Der wirtschaftliche Integrationsprozess zwischen China, Hongkong und Taiwan


Magisterarbeit, 1994
145 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung
1.Problemstellung, Zielsetzung, Aufbau der Arbeit
2.Zur Reform- und Öffnungspolitik der VR China

Anmerkungen

I. VORAUSSETZUNGEN IN DEN DREI LÄNDERN
1. VR China
1.1. Das Postulat der Wiedervereinigung
1.2. Die politischen Beziehungen zu Hongkong
1.3. Die politischen Beziehungen zu Taiwan
2. Hongkong
2.1. Wirtschaftsentwicklung
2.1.1. Grundlagen des Wirtschaftswachstums
2.1.2. Transformation der Wirtschaft seit Ende der 70er Jahre
2.2. Der China-Faktor
3. Taiwan
3.1. Wirtschaftsentwicklung
3.2. Die Beziehungen zu China und das Dilemma der Regierung
3.2.1. Liberalisierung der Festlandspolitik seit Ende der 80er Jahre
3.2.2. Politische Bedenken versus Wirtschaftsinteressen

II. ENTWICKLUNG DER WIRTSCHAFTLICHEN VERFLECHTUNG
1. China - Hongkong
1.1. Investitionen
1.1.1. Hongkong in China
1.1.2. China in Hongkong
1.2. Handel
1.2.1. Entwicklung der Handelsbeziehungen
1.2.2. Die Mittlerrolle Hongkongs im Chinahandel
1.3. Finanzielle Verflechtung
2. China - Taiwan
2.1. Wirtschaftspolitische Entscheidungen
2.1.1. Förderung der Wirtschaftsbeziehungen in der VR
2.1.2. Steuerungsversuche in Taiwan
2.2. Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen
2.2.1. Investitionen
2.2.2. Handel in.

III.MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER INTEGRATION
1. Institutionelle Integration der Verflechtung
1.1. Vorschläge für eine Insitutionalisierung
1.2. Problematik des Konzepts
2. Integration in die Weltwirtschaft
2.1. Kooperation und weltwirtschaftliche Institutionalisierung
2.2. Bedeutung und Möglichkeiten am Beispiel Deutschlands
3. Ethnische Konzepte für eine informale Integration
3.1. Die Bedeutung der Überseechinesen in Südostasien
3.2. Grundlage der Aktivitäten: überseechinesische Netzwerke
3.2.1. Das chinesische Untemehmenssystem
3.2.2. Die transnationale Identität
3.3. Ansätze und Bedeutung einer 'pan-chinesischen' Integration

Zusammenfassung und Schluß

Literaturverzeichnis

Einleitung

1. Problemstellung, Zielsetzung, Aufbau der Arbeit

In den letzten Jahren -wurde dem wirtschaftlichen Integrationsprozeß zwischen China, Hongkong und Taiwan zunehmende Aufmerksamkeit geschenkt. Ursache hierfür sind die ökonomischen Erfolge der drei Länder, die der Verflechtung eine besondere Relvanz zukommen läßt. So hat sich laut Weltbankbericht der Anteü des chinesischen Wirtschaftsraumes am Sozialprodukt der Entwicklungsländer insgesamt im vergangenen Jahrzehnt von 10 auf 25% erhöht.

Aber nicht nur im Vergleich mit den Entwicklungsländern schneidet der chinesische Raum überdurchschnittlich gut ab. Die Technologie- und Finanzkraft Taiwans, die Handels- und Marketingerfahrung Hongkongs sowie die Bodenschätze und billigen Arbeitskräfte Chinas könnten - so jedenfalls hierzulande plakativ in der Presse zu lesen - als "Groß-China" einst sogar Japan Paroli bieten. Während das wirtschaftliche Gefälle zwischen dem Landesinneren und den Küstenregionen Chinas weit auseinanderklafft, ist die Verflechtung Südchinas mit Hongkong und Taiwan weit fortgeschritten. Nicht nur, daß die Provinz Guangdong in den letzten Jahren Wachstumsraten von 20% und mehr verbuchen konnte (und somit oftmals schon als 'fünfter Tiger' bezeichnet wird); ein großer Teil der Gewinne fließt heute bereits wieder in den hongkonger Bankensektor. Dabei scheint die chinesische 'Sparethik' die solide finanzielle Grundlage der Verflechtung zu unterstützen: die Sparquoten liegen in allen chinesischen Gesellschaften zwischen 30 und 35% des Bruttoinlandprodukts (BIP), sind also ungefähr doppelt so hoch wie z.B. in den USA. Und auch die Devisenreserven des 'Großchinesischen Blocks' sind zusammengenommen höher als die Japans!

Der Integrationsprozeß findet vor dem Hintergrund zweier bedeutender Veränderungen in der Weltwirtschaft statt.

Zum einen hat - bedingt durch den technischen Fortschritt - die zunehmende Geschwindigkeit, mit der Information verfügbar und Kommunikation möglich ist, zu einer weitgreifenden Globalisierung geführt. Kapital ist nicht mehr an Staatsgrenzen gebunden; der internationale Konkurrenzdruck, das Volumen von Handel und Investitionen sowie der Einfluß multinationaler Konzerne nimmt zu. Auch die chinesischen Volkswirtschaften sind als internationale Akteure dieser Entwicklung ausgesetzt und müssen z.B. durch Auslandsinvestitionen versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Eng damit im Zusammenhang steht ein zweiter Trend: die zunehmende Regionalisierung der Weltwirtschaft. Meist spricht man global von drei Regionen wirtschaftlicher Kooperation: Nordamerika (NAFTA), Europa (EU) sowie dem asiatischen Raum mit Japan an der Spitze. Innerhalb dieser 'Triade' hat sich die Kooperation zwischen Asien und Amerika in den letzten Jahren am dynamischsten entwickelt, weshalb allerorten von einem 'pazifischen 21. Jahrhundert' gesprochen wird (im Gegensatz zum atlantischen 20. Jahrhundert).

Dabei wird die asiatische Region, die ihren Anteil am Welthandel innerhalb von zwei Dekaden auf 20% verdoppelt hat, laut OECD- und Weltbank-Studien auch in absehbarer Zukunft der am schnellsten wachsende Teü der Weltwirtschaft bleiben. Heute ist trotz einer starken Orientierung zu den westlichen Industrieländern eine zunehmende regionale Integration in Asien augenscheinlich: der Anteil des intra­regionalen Handels am Gesamthandel ist mit 40% wesentlich höher als der Anteü der Exporte in die USA (28%) oder der EU (16%). Der Integrationsprozeß zwischen China, Hongkong und Taiwan ist somit auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden globalen und internationalen Verflechtung zu bewerten.

Wichtigste Grundlage dieses Prozesses stellt die Reform- und Öffnungspolitik der VR China dar, die nach dem Tod Mao Zedongs eingeleitet wurde. Sie beinhaltet zum einen die Umgestaltung der Binnenwirtschaft zum anderen die Öffnungspolitik, deren Kristallisationspunkte und Impulsgeber die Sonderwirtschaftszonen sind. Beide Teile des Modernisierungskurses bestehen zwar als separate Konzepte, sind heute jedoch sehr stark miteinander verwoben. ·

Seit Ende der 70er und verstärkt seit Mitte der 80er Jahre hat China die Wirtschaftsentwicklung in Asien entscheidend geprägt. Bei der Formierung einer wie auch immer gearteten neuen Ordnung und der Verwirklichung des '21, pazifischen Jahrhunderts[1] kommt ihr durch den starken strategischen und internationalen Einfluß (insbesondere innerhalb der Region) eine große Bedeutung zu.

Aufgrund der wirtschaftspolitischen Neuorientierung ist China wieder als Akteur in die internationale Wirtschaftsgemeinschaft eingetreten und erzielte dadurch große gesamtwirtschaftliche Erfolge: mit einem realen Wachstum von über 100% in den Jahren 1985-1992 war die chinesische die erfolgreichste Volkswirtschaft der Welt.1 Auch die Volkswirtschaften Taiwans und Hongkongs verzeichnen seit einigen Jahren ein starkes Wachstum des Bruttoinlandprodukts.[2] Diese Entwicklung kam hauptsächlich durch Investitionen der taiwanesischen und hongkong-chinesischen Unternehmen in die Südprovinzen im Rahmen der wirtschaftspolitischen Öffnung der VR China.

Die Investitionsströme verliefen zum größten Teil von Taiwan über Hongkong nach China - vor allem in die Wirtschaftssonderzone Xiamen (Provinz Fujian), wo es aufgrund der gleichen Dialekte keine Verständigungsschwierigkeiten gibt. Das gleiche gilt für Hongkonger Investitionen, die meist in der Provinz Guangdong getätigt wurden.

Hongkong stellt den Verknüpfungspunkt innerhalb der chinesischen Wirtschaftsregion dar: schätzungsweise 70% aller Investitionen in China kommen aus Hongkong oder werden über Hongkong getätigt. Hongkong ist der größte Bereitsteller von Direktinvestitionen, obgleich ein zunehmender Anteil hiervon Re­investitionen durch chinesische Niederlassungen in Hongkong sind, Heute beschäftigt die Hongkonger Industrie mehr Arbeiter in Südchina als in Hongkong selbst; auch die VR ist bereits ein bedeutender Arbeitgeber in der Kolonie.

Seit Ende der 80er Jahre, ausgelöst durch eine innenpolitische Liberalisierung, werden zunehmend auch Investitionen aus Taiwan getätigt. In den vergangenen fünf Jahren sind laut Wirtschaftsministerium in Taipeh über 20% aller Auslandsinvestitionen (in Höhe von 19 Mrd US$) dem chinesischen Festland zugeflossen. Die Tendenz ist hier allerdings stark steigend: allein 1993 lag der Anteil bei über 65%. Trotz des offiziellen, politisch motivierten Verbots von direkten Handelsaktivitäten durch die taiwanesische Regierung konnte auch der Strom des chinesisch-chinesischen Handels nicht eingedämmt werden. Die Behörde für Außenhandel in Taipeh schätzt das Handelsvolumen allein für 1993 auf 10,4 Mrd US$. Da der Handel zum größten Teil über Hongkong abgewickelt wird, ist auch zwischen Hongkong und Taiwan eine zunehmende Investitions- und Handelsaktivität zu beobachten.

Die Investitionen aus diesen beiden EANIEs (East Asian Newly Industrialized Economies, im folgenden NIEs) führten dazu, daß das stärkste Handelswachstum in ganz Asien zwischen China und Hongkong zu verzeichnen ist. Der 'gesamtchinesische Binnenhandel' zeugt von einem hohen Maß an Verflechtung: der Anteil des Intra­Handels stieg während der 80er Jahre von ca. 10% auf über 35% des Gesamthandels, und übersteigt damit den aller sechzig formalen Freihandelszonen außerhalb der OECD, die seit dem zweiten Weltkrieg gegründet wurden.[3]

Auch der gemeinsame Welthandelsanteil der drei chinesischen Volkswirtschaften ist beständig gestiegen - nur die USA, die BRD, Japan. Frankreich und Großbritannien vereinigen einen größeren Welthandelsanteil auf sich. Laut einer Prognose des Internationalen Weltwährungsfonds (IWF) wächst der chinesische Wirtschaftsraum (VE China und Hongkong plus Taiwan) innerhalb einer Dekade zur "vierten Säule der Weltökonomie" heran. 1992 addierte sich deren Außenhandel auf rund 560 Mrd US$ - gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 18%. Die Summe entspricht einem Dreizehntel des gesamten Welthandels.

Schon jetzt machen die Importe des chinesischen Wirtschaftsraumes 70% der japanischen Einfuhr aus und sollten diese bei anhaltendem Expansionstrend innerhalb der nächsten zehn Jahre übertreffen.[4]

Bei den Exporten legt diese Region eine ungeheure Dynamik an den Tag. Vor allem im Textil- und Bekleidungssektor, wo der Weltexportanteil inzwischen fast 25% beträgt, stellt sie eine starke Konkurrenz für die alten Industrieländern der Triade dar.[5] Außerdem ist zu vermuten, daß die in diesem Bereich schon bestehende Konkurrenz sich auch auf höherwertige Investitionsgüter ausdehnen wird.

"It is not unimaginable or unrealistic to assume that early in the 21st century the combined Gross Domestic Product (GDP) of Greater China will surpass those of the European Community and United States; it will be the world's leading trader and in possession of the world's largest foreign exchange reserves; [...] it will be the world's largest consumer; it will garrison the world's largest military establishment Greater China will also overtake Japan as the dominant regional power, with Shanghai and Hong Kong the financial nexus of East Asian economic dynamism."[6]

Das Verständnis dieses Prozesses ist also von internationaler Relevanz, denn eine fortwährende Expansion dieses Wirtschaftsraumes erfordert auch eine Anpassung wirtschaftlicher Strategien in anderen Ländern - einschließlich Deutschland.

Zum anderen ergibt sich eine Bedeutung auch aus entwicklungstheoretischer Sicht, da hier eine Integration ohne Freihandelsabkommen existent ist. Während traditionell eine Integration über offizielle Verträge Wohlfahrtseffekte für die betreffenden Volkswirtschaften zum Ziel hat, ist der hier beschriebene Prozeß genau andersherum: die (informale) Integration erfolgte auf der Mikroebene und war ein wichtiger Faktor für Verhandlungen auch auf politischer Ebene. Sie scheint einerseits eine Annäherung zwischen China und Taiwan, andererseits auch den Transformationsprozeß in China zu unterstützen.

Der wirtschaftliche Integrationsprozeß, dessen Phänomen oftmals auch als 'Greater China' [dazhonghua] bezeichnet wird, ist sehr vielschichtig und komplex. Es sind hier politische, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen gegeben, die stark miteinander verwoben sind und eine interdisziplinäre Betrachtung erfordern. Wie schwierig sich eine Herangehensweise an dieses Thema gestaltet, zeigt bereits der in der Fachwelt umstrittene Terminus, da er sehr vage ist und möglicherweise eine politisch­strategische Wiedervereinigung (im Sinne einer Expansion politischer Grenzen) als Ziel impliziert. Der Begriff ‘Greater China’ soll zwar den zunehmenden Interaktionen zwischen den chinesischen Gesellschaften über politische und administrative Barrieren hinweg gerecht werden, wird jedoch auf unterschiedlichste Weise gebraucht - für die kulturellen Bindungen, eine politische Wiedervereinigung oder für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ethnischen Chinesen. Dementsprechend beziehen sich einige Autoren nur auf die Gebiete China. Hongkong und Taiwan, andere schließen Macao oder aber auch Singapore (als weiteres Staatsgebiet mit überwiegend chinesischer Bevölkerung) mit ein, manche die Überseechinesen in

Südostasien, Amerika und Europa. Jede dieser Varianten hat dementsprechend andere Grenzen, Akteure und institutioneile Formen.[7]

Die Bezeichnung 'Großchina' wird daher in der vorliegenden Arbeit nicht verwendet - wenn sie auch seit Anfang der 90er Jahre immer häufiger für den integrierten Wirtschaftsmarkt (und nicht als politische Wiedervereinigungsformel) gebraucht wird, und damit den hier zugrunde liegenden Vorstellungen näher kommt. Stattdessen wird der besseren Handhabung wegen an einigen Stellen der Begriff Chinese Economic Area' (CEA) verwendet, der sich auf die Länder China, Hongkong und Taiwan bezieht. Allerdings soll er nicht als ein Konzept verstanden werden, das irgendwelche langfristigen Ziele impliziert, sondern nur als Versuch, die dynamischen Verflechtungen der Wirtschaftssubjekte begrifflich zu erfassen.

Wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, konzentrieren sich in der Regel entweder auf eine rein statistische Auswertung dieses wirtschaftsgeographischen Prozesses, oder aber sie stellen die kulturellen Aspekte (meist mit dem Schlagwort 'Konfuzianismus' begründet) zu sehr in den Vordergrund. Es soll daher im Rahmen dieser Arbeit eine Verknüpfung versucht werden, die auch die politischen Rahmenbedingungen nicht ausklammert, Tm Mittelpunkt steht dabei die wirtschaftliche Verflechtung in dem (nach A. Galli) sogenannten 'inneren chinesischen Ring'. Auf eine Einbeziehung von Macao wurde hier allerdings verzichtet, da zum einen die Quellenlage recht unzureichend, zum anderen die wirtschaftliche Bedeutung Macaos nicht so stark ist. als das sie einen signifikanten Einfluß auf die Gesamtentwicklung innerhalb der CEA hätte.[8]

Die Arbeit ist in drei Teüe aufgegliedert.

Im ersten Teil sollen zunächst die Voraussetzungen in den einzelnen Ländern erläutert werden, die für die Integration relevant sind. Das sind im Fall von China in erster Linie die politischen Beziehungen zu Taiwan und Hongkong sowie die Wiedervereinigungsproblematik.

Für Taiwan und Hongkong stehen neben den politischen Rahmenbedingungen (und der wachsenden Bedeutung des 'China-Faktors') auch die ökonomischen Voraussetzungen im Vordergrund. Denn in beiden Ländern führte eine Umstrukturierung der Wirtschaft zu einem zunehmenden Auslagerungsdruck von arbeitsintensiven Industrien.

Wenn auch in den letzten Jahren bereits in vielen kleinen Schritten eine Annäherung stattgefunden hat, scheint eine politische Vereinigung Chinas und Taiwans noch in weiter Ferne zu liegen. Im Gegensatz dazu ist die wirtschaftliche Vereinigung de facto zu einem großen Teil schon vollzogen. Hier sind also wirtschaftliche Kräfte am Werk, die die politischen Grenzen überschreiten.

Im zweiten Teil erfolgt daher eine im wesentlichen deskriptive Darstellung der wirtschaftlichen Verflechtung, die nach Handels- und Investitionsströmen zwischen China und Hongkong sowie China und Taiwan aufgeteilt ist.

Beide Länder weisen jedoch auch Besonderheiten in ihrer wirtschaftlichen Beziehung zum Mutterland auf: im Abschnitt über Hongkong wird daher auch noch auf die finanzielle Verflechtung eingegangen, und im Abschnitt über Taiwan auf die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die einen nicht unerheblichen Einfluß auf die unternehmerischen Entscheidungen hatten.

Im dritten und letzten Teil sollen schließlich die Möglichkeiten und Grenzen der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung analysiert werden. Bei der Darstellung der verschiedenen Ansätze und Interpretationen werden mit zunehmender Erweiterung des Betrachtungsrahmens die institutioneilen Formen immer lockerer: während einige Beobachter vom Muster einer formalen Integration ausgehen (z.B. von einer Institutionalisierung als Binnenmarkt), befürworten andere eine informale Integration mit einer stärkeren Einbindung der einzelnen Volkswirtschaften in den Weltmarkt. In diesem Zusammenhang werden die Bedeutung der CEA für Deutschland sowie die Möglichkeiten für Unternehmen beispielhaft erläutert.

Darüber hinaus existieren noch eine Reihe von Konzepten, die allesamt den ethnischen Aspekt in den Vordergrund stellen. Sie gehen davon aus, daß die wirtschaftliche Verflechtung innerhalb der CEA durch familiäre und kulturelle Bindungen getragen wird. Wenn man ethnische Erklärungsmuster zur Grundlage einer Integration macht, müssen jedoch auch die Überseechinesen mit einbezogen werden, die insbesondere in Südostasien sehr aktiv sind und diesem Wirtschaftsraum (und auch der gesamten asiatisch-pazifischen Region) eine besondere Dynamik geben. Damit ist die nationalstaatliche Ebene jedoch völlig ausgeklammert, so daß die Möglichkeiten und Grenzen in diesem Konzept am weitesten gefaßt sind.

Grundlage der Integration sind hier also transnationale Faktoren, wie die gemeinsame kulturelle Basis sowie das dadurch beeinflußte spezifisch chinesische Untemehmenssystem.

Diesem Teil, der die Grundlagen einer ethnischen Integration behandelt, wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt da er - nach Meinung der Autorin - nicht nur als weiteres Konzept seinen Stellenwert bezieht. Vielmehr wird hier die Bedeutung von Kräften in den Mittelpunkt gerückt, die auch für eine formale Integration stabilisierend wirken.

Was die Literaturlage angeht, so ist in deutscher Sprache explizit zu diesem Thema bisher kaum eine wissenschaftliche Arbeit publiziert worden. Einzige Ausnahme stellt die erst kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Herrmann-Pillath dar (Wirtschaftsintegration in China), dessen Schwerpunkt jedoch auf der politisch­ökonomischen Dimension der Integration zwischen China und Taiwan liegt.

Das heißt nicht, daß man sich der Entwicklung hierzulande nicht bewußt ist - so erscheinen sporadisch Artikel in der Wirtschaftswoche, und auch das Ifo-Institut in München (i.e. Anton Gälli) widmet sich von Zeit zu Zeit diesem Prozeß. Hier scheint es jedoch vorangig darum zu gehen, die deutsche Wirtschaft vor diesem neuen Handelsblock zu warnen - oftmals in gleicher Manier, wie vor nicht allzu langer Zeit vor der zunehmenden Macht einer 'Japan Ine.'.

Ein Grund hierfür mag darin liegen, daß die Integration zwischen den drei chinesischen Territorien nicht dem westlichen Muster einer Integration (nach dem Vorbild der EU, gefolgt von der NAFTA in Amerika) entspricht, und dementsprechend auch nicht so bezeichnet wird. Ein Beispiel hierfür stellen die Artikel von Yu-Hsi Nieh in 'China aktuell' dar, in denen zwar intensiv über die zunehmende Verflechtung berichtet wird, jedoch "offizielle Verträge als solide Grundlage" für eine tiefergehende Verflechtung angesehen werden.

"Für die Bildung einer 'Großchinesischen Wirtschaftsgemeinschaft' ist ein noch höherer Konsens aller Seiten unentbehrlich - sonst bleibt es nur ein Diskussionsthema."[9]

Intensiver wendet man sich dem Prozeß innerhalb des Integrationsraumes zu: so sind in Taiwan einige Studien, z.B. am Institute for National Policy Research (Zhang Rongfeng: Taihai liang an...), erschienen; in Hongkong finden zu diesem Thema eine Vielzahl von Symposien statt, an der dortigen chinesischen Unviersität richtete man sogar eine Studienrichtung Greater China' für ausländische Studenten ein.

Der größte Teil der hier benutzten Quellen wurde in englischer Sprache veröffentlicht. So sind eine Vielzahl von Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften (z.B. in der Financial Times) erschienen, die - neben den Nachrichten für den Außenhandel sowie der Bundesstelle für Außenhandelsinformation - einen Großteil der Informationen, vor allem bei der Darstellung der Entwicklung der Verflechtung (Teil II), lieferten. Eine vielschichtige Analyse erschien in ’The China Quarterly1 nachfolgend einer Anfang 1993 in Hongkong durchgeführten Konferenz.

Aber auch namhafte Institutionen und Organisationen, v.a. in Nordamerika und Australien beschäftigen sich intensiv mit den Entwicklungen; Ausdruck hierfür ist die Gründung von neuen Forschungszentren an Universitäten und die steigende Anzahl an Publikationen.

Die meisten Untersuchungen, die sich allgemein mit Integrationsprozessen in Asien beschäftigen, steilen Japan in den Mittelpunkt. In der schon unübersichtlichen Fülle von Veröffentlichungen über das 'pazifische 21. Jahrhundert’, die hauptsächlich in Japan, Australien und den USA erschienen sind, ist Dreh“ und Angelpunkt fast ausnahmslos Japan. Bis heute hat diese Sichtweise natürlich seine Berechtigung: Japan war und ist Wachstumsmotor für die meisten asiatischen Länder, nach dem ’Fluggänse-Modell' gefolgt von den vier NXEs Hongkong, Taiwan, Singapore und Südkorea. Vor allem die Investitionen durch mächtige multinationale Konzerne haben dazu geführt, daß man auch in Deutschland versucht 'von Japan zu lernen', Unternehmensstrategien zu implementieren. Kurz- und mittelfristig wird sich an diesem Schema sicherlich auch kaum etwas ändern. Jedoch darf nicht unterschätzt werden, was die Öffnung der VR China langfristig für die Region, aber auch für das weltwirtschaftliche Gefüge bedeutet. Sicherlich wird schon allein durch die in weiten Teilen kompetitive Industriestruktur Chinas einerseits und der NIEs andererseits (sowie der Komplementarität gegenüber Japan) auch in absehbarer Zeit Japan ein "Schlüssel zu regionalen Integrationshemühungen" sein,[10] Wenn man jedoch die Dynamik des hier vorgestellten Prozesses berücksichtigt, der fast unter Ausschluß Japans stattfindet, könnte sich langfristig nicht eine Verschiebung der regionalen wirtschaftlichen Mächte andeuten?

In diesem Zusammenhang sei auch auf das chinesische Unternehmenssystera verwiesen, das umfassend von Gordon Redding (Universität Hongkong) untersucht wurde, und die Hauptquelle für diesen Teil der Arbeit darstellt. Auch hier stellt sich die Frage, ob deren Erfolge in der wissenschaftlichen Diskussion nicht zu lange zugunsten der japanischen vernachlässigt wurde. Eine Besonderheit stellt die Fähigkeit der chinesischen Unternehmen zur Bildung von Netzwerken dar. Diese basiert auf der Existenz einer 'transnationalen Identität'. Eine Grundlage dieses Teils ist die eindrucksvolle Veröffentlichung von Joel Kotkin (Tribes').

In diese Arbeit soll versucht werden, die chinesische Wirtschaftskraft, die - so die Überzeugung der Autorin - ein ganz erhebliches Potential besitzt, stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden.

Der wirtschaftliche Integrationsprozeß zwischen China, Hongkong und Taiwan fand vor dem Hintergrund der Reform- und Öffnungspolitik statt. Die für das Verständnis der Arbeit relevanten Aspekte sollen daher im folgenden kurz zudammengefaßt werden.

2. Zur Reform- und Öffnungspolitik der VR China

Die durch die neue Führung unter Deng Xiaoping seit Ende der 70er Jahre eingeleiteten binnenwirtschaftlichen Reformen sahen eine zunehmende Aufnahme marktwirtschaftlicher Elemente (Mikrosteuerung) im Rahmen der Planwirtschaft {Makrosteuerung) vor. Ordnungspolitisch bedeutete dies eine Verbreiterung von Entscheidungsbefugnissen und Selbstverantwortung auf den unteren Ebenen. Das bestehende entwicklungsstrategische Primat der 'self-reliance* wurde durch ein Konzept außenwirtschaftlicher Öffnung ergänzt. Das formulierte Ziel des neuen Kurses waren die 'Vier Modernisierungen' in Landwirtschaft, Industrie, Landesverteidigung, Wissenschaft und Technik, das man unter Zuhilfenahme ausländischen Engagements erreichen wollte.

Innerhalb der 'Sozialistischen Marktwirtschaft* [shehui zhuyi shichang jingjf][11] bekamen auch die einzelnen Provinzen immer mehr Autonomie. Durch Dezentralisierungen sollte die Kooperation und der horizontale Austausch zwischen den Wirtschaftseinheiten gefördert werden. Bei der regionalen Entwicklungspolitik geht man davon aus, daß größere Entwicklungsunterschiede innerhalb des Landes vorerst nicht zu vermeiden sind. Statt eine gleichmäßige Entwicklung des Landes zu forcieren versucht man nun, die Vorteile der jeweiligen Regionen auszuschöpfen. Das gesamte Land wurde in drei Entwicklungszonen unterteilt, denen man jeweils unterschiedliche Funktionen zuordnete. Demnach liegt die Betonung in den westlichen Regionen auf der Landwirtschaft, dem Transportwesen sowie der Erschließung ausgewählter Energie- und Mineralressourcen.

Die zentralen Regionen konzentrieren sich auf die Energieproduktion, die Verarbeitung von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, sowie auf die Herstellung bestimmten Maschinen und Elektroprodukten.

Die Küstenregionen sollen zum einen ihre traditionellen Industriebereiche weiterentwickeln und die Konsumgüterproduktion erweitern, zum anderen die besseren Kommunikations- bzw. Infrastrukturbedingungen sowie ihre wissenschaftlichen und technologischen Kapazitäten für eine Weiterentwicklung der 0. g. Bereiche nutzen. Hier errichtete man 1979 und 1980 auch die ersten Sonderwirtschaftszonen [/ing/i tequ], kurz SWZ genannt (Shenzhen, Xiamen, Zhuhai und Shantou). 1984 kamen 14 offene Küstenstädte und die Insel Hainan hinzu, 1985 folgte eine Ausweitung auf drei Deltaregionen wichtiger Flüsse.

Auffällig ist dabei, daß die ersten geöffneten Zonen in küstennahen Gebieten der Provinzen Guangdong und Fujian liegen, wo schon zur Kaiserzeit ein reges kommerzielles Leben herrschte und enge Bindungen zu Hongkong und Taiwan exisitieren. Die Bevorzugung dieser beiden Provinzen hat also sowohl eine historische als auch eine politische und entwicklungsstrategische Bedeutung.[12] In großem Umfang profitieren die SWZ von den Aktivitäten der Überseechinesen:

"The Special Economic Zone was an especially suitable vehicle with which to take advantage of the capital, technology, and entrepreneurial know-how available in neighboring Hong Kong and among overseas Chinese who wanted to assist China's development."[13]

In der Entwicklungsstrategie der VR China stellen die SWZ Schwerpunkte dar, die im wesentlichen zwei Funktionen erfüllen;

1. Katalysatorfunktion; durch relativ günstige Standortvorteile (v.a. im infrastrukturellen Bereich) sind die SWZ in der Lage, verstärkt ausländisches Kapital und know-how zu nutzen. Mit Hilfe von Gemeinschaftsunternehmen soll moderne technische und Management-Expertise eingeführt werden. Davon verspricht man sich einen 'trickle-down' -Effekt mit dem sukzessive das ganze Land modernisiert werden soll.[14]

2. Pilotfunktion: durch die Abgeschlossenheit der SWZ gegenüber dem chinesischen Inland kann in einem kontrollierten Raum geprüft werden, was sich für Gesamtchina umsetzen läßt. Ein Großteil der Wirtschaftskooperationen betreffenden Fragen wird zunächst hier im Rahmen von provisorischen Bestimmungen gelöst, bevor verbindliche gesamtstaatliche Gesetze erlassen werden. Dies gilt insbesondere für die Beschäftigungs- und Lohnpolitik, für die Formulierung und Inkraftsetzung von Wirtschaftsverträgen und für die Anforderungen, die China an den Technologietransfer durch Auslandsunternehmen stellt.

Während der 80er Jahre wurden durch verschiedene Steueranreize der einzelnen Provinzen große Summen an ausländischem Kapital attrahiert. Die Bedeutung der SWZ hat dadurch - nach anfänglichen Schwierigkeiten - in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Im ersten Halbjahr 1993 machte das Außenhandelsvolumen der fünf SWZ ca. 15% des gesamten chinesischen Außenhandelswertes aus. Insgesamt ist ein Anstieg um 12,1 Mrd US$ (17,8%) gegenüber der Vorjahresperiode zu verzeichnen. Der überwiegende Anteil der Exporte besteht aus weiterverarbeitenden Produkten, wobei im Gegensatz zum gesamtchinesischen Export nicht der Textil- und Bekleidungssektor, sondern Maschinen und elektronische Produkte an erster Stelle stehen.[15]

Auch der angestrebte 'trickle-down' -Effekt auf die benachbarten Provinzen ist zu einem bestimmten Grade erreicht worden. Dies ist auch auf eine Ausweitung von Sonderrechten für viele weitere Städte und Gebiete zurückzuführen. So erklärte man 1990 den Shanghaier Bezirk Pudong zur 'Special Zone', 1992 folgte die sukzessive Öffnung von fünf Häfen entlang des Yangtzekiang (Changjiang), 13 Städten entlang der Grenze im Norden und Südwesten sowie von 11 Provinzstädten im Innern des Landes. Die Zahl von Joint Ventures, die außerhalb der SWZ gegründet werden, steigt beständig an.

Diese Entwicklung zeigt tendenziell, daß langfristig eine stärkere Einbindung des ganzen Landes in die Weltwirtschaft sowie ein höheres Wirtschaftswachstum auch in anderen Provinzen wahrscheinlich ist. Bei einer Betrachtung des status quo, d.h. Anerkennung der (wenn auch zweifelsohne abnehmenden) Macht der Zentralregierung, macht daher eine Eingrenzung der vorliegenden Arbeit auf die Verflechtung von Hongkong und Taiwan mit Südchina, wie dies in vielen Publikationen gemacht wird, wenig Sinn. Dennoch kann die optimistische Einschätzung einiger Autoren[16] aufgrund der heute bestehenden Situation nicht geteilt werden, da durch die Konkurrenzsituation zwischen den Provinzen Konflikte auf vielerlei Ebenen (z.B. was den Ausgleich von Rohstofflieferungen durch neue Investitionen und Technologietransfers aus den Küstenregionen angeht) entstanden sind.

Heute besteht Chinas Volkswirtschaft im Grunde aus separaten Regionalwirtschaften, die zum Teil große Einkommens- und Entwicklungsunterschiede aufweisen.[17] Dabei ist im Laufe der 80er Jahre mit zunehmender Selbständigkeit der Lokalregierungen ein innerchinesischer Handelsprotektionismus zu einem großen Problem geworden. Beispielsweise werden Importe aus anderen Provinzen mit hohen Steuern belegt oder sogar Importverbote für bestimmte Produkte angeordnet.

Ein entscheidender Faktor, der zur Fragmentierung des chinesischen Wirtschaftssystems beigetragen hat, ist das von den Reformpolitikem eingesetzte Steuersystem und deren Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Zentralregierung und Provinzen. Den jeweiligen Provinzen, autonomen Gebieten und drei großen Industriestädten mit Provinzstatus (Peking, Shanghai und Tianjin) werden hier ungleiche Spielräume in der Gestaltung ihrer regionalen Wirtschaftspolitik eingeräumt. Das Spektrum reicht von 'maximal dezentralisierten' (v.a. Guangdong und Fujian) bis maximal zentralisierten' Finanzbeziehungen mit vielen weiteren unterschiedlichsten Finanzausgleichsregelungen, Grundlage ist das Prinzip der sog. Verantwortungsverträge, unter dem die Provinzregierungen eine vertraglich vereinbarte Steuermenge an die Zentralregierung abliefert und den darüberliegenden Betrag einbehält.[18]

Außerdem verfügen die Lokalregierungen über außerbudgetäre Fonds, in die unterschiedlichste lokale Gebühren und Abgaben eingehen. Die betreffenden Verwaltungsinstanzen versuchen hierüber oftmals, ihre Unabhängigkeit auszuweiten. Regionalbehörden sind dadurch für das Einziehen von einem Großteil der Steuereinnahmen verantwortlich; der zentrale Anteil an den gesamten Staatseinnahmen sowie an den Deviseneinnahmen hat sich daher stark verringert. Der finanzielle Spielraum, der theoretisch für die Förderung vieler Inlandsprovinzen oder den dringend nötigen Ausbau der nationalen Infrastruktur nötig wäre, ist somit relativ eingeschränkt, Die Differenzen zwischen Zentralregierung und Provinzen brachte auch die Tagung des Nationalen Volkskongresses im März 1994 zum Ausdruck, bei der ein verstärkter Interessenausgleich zwischen 'Gewinnern' und Verlieren' der Reformen gefordert wurde.

Bereits im November 1993, als ein neues Paket von Reformmaßnahmen zur 'Einführung der sozialistischen Marktwirtschaft' geschnürt wurde, stand eine Neuaufteilung der Steuereinnahmen zwischen Zentrale und Lokalregierungen zur Diskussion - v.a. im Hinblick auf eine Erhöhung der wirtschaftspolitischen Steuerungsfähigkeit der Zentralregierung.

Die beschlossenen Reformen setzten neben dem Bankensektor auch bei der Umwandlung der staatseigenen Unternehmen an. Ziel der Unternehmensreform sind unabhängige, finanziell eigenverantwortliche Betriebe, die rechtlich selbständig sind. Derzeit gibt es ca. 12.000 Staatsunternehmen, wovon nur ein Drittel rentabel arbeitet. Ihr Anted an der gesamten Industrieproduktion ist 1993 auf 46% gesunken.[19] Um die Transformation sozial verträglich zu gestalten, ist der schnelle Aufbau eines Systems sozialer Absicherung geplant. Desweiteren sollen die Einkommens Steuers ätze der staatlichen an die privaten und kollektiven Unternehmen angepaßt werden.

Man ist also bemüht die gewaltigen Unterschiede zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor anzugleichen. Dies wird auch deutlich in den neuen Maßnahmen zur Reform des Preissystems, die einen weiteren Rückzug der Staatliche Planungskommission aus der administrativen Lenkung der Wirtschaft (über Vorgabe von Quoten und Zuteilung von Investitionsmitteln) bedeuten.[20]

Abgesehen von den Küstenregionen ist die Gesamtwirtschaft immer noch relativ geschlossen, was sich zum einen durch die Größe des Landes, zum anderen durch die Entwicklungspriorität auf 'self-reliance' (Vertrauen auf die eigene Kraft) seit 1949 erklärt. Bezüglich des Außenhandels liegen erst seit 1981 regelmäßig statistische Jahrbücher vor, aufgrund derer halbwegs verläßliche Aussagen, z.B. über die

Zusammensetzung der Güter Im Import-Export-Geschäft, gemacht werden können. Vor 1978 wurde der Außenhandel nur über 12 staatliche Handelsagenturen (Foreign Trade Council) abgewickelt, die produktspezifisch aufgeteilt waren. Im Zuge der Öffnungspolitik wurde die Außenhandelskontrolle dezentralisiert. Heute gibt es tausende von Handelsunternehmen, die von Verwaltungen auf Provinz- oder lokaler Ebene geführt werden. Außerdem ist es einer Reihe von Industriebetrieben erlaubt, direkten Handel zu betreiben. Der Außenhandelsanteil hat dadurch in den letzten Jahren stark zugenommen: 1990 machte der Handelswert ca. 30% des Nationaleinkommens aus.[21]

Während China seit Mitte 1989 einen stetigen Außenhandelsüberschuß verzeichnete (1992: 4,4 Mrd US$), war 1993 ein noch zur Jahresmitte nicht in der Höhe erwartetes Defizit von 12,2 Mrd US$ aufgelaufen.[22] Dies ist einerseits auf den wachsenden Importbedarf der Unternehmen mit ausländischer Beteüigung, andererseits auf die einen großen Teil des Ausfuhrpotentials absorbierende Binnennachfrage zurückzuführen.

Firmen mit Ausländsbeteiligung konnten 1993 ihre Bedeutung für den Außenhandel erneut erhöhen. Ihr Anteil am Gesamtwarenverkehr erreichte 1993 über 34% (1992: 26%).[23]

Durch die geographische Nähe und Komplementarität der Volkswirtschaften nahm zunächst Japan schnell die führende Rolle als Handelspartner der VR ein. 1984 wurde 30% des Außenhandels mit Japan abgewickelt. Diese Handelsbeziehungen waren jedoch mit einer Reihe von Problemen belastet: sie resultierten teilweise aus einem oftmals zitierten (historisch bedingten) 'Mißtrauen' chinesischerseits, zum anderen aber auch aus dem großen Handelsbilanzungleichgewicht zugunsten Japans. Außerdem beschwerten sich die Chinesen darüber, daß teilweise unadäquate Investitionen getätigt, sowie zu wenig Technologietransfer betrieben wurde.[24] Nach der rapiden Aufwertung des Yen 1985 und der konsequenten Abwertung der an den US$ gekoppelten Hongkonger Währung verdrängte Hongkong Japan als Haupthandelspartner. Ungefähr 1/3 des Außenhandels der VR wurde nun mit HK abgewickelt; Japan machte nur noch ca. 18% aus. Hongkong war bis 1992 der größte Markt für den chinesischen Export und Hauptdevisenbringer.

1993 ist hier ein neuerlicher Umbruch festzustellen, da Japan wieder zum wichtigsten Handelspartner der VR avancierte - vor Hongkong, gefolgt von der EU und den USA. Hauptabnehmerländer sind nun (nach Bestimmungsland): 1. Hongkong, 2, USA, 3. Japan; Hauptlieferländer sind (nach Ursprungsland statt Herkunftsland): 1. Japan, 2. Taiwan, 3.USA, dicht gefolgt von Hongkong. China selbst betrachtet Hongkong als größtes Abnehmer- und Lieferland, da der indirekte Handel über Hongkong als Handel mit Hongkong deklariert wird.

Die Reformen im Außenhandel wurden mit Blick auf den erwarteten GATT-Beitritt weiter fortgesetzt und das Wechselkurssystem seit Anfang diesen Jahres einen weiteren Schritt in Richtung Konvertibilität gebracht: die Sonderwährung FEC (Foreign Exchange Certificate) ist seit 1.1.1994 abgeschafft, der Renminbi (RMB) abgewertet und die unterschiedlichen Wechselkurse zusammengefaßt.

Exportiert wurden in der Vergangenheit größtenteils Rohstoffe sowie landwirtschaftliche Produkte, insbesondere Nahrungsmittel für Hongkong und Japan. Heute sind über 80% aller Ausfuhren verarbeitete Erzeugnisse, wenn auch meist mit einem geringen Mehrwert-Anteil (value added). Der Anteil von Fertigwaren (nach dem 'Standard International Trade Classification' - System definiert als SITC 5 bis 8 außer 68) hat seit Beginn der Modernisierungspolitik beständig zugenommen. Der Exportwert stieg 1993 auf 38,8 Mrd US$ bzw. 35,6% der Gesamtausfuhren an. Bekleidung (SITC 841) stellt mit Abstand den größten Exportanteil - mit mehr als 1/4 aller verarbeiteten Produkte; Textilien und Garne (SITC 65) machen noch einmal 20% aus. Weiterhin wichtige Exportprodukte sind Spielwaren und Sportartikel (SITC 894) sowie Telekommunikationsausrüstungen (SITC 724); zusammen machen diese vier Kategorien 60% aller Exporte aus.[25]

Komparative Kostenvorteile sind in China in arbeits- und ressourcenintensiven Produkten konzentriert; in diesen Bereichen bestehen daher große Unterschiede zu den meisten 'Newly Industrialized Economies' (NIEs). Das RCA-Profil[26] ist im asiatischen Vergleich dem von Thailand und Indonesien am ähnlichsten. Bezogen auf die gesamte Wirtschaft läßt sich jedoch auch eine Ähnlichkeit mit Taiwan und (in geringerem Maße) Hongkong feststellen. Die Länder der CEA weisen also abgesehen von den arbeits- und ressourcenintensiven Produkten größtenteils kompetetive Exportprofile auf.

Seit 1970 hat sich das RCA-Profil abgeflacht; es ist nun eine weniger konzentrierte, entwickeltere Exportstruktur auszumachen. Für 34% aller Produkte liegt der RCA- Index über 1. d.h. hier bestehen komparative Kostenvorteile in der Produktion. Diese werden jedoch nicht voll ausgeschöpft, was durch einen Vergleich mit dem Exportprofil deutlich wird - denn die Ausfuhren konzentrieren sich immer noch auf die arbeits- und ressourcenintensiven Kategorien. Hier besteht also noch großer Spielraum für eine Ausweitung.

In absehbarer Zukunft ist nicht zu erwarten, daß sich das RCA-Profil Chinas hin zu kapitalintensiveren Produkten verschiebt. "[...] rather, the changes appear to be concentrated in increasing the base of labor intensive manufactures in which China has a comparative advantage."[27]

Seit Anfang der 90er Jahre ist bei den ausländischen Direktinvestitionen (FDI) nach China wieder ein starker Anstieg zu verzeichnen, nachdem sie aufgrund der Vorfälle am Tiananmen 1989 anfänglich zurückgegangen waren. 1993 wurden über 83.200 Vorhaben (+71% zu 1992) mit einem Vertragswert von 110,8 Mrd US$ (+91%) genehmigt.

An über 50.000 Projekten waren Adressen aus Hongkong (einschl. Macau) mit 73 Mrd US$ engagiert, vor Taiwan mit über 10.500 Vorhaben und 9,5 Mrd US$, Die zwischen 1979 und Ende 1993 in gut 170.000 genehmigten Verträgen aufgelaufenen ausländischen Investitionen liegen bei über 221 Mrd US$, abgerufen wurden jedoch erst 60 Mrd US$. Der Löwenanteil kommt auch weiterhin der Küstenzone und nicht den Inlandsgebieten zugute, die 1993 etwa 20% der kontrahierten Investitionssumme aus dem Ausland auf sich vereinigen konnten.[28]

Insgesamt haben die Reformen ein hohes Wachstum der Gesamtwirtschaft und einen relativ schnellen Strukturwandel ermöglicht; die Politik der Öffnung hat durch einen massiven Zufluß ausländischen Kapitals den Zugriff auf moderne Technik und Technologien verbessert. Nationaleinkommen sowie Output von Industrie und Landwirtschaft stiegen in den 80er Jahren durchschnittlich um 10% / Jahr an; auch das Realeinkommen erhöhte sich, wenn auch regional mit extremen Unterschieden. Der anhaltende Wirtschaftsaufschwung führte 1993 zu einer Steigerung des BIP auf 3.138 Mrd RMB (+ 13,4% zu 1992) und verzeichnete damit das höchste Wachstum seit 1985.

Es sind jedoch auch eine Reihe von Problemen entstanden wie Inflation, Arbeitslosigkeit sowie wachsende Einkommensdisparitäten. Durch die Existenz zweier Systeme - liberale Wirtschaftsformen (insbesondere in den SWZ) und eine halbreforraierte Planwirtschaft (v.a. im Hinterland) - haben sich zwangsläufig auch vielfältige Möglichkeiten für Korruption, Schmuggel, Parallelhandel und Schwarzmärkte ergeben.

Während die Gütermärkte heute weitgehend dereguliert sind, sind die Geld-, Kapital - , Devisen- und Arbeitsmärkte noch in weiten Teilen reglementiert bzw. regional segmentiert. Eine besondere Schwäche der Reformpolitik sind das unterentwickelte Bank- und Finanzwesen.

Ein weiteres Problem stellt die unterschiedliche Herangehensweise chinesischer und ausländischer Partner bei Kooperationen dar. So wird den Chinesen oftmals vorgeworfen, daß sie westliche Unternehmenskonzepte und -praktiken ignorieren. Auch ist das Rechtssystem in vielen Fällen nicht eindeutig.

"Western businesses sought the security and guidance of laws and regulations that would spell out, for example, what they could and could not do, how disputes would be resolved, and what taxes and fees they would pay to whom. China's legal system, in the Western sense, was totally undeveloped."[29]

Viele Unternehmen klagen, daß durch die lokale Verwaltung neben der Steuer fortwährend willkürliche Gebühren und Abgaben erhoben werden. Die daraus erworbenen Finanzmittel scheinen dann in der Regel von den betreffenden Verwaltungseinheiten intern verwendet zu werden. Die Behörden können solchen Forderungen z.B. mit der Versorgung durch wichtige Input-Güter, die unter staatlicher Kontrolle stehen (wie z.B. Energie oder qualifizierte Arbeitskräfte), Nachdruck verleihen. Ohne Beziehungen [guanxf] können viele Vorhaben nicht realisiert werden, weshalb gute Kontakte zur Wirtschaftsbürokratie von immenser Bedeutung sind.

Wie erfolgreich die Reformen trotz der erwähnten Probleme insgesamt sind, hat der IWF in seinem 'World Economic Outlook' 1993 der überraschten Weltöffentlichkeit präsentiert: durch eine neue statistische Bewertungsmethode, die sich statt an der bisher üblichen Wechselkurs- an der sogenannten Kaufkraftmethode (Purchasing Power Parity) orientiert, steht die VR China gemessen am BSP nach den Vereinigten Staaten und Japan auf Platz drei der Weltrangliste.[30] Nach der konventionellen Wechselkursmethode hätte das wirtschaftliche Gewicht Chinas zwischen 1970 und 1990 leicht abgenommen, obgleich Chinas durchschnittliche reale Wachstumsrate im Jahr doppelt so hoch gewesen ist wie die der restlichen Welt.

Für China, das der IWF als einziges Land aus den Ländergruppierungen für die Dritte Welt heraushebt, zeigt sich somit die erstaunlichste Neubewertung.

Grundlage einer Festigung der Position ist sicherlich eine weitere Integration in die Weltwirtschaft, die seit Anfang der 80er Jahre kontinuierlich zunimmt. Darüber hinaus ist auch eine stärkere Einbindung in den asiatischen Wirtschaftsraum offenkundig. Dabei beschränkt sich die stärkere Verflechtung keinesfalls nur auf Hongkong und Taiwan; vielmehr sind alle asiatischen NIEs sowie die ASEAN-Staaten betroffen. Diese Entwicklung erhöht die Konkurrenzsituation in der ganzen Region; während einerseits ausländische Direktinvestitionen (FDIs) aus anderen Staaten - insbesondere aus den ASEAN - abgzogen werden, birgt der wachsende Importbedarf Chinas auch große Chancen: die Hälfte aller chinesischen Importe kommen aus asiatischen Ländern.

Die Reform- und Öffnungspolitik hatte somit nicht nur einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum Chinas und der gesamten asiatischen Region, sondern auch auf bestehende integrative Tendenzen:

'Trom the standpoint of the Pacific Basin as a whole, the greater involvement of China [...] is a positive development in terms of both economic growth and regional integration. [...] the Pacific Basin minus China has already developed into a dynamic economic entity. The addition of China, by virtue of its enormous size, huge population and resource base, and vast market potential, will obviously further expand the scope of economic growth for the whole Pacific region."[31]

Anmerkungen:

Chinesische Begriffe werden in der offiziellen Umschrift Pinyin wiedergegeben. Ausnahmen sind Eigennamen, die sich bereits anders eingeprägt haben (wie z.B. Peking statt Beijing) bzw. in einer anderen Umschrift angegeben sind (z.B. bei Personennamen).

Anstelle von 'Volksrepublik China1 wird oftmals nur 'VR' oder 'China', bzw. aus der Perspektive Taiv/ans der dort übliche Ausdruck 'Festland' benutzt; für die 'Republik China' auch 'Taiwan', für 'Hongkong' auch 'Kronkolonie' oder 'Kolonie'.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, das dies jedoch nicht die korrekten Bezeichnungen der drei Staaten wiedergibt. So ist 'Taiwan' eigentlich eine Provinz Chinas, die 'Republik China' ein unabhängiger, wenn auch von den meisten Staaten diplomatisch nicht anerkannter, Staat auf Taiwan. Außerdem stellt die 'Kronkolonie' nur einen Teil Hongkongs dar.

Die Begriffe werden üblicherweise jedoch als Synonyme verwendet und sollen auch in dieser Arbeit die Lesbarkeit verbessern.

Aufgrund der statistischen Erfassungsprobleme im innerchinesischen Wirtschaftsverkehr weichen die Daten im einzelnen oftmals stark voneinander ab. Auch eine Einschätzung der Bedeutung der Überseechinesen gestaltet sich als sehr schwierig. Dennoch lassen sich immer Tendenzen aufzeigen; auf Probleme bei einer genauen Quantifizierung wird im jeweiligen Zusammenhang konkreter eingegangen.

I. VORAUSSETZUNGEN IN DEN DREI LANDERN

1. VR CHINA

1.1. Das Postulat derWiedervereinigung

Im Zuge der von Deng Xiaoping eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik wuchs auch die Dialogbereitschaft gegenüber Taiwan, die seit Ende der 80er Jahre in vielen Bereichen erwidert wird. Diese Dialogbereitschaft beider Parteien in China (KPCh) und Taiwan (GMD) überrascht aus historischer Perspektive nicht, als daß sie auf viele Gemeinsamkeiten zurückgreifen können. Alle drei Territorien (China, Hongkong und Taiwan) sind chinesischen Ursprungs und haben die gleiche Kultur und Tradition.[32] Seit von seiten Pekings ein neuer Kurs eingeschlagen, Taiwan nach Ende des fast 40 Jahre währenden Kriegszustandes eine vorsichtige Liberalisierung der 'Fesüandpolitik' wagte, und außerdem die Zukunft Hongkongs mit der Sino-Britischen Erklärung [.zhongying lianhe shengming] festgeschrieben war. wird über die 'friedliche Wiedervereinigung” mit Taiwan [heping tongyi] verstärkt diskutiert - oftmals im Zusammenhang mit einer 'großchinesischen Wirtschaftsgemeinschaft”. Das Bewußtsein, daß sich alle drei Länder ergänzen und ein Zusammenwachsen die chinesische Nation stärkt, führte zu einer relativ pragmatischen Vorgehensweise bei der Annäherung.

Im April 1982 legte die chinesische Regierung Details einer überarbeiteten Verfassung vor, die die Einrichtung von mit hoher Autonomie ausgestatteten 'Sonderverwaltungszonen' [fehle xingzhengqu], kurz SAR, vorsah. Die neue Verfassung der VR wurde im Dezember desselben Jahres vom Nationalen Volkskongreß angenommen und verankerte das Bestreben der Wiedervereinigung aller chinesischen Gebiete.[33] Die Wiedervereinigung mit Hongkong und Taiwan soll nach der Formel 'ein Land, zwei Systeme' [yiguo liangzhi] erfolgen. Dieses Konzept wurde seit der 3. Plenartagung des 11. Kongresses des ZK der KP China (1978) entwickelt, um den wirtschaftlichen und politischen Realitäten der beiden Länder gerecht zu werden. 1981 wurde es erstmals vom Vorsitzenden des Nationalen Volkskongresses Ye Jianying in einem 9-Punkte-Plan umrissen.[34] Im gleichen Jahr, also bevor überhaupt die Verhandlungen über Hongkong begannen, schlug Peking Taipeh vor, in den Bereichen Handel, Post, Verkehr, Kultur und Sport Beziehungen aufzunehmen. Dabei betonte man, daß nur ein China existiert, und bot die Einrichtung eines 'Sonderverwaltungsstatus' für den Fall einer Wiedervereinigung an. Dieser Status sollte eine relativ hohe innenpolitische Autonomie garantieren - unter Beibehaltung des gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems sowie einer eigenständigen Außenpolitik und eigenem Militär.[35] Zwar ist die Regierung auf Taiwan nicht auf dieses Angebot eingegangen, doch wurden seit diesem Zeitpunkt immer wieder Gespräche auf halb offizieller Ebene über die Möglichkeiten einer Annäherung geführt. So ist es nicht verwunderlich, daß Taiwan die Entwicklung in Hongkong mit besonderer Skepsis beobachtet.[36]

1984 ging das Konzept 'ein Land, zwei Systeme' dann auch in ein internationales Abkommen ein: in der Sino-Britischen Erklärung wird Hongkong zum ersten 'Testfall' für die Anwendung. Wichtig ist dabei der transitorische Charakter; nach der Vereinigung soll sich das kapitalistische System dem (chinesisch geprägten) sozialistischen unterordnen, wofür ein Zeitraum von 50 Jahren angesetzt ist.[37]

1997 fällt Hongkong somit unter die Souveränität Chinas. Die sino-britischen Verhandlungen über die Zukunft Hongkongs fanden ohne die Beteiligung der betroffenen Bevölkerung statt - das hätte die Wiedereingliederung prinzipiell gefährdet. Und daran war keine der beiden Mächte interessiert: für Großbritannien stellt sie das Ergebnis eines erfolgreichen Entkolonialisierangsprozesses dar, für China ist mit Übernahme des Territoriums eines der letzten Relikte des Imperialismus beseitigt. Totz vieler Unstimmigkeiten, was die einzelnen Modalitäten angeht, konnte so das gemeinsame Ziel mit der Sino-Britischen Erklärung festgeschrieben werden.

Während die Anwendung des Konzeptes auf Hongkong auch die Zustimmung der US- amerikanischen Regierung erhielt, verhält sich diese in Bezug auf Taiwan zurückhaltend. Dies ist auf die unterschiedlichen historischen, sozio-ökonomischen und politischen Voraussetzungen zurückzuführen, die beide Territorien (Hongkong und Taiwan) voneinander unterscheidet.[38]

Während Hongkong sehr stark direkt von China abhängig war und die Bevölkerung aufgrund des kolonialen Status kein Mitspracherecht hatte, stellt sich die Situation in Taiwan anders dar. Die Republik China unterhielt bis 1971, als die Anerkennung der Volksrepublik zum Ausschluß aus den Vereinten Nationen führte, zu 67 Ländern diplomatische Beziehungen.

Seitdem bestehen viele halboffizielle Kontakte; Taiwan genoß den militärischen Schutz der USA und erhält Waffenlieferungen aus der westlichen Welt. In vielen Regierungen westlicher Industrieländer existiert eine starke pro-Taiwan-Lobby. Außerdem hat die eingeleitete Demokratisierung dazu geführt, daß bei Verhandlungen über die Zukunft nicht nur die Regierungen beider Länder, sondern auch die Bevölkerung (sprich: Wählerschaft) als dritter Akteur ein Mitspracherecht fordert.

1.2. Die politischen Beziehungen zu Hongkong

Seit 1842, dem Jahr der Niederlage Chinas im ersten Opiumkrieg, existiert Hongkong als eigenständige territoriale Einheit. Die britischen Kolonialherren bauten die Kronkolonie als Handelsstützpunkt und Umschlagplatz im südostasiatischen Handel aus; ziemlich bald wurde es für das britische Weltreich und dessen wirtschaftliche und seestrategische Interessen der bestimmende fernöstliche Außenposten, für den Welthandel der wichtigste Stützpunkt der Ostasienfahrt zwischen Shanghai und Singapore. 1860, am Ende des zweiten Opiumkrieges, wurde China dann zur Abtretung des gegenüberliegenden Brückenkopfes Kowloon gezwungen; 1898 folgte die zweite Erweiterung um einen noch größeren Hinterlandsbereich, den New Territories, in Form eines Pachtvertrages für 99 Jahre. Diese waren v.a. für eventuelle feindliche Angriffe aus militärischen Gründen wichtig.

Am 1. Juli 1997 läuft nun dieser Pachtvertrag aus. Die verschiedenen Teüe Hongkongs sind inzwischen sehr stark miteinander verflochten und stellen de facto eine territoriale Einheit dar; Victoria Island kann daher nicht mehr ohne Kowloon und den New Territories existieren. Da diese sowieso durch 'ungleiche Verträge“ erworben wurden, bezogen sich die Verhandlungen über Hongkong immer auf das gesamte Gebiet.

Für China war zwar der “kapitalistische Vorposten' ein Dorn im Auge, aber er erfüllte zu wichtige Funktionen, als daß bereits in der Vergangenheit Forderungen nach einer Wiederherstellung der Souveränität über das Territorium gestellt worden wären. Die chinesische Haltung der Nichteinmischung war Anfang der 50er Jahre für westliche Beobachter zunächst unerwartet, da sich die Beziehung zwischen Großbritannien und der VR China verschlechtert hatte. Ursache hierfür waren die Aufschiebung der Dekolonialisierung und die Weigerung der Pekinger Regierung, die Gültigkeit der von den “Imperialisten“ diktierten ungleichen Verträge anzuerkennen. Trotzdem verzichtete China darauf, die sofortige Wiedereingliederung von Hongkong und Macao zu verlangen oder die Angliederung mit militärischen Mitteln zu forcieren. Aus chinesischer Sicht gab es dafür drei entscheidende Motive: militärische, handelspolitische und zunehmend auch volkswirtschaftliche.[39]

Aus militärischer Sicht hinderte v.a. die Containment-Strategie der USA China daran, hier aktiv zu werden: ein kommunistischer Übergriff in Asien wäre wahrscheinlich nicht hingenommen worden. Zwar bezog sich der militärische Schutz der in der Taiwan-Straße kreuzenden 7. US-Flotte und der auf Taiwan stationierten Luftstreitkräfte primär auf die Abwehr einer chinesischen Invasion auf Taiwan, im westlichen Bündnis herrschte aber mehr oder weniger Einverständnis darüber, daß die USA diesen Schutz im Falle einer Aggression auch auf Hongkong ausdehnen würde. Ein weiteres Motiv, von jeglicher Intervention in Hongkong abzusehen, ergab sich aus der außenpolitischen Isolation, in die China der dem Eingreifen in den Korea-Krieg nachfolgenden Verhängung eines Handelsembargos gekommen war. Dieses Embargo fiel in die Phase des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach Ende des Bürgerkrieges. Die faktische Schließung der chinesischen Häfen für den Westhandel führte dazu, daß ein Großteil der Importe durch Mittelsmänner in Hongkong abgewickelt werden konnte. Die Stadt wurde dadurch zu einem strategischen Handelsplatz, an dessen Stabilität China ein eigenes Interesse haben mußte. Ihre Bedeutung wurde mit Hinwendung zur Sowjetunion zwar zeitweise geringer, erhöhte sich aber wieder, nachdem es 1960 zum ideologischen Bruch zwischen Moskau und Peking kam und technische bzw. finanzielle Hilfen über verstärkte Aktivitäten in Hongkong kompensiert werden mußten.

Die größte Bedeutung erlangte Hongkong jedoch nach dem Tod Maos und der Einleitung der Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping: ein großer Teil der Finanz- und Handelsgeschäfte mit dem Ausland werden seitdem über Hongkong abgewickelt; es fungiert als Sprungbrett von Exportoffensiven der VR nach Südostasien und ist zugleich Testmarkt für Konsumwaren aus eigener Produktion. In erster Linie ist Hongkong jedoch Devisenbringer - durch unmittelbare Handelsüberschüsse, Gewinne von chinesischen Finnen, Firmenbeteiligungen sowie Überweisungen von Hongkong- Chinesen an ihre Familienangehörigen auf dem Festland.[40]

Es scheint, als ob es seit den 50er Jahren ein stilles Übereinkommen gab: China mischte sich nicht in die Angelegenheiten der britischen Administration ein, solange Großbritannien keine Schritte unternahm, die den chinesischen Interessen zuwiderlaufen könnten. Das waren in erster Linie Demokratisierungstendenzen und freie Wahlen. Der Verzicht auf eine politische Mobilisierung der Industriearbeiterschaft schlug sich nicht nur in einem niedrigen Niveau sozialer Konflikte nieder, sonder erwies sich auch bei allen großen Unruhen in Hongkong (wie z.B. den 'Star-Ferry'-Protesten gegen Fahrpreiserhöhungen 1966) als ausgesprochen stabilisierend. Für Großbritannien, das die VR bereits 1952 - also lange vor allen anderen westlichen Staaten -diplomatisch anerkannte, bedeutete dies den Verzicht auf eine eventuelle Verteidigung Hongkongs bei einer kommunistischen Intervention. Der Verlust der militärstrategischen Bedeutung Hongkongs äußerte sich in der 1954 vom britischen Kabinett beschlossenen Truppenreduktion in Hongkong, die mit der Schließung der Marinebasis ihren Höhepunkt fand. Eine weitere Übereinkunft bestand darin, daß die Regierung der Republik China auf Taiwan keine offiziellen Präsenzen in Hongkong errichten durfte. Die Kolonialregierung hielt sich an diese ungeschriebenen Bedingungen und verzichtete darüber hinaus auf jegliche Unterstützung der Guomindang (GMD). Auf dieser Grundlage konnten Stabilität und Wachstum in der Kolonie gesichert werden.

Bis zum Jahr 1980/81 hatte die unsichere Zukunft Hongkongs keine Auswirkungen auf das Verhalten der Unternehmer. Je näher das Datum 1.7.97 jedoch rückte, desto mehr mußte London auf eine Klärung der Situation drängen.

Die hohen Erwartungen, die die britische Seite zu der Zeit in die weitere Zukunft der Kronkolonie setzte, wurden jedoch nicht erfüllt[41]: im April 1982 erklärte Peking, daß ganz Hongkong 1997 wieder unter chinesische Souveränität gestellt wird. Das kapitalistische System soll - genau wie die Rechtsprechung und Pressefreiheit - beibehalten werden, aber ohne britische Präsenz in der Administration.

Die sino-britischen Verhandlungen dauerten zwei Jahre und waren von vielerlei Schwierigkeiten überschattet. Traten Probleme auf, hatten diese unmittelbare Auswirkungen auf die Hongkonger Wirtschaft. So kam es nach dem Thatcher-Besuch in Peking Ende 1982 zu einer Vertrauenskrise, die zu einer massiven Kapitalflucht und einer andauernden Abwertung des HK$ führte. Dadurch brach der Börsen- und Immobilienmarkt zusammen, und es folgten schwere Kreditverluste für Banken und Finanzierungsinstitute. Auch als im September 1983 die Gespräche in eine Sackgasse gerieten, gab es in Hongkong eine Panik auf den Finanzmärkten; der Wert des HK$ fiel dramatisch. Peking hatte damit gedroht, daß eine Entscheidung über die Zukunft Hongkongs notfalls einseitig verkündet würde - wenn man nicht innerhalb eines Jahres eine Übereinkunft erzielte. Erst im Oktober 1983, als die Regierung ein Währungsstabilisierungsprogramm einführte, beruhigte sich der Markt wieder. Angesichts dieser Krise wurden die Verhandlungen konstruktiv weitergeführt, bis im September 1984 die 'Joint Declaration' unterzeichnet wurde.[42] Seitdem soll die britische Administration nur noch (in einem von der VR autorisierten Rahmen) die wirtschaftliche Prosperität und soziale Stabilität erhalten, bis 1997 die Machtübernahme erfolgt. Für die Interessen der Hongkonger Bürger ist nun offiziell Peking verantwortlich. Zwar will man sich nicht direkt in die Hongkonger Belange einmischen, aber zumindest zu langfristigen Plänen ist eine Zustimmung der VR nötig. Es wurde also spätestens nach 1984 eine neue Situation geschaffen: durchdrang vormals die VR China Entscheidungen nur dadurch, daß sie existierte (denn eine mögliche Reaktion Pekings wurde immer in Betracht gezogen), war nun eine Kooperation unumgänglich geworden.

"Yet the biggest factor influencing Hong Kongs development has been China. While before 1982 the China factor operated indirectly inconspicuously, and in a 'negative' way as to prescribe certain limits beyond which no Hong Kong policies might trespass, the same factor has, since the Sino-British negotiations over the future of Hong Kong in 1982, become direct and conspicuous, operating in a 'positive' manner as to prescribe what directions of change Hong Kong should take"[43] Interessanterweise fiel die Unterzeichnung des Vertrages durch Margaret Thatcher und Zhao Ziyang in eine Phase der Ausweitung der Reformen in China. So wurde eine Resolution über die Reform des Wirtschaftssystems verabschiedet, die Vertrauen in die zukünftige Entwicklung schaffte. Die Erfolge der Reformen in der Landwirtschaft sollten nun, in einer zweiten Phase, auch auf die städtischen Sektoren ausgedehnt werden.[44]

Der Status Hongkongs als SAR Chinas ist ira Grundgesetz (Basic Law) verankert, das 1990 verabschiedet wurde. Durch dieses Grundgesetz, das am 1.7.1997 gültig wird, bekommt Hongkong einen Präsidenten, eine gewählte Legislatur mit dem Recht, Gesetze zu erlassen, sowie ein von der VR unabhängiges Gerichtswesen, Versammlungs- und Redefreiheit werden garantiert, während Migration aus der VR nach Hongkong streng kontrolliert bleibt.

Auch für die Beibehaltung des Wirtschaftssystems ist gesorgt. So ist außerdem das Recht auf Privateigentum (einschließlich ausländischer Investitionen) verankert. Die Finanzmärkte bleiben auch weiterhin unabhängig - genau wie öffentliche Ausgaben und das Steuersystem. Peking darf außerdem keine Steuern in Hongkong erheben. Die Währung und eine eigenständige Geldpolitik werden beibehalten; die Regierung der SAR darf Banken mit der Notenausgabe betrauen, der HK-$ bleibt konvertibel, Devisenkontrollen werden nicht eingeführt. Hongkong darf weiterhin GATT-Mitglied und Freihafen bleiben.

Auch wenn China die Existenz der marktwirtschaftlichen Ordnung für weitere 50 Jahre garantiert, steht das wirtschaftliche Vertrauen auf wackeligem Boden. Überaus deutlich wurde dies nach den Ereignissen auf dem Tiananmen im Juni 1989. Auf internationaler Ebene wurde das Vorgehen der Regierung stark kritisiert; auch Großbritannien brach zunächst die meisten offiziellen Kontakte zur VR China ab. Für sie war die unausgesprochene Voraussetzung für eine konfliktfreie Umsetzung des Britisch-Chinesischen Abkommens, nämlich die Kalkulierhark eit und zunehmend pragmatische Orientierung der chinesischen Regierung, nicht mehr gegeben.

Ihren Ausdruck fanden die politischen Spannungen u.a. in einem neuerlichen Streit um das Flughafenprojekt, in dem es um Finanzierung, Mitspracherecht sowie um Aufträge an Unternehmen britischer und chinesischer Herkunft geht. Dieses Mammutprojekt, das erstmalig eine konkrete Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der VR erfordert, ist bei auftretenden Problemen immer wieder zum Verhandlungsgegenstand geworden und somit in gewisser Hinsicht ein Gradmesser der Beziehungen, Beide Seiten stützen sich dabei auf die Vereinbarung von 1984 und beanspruchen für sich, die Interessen Hongkongs zu vertreten. Übereinstimmung besteht darin, daß die Kapazitäten des gegenwärtigen Flughafens KaiTak nicht ausreichen; der Neubau im Norden der Insel Lantao, verbunden mit umfangreichen Infrastrukturprojekten wie z.B. einem Umschlaghafen sowie einer Autobahnanbindung (einschließlich Verbindungsbrücke) zur Innenstadt, umfaßt ein Gesamtinvestitionsvolumen von ca. 38 Mrd. HK$ (4,9 Mrd. US$).[45] Da Bauzeit sowie Schuldentilgung des Projekts über 1997 hinausreichen, befürchtet die chinesische Regierung, daß sich britische Unternehmen am Flughafenneubau bereichern und Hongkong als zukünftige SAR der VR China für die Schulden wird aufkommen müssen. Die Londoner Regierung hingegen beansprucht bis Ende Juni 1997 das alleinige politische Entscheidungsrecht und will das Projekt - zur Belebung der Hongkonger Wirtschaft sowie zur Wiederherstellung des Vertrauens der Einwohner und Unternehmen - nach eigenen Plänen durchziehen. Dieser Streit wurde 1991, nach einer geheimen Mission vom außenpolitischen Berater des britischen Premierministers Major (Sir Percy Cradlock) in Peking, vorerst beigelegt.[46]

Im April 1992 erfolgte dann die Ernennung des bei den britischen Unterhauswahlen gescheiterten ehemaligen konservativen Parteivorsitzenden Chris Patten zum neuen Gouverneur der Kronkolonie, der bei vielen Hongkonger Bürgern erneut die Hoffnung auf eine Absicherung bestimmter demokratischer Elemente (insbesondere freie Wahlen) vor 1997 weckte. Ebenfalls im April, nach den Hongkonger Wahlen im Januar[47], gab der chinesische Polizeiminister erstmals offiziell zu, daß seine Behörden eine Beobachtungsliste über Hongkonger Bürger führen, die als politisch mißliebig einzustufen sind.[48] Der in die Zeit gelegte Besuch des Oppositionsführers Martin Lee bei Premier Major wurde in der VR sehr kritisch bewertet. Kurz darauf wurden chinesische Bewilligungen von Finanzmaßnahmen im Rahmen der Flughafen - Bauprojekte verzögert. Die Auseinandersetzungen spitzten sich zu, als der neue Gouveneur Mitte des Jahres ein Programm für demokratische Reformen vorlegte: das Anstreben politischer Veränderungen richte sich, so die Regierung der VR, gegen die Abkommen. Desweiteren wurde der Rückzug aus allen eingegangenen Verpflichtungen angedroht. Patten reagierte mit der Ankündigung, das Flughafenprojekt notfalls im Alleingang zu bauen. Zwar hatte er damit die Sympathie eines Großteils der Hongkonger Bevölkerung gewonnen, einflußreiche Untemehmerkreise warnten jedoch vor einer Beschädigung der Wirtschaftsinteressen.

Gegen Ende des Jahres 1992 stürzten die Kurse an der Hongkonger Börse wieder ab und reagierten so auf einen Tiefstand in den britisch-chinesischen Beziehungen. Der Hang-Seng-Index, seit jeher Barometer für die politische und wirtschaftliche Stimmung in Hongkong, fiel im Dezember auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren.[49] Grund dafür waren die neuen das Reformpläne des Gouveneurs, die ihren Niederschlag in der Weigerung der chinesischen Regierung fand, das Gesamtpaket über Bau und Finanzierung des neuen Großflughafens zu akzeptieren. China verstärkte nun den Druck auf Hongkonger Politiker, Pattens Pläne abzulehnen, und warnte vor einer Internationalisierung des Konflikts. Ursache waren die Rückendeckungen für die Reformen aus den USA, Kanada und Australien: die Regierungen dieser Länder erklärten, daß zur Sicherung ihrer Wirtschaftsinteressen im zukünftigen Sonderverwaltungsgebiet demokratische Strukturen vonnöten seien. Als Druckmittel fungierten z.B. die kürzlich verlängerte Meistbegünstigungsklausel sowie Waffengeschäfte mit Taiwan. China hat seinerseits bei starkem Wirtschaftswachstum einen expandierenden Markt vorzuweisen, so daß diese Erklärungen - ähnlich wie die Forderung nach Wahrung der Menschenrechte in der VR selbst - zunächst wohl eher nur grundsätzliche Positionen deutlich machen.

1.3. Die politischen Beziehungen zu Taiwan

Seit 1949 waren die Beziehungen zwischen China und Taiwan sehr angespannt.

Seit der japanischen Kapitulation gilt die Insel völkerrechtlich als eine Provinz Chinas. Nach Ausrufung der Volksrepublik China 1949 wurde Taiwan Sitz der letzten gewählten Regierung der Republik China, die sich auf der Flucht vor der kommunistischen Volksarmee dorthin zurückgezogen hatte. Auf den vorgelagerten Inseln kam es immer wieder zu Zwischenfällen, die erst seit 1979 völlig eingestellt wurden.

Ein weitgehender Wandel trat erst 1979 ein, als der Ständige Ausschuß des Nationalen Volks ko ngresses {NVK} eine 'message to compatriots in Taiwan' herausgab, in der auf den Gebieten Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Sport ein Austausch vorgeschlagen wurde.[50] Seitdem stoppten auch die militärischen Attacken auf die Taiwan vorgelagerte Insel Jinmen. Dem Vorschlag folgten weitere Friedensinitiativen, wie z.B. die bereits erwähnte Ausarbeitung der Politik der Rückführung Taiwans und der friedlichen Wiedervereinigung Ye Jianyings.

1984, als die Verhandlungen mit Großbritannien über die Zukunft Hongkongs zu einem Abschluß kamen, wurde die Anwendung des Modells 'ein Land, zwei Systeme’ für die Wiedervereinigung mit Taiwan zu einem Hauptthema offizieller festlandchinesischer Erklärungen.[51] [52] Gleichzeitig hielt man jedoch an der Option fest, auch Gewalt für die Wiedereingliederung Taiwans anzuwenden, und dämmte so sezessive Tendenzen auf Taiwan ein.

Die Wiedervereinigung mit Taiwan, deren Bevölkerung zum größten Teil aus ethnischen Chinesen besteht, stellt für die Regierung in der VR ein politisch wichtiges Ziel dar. Auf dem 3. Plenum des 11. ZK der KP im Dezember 1978 erklärte Deng Xiaoping die nationale Wiedervereinigung des Mutterlandes zu einem von drei Hauptzielen, die er und die Partei erreichen sollten. Engere wirtschaftliche Beziehungen werden als Unterstützung des Prozesses der friedlichen Wiedervereinigung gewertet. Sie fördern die wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung des Landes und sind somit mit den Grundsätzen der allgemeinen Öffnungspolitik konsistent. Der Handel trägt zur Gesamtwohlfahrt bei, wohingegen Investitionen das benötigte Kapital, Technologie und Management-know-how in das Land bringen.

Die Argumente gegen eine Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen sind rar geworden; Sicherheitsbedenken sind kaum noch vorhanden, da die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Invasion von seiten Taiwans de facto gleich null ist; sogar die Bedenken gegenüber geistiger Verschmutzung, die immer wieder in Kampagnen ihren Ausdruck finden, haben den Grundsatz der Offenheit nicht verdrängt.

Die politischen Implikationen verstärkter wirtschaftlicher Kooperation sind jedoch enorm. Das Taiwan-Bild der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren rasant geändert; es ist (zumindest in den Küstenregionen) nicht mehr durch Presse und Propaganda, sondern durch aktuelle Kontakte determiniert. Jeder der Besucher aus Taiwan hat einen Eindruck hinterlassen, der oftmals durch großzügige Hilfestellungen den Verwandten gegenüber geprägt ist. Die Geschenke, die jährlich in die VR gebracht werden, machen laut Schätzungen einen Wert von US$ 1 Mrd. aus.21 Nicht zu vermeiden ist jedoch, daß die Unterschiede im Lebensstandard bei der Bevölkerung auch Aggressionen hervorrufen. Ein Beispiel hierfür stellt der Überfall auf dem Qiandao-See im März 1994 dar, bei dem alle 24 Mitglieder einer Touristengruppe ums Leben kamen. Dieser Zwischenfall führte zunächst dazu, daß in Taiwan alle Gruppenreisen in die VR gestoppt wurden.[53] Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit sind jedoch nicht zu befürchten. So wird ein Sprecher der President Enterprises, einer der größten taiwanesischen Investoren, mit den Worten zitiert: "We're businessmen. Qiandao Lake is a problem for tourism. Some say those people brought danger to themselves by showing off their wealth.”[54]

Die zunehmenden Kontakte kamen nicht nur der Wiedervereinigungspropaganda Pekings entgegen: auch füllten die taiwanesischen Geschäftsleute einen Teil der Lücke aus, die durch die internationalen Sanktionen gegen China nach den Ereignissen auf dem Tiananmen 1989 entstanden waren. Investitionen aus dem Westen gingen zurück; für viele (v.a. europäische) Unternehmen schien der osteuropäische Markt interessanter als der chinesische geworden zu sein. Auch die Touristen aus Amerika und Europa, begehrte Devisenbringer, blieben zunäschst aus. Die Investitionen aus Taiwan dagegen wuchsen trotz der Ereignisse weiter; hier war, unterstützt durch die Wende in der taiwanesischen Regierung, das 'Festlandfieber' [dalu re] ausgebrochen.[55] [56]

Anfang Juli 1990 fand das erste chinesisch-chinesische Wirtschaftsseminar seit 1949 statt, zu dem 650 Unternehmer aus Taiwan und mehr als tausend Vertreter chinesischer Staatsbetriebe und Behörden nach Peking kamen. Als Organisatoren traten zwei nichtamtliche Organisationen auf, die sich den umständlichen Namen 'Wirtschafts- und Handelskoordinationsbüro für beide Seiten der Taiwan-Straße' gaben, um die brisante Frage des politischen Status zu umgehen. Dieses Seminar war jedoch mehr als nur ein Treffen unter Wirtschaftsvertretern.· der Leiter der taiwanesischen Delegation, Chang Pen-tsao, war nicht nur Vorsitzender der taiwanesischen Handelskammer, sondern auch (was von den chinesischen Zeitungen verschwiegen wurde) Mitglied des Zentralkomitees der GMD. Beim Empfang nutzte Ministerpräsident Li Peng dann auch die Gelegenheit, von Taiwan die Lockerung der Beschränkungen der Wirtschaftskontakte zu fordern.

Chang betonte, daß das Nationalgefühl eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spiele, mit dem Festland Geschäfte zu machen: schließlich sei man ein Volk und spreche eine Sprache. 2 5 Die positive Haltung Pekings setzte sich auch weiter fort. So wurde beispielsweise das Angebot der '3 Verbindungen' [san tong] in den Bereichen Post, Reisen und Handel immer wieder bekräftigt, z.B. anläßlich der Tagung des ZK der KPCh im Dezember 1990.

Im März 1992 meldete die Nachrichtenagentur XNA, daß sich der Austausch in den verschiedensten Bereichen auf der Grundlage verstärkten gegenseitigen Verständnisses, beidseitigen Vorteils sowie Praktikabilität ausweiten werde. Der Schwerpunkt des laufenden Jahres werde auf einer Ausweitung der Beziehungen in Wirtschaft und Handel, im gegenseitigen Austausch sowie in Gesprächen zur Förderung der Kontakte liegen.

Die Aussichten für eine weitere Stabilisierung der Beziehungen werden von China sehr optimistisch eingeschätzt:

"Authoritative sources here point out that various exchanges across the straits have seen rapid development in just a few years and the relations between the two sides are progressing in a direction favorable to the reunification of the motherland and such a situation is hard-won and should be treasured. In a word, the relations across the Taiwan Straits promised bright prospects early this year. As long as the Taiwan authorities get rid of their misgivings, act in line with the public desires and bravely take new moves, relations across the straits will surely make further progress." 26

Am 27. April 1993 begannen erstmals seit 44 Jahren Verhandlungen zwischen hochrangigen Vertretern der VRC und Taiwan. Das Treffen stellt den vorläufigen Höhepunkt eines Prozesses dar, der mit der im Sommer 1992 erfolgten Einladung von C.F. Koo[57] nach Peking begonnen hatte. Zwar hatte es schon von 1991 an Kontakte zwischen Vertretern Taipehs und Pekings gegeben, die allerdings kaum greifbare Ergebnisse aufzeigten. Erst im Februar 1992, als Präsident Lee Teng-hui (Li Denghui) den Ministerpräsidenten Hau Pei-Tsun durch Lian Chan ersetzte und der 'Straits Exchange Foundation’ (SEF, haixia jiaoliu jijinhui) grünes Licht für Vorverhandlungen mit der 'Association for Relations Across the Taiwan Straits’ (ARATS, haixia Jiangan guanxi xiehui) über ein direktes Treffen der Vorsitzenden der beiden Organisationen gab, waren die notwendigen Voraussetzungen geschaffen.

Damit dieses Treffen in Singapur stattfinden konnte, waren diplomatische Schachzüge notwendig, die laut Presseberichten von Lee Kuan Yew eingefädelt wurden. Dieser hatte in der Vergangenheit enge Kontakte sowohl zu Peking als auch zu Taipeh gehalten.

Die Verhandlungen wurden mit einigen Abkommen am 29. abgeschlossen, die zumindest eine bessere Handhabung des Konflikts erwarten lassen. Die Abkommen selbst waren jedoch auf einige wenige Themen beschränkt, im wesentlichen ging es um drei Vereinbarungen: die Anerkennung von wirtschaftlichen Dokumenten, die Entschädigung für verlorengegangene Postsendungen und die Institutionalisierung von Kommunikationskanälen zwischen Taipeh und Peking. Die Gespräche wurden als innoffiziell bezeichnet (’private Kontakte nichtoffizieller Organisationen')[58] und sparten politische Themen aus. Delegationsleiter der VR war Wang Daohan, Vorsitzender der ARATS, der als enger Vertrauter von Staats- und Parteichef Jiang Zemin gilt. Taiwan war durch die SEF vertreten. Obwohl kein diplomatischer Durchbruch in den Beziehungen erwartet und erreicht wurde, sprach der taiwanesische Delegationsleiter Koo von einem historischen Treffen: "We have built a bridge between us [...]. No one can say we have not achieved results. both sides have won."[59]

Die Abkommen umfaßten u.a. die Gebiete der gemeinsamen Verbrechensbekämpfung, die Lösung von Streitigkeiten bezüglich Fischereirechten, Kooperation in Rechtsangelegenheiten sowie ein verstärkter kultureller und wissenschaftlicher Austausch. Über ein Investitionsschutzabkommen, worauf die taiwanesische Seite drängte, konnte man sich jedoch nicht einigen. Differenzen über diesen Punkt führten sogar zu einer kurzzeitigen Unterbrechung der Verhandlungen, so daß diese von zwei auf drei Tage verlängert werden mußten.[60] Von seiten der VR betonte man, daß die bereits existierenden Gesetze ausreichten. Außerdem solle Taipeh zuvor das Verbot von Direktinvestitionen aufheben. Mißstimmung kam auch auf. als die VR die Frage von direkten Schiffs- und Flugverbindungen aufwarf. Trotz allen Hindernissen, die sich bei diesem Treffen noch in den Weg stellten, kann die Errichtung von formalen Strukturen für den zukünftigen Austausch zwischen beiden Seiten als ein großer Schritt in Hinblick auf eine Normalisierung der Beziehungen gewertet werden. So sollen dem Treffen in Singapore fortan regelmäßige, vierteljährliche Treffen folgen. "Diese Vereinbarungen sind erste Schritte hin zu formellen politischen Beziehungen, die sich wegen der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre aufdrängen."[61]

Es scheint, als ob Peking eine moderatere Haltung gegenüber Taiwan einschwenkt. Dieser Wandel ist im wesentlichen auf folgende Faktoren zurückzuführen:[62] [63]

- China zieht immer mehr Vorteile aus einer Allianz mit Taiwan (schnell wachsende Wirtschaft und große Devisenreserven) und ist in vielen Bereichen nicht nur auf das Kapital angewiesen, sondern auch auf das know-how.
- Da die Handelsmacht Chinas wächst wird der Zugang zu internationalen Märkten immer wichtiger. Gerade auch durch Entwicklungen wie in der EU sowie der NAFTA wächst die Furcht vor Protektionismus; eine stärkere nordostasiatische Handelsachse könnte somit sehr wertvoll sein.

Teile der chinesischen Führung erkennen, daß die Kräfte in Taiwan, die sich für eine Wiedervereinigung einsetzen, dringend Stärkung von volksrepublikanischer Seite benötigen. Der Opposition in Taiwan, die nicht nur mehr Demokratie, sondern auch die Unabhängigkeit fordert, soll gezeigt werden, daß eine engere Beziehung zu China viele Vorteile mit sich bringt.

Prinzipiell sind die wirtschaftlichen Beziehungen zu Taiwan von einer größeren Offenheit geprägt, sowohl was Kontakte angeht als auch beim Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Auch Investitionen werden mit verschiedensten Maßnahmen gefördert. Die Vorzugsbedingungen, die von der Regierung in Peking eingeführt wurden, haben oftmals noch einen Zusatz mit zusätzlichen Vergünstigungen für taiwanesische Investoren. Andererseits werden diese jedoch mit einigen spezifischen Problemen konfrontiert: 33

- Trotz hochrangiger offizieller Empfänge für taiwanesische Unternehmer ist der Zugang zu verwertbarer und zuverlässiger Information beschränkt. Viele offizielle Dokumente gelten als vertraulich, viele taiwanesische Reporter und Journalisten sind seit 1989 ausgewiesen worden.

- Einige Handelsrestriktionen, wie z.B. die Kennzeichnung der nationalen Herkunft oder Flagge, stiften Verwirrung - obwohl solche Einschränkungen auch in anderen Ländern existieren, zu denen Taiwan keine diplomatischen Beziehungen unterhält.

- Auf der administrativen Ebene sind viele Schwankungen festzustellen, was die Deklarierung taiwanesischer Güter angeht. Sind diese nun in- oder ausländische Produkte? Können auf Importe aus Taiwan Zölle erhoben werden? Dazu kommt, daß einige der Sondervergünstigungen für Taiwan die Frage nach einer Kompatibilität mit den GATT-Prinzipien aufkommen läßt, da beide Länder die Aufnahme bereits beantragt haben.

2. Hongkong

2.1. Wirtschaftsentwicklung

2.1.1 Grundlagen des Wirtschaftswachstums

Wie Singapore entwickelte sich Hongkong von einem Zwischenlager im britischen Chinahandel zum modernen Industriestandort, und wurde dann zu einem der bedeutendsten Finanz- und Dienstleistungszentren Ostasiens. Jedoch unterscheidet sich Hongkong von den anderen jungen Industrieländern Asiens in mehreren Punkten:

- Die Gründung Hongkongs erfolgte, abweichend von den meisten anderen britischen Stützpunkten, nicht primär zur wirtschaftlichen Kolonisierung, sondern diente gleichermaßen diplomatischen, militärischen und handelspolitischen Interessen. Hongkong war stets eine strategische Kolonie - ursprünglich für Großbritannien, später immer stärker für die VR China.
- Die Kolonie wurde nicht in die Selbständigkeit entlassen. Im Rahmen des kolonialen Status bildeten sich keine politischen Parteien heraus, wodurch die Regierung weitgehend unabhängig von lokalen Parteien und Interessengruppen blieb.
- Der wirtschaftliche Aufstieg ist ohne staatliche Planung zustande gekommen. Aus diesem Grund galt Hongkong für viele als Musterbeispiel der Leistungsfähigkeit einer freien Marktwirtschaft.

Hongkong ist seit 1842 britische Kolonie. Damals entschloß sich Großbritannien, als Ausweichstandort gegenüber dem nahegelegenen portugiesischen Handels Stützpunkt Macao und dem unter chinesischer Kontrolle stehenden Hafen von Guangdong (Kanton) eine Niederlassung für den Chinahandel zu errichten. Vorausgegangen war die Weigerung der chinesischen Regierung, britischen Handelsunternehmen den Hafen von Kanton weiterhin als Stützpunkt für den Freihandel mit China offe nzu hai ten. Die Übergabe wurde nach den militärischen Auseinandersetzungen des ersten Opiumkrieges durch den Vertrag von Nanjing, dem ersten der 'ungleichen Verträge', besiegelt. Der strategische Ausbau der Kolonie fand vor dem Hintergrund der Expansion europäischer Großmächte zu Beginn des imperialistischen Zeitalters statt, in deren Verlauf Großbritannien wiederholt das Territorium Hongkongs erweiterte. Entscheidend war, daß mit der müitärischen Befestigung auch der Aufbau des Verkehrs- und Nachrichtenwesens eingeleitet wurde. Das Straßen- und Eisenbahnnetz wurde erweitert, das Gesundheits- und Schulwesen ausgebaut. Der sicherheitspolitisch motivierte Ausbau der kolonialen Infrastruktur und die Erhöhung der militärischen Präsenz schufen so die Voraussetzungen für eine Expansion des kolonialen Zwischenhandels, der seinen Höhepunkt um die Jahrhundertwende erreichte.

Wachstum und Wirtschaftskraft der Kronkolonie sind immer durch den Zustrom chinesischer Einwanderer getragen worden. Besonders bei innenpolitischen Krisen in China kam es wiederholt zu ausgeprägten Einwanderungswellen, insbesondere aus den südchinesischen Küstenprovinzen. Unterbrochen wurden diese nur, als die Japaner im Dezember 1941 Hongkong besetzten.[64]

Nach Ende des zweiten Weltkrieges setzte Großbritannien im Mai 1946 den früheren Gouverneur Sir Mark Young wieder ein, der an die bereits vor dem Krieg eingeleitete Politik der Dekolonialisierung anknüpfte. Der nach ihm benannte und 1947 in London und Hongkong veröffentlichte Young-Plan stellte demokratische Wahlen in Aussicht, über die die Konlonie graduell zur Selbstbestimmung geführt werden sollte. Parallel dazu wurde eine Sozialpolitik nach britischem Beispiel wiederaufgenommen. Ende der 40er Jahre ließ sich eine spürbare Verschlechterung der Wettbewerbsposition der Kolonie feststellen. Sie resultierte aus der abnehmenden politischen Stabilität, der Erhöhung der Arbeitskosten durch die Tarifpolitik der Gewerkschaften und der Erhöhung der Lohnzusatzkosten über die Programme der sozialstaatlich orientierten Kolonialregierung. Durch den aufkommenden Ost-West-Konflikt {Gründung der Volksrepublik und Koreakrieg) wuchs die strategische Bedeutung Hongkongs wieder an; Großbritannien kehrte zum System der Kolonialregierung zurück, stellte deren politische Abhängigkeit wieder her und korrigierte die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, die für die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie von erheblicher Bedeutung war.

Nach Gründung der VR China kam es in Hongkong zunächst aus zwei Gründen zu einer abnehmenden entrepôt- (Zwischenhandels-) Funktion: China verschob den Schwerpunkt seiner Handelsaktivitäten von den westlichen Ländern zunehmend auf die Sowjetunion und die osteuropäischen Staaten, zum anderen verhängten die Vereinten. Nationen nach Chinas Intervention im Koreakrieg ein Handelsembargo gegen die VR China, Diese Maßnahme führte unmittelbar zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums,[65] Da die Kolonie weder über eigene exportfähige Rohstoffvorkommen noch über technologische Kostenvorteile verfügte sondern lediglich über eine stetig zunehmende Zahl von Arbeitskräften, blieb nun nur die Alternative, in Hongkong selbst eine arbeitsintensive Fertigungsindustrie aufzubauen.

Eine exportorientierte Industrie entstand in Hongkong um 1950, als der Rückstrom der Bevölkerung nach Errichtung der VR China in eine schnell anwachsende Flüchtlingswelle überging. Jetzt wurde ein langsamer, aber grundlegender Wandel der Gesellschaft eingeieitet: während Hongkong traditionell eine 'Durchgangsstation' für Chinesen darstellte, die bei politischen Krisen die Kolonie aufsuchten und versuchten, dort ihr schnelles Geld zu machen um dann wieder zurückzukehren, stellte es nun - nach Schließung der Grenzen - ein neues Zuhause für viele Immigranten dar. Ein Großteil davon kam aus der Provinz Guangdong, hatte also aufgrund des gleichen Dialekts keine Sprachbarrieren zu überwinden. Aber auch viele Unternehmer aus Shanghai wollten ihr Kapital in Sicherheit bringen und brachten ihr know-how in den einsetzenden Industrialisierungsprozeß ein.

"Viele der Unternehmer kamen aus Shanghai und brachten Ersparnisse und Kapitalien mit, die in neue Unternehmen und Geschäfte investiert wurden. Eine große Zahl bedeutender Industrieunternehmungen in Hongkong geht auf die Initiative und das Kapital von Flüchtlingen aus Shanghai zurück."[66]

Dem eingewanderten Industriekapital folgten mehr und mehr Anlagen von Auslandschinesen aus Südostasien, aber auch aus den westlichen Industrienationen, für die die Investitionsbedingungen äußerst günstig waren: niedrige Arbeitskosten, geringe Sozialleistungen und gering besteuerte, frei transferierbare Gewinne. Insbesondere im Bereich Textil- und Bekleidungsindustrie amortisierte sich das Kapital besonders schnell; die Exporte dieses Sektors machten einen großen Teil der Gesamtexporte aus (1970: 45%). Durch die einsetzende Industrialisierung nahm der Anteil der Re-Exporte in den folgenden Jahren ab.[67]

In den 60er und 70er Jahren entstand eine dynamische Leichtindustrie, die die Grundlage für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum darstellte. Die Industrie war und ist von kleinen und mittleren Familienbetrieben dominiert, die durchschnittlich 15 Arbeiter beschäftigen. Sie sind sehr erfolgreich in der Adaption von Marktkonditionen und in der Nutzung von 'subcontracting arrangements' (Zulieferverträge) mit ausländischen Partnern. Führende Zweige sind auch weiterhin die Textil- und Bekleidungsindustrie geblieben, die 1990 43% aller Arbeiter in der Industrie beschäftigten.[68]

Bereits 1990 erreichte das Sozialprodukt pro Kopf 12.000 US$ und brachte Hongkong in die Gruppe der 25 Weltbankmitglieder mit höchstem Einkommen.

Wichtigste Bedingung des Wirtschaftswachstums war die politische Stabilität. Die chinesische Bevölkerung verhielt sich systemkonform; die britische Administration sicherte Recht und Ordnung, Stabilität von Währung, wirtschaftliche Liberalität und persönliche Freiheiten. Durch niedrige Besteuerung und ein Minimum an staatlicher Intervention ergab sich für die Unternehmer ein relativ großer Spielraum. Die Politik der Regierung (‘positive nicht-Intervention') beschränkte sich auf die Bereitstellung von Infrastruktur, Wohnungsbau und Gesundheitsfürsorge. So wurde ein wachstumsorientiertes Wirtschaftsklima geschaffen.

2.1.2. Transformation der Wirtschaft seit Ende der 70er Jahre

Aufgrund der traditionell engen Bindung vieler Hongkong-Chinesen an das Festland ist eine Verflechtung beider Volkswirtschaften nicht verwunderlich; seit Ende der 70er Jahre ist dies jedoch in verstärktem Maße der Fall. Insbesonders durch den steigenden internationalen Wettbewerbsdruck entwickelte sich hierfür aus zweierlei Gründen eine dringende Notwendigkeit: einerseits durch die zunehmende Konkurrenz aus Taiwan, Südkorea und Singapore, die alle eine ähnliche Produktpalette anbieten, andererseits durch wachsenden Protektionismus seitens der USA und Europa, Der Wettbewerbsdruck auf den Überseemärkten sowie einschneidende Quotenregelungen für Textilien und Bekleidung brachten die Leichtindustrie in Bedrängnis - und diese stellt ja, neben der Konsumgüterindustrie, den Wachstumsschwerpunkt in der verarbeitenden Industrie dar. Aber auch die steigenden Lohn- und Grundstückspreise hätten zu abnehmender Wettbewerbsfähigkeit und somit zu einer grundlegenden Umstrukturierung der Wirtschaft führen müssen. Diese ist jedoch mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Da zur gleichen Zeit die VR China eine ihre Modernisierungspolitik einleitete, blieben diese Anpassungsmaßnahmen (hin zu kapitalintensiveren und technologisch komplexeren Produktionslinien) zunächst aus. Stattdessen konnte man durch die Auslagerung arbeitsintensiverer Produktionsstätten in die 'low-cost-Zone' des chinesischen Hinterlandes (v.a. nach Shenzhen) die Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Outward Processing' war somit kurzfristig zum Ersatz für fehlende langfristige Investitionen geworden.[69]

Hongkong blieb daher weltgrößter Exporteur für Bekleidung. Auch wurde in diesem Sektor seitens der Regierung die Produktion hochmodischer Güter und 'high-value- added operations' in Hongkong selbst verstärkt. Was die Elektronikindustrie angeht, unterstützt die Regierung Technologietransfer durch ausländische Direktinvestitionen (FDI). Weiterhin wird versucht, das technologische Bewußtsein und einheimische F&E-Aktivitäten (Forschung und Entwicklung) zu fördern; hier existieren jedoch noch einige Probleme: "Further technnological development, however, is hampered by the

[...]


[1] *Zum Vergleich; Deutschland (alte Länder): 25%.

[2] Zusammengenommen erwirtschaften die drei Länder das drittgrößte BIP der Welt.

[3] Jones et a! (The Chinese Economic Area...), S.5.

[4] ^FAZ, 19.4.1993 (‘Bessere Wachslumsaussichten für Entwicklungsländer, China wird neben Amerika, Japan und Europa zum vierten Wachstumspoľ); s.a. SZ, 24.Mai 1993 (Rainer Kohier: ’Im Tigerland Taiwan dreht sich alles um China“); Newsweek, 15.2.1993 (Paul Maidment: “Greater China on the March).

[5] -*Hier allerdings einschließlich der anderen beiden chinesischen Volkswirtschaften Macao und Singapore, was die Tendenz jedoch nicht wesentlich beeinflussen dürfte. Galli (Konturen...), S.21.

[6] David Shambaugh (Introduction: The Emergence of 'Greater China'), ln: CQ No. 136, Dez. 1993 (Special Issue Greater China), S.653.

[7] Zum unterschiedlichen Gebrauch des Terminus s. Harry Harding: The Concept of'Greater China1: Themes, Variations and Reservations. In: The China Quarterly, Special Issue Greater China, Dez. 1993, S.660-686.

[8] Macao wird in vielen 'Greater China' - Konzepten mit eingeschlossen, da es ebenfalls eine chinesische Gesellschaft ist, als portugiesische Kolonie L999 an China fällt, und seinen Beitrag zu einer verstärkten chinesisch-chinesischen Verflechtung leistet. Als weiterführende Literatur sei hier die Abhandlung 'Macau and Greater China' von Richard Louis Edmonds empfohlen. In: CQ (Special Issue Greater China) Dez. 1993, S.878-906.

[9] Ca, August 1992 (Zur Diskussion über die Bildung einer "großchinesischen Wirtschaftsgemeinschaft"), S.556- 558. Hier: S.558.

[10] Latut Weltbankstudie: Yeats (China's Foreign Trade...'}.

[11] Die theoretische Etablierung des Konzepts spiegelt sich in der Übernahme eines entsprechenden Passus in der Verfassung anläßlich der 1. Tagung des 8. Volkskongresses im März 1993 wider, in dem der Begriff 'Planwirtschaft' [jihua jingji] ersetzt wurde.

12 Weiss (The Asian Century) S.89ff.

13 Rabushka (The New China) S. 86.

[14] Die Aquisition von modernen Technologien stellt eines der Hauptziele der Modernisierungspolitik dar, das insbesondere mit Hilfe von Joint Ventures erreicht werden soll. Joint Ventures mit ausländischen Beteiligungen sind seit 1979 erlaubt. Zu diesem Themenkomplex s. Duscha (Technologietransfer ...),

[15] Ca 8/1993, S.761 ('Sonderwirtschaftszonen: Paradepferde des chinesischen Außenhandels').

[16] [...] the geographical separation of special economic zones and open cities on the one hand, and the domestic economy on the other, has now largely become a thing of the past." Bohnet et al (China's Open­Door Policy...), S.192.

[17] Zum unterschiedlichen Entwicklungsstand der einzelnen Provinzen s. Zhong, Ming (Divergierende Wachstumsdynamik

[18] Ende der 80er Jahre reichte die Spannbreite von 75% (Shanghai) bis zu 10% (Guangdong) des Steueraufkommens, das an die Zentral reg ierung abgeführt werden mußte. FEER, 4.4.1991 (Tai Ming Cheung: 'Centrifugal Forces').

[19] *9Nieh Yu-Hsi (Quo vadis, China? Bericht über eine Reise nach Hongkong, dem chinesischen Festland und Taiwan), ln: Ca 4/1994, S.416-418, hier: S.417.

[20] Ca, 1/1994: 'Die politische und wirtschaftliche Entwicklung der VR China im Jahre 1993' (S.30-35). Hier: Margot Schüller ('Wirtschaft'), S.33f.

[21] Darunter: Export- und Importanteil mit jeweils ca. 15% des GDP gleichwertig. (UNIDO: China: Towards Sustainable Industrial Growth) S. 10f.

[22] Das Handelsbilanzdefizit wird mit 7,9 Mrd. US$ angegeben.

[23] Norbert Finkei (bfai Wirtschaftslage: VR China zur Jahresmitte 1994), S.6.

[24] Hart1and-Thunberg (China, Hong Kong, Taiwan ...), S.58.

[25] Yeats (Chinas Foreign Trade ...) S.46; Norbert Finkei (bfai Wirtschaftslage: VR China zur Jahresmitte 1994), $.11.

[26] Der RCA- Index (revealed comparative advantage) nach Bela Balassa zeigt die komparativen Kostenvorteile eines Landes, indem die Anteile einzelner Güter am Export in Bezug zu ihren jeweiligen Anteilen am Welthandel gesetzt werden. S. hierzu Yeats (China's Foreign Trade ...).

[27] ebda, S. 38.

[28] Norbert Finkei (bfai Wirtschaftslage: VR China zur Jahresmitte 1994), S.5. Die Lücke zwischen vertraglich vereinbarten und realisierten Investitionen kommt durch mehrere Fakloren zustande. So ist zu berücksichtigen, daß die meisten Projekte in verschiedene Phasen aufgeteilt sind, in denen jeweils Kapitaleinlagen folgert. Viele sog. 'Abkommen' sind jedoch nurmehr Absichtserklärungen, deren Projekte nicht unbedingt verwirklicht werden. Damit im Zusammenhang steht die oftmals schleppende Verwirklichung von Investitionsvorhaben aufgrund von langen bürokratischen Wegen und und Infrastrukturdefiziten. Eine Übersicht über genehmigte und getätigte Investitionen geben: Bahnet et al (China’s Open-Door Policy..), S.193.

[29] Hartland-Thunberg {China, Hongkong, Taiwan...) S.66.

[30] An Platz vier steht die BRD, gefolgt von Indien. Im Gegensatz zu der konventionellen Bewertung des jeweiligen Sozialprodukts mit dem marktgängigen Wechselkurs der Währung (ausgedrückt in USS), berücksichtigt die neue Methode die unterschiedliche Kaufkraft der Währungen. Der Umrechnungsfaktor definiert sich als die Zahl der Währungseinheiten, die man mit einem Dollar in den Vereinigten Staaten kaufen könnte. Diese neue Methode führte der IWF mit Hinweis auf die größere Aussagefähigkeit (zusätzlich zur traditionellen) ein. Denn die Wechselkurse weichen aufgrund von spekulativen Einflüssen, Devisenmarktinterventionen etc. zu häufig von der Kaufkraftparität ab und geben daher nur ein verzerrtes Bild des relativen wirtschaftlichen Gewichtes einer Volkswirtschaft wider. Sie führen somit zu einer systematischen Unterbewertung der realen Wirtschaftskraft vieler Entwicklungsländer. Vgl. hierzu: The Economist, 15.Mai 1993 (Chinese puzzles. Developing countries are less poor than official figures suggest); FAZ, 2.6.1993 (Mit Hilfe der Statistik rückt China auf Platz drei der Weltrangliste).

[31] John Wong: 'PRC economic Policies and Their Regional Impact*. In: Scalapino et al (Pacific Asian policies...), S.77.

[32] Eine Zusammenarbeit erfolgte zuletzt in den 30er Jahren beim Bündnis gegen Japan nach dem Einmarsch der kaiserlichen Armee in die Mandschurei. Die Errichtung eines Chinas bzw. einer Zentralmacht seit dem Sturz der Qing-Dynastie kann somit als Variation eines historischen Themas begriffen werden, auf das sich auch die Chinesen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung oftmals berufen. S. dazu z.B. Jin Yaoji: Zhongguoren de san ge zhengzhi, S. 249f.

[33] Ebenfalls in die neue Verfassung mit aufgenommen wurden die 'vier Grundprinzipien' [si qiaoyuame) (sozialistischer Weg, Diktatur des Proletariats, Führung durch die KP, Marxismus-Leninismus und Mao-Zedong- Ideen), deren strikte Einhaltung von Deng Xiaoping immer wieder als Grundvoraussetzung für die Verwirklichung der Modernisierung bezeichnet wird.

[34] Veröffentlicht als Leitartikel in der RMRB, 1.10.1981: Der Vorsitzende Ye Jinying gibt weitere Erläuterungen zu den politischen Leitlinien betreffs der Rückführung Taiwans zum Mutterland und der Realisierung der friedlichen Wiedervereinigung ab' (Ye Jianying weiyuanzhang jin yi btt chanming Taiwan Intigni zuguo shixian heping tongyi de fangzhen zhengce)

[35] Letzteres ist für Hongkong nicht vereinbart worden.

[36] Eine Beurteilung des 9-Punkte Plans aus taiwanesischer Sicht findet sich in: Jin Yaoji: Zhongguoren de san ge zhengzhi, S.248ff. Der Plan wird grundsätzlich abgelehnt und stattdessen die Gleichberechtigung als Grundvoraussetzung für Wiedervereinigungsgespräche betont. Auch auf die Vorbildfunktion Hongkongs geht der Autor ein: nur auf der Grundlage, daß dieses Experiment gelingt, könne eine Wiedervereinigung ernsthaft diskutiert werden. (s.S. 252). In der Analyse des Autors C.L. Chiou (Dilemmas in China's...) findet sich eine weiterführende, kritische Untersuchung über die Wiedervereinigungspoitik und der Formel 'ein Land, zwei Systeme' aus taiwanesischer Sicht. Er hebt insbesondere die Bedeutung Taiwans für die Hongkong-Politik der VR hervor: "There is no doubt that in the process of resolving the Hong Kong question, Taiwan was one of the most important factors that determined China's course of action". {S.470f).

37 Zur Wiedervereinigungspolitik sowie dem Konzept Ein Land, Zwei Systeme' sind auch eine Reihe von Artikeln in der 'Beijing Rundschau’ erschienen, die die Position der VR deutlich machen. Siehe z.B. Nr. 25, 5,1.1988 (1): Deng Xiaoping über die gegenwärtige Politik Chinas und die Perspektive Hongkongs (S.10-13); Lie Jiaquan: Werdegang und Entwicklung des Konzepts 'Ein Land, zwei Systeme1 (S. 14-16); sowie Nr. 26, 26.12.1989 (52): Guo Gang: Die Politik 'ein Land, zwei Systeme' tatkräftig realisieren. 5. Jahrestag der Unterzeichnung der chinesisch-britischen Gemeinsamen Erklärung über die Hongkong-Frage (S.l 1-16). Die taiwanesische Sicht kann in einer Vielzahl von Artikeln in 'Issues and Studies' nachgelesen werden; z.B. Nr. 21 (April 1985) 4: Jiu Hongda: The 1984 Sino-British Agreement on Hong Kong and its implications on Chinas unification (S. 13-22); Nr. 21 (Juli 1985) 7: Wu An-Chia: 'One country, two Systems’. A model for Taiwan? (S.33-59); Nr. 23 (März 1987) 3: Xiu Guoqiang: 'One country, two systems'. Theory and practice (S.77-90). Desweiteren finden sich eine Reihe von Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex in 'Asian Affairs'. Siehe z.B. Nr. 12 (1985) 2: James C. Hsiung: The Hong Kong settlement. Effects on Taiwan and prospects for Pekings reunification bid (S.74-58); Nr. 14 (1987-1988) 4: Byron S.J. Weng: The Hong Kong model of 'one country, two systems'(S. 193-209); Nr. 17(1990)3: Winberg Chai; The future of Hong Kong (S. 123-130). Eine interessante Gegenüberstellung der Positionen Taiwans und Chinas ist in 'Foreign Affairs' nachzulesen (Nr, 63 (Summer 1985) 5: Huan Guo-Cang: Taiwan: a view from Beijing (S. 1064-1080), sowie Shaw Yu-Ming: Taiwan: a view from Taipei (S. 1050-1063).

[38] Für eine nähere Erläuterung der US-Posilion diesbezüglich siehe: Lin, Cheng-Yi: The US Factor in the Political Future of Taiwan and Hong Kong. In: Liao (Politics of Economic Cooperation), S.131-157.

[39] Vgl. hierzu Bürkiin (Die vier kleinen Tiger), S.89ff.

[40] Ausführlicher s. hierzu Teil II / Kap. 1.

[41] Die damalige Premierministerin Großbritanniens versuchte zwar anfänglich - unter Hinweis auf die unterschiedliche Vertragslage - eine Trennung durchzusetzen, dies wurde jedoch von chinesischer Seite kategorisch abgelehnt und nie in die offiziellen Verhandlungen eingebracht. Auch wurde schnell klar, daß die chinesische Regierung den Pachtvertrag nicht verlängern würde, s. Miners (The Government...), S.8.

[42] Die Unterzeichnung wurde als großer Erfolg verbucht und in der RMRB mit mehreren Artikeln gewürdigt. So erschienen z.B. am 27.09.1984 auf der ersten Seite zwei Artikel: 1. Oie gemeinsame Erklärung der Regierungen der Volksrepublik China und des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirlands über die Hongkongfrage' (Zhonghua renmin gongheguo zhengfu he Dcibidiedian ji Beiyuanerlan lianhewangguo zhengfu

[43] guanyu Xianggang wentide lianhe shengming) 2. 'Das sino-britische Abkommen über die Hongkong-Frage wurde in Peking paraphiert1 (Zhong Ving guanyu Xianggang went! lianhe shengming zai jing caoqian); am 19.52.1984 nochmals ein Artikel: 'Ein großes Ereignis der zeitgenössischen Geschichte: Gratulation an China und Großbritannien zur offiziellen Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung über die Hongkong-Frage' (dangdai shijie tishi simng de zhong da shijian: zhuhe Zhong Ving guanyu Xianggang wenn' de lianhe shengming zhengshi qianshu).

[44] Kuan (Hongkong...), S.204. ' 3Zur Parallelität von Wirtschaftsreformen der VR China und ihrer Hongkong-Politik s. Hsü (China without Mao), S.182f.

[45] Ca, März 1992 (Nieh Yu-Hsi: ‘Hongkong. Rückblick auf das Jahr der Ziege (1991)'), S. 173-180, hier: 178.

[46] ^5Zu den Inhalten des Memorandums, das am 4. Juli unterzeichnet und am 3. September veröffentlicht wurde s. ebda, S. 176.

[47] Zur Wahl standen 18 der insges. 60 im Legislativrat zur Verfügung stehenden Sitze, von denen die größte Oppositionspartei, die 'United Democrats of Hongkong', 12 für sich gewinnen konnte.

[48] OAV (Länderanalyse Hongkong), S-3.

[49] Um mehr als 1000 auf unter 5000 Punkte, (FEER, 7.1.1993, S.9).

[50] Der Vorschlag wurde vor dem Hintergrund der diplomatischen Anerkennung durch die USA gemacht. Veröffentlicht als Leitartikel in der RMRB, 1.1.1979: 'Botschaft des Nationalen Volkskongresses an die taiwanesischen Landsleute' (Zhonghua Reniti in Gonghegito quanguorendaweihui: gao Taiwan tongbao shu).

[51] Nach Meinung Deng Xiaopings würde die Übertragung des Hongkong-Modells das Taiwan-Problem lösen und nachfolgend auch die Beziehungen zu den USA verbessern. S. dazu RMRB, 21.12.1984: 'Übertragung der Erfahrungen in der Lösung der Hongkong-Frage ist für Alle von Nutzen, auch für Amerika' {Jiejue Xianggang wenti jingyan yang ytt Taiwan dui daj ¡a don you li, dui Mei g no ye you li)

[52] Wang: Taiwan and Mainland China'. £n: ders (Taiwan's Enterprises...), S.53-80; hier: S.65.

[53] Ca, April 1994 (Nich Yu Hsi: Quo vadis, China ?), S.416-418, hier: S.438.

[54] FEER, 28, Juli 1994 (Julian Baum: 'Not so fast. Taiwanese investment in China slows as costs rise').

[55] s. hierzu Teil ΙΓ / 2.

[56] 25fAZ, 10.7.1990 (Kolonko, Petra: 'Dem Festlandfieber folgt die friedliche Invasion').

[57] 26xna, 19. März 1992 ('mainland-taiwan relations to progress further') -7C.F, Kao ist Großunternehmer, persönlicher Beratendes taiwanesischen Präsidenten Li Denghui (Lee Teng-hui), Mitglied des Zentral ko mittees der GMD und zugleich Vorsitzender der (Taiwan) Straits Economic Foundation (SEF).

[58] “®Neue Zürcher Zeitung, 29. April 1993 ('Begegnung zwischen China und Taiwan')

[59] FT. 30 April 1993 (Kieran Cooke: 'Talks ‘have built a bridge’ between China and Taiwan’)

[60] 30Vgl. z.B. Handelsblatt, 29. April 1993 (“Streit um Inveslionsschutz zwischen den beiden Chinas')

[61] 3 * Neue Zürcher Zeitung, 29. April 1993 {'Begegnung zwischen China und Taiwan!)

[62] Vgl.: FT, 27. April 1993 (Kieran Cooke & Tony Walker: ’China-Taiwan meeting is 'the first crack in their Berlin Wall")

[63] Wang (Taiwan and Mainland China'). In ders (Taiwan's Enterprises...), S. 53-80, hier: S.72f.

[64] Noch 1931 waren nur 21% der Chinesen, die in Hongkong lebten, auch dort geboren, (Miners: The government..., S.I5), Nach Beginn des chinesisch-japanischen Krieges 1937 stieg die Einwohnerzahl der Kronkolonie auf 1,5 Mio, an. Buchholz / Scholier (Hongkong), S.57. Während der japanischen Besatzungszeit kam der Handel praktisch zum Stillstand; die Bevölkerungszahl wurde durch FluchL und japanische Deportationen stark reduziert. Erst nachdem die Briten im August 1945 erneut die Regierungsgewall übernahmmen, wuchs die Bevöikerungszahl wieder an: von 600.000 1945 auf 1,8 Mio. 1947/48. Cichy (Die wirtschaftliche...), S.4.

[65] Die Kontrollen für das Embargo erwiesen sich jedoch als umgehbar, so daß ein Großteil des illegalen Chinahandels nun über Hongkong abgewickelt wurde.

[66] Buchholi / Schüller (Hongkong) S.59.

[67] 1971 betrug der Anteil der Re-Exporte an den Gesamtausfuhren nur noch knapp 20%. Cichy (Die wirtschaftliche...), S.9ff). Zu der Zeit (1969) waren 47% der Erwerbstätigen in Industrie und Bauwesen beschäftigt, 24% in Dienstleistungseinrichtungen, 17% im Handel, 7% im Verkehrswesen und nur noch 5% in Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft. Buchholz / Schüller (Hongkong), S.61,

[68] Danach folgt der Eleklronikseklor, in dem 14% aller Industriearbeiter beschäftigt sind, Dieser profitierte in großem Umfang von Investitionen aus Japan und den USA, (siehe Jones et al: The chínese economic area.., S.6f).

[69] »Vgl. auch Weiss (The Asian Century), S. 172.

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Der wirtschaftliche Integrationsprozess zwischen China, Hongkong und Taiwan
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Ostasiatisches Seminar)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1994
Seiten
145
Katalognummer
V319846
ISBN (eBook)
9783668191709
ISBN (Buch)
9783668191716
Dateigröße
75519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regionale Integration, Integrationsprozess, Wirtschaftsverflechtung, Wirtschaftsbeziehungen, Handel, Investitionen, Greater China, CEA, dazhonghua, pan-chinesische Integration, Liberalisierung, Modernisierung, Reformpolitik, Öffnungspolitik, VR China, Hongkong, Taiwan, Überseechinesen, Huaqiao, Asien, Kultur, Konfuzianismus, Sinologie
Arbeit zitieren
Almut Stielau (Autor), 1994, Der wirtschaftliche Integrationsprozess zwischen China, Hongkong und Taiwan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319846

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