duells in der Vergangenheit zu beleuchten, um die Funktion, die es im gesellschaftlichen Kontext einnahm, einschätzen und bewerten zu können. Im Folgenden werde ich mich hauptsächlich auf die Werke Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft von Ute Frevert, Ritualisierte Kontingenz von Gerhard Neumann, Jeder ist seines Unglücks Schmied von Maja Razbojnikova-Frateva und Effi Briest: Historische Realität und literarische Fiktion in den Werken von Fontane, Spielhagen, Hochhuth, Brückner und Keuler von Anja Restenberger beziehen.

2. Das Duell

Es gibt Lagen, aus denen der Mann sich nur durch das Duell zu retten vermag, wo der im Kampf gefundene Tod den besten Abschluss bringt und einem ferneren Leben in Schmach und Schande vorzuziehen ist. Da deckt der ehrliche Kampf, der Beweis der Unverzagtheit, sein blankes Schild über den Fleck und der Nachruf hebt den Mut als alles Unschöne tilgende Tugend hervor.10

Wie bereits erwähnt und besonders anschaulich von Maja Razbojnikova-Frateva dargelegt, galt das Duell als das adäquate Instrument, den beschmutzten Ruf oder die verletzte Ehre wieder herzustellen und muss daher in unmittelbarer Verknüpfung zum Ehrbegriff betrachtet werden.

2.1 Definition des Duellbegriffs

Als Duell bezeichnete man einen mit Waffen ausgeführten Ehrenzweikampf unter Männern, der weder auf Sieg oder Niederlage ausgelegt war, sondern bei dem die Ehre der Kontrahenten unter Beweis gestellt werden sollte. Den Duellanten ging es demnach keineswegs um ein handfestes Ergebnis, vielmehr stand die Tatsache im Vordergrund, dass sich beide Parteien „einem vielleicht tödlichen Kampf stellten und auf diese Weise zu erkennen gaben, daß sie ihre ‚Ehre‘ höher schätzten als ihr Leben“11. Gerhard Neumann beschreibt in diesem Zusammenhang das „Duell als Anerkennungsritual, als Form der Bestimmung des Platzes des Einzelnen im sozialen Ensemble und seinem Anerkennungsraum, als ‚Auskunftsmittel der Ehre‘“12. Besonders letzteres trifft es auf den Punkt. Das Duell besitzt demnach eine Mitteilungsfunktion, die sich hauptsächlich auf den Ehrenstatus eines Mannes bezieht und gleichsam als Motivation dient, seinen Platz im sozialen Gefüge zu behaupten und jene Eigenschaften, die die Ehre und die Männlichkeit ihnen abverlangen, zu beweisen. So sieht sich auch Baron Innstetten, Protagonist des Romans Effi Briest, aufgrund des öffentlichen Duellzwangs genötigt, Major von Crampas aus Gründen der Ehre zum Duell zu fordern13.

2.2 Ehre – Ursache des Duells

Ein kurzer Exkurs zum Ehrbegriff soll klären, welche Gründe es nun sind, die eine Duellforderung bedingen. Die aktuelle im Duden vermerkte Definition von „Eh│re“ lautet: „Ansehen aufgrund offenbaren od. vorausgesetzten (bes. sittlichen) Wertes; Wertschätzung durch andere Menschen. […]“14. Grundsätzlich weicht diese Erklärung nicht weit von der seit 1734 gültigen Definition in Zedlers Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste ab: „Ehre […]‚ ist eine Meynung andrer Leute, nach der sie einem Menschen einen Vorzug vor den andern beylegen“15. Heutzutage gilt also wie noch vor gut 300 Jahren die Meinung, dass Ehre eng mit dem Ansehen durch andere Menschen verknüpft sei. Noch heute „besitzt Ehre [in Nordafrika, aber auch in randständigen Regionen des europäischen Mittelmeerraums] nach wie vor eine wichtige Vergesellschaftungsfunktion.“16 Besonders jedoch im 19. Jahrhundert, wie Ute Frevert darlegt, galt „Ehre in der deutschen Gesellschaft […] als ‚Kapital‘, ‚das einem Jeden Vertrauen, Ansehen, Kredit, Amt werben und erhalten muß“17 und definierte den „Verkehrskurs eines Menschen“18.

In den vielen Debatten um das Duell steht hauptsächlich die männliche Ehre im Vordergrund der Betrachtungen. Ehre galt gemeinhin als geschlechtsspezifisch, sodass sich die weibliche Ehre und das Verhalten, das von Frauen erwartet wurde, grundlegend von dem was Männern Ehre einbrachte, unterschieden.19 Weibliche Ehre galt als festgeschrieben, differenzierungslos und machte hauptsächlich die „geschlechtliche Integrität“20 - die ‚Keuschheit‘ einer Frau als das „schätzbarste Gut des Weibes“21 – aus.

Der männliche Ehrbegriff reichte über die persönliche Ehre bzw. die Geschlechtsehre als Integrität der eigenen Persönlichkeit hinaus. Vielmehr hatte der Mann von Stand eine soziale Ehre inne, dessen Integrität von der Anerkennung der Gesellschaft abhing. Wie Ute Frevert berichtet, „kam es darauf an, die Bedeutung, die man der eigenen Ehre beimaß, öffentlichkeitswirksam zu inszenieren“22, schließlich galt diese als „soziales Konstrukt, das an der ‚öffentlichen Seite einer Person‘ haftete“23. Man sprach in diesem Kontext von der Standesehre, die es vor tätlichen Übergriffen und Beleidigungen zu schützen galt. Die enge Verknüpfung von persönlicher Ehre und Standesehre erlaubte keine private oder außergerichtliche Versöhnung zweier Kontrahenten, wodurch Konflikte aufgrund des massiven gesellschaftlichen Drucks zwangsläufig in der Forderung zum Duell endeten. Maja Razbojnikova-Frateva gibt dabei zu bedenken, dass die Offiziersehre jenes Bindeglied zwischen adligen und bürgerlichen Offizieren der neuen Gesellschaftsformation impliziere und die Entwicklung der Duellfrage stets im Kontext des preußischen Militärstaates gesehen werden müsse, dessen Armee ständig Reformen unterlag.24

2.3 Duellkodex und Offiziersehre

„Jede Gesellschaftsformation benötigt handlungsleitende Vorstellungen und Werte, die durch rituelle Situationen in die soziale Praxis vermittelt werden.“25 Gerhard Neumann beschreibt die Notwendigkeit von Normen und Regeln als anerkannte Rituale, die den Handelnden durch deren Schematismus davon entlasteten, sich selbst Gedanken über die Angemessenheit einer Reaktionshandlung und ihrer Konsequenzen zu machen. Diese sogenannten Duellregeln und –vorgaben konnte man seit der 1880er Jahre in diversen „Ehrbrevieren und Duellratgebern“26 nachlesen. Darin wurde zwischen „einfachen, verschärften und schärfsten Beleidigungen“27 unterschieden. Wie Maja Razbojnikova-Frateva berichtet, konnte unter Offizieren beinahe alles als Verletzung der Ehre ausgelegt werden: „ein abschätziges Wort, ein ironischer Blick, die Unterlassung eines Grußes, eine nicht erfolgte Einladung zu einem gesellschaftlichen Event“28. Grundsätzlich mussten einfache Beleidigungen noch nicht das Ehrgefühl eines Offiziers berühren, während verschärfte Beleidigungen, wie beispielsweise die Absprache von „Wahrheitsliebe, Worttreue, physischen und moralischen Mut, ritterliche Denk- und Handlungsweise, Gewissenhaftigkeit in Bezug auf übernommene oder zukommende Pflichten“29 den Offizierscharakter stark herabwürdigten und demütigten. Noch gravierender wogen jedoch Beleidigungen, die sich, begleitet von Tätlichkeiten, gegen die Moralität des betreffenden Offiziers richteten und „damit die ganze moralische Existenz des Beschimpften“30 in Frage stellten. Dazu gehörten bekanntlich Beschuldigungen des Betrugs oder Diebstahls31 und die Verführung der eigenen Frau oder Tochter.

2.4 Ehebruch

Der Ehebruch, als besonders schweres Vergehen, erforderte mit zwingender Notwendigkeit ein Duell, wie Ute Frevert erklärt:

Weibliche Ehre war in noch viel stärkerem Ausmaß als die Ehre von Männern als Geschlechtsehre definiert, die an die körperlich-sexuelle Integrität der Frau gebunden war. Verlor sie diese Integrität, indem sie ihren Körper einem Mann hingab (oder hinzugeben gezwungen war), der dazu kein ,Recht‘ hatte, büßte sie auch ihre Ehre ein. Es war nur folgerichtig, daß solcherart verlorene Körper-Ehre nicht durch eigenen körperlichen Einsatz wiederhergestellt werden durfte. Die durch einen Mann verletzte Ehre konnte nur durch einen Mann ‚geheilt‘ werden: entweder, bei unverheirateten Frauen, auf dem Wege der Eheschließung oder, bei verheirateten Frauen, durch ein Duell zwischen Ehebrecher und Ehemann.32

Ute Frevert betont das abgesprochene Recht der Frauen, sich selbst zu verteidigen und ihre Ehre wiederherzustellen. Da Frauen zu der entsprechenden Zeit (noch) nicht rechtskräftig waren, unterstanden sie der Vormundschaft ihrer Väter beziehungsweise ihrer Ehemänner. Der Ehebruch wurde demnach als sexuelle Kränkung und massiver Angriff auf die Männlichkeit des betroffenen Ehemanns gewertet. Der hohe Beleidigungswert, den ein Ehebruch innehatte, entlarvt zudem die männliche Ehre als Geschlechtsehre. Waren die Kontrahenten befreundet, lastete ein Ehebruch noch viel schwerwiegender: „Diese massive Aufkündigung männlicher Loyalität konnte nach Ansicht des satisfaktionsfähigen Männerbundes nicht anders beantwortet werden als mit einer männlichen Tat.“33 In solch einem Fall, war das Duell zur Wiederherstellung der Ordnung unumgänglich – vollkommen unbeachtet der Tatsache, ob sich ein Mann tatsächlich in seiner Ehre gekränkt fühlte oder Rachegefühle hegte. Die Wiederherstellung der männlichen Ehre überdeckte sämtliche Emotionen. So blieb generell unerwähnt, inwiefern Rache oder verletzte Liebe auf dieses instrumentalisierte Handlungsritual wirkte und wie Maja Razbojnikova-Frateva erklärt, deckte der „Begriff der Ehre […] zuverlässig alle persönlichen Gefühle und verschleiert ihre Existenz als Motivation für Duelle“34. Der Ehrenzweikampf ermöglichte gekränkten Männern zwar Rachegefühle und solche aus verletztem Stolz auszuleben, verschleierte jedoch Emotionen, die mit dem gesellschaftlichen Bild von Männlichkeit korrelierten.

2.5 Von Absurditäten und Paradoxien

Umgekehrt war dies genauso möglich wie absurd: Selbst wenn ein Mann keinerlei Racheabsichten hegte, gebot der Duellkodex die Forderung des Kontrahenten zum ordnungsstiftenden Zweikampf. Gerhard Neumann beschreibt diese Absurdität wie folgt: „Das Duell als Ritualisierung […] erzwingt solche Anerkennung durch die Inszenierung der paradoxen Verkoppelung von Aggressionsäußerung und Zügelung des Triebs.“35 Für Neumann besteht die Paradoxie demzufolge in der Ambivalenz zwischen Ausprägung und Unterdrückung des Aggressionstriebs. Darüber hinaus greift er auch den Begriff der „Inszenierung“ auf, der besonders für das Duell von großer Bedeutung war. Wer sich im Zweikampf bewähren wollte, tat dies nie nur im Rahmen der gewahrten Privatsphäre. Fast immer handelte es sich um eine gesellschaftliche Inszenierung „vor einer repräsentativen Öffentlichkeit von Standesgenossen, die die Einhaltung der Regeln überwachten und die Nachricht von der erfolgten Demonstration männlichen Verhaltens nach einem stattgefundenen Duell verbreiteten.“36 Oftmals waren neben den Sekundanten auch Ärzte und eine begrenzte Anzahl von Zeugen höheren Standes zugegen, um die Ernsthaftigkeit und theatralische Bedeutung des Schauspiels zu betonen. Die Einhaltung im Voraus festgelegter Regeln war zudem von großer Bedeutung. Formen und Förmlichkeiten, wie beispielsweise ein reglementierter Zeitraum und eine geeignete Örtlichkeit, wo das Duell stattfinden sollte, die Wahl der Waffen (Säbel oder Pistole, je nach Schwere der Beleidigung), sogar die Kleidung der Duellanten wurde vorgegeben und in einem sogenannten Duellprotokoll festgehalten.37

Was allgemein und im Besonderen an Absurdität auf das Duell zutrifft, sind jedoch nicht nur die manierierten und pathetischen Umgangsformen und Regelungen angesichts eines fragwürdigen Zweikampfes auf Leben und Tod, es betrifft vor alledem den mehr oder minder staatlichen Duellzwang, der das Interesse des Staates bekundet, die exklusive Rolle des Offizierskorps hervorzuheben und „,vor der (staats)bürgerlichen Nivellierung aufzubewahren‘“38. In der Gesellschaft galt die Verbindung zwischen Duell und soldatischem Charakter hinsichtlich adlig-militärischer Ehrenwahrung als fest verwurzelt. Durch das Duell wurde, entsprechend dem soldatischen Charakter, Entschlossenheit, Geradlinigkeit, Selbstbeherrschung und Mut verkörpert und die militärische Männlichkeit unter Beweis gestellt. Wie Maja Razbojnikova-Frateva betont, besitzt das Duell zudem eine Identifikations- und Zugehörigkeitsfunktion zu einem größeren und bedeutungsvollerem Ganzen.39

Georg Simmel bringt es in seinen soziologischen Untersuchungen auf den Punkt:

Ehre als Mittel der sozialen Selbsterhaltung, sie stabilisiert den sozialen Kreis und grenzt ihn von anderen Kreisen ab, indem sie ‚äußere Zwecke durch innere Mittel erreicht‘. Die korporativ verwaltete Ehre wird in das individuelle Handeln übersetzt, die soziale Pflicht wird als Voraussetzung für das persönliche Heil betrachtet, so wird die Ehre zu einem Stabilisator der ständischen Formationen.40

Die soziale Pflicht als Voraussetzung für das eigene und persönliche Heil ist es ebenfalls, die Innstetten in Effi Briest zur Forderung des Majors zum Duell veranlasst. Im Folgenden werde ich versuchen jene Faktoren, die zu Crampas Duelltod führten, zu beleuchten und herauszustellen, inwiefern dieser hinsichtlich der gesellschaftskritischen Dimension innerhalb des Duellkontextes vermeidbar gewesen wäre.

[...]


1 Wolfgang Matz: Die Kunst des Ehebruchs. Emma, Anna, Effi und ihre Männer. Wallstein Verlag, Göttingen 2014.

2 Fontane, Theodor: Effi Briest. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 2006.

3 Frevert, Ute: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. C.H. Beck, München 1991, S. 11.

4 Ebd., S. 62.

5 Ebd.

6 Ebd., S. 63.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Vgl. Ebd., S. 239.

10 Razbojnikova-Frateva, Maja: „Jeder ist seines Unglücks Schmied“. Frank & Timme GmbH Verlag. Berlin 2012.

11 Frevert, Ehrenmänner, S. 11.

12 Neumann, Gerhard: Ritualisierte Kontingenz/ Das Paradoxe Argument des ‚Duells‘ im ‚Feld der Ehre‘ von Casanovas „Il Duello“ (1780) über Kleists „Zweikampf“ (1811) bis zu Arthur Schnitzlers Novelle „Casanovas Heimfahrt“ (1918). In: Kontingenz, hg. v. Gerhart v. Graevenitz und Odo Marquard, Poetik und Hermeneutik 17, München 1998, S. 345.

13 Vertiefend in Kapitel 3.

14 Duden - Deutsches Universalwörterbuch: Bibliographisches Institut; Auflage: 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. 1. Oktober 2006, S. 488.

15 Zedler, Johann Heinrich: Grosses und Vollständiges Universal-Lexikon. 64 Bde. Leipzig 1732-54, Bd. 8, Sp. 415.

16 Frevert, Ute: "Mann und Weib, und Weib und Mann". Geschlechterdifferenzen in der Moderne. München 1995 S. 167.

17 Ebd., S. 170.

18 Ebd.

19 Vgl. Ebd., S. 168.

20 Ebd., S. 188.

21 Frevert, Ehrenmänner, S. 62.

22 Frevert, Mann und Weib, S. 195.

23 Ebd., S. 188.

24 Vgl. Razbojnikova-Frateva, Jeder ist seines Unglücks Schmied, S. 136.

25 Neumann, Ritualisierte Kontingenz, S. 345.

26 Frevert, Mann und Weib, S. 178.

27 Ebd.

28 Razbojnikova-Frateva, Jeder ist seines Unglücks Schmied, S. 138.

29 Frevert, Mann und Weib, S. 178.

30 Ebd.

31 Vgl. Ebd.

32 Frevert, Ehrenmänner, S. 224.

33 Ebd., S. 227.

34 Razbojnikova-Frateva, Jeder ist seines Unglücks Schmied, S. 144.

35 Neumann, Ritualisierte Kontingenz, S. 369.

36 Restenberger, Anja: Effi Briest: Historische Realität und literarische Fiktion in den Werken von Fontane, Spielhagen, Hochhuth, Brückner und Keuler. Frankfurt a.M., 2001. S. 53.

37 Vgl. Ebd., S. 52f.

38 Razbojnikova-Frateva, Jeder ist seines Unglücks Schmied, S. 137.

39 Vgl. Ebd.

40 Ebd., S. 138.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Duell und Duellzwang. Effi Briest und das "tyrannisierende Gesellschafts-Etwas"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Deutsche Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V319845
ISBN (eBook)
9783668188389
ISBN (Buch)
9783668188396
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Duell, Effi Briest, Duellzwang, Ehre, Standesehre, Männerehre, Ute Frevert, Ehebruch, Theodor Fontane
Arbeit zitieren
Julia O. (Autor), 2015, Duell und Duellzwang. Effi Briest und das "tyrannisierende Gesellschafts-Etwas", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319845

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