Die hirnbiologischen Grundlagen des Lernens. Prädestination vs. Selbstbestimmung


Essay, 2013

5 Seiten, Note: 1.4

Anonym


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Auf den Spuren der Idee des freien Willens stößt man auf allerlei Ungereimtheiten. Unstreitig hingegen ist, dass Willensfreiheit nur existieren kann, wenn die Existenz eines Geistes vorausgesetzt werden kann. Genau an dieser Stelle scheiden sich sprichwörtlich die Geister. Vertreter der Hirnforschung, argumentieren, der Geist wohne im Gehirn und sei neurologisch Gebildet und dadurch determiniert. Vertreter von Religion, Ethik sowie Vertreter gültiger Ordnungen, sowie der Rechtsordnung, beharren hingegen auf die Existenz eines freien Geistes und daraus resultierender Willensfreiheit des Menschen. Widergespiegelt sieht man diesen Konflikt in der sehr divergenten Definition des Wortes „Geist“. Die Bedeutung des Begriffes reicht von einem universellen kosmischen Prinzip, wie es der griechische Philosoph Platon äußert, über das gespenstische Wesen oder die religiösen Instanz des Heiligen Geistes, bis hin zum menschlichen Verstand. Die Kontroverse endet jedoch nicht bei der Findung einer einheitlichen Definition, sondern wird fortgeführt unter der Fragestellung ob und wo der Geist, vorausgesetzt man erkenne dessen Existenz an, im menschlichen Körper wohne. Von mittelalterlichen Modellen denen zu Folge der Geist im menschlichen Herzen wohne hat man sich inzwischen weit entfernt. Stattdessen geht die Wissenschaft nach dem aktuellen Wissensstand davon aus, dass der Geist sich im Menschlichen Hirn befinde. Unter der Annahme, dass der Menschliche Geist zur kognitiven Leistung befähige, lässt sich diese Annahme sogar wissenschaftlich bestätigen. Zum einen da Hirnschädigungen laut Untersuchungen auch zur Schädigung der intellektuellen Leistungsfähigkeit führten. Anders herum aufgezäumt, bestätigt die Tatsache, dass Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt sind und diese Behinderung auf Hirnschädigungen zurückzuführen ist. Die Stützung der These, dass der Geist Urheber intellektueller Leistungen ist, lässt also keine Alternativen zu einer Verwurzelung des Geistes im menschlichen Gehirn zu. Theologen jedoch sprechen sich für einen unsterblichen Geist aus, der nicht an einen sterblichen Körper und vergängliche Organe gebunden sein könne. Wie sonst wäre die These eines Fortlebens des Geistes nach dem Tod sonst haltbar? Die dunkle Zeit der Wissenschaft, als Theologen die Wissenschaft und somit ein Wissens- und Wissenschaftsmonopol beherrschten sind inzwischen vorbei und regierende Instanzen verlassen sich nun auf aktuelle Erkenntnisse der freien Wissenschaft. Die theory of mind, oder zu Deutsch das Geist-Körper Problem schein also beantwortet zu sein, mit der Feststellung, dass der Geist im Leib fest verwurzelt ist. So stützt sich unser Rechtssystem darauf, dass Menschen einen Geist besitzen, der sie zu freien Entscheidungen befähigt, weshalb der handelnde Mensch in der Verantwortung für diese steht. Hirnforscher hingegen zäumen das Pferd von hinten auf. Sie schlussfolgern, dass ein Geist der im Körper, im Speziellen im Gehirn verankert ist, biologischen Prozessen untergeordnet ist. Im Klartext meinen sie, der Geist wohnt im Gehirn und das Gehirn ist eine neurobiologische Apparatur, die nach naturwissenschaftlichen Gesetzen, welche sich in Ergebnissen der neurobiologischen Hirnforschung wiederspiegeln funktioniert. Der Geist agiert im Gehirn quasi wie eine Software auf dem Computer. Nur das der Geist nach Ansicht einiger Hirnforscher genetisch und durch Erfahrungsinput programmiert sei. Der Menschliche Geist handle somit keineswegs aus freiem Willen. Vielmehr gäbe es keine Alternativen zu getroffenen Entscheidungen, da unser Gehirn darauf programmiert sei wie Entscheidungen zu treffen seien. Weiter führen diese Hirnforscher aus, dass es ohne freien Willen auch keine Willensfreiheit und somit auch keine Handlungs- und Entscheidungsalternativen gäbe. Da der Mensch nach diesem Modell also gar keine alternativen Handlungsmöglichkeiten hat, also Straftaten nicht aus freien Zügen, sondern aus Zwang ausübt, trage der Mensch auch keine Schuld und Verantwortung für seine (Straf-) Taten.

Zusammenfassend ist unter Wissenschaftlern streitig, ob menschliche Handlungen biologisch determiniert sind oder aus freiem Willen indeterminiert als bewusste Entscheidungen getroffen werden. Die Determinismustheorie stütz sich auf die Annahme, dass Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt und das Resultat einer logischen Kausalfolge sind. Die Indeterminismustheorie hingegen begnügt sich nicht mit rein kausalen Handlungsursprüngen sondern bekräftigt die Existenz eines freien Willens. Während die Determinismustheorie die Indeterminismustheorie und somit die Existenz freien Willens weitgehend ausschließt, ist die Indeterminismustheorie weniger radikal und hält eine teilweise determinierte Komponente bei menschlichen Handlungen für möglich. Allerdings ist es laut ihr letzten Endes der freie Wille des Menschen, der darüber entscheidet determinierten Verhaltensmustern nachzugeben oder nicht.

Abbildungen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.
Bildquelle in Anlehnung an: http://file1.npage.de/001497/16/bilder/750px instanzenmodell_freud5.svg.png

Diese Auseinandersetzung mit der Existenz eines freien Willens ist in der so genannten „theory of mind“ wiedergespiegelt, in der das Leib-Seele-Problem nach wie vor diskutiert wird. Einen brauchbaren Erklärungsversuch des menschlichen Geistes im Kontext von Entscheidungsprozessen liefert der Philosoph und Psychologe Siegmund Freud in seinem Instanzenmodell. Dieses Modell erfasst einen deterministischen Kontext, räumt aber durch die Existenz einer entscheidenden bzw. entscheidungsverzicht-enden Ich-Instanz ebenfalls die Möglichkeit indeterminierten Handelns ein. Eine Handlung folgt seinem Modell nach durch die Reaktion auf Reize der Lust- und/oder Moralinstanz, oder bleibt aus durch Triebverzicht oder -aufschub.

Freuds Phasenmodell ist als Vorläufer der modernen Neuropsychologie zu nennen, in dieser Freuds Modell um aktuelle Erkenntnisse der Verhaltensforschung ergänzt wird und Entscheidungsprozesse als der gewohnte, bzw. angewöhnte Umgang mit Reizen der Lust- und Moralinstanz begriffen werden. Auf das institutionelle Lernen in der Schule übertragen sind dieser Weltanschauung nach die Lernenden bei in ihren Entscheidungen teildeterminiert durch persönliche Erfahrungen (im Rahmen von z.B. kultureller und sozialer Herkunft…), was zu unterschiedlichen Lernerfahrungen und Lernhaltungen der Jugendlichen führt. Gemäß dieser Erfahrungen entwickeln Schüler und Schülerinnen Handlungsangewohnheiten, welche sich zu Handlungsmustern manifestieren. Man handelt also wie man gewohnt ist zu handeln bzw. entscheidet wie man gewohnt ist zu entscheiden, was schließlich extrinsisch instruiert und intrinsisch motiviert ist. Um Schüler und Schülerinnen zu erwünschtem Handeln zu bewegen, also dazu zu bewegen entgegen Gewohnheiten zu handeln, muss ein enormer Anreiz zur Darlegung gewünschten Verhaltens geschaffen werden. Hier setzt die Instruktionspsychologie mit operanter Konditionierung an, indem die ICH-Instanz der Lernenden durch Belohnung oder den Wegfall von Bestrafung extrinsisch motiviert wird gewünschtes Verhalten zu zeigen. Aktuell gehen Erziehungswissenschaftler, Pädagogen und Psychologen inspiriert von den Neurowissenschaften davon aus, dass Schüler und Schülerinnen in ihrer Persönlichkeit determiniert durch persönliche Erfahrungen sind, jedoch über einen eigenen Willen verfügen um diese bei Entscheidungsprozessen zu überwinden. Auch das operante Konditionieren greift dies auf, indem extrinsische Motivation durch Erfolgserlebnisse schlussendlich durch intrinsische Motivation ersetzt werden kann. Schule und schulische Prozesse werden geformt von gesellschaftlichen Werten und Normen. Somit hat das Selbstverständnis eines deterministischen oder indeterministischen Menschenbildes mannigfaltige Auswirkungen auf Schule und insbesondere Unterricht. Antizipierte Folgerungen für die schulische Institution werden abschließend dargelegt um die Tragweite der Frage der Willensfreiheit für die Institution Schule zu unterstreichen.

Unterricht nach deterministischem Weltbild

Lehrerzentrierter Frontalunterricht, Schülerpersönlichkeit bleibt didaktisch unberücksichtigt, Gegenstandszentriertes Unterrichten, Schüler tragen keine Schuld an Schulversagen, Noten honorieren Lernvoraussetzungen anstatt einer Lernleistung, Motivation von Schülern wird Überflüssig, Lehrer als Verhaltenstherapeut / Lerntherapeut, Lehrerausbildung benötigt neben fachlicher Ausbildung auch eine diagnostische und therapeutische Qualifikation, Maßregelung in Form von Therapie anstatt Bestrafung

Unterricht nach indeterministischem Weltbild

Der Lehrer wirbt um Unterrichts- und Lernbeteiligung, Schülerzentrierter und lebensweltnaher Unterricht, Schülerpersönlichkeit wird didaktisch berücksichtigt, Schüler trägt Verantwortung für seine Schulleistungen, positive Motivation von Schülern ist didaktisch berücksichtigt um den Lernwillen anzuregen, Verstärkersysteme funktionieren nicht und sind nicht existent, da der Wille die Handlung bestimmt und nicht Erfahrungen

Literaturverzeichhnis:

• Honderich, Ted: „Wie frei sind wir?: Das Determinismus-Problem“, 1995, Reclam Verlag

• Keil, Geert: „Willensfreiheit und Determinismus: Grundwissen Philosophie“, 2009, Reclam Verlag

• Stegmüller, Wolfgang: „ Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie: Kausalitätsprobleme, Determinismus und Indeterminismus. Ursachen und ... / Erklärung-Begründung-Kausalität)“, 1982, Springer-Verlag

• Paul, Matthias (Hrsg.): „Nancy Cartwright: laws, capacities and science : Vortrag und Kolloquium in Münster 1998“, 2000, Lit-Verlag

• Stachowiak, Franz: „Seminar Neuropsychologische Grundlagen im WS2010/2011 an der Justus Liebig Universität in Gießen“, 2010

• Macmillan (Hrsg.): “Edwards, P. , Determinism. In: Encylopedia of philosophy”, 1967

• www.fr-online.de: Willensfreiheit (7-teilige Serie)

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Details

Titel
Die hirnbiologischen Grundlagen des Lernens. Prädestination vs. Selbstbestimmung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Heil- und Sonderpädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Die Bedeutung von Lerntheorien und Evaluationstechniken im Unterricht
Note
1.4
Jahr
2013
Seiten
5
Katalognummer
V319862
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grundlagen, lernens, prädestination, selbstbestimmung
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Die hirnbiologischen Grundlagen des Lernens. Prädestination vs. Selbstbestimmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319862

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