Ist die generative Transformationsgrammatik eine plausible Erklärung von Kommunikation?


Essay, 2015

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Das Modell der generativen Grammatik, das von dem bedeutendsten Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Avram Noam Chomsky, entwickelt worden ist, hat wie kein anderes Modell die moderne Linguistik sowie sprachliche und grammatische Theorien beeinflusst und zu kontroversen Diskussionen geführt.1

Chomsky wurde am 7. 12. 1928 als Sohn eines Hebräisch- Lehrers russischer Abstammung in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania der USA geboren. Nach dem Besuch der Central Highschool in Philadelphia studierte er Linguistik, Mathematik und Philosophie an der University of Pennsylvania. Er war ein Schüler von Zellig Harris, bei dem er sein Studium mit einer morphologischen Untersuchung zum Neuhebräischen abschloss.2 Mit der Publikation von Syntactic Structures im Jahre 1957 leitete Chomsky eine Revolution in der Linguistik ein. Sein Werk zielte auf eine explikative und explizite Theorie der universalen Prinzipien der menschlichen Sprache. Bis Mitte der 90er Jahre hat Chomsky insgesamt 5 Paradigmen in der Linguistik begründet, die alle unter der allgemeinen Bezeichnung Generative Grammatik in die Forschung eingegangen sind.

Wenn man eine Sprache als Muttersprache spricht, ist man sich über die grammatischen Regeln oft nicht bewusst. Man produziert Sätze, ohne über die zugrundeliegenden Regeln nachdenken zu müssen. Man kann sofort erkennen, dass der Satz ÄEr hat gesagt, dass er hat einen neuen Wagen gekauft ungrammatisch ist, ohne genau sagen zu können, welche Regel verletzt wurde. Sprachliches Wissen ist unbewusstes Wissen. Dieses Wissen wird in der Literatur als Kompetenz genannt. Der Kompetenz wird die Performanz gegenübergestellt. Unter Performanz versteht man oft die Regeln der Sprache. Man macht Fehler. Diese Fehler können unterschiedliche Ursachen haben. Man ist müde, unaufmerksam, abgelenkt, zerstreut usw.

Die Generative Grammatik ist an der Kompetenz dem unbewussten sprachlichen Wissen eines Muttersprachlers, interessiert.3 Das Forschungsinteresse in der generativen Grammatik hat sich im Verlauf ihrer mehr als fünfzigjährigen Geschichte gewandelt. In der Transformationsgrammatik der fünfziger und sechziger Jahre war man an einer beschreibungsadäquaten Grammatik interessiert. Eine beschreibungsadäquate Grammatik ist eine Grammatik, mit deren Regelwerk man die Sätze einer Sprache beschreiben kann.4

Erste epochemachende Idee von Chomsky bestand in der automatentheoretischen Fundierung seines Grammatikmodells. ÄHierbei werden Ableitungsregeln sprachlichen Strukturen zugrunde gelegt, die über Regeln, die sich als Algorithmen (Rechenvorschriften) fassen lassen, definiert werden können.“5 Chomsky führte zwei Typen von Regeln ein: Erzeugungsregeln (Phrasenstrukturregeln) und Umstellungsregeln (Transformationen). Die Regeln dienten dazu, grammatische Sätze von ungrammatischen Sätzen zu unterscheiden : ÄThe grammar of L will thus be a device that generates all of he grammatical sequences of L and none of the ungrammatical ones“ (Chomsky 1957:13).6

Chomsky führt die Unterscheidung in Kompetenz und Performanz ein. Die Sprachfähigkeit hat nicht nur reproduktiven, sondern auch kreativen Charakter. Jeder Angehörige einer Sprachgemeinschaft kann nicht nur bereits gehörte Sätze wiederholen, sondern auch Sätze bilden und verstehen, die er vorher noch nie vernommen hat. Und er kann bei diesen Sätzen auch beurteilen, ob sie grammatisch korrekt sind oder nicht. Sprachkompetenz ist "die Kenntnis des Sprecher-Hörers von seiner Sprache" (Chomsky 1978: 14)7, Sprachverwendung "der aktuelle Gebrauch von Sprache in konkreten Situationen" (ebd.). Damit ist die sogenannte mentalistische Sprachauffassung begründet, da eine Sprachtheorie um "die Aufdeckung einer mentalen Realität, die dem aktuellen Verhalten zugrunde liegt," (ebd.). Mentalistische Linguistik ist also theoretische Linguistik, "die Daten aus der Sprachverwendung [...] benutzt, um die Sprach- Kompetenz zu bestimmen, wobei letztere als der primäre Untersuchungsgegenstand zu bestimmen ist" (ebd., S. 241).8

Die generative Grammatik knüpft zunächst an das Automatenmodell an, erweitert dieses aber um eine mentalistische Fundierung, indem sprachliche Kenntnissysteme als der originäre Untersuchungsgegenstand definiert werden. Es sind zwei Argumente, die Chomsky immer wieder für das Mentalismus-Programm anführt:

1. Das Argument der Kreativität. Wie ist es möglich zu erklären, dass der Mensch immer wieder neue Sätze produzieren kann, dass mit endlichen Mitteln unendliche Realisierungen erzeugt werden können?
2. Das Argument der defizienten Erfahrung im Erstspracherwerb. Wie kann ein Kind Sätze produzieren, die es noch nie zuvor gehört hat? Der Spracherwerb kann nicht aus dem Dateninput begründet werden. Deshalb verfügt das Kind "über eine angeborene Theorie potentieller struktureller Beschreibungen" (Chomsky 1978: 49), es kommt mit bestimmten angeborenen grammatischen Prinzipien auf die Welt.9

Chomskys Programm der Sprachwissenschaft und seine Sprachtheorie haben zum Gegenstand das Verhältnis von Sprache und Kognition, von Sprache und Spracherwerb, Mechanismen der Sprachgenerierung und generierten Strukturen. Chomsky versteht Linguistik Ä als einen Teilbereich der Psychologie, der sich auf eine bestimmte geistige Fähigkeit, nämlich auf der Sprachvermögen (Älanguage faculty“) des Menschen beschränkt.“10 Chomskys Programm wird in der sog. Universalgrammatik (UG) ausgeweitet und biologisch fundiert. Die Universalgrammatik umfasst im allgemeinen Sinn das, was allen natürlichen Sprachen gemeinsam ist. Die Prinzipien der Universalgrammatik muss ein Kind im Spracherwerb nicht lernen. Sie sind von Geburt an im Menschen Äangelegt“ und sie reifen nach und nach heran, wenn das Kind die Daten seiner Muttersprachen hört. Die Universalgrammatik ist Teil der genetischen Ausstattung des Menschen. Chomsky, geht davon aus, dass die Universalgrammatik, also die Fähigkeit des Menschen, eine Sprache zu erwerben und schließlich zu sprechen, ein eigenständiges und von anderen kognitiven Fähigkeiten unabhängiges ÄModul“ ist. Das Sprachmodul ist demnach ein System, das seine eigenen Gesetzmäßigkeiten aufweist und das dennoch mit anderen kognitiven Fähigkeiten interagiert. Er geht weiterhin davon aus, dass sich das Sprachmodul in weitere-ebenfalls autonome- Teilmodule aufgliedert, die ebenfalls zusammenwirken. Die generative Grammatik hat sich zum Ziel gemacht, diese Teilmodule zu erforschen.11 Chomsky weist darauf hin, dass Gegenstand der Sprachwissenschaft nicht die externen sprachlichen Strukturen sind, sondern es ist die Äinternalized language“ (I- Language): "The I-language [...] is some element of the mind of the person who knows the language, acquired by the learner, and used by the speaker-hearer" (Chomsky 1986: 22).12 Das Ziel ist Äto find the basic elements of the I-language” (Chomsky 1986a:27).13 So wird mit diesem Anspruch “die Frage nach (mentalen) sprachlichen Wissenssystem“ (Schlobinski 2003:84).14 Chomskys mentalistische Sprachauffassung ist von anderen Paradigmen kritisiert worden und weiterhin Gegenstand heftiger Diskusionen.

Die Hypothese der Universalgrammatik betont, dass zur Sprachfähigkeit ein mentales Lexikon, in dem alle bilateralen Elemente der Sprache gespeichert sind und eine mentale Grammatik, nach deren Regeln die Elemente des Wortschatzes kombiniert werden, gehören.15 Alle Elemente des mentalen Lexikon müssen zu erlernt werden. Bei der mentalen Grammatik existieren zwei Ansätzen:

Empiristisches Modell:

Input + allgemeine kognitive Fähigkeiten (Generalisierungen) → ausgebildete mentale Grammatik Noam Chomsky ist ein Vertreter des sogenannten nativistischen Modells, der eine alternative zum empirischen Modell ist:

Nativistisches Modell:

Input + allgemeine kognitive Fähigkeiten (Generalisierungen) + Universalgrammatik (angeborene mentale Kerngrammatik) → ausgebildete mentale Grammatik.16

Zweifelloss hat die generative Grammatik in der Linguistik weithin Fuß gefasst aber kann man sagen, dass dieses Modell der generativen Grammatik eine plausible Erklärung von Kommunikation ist? Hat diese Grammatik alle Aspekte, die eng mit Kommunikation existieren, beinhaltet?

Noam Chomsky bearbeitete ein Konzept des ‚idealen Sprecher-Hörers’, der Äin einer völlig homogenen Sprachgemeinschaft lebt, seine Sprache ausgezeichnet kennt und bei der Anwendung seiner Sprachkenntnis in der aktuellen Rede von [...] grammatisch irrelevanten Bedingungen [...] nicht affiziert wird.“17 Das Aufstellen eines idealen Sprecher-Hörers erscheint innerhalb des Modells der generativen Grammatik als einer Untersuchung der Kompetenz statthaft, für das Verstehen von Kommunikation reicht sie nicht aus, weil Kommunikation Anwendung von Sprache bedeutet, was auf außersprachliche und kulturspezifische Faktoren verweist.

Ich glaube, Sprache vereinigt mehrere Aspekte wie zum Beispiel Kulturell- gesellschaftliche Aspekte, die von der GG gänzlich ausgeblendet werden. Diese Faktoren sind für das Verstehen von Kommunikationsprozessen jedoch unverzichtbar.

[...]


1 Philippi Jule, Tewes Michael, ÄBasiswissen generative Grammatik“, (2010): S. 10.

2 Philippi Jule, ÄEinführung in die generative Grammatik“, ( 2008): S. 10.

3 Philippi (2008): S. 10.

4 Philippi (2010): S. 10.

5 Philippi (2010): S. 12.

6 In: Philippi (2010): S. 12.

7 In: Philippi (2010): S. 14.

8 In: Philippi (2010): S. 14.

9 In: Philippi (2010): S. 14.

10 Philippi (2010): S. 15.

11 Philippi (2008): S. 16. 12 In Philippi (2010): S. 15.

13 In: Philippi (2010): S. 15.

14 In: Philippi (2010): S. 15.

15 http://www2.uni-jena.de/philosophie/germsprach/syntax/2/doc/skript/WissBlock_A.pdf,18.08.2015 20:35

16 http://www2.uni-jena.de/philosophie/germsprach/syntax/2/doc/skript/WissBlock_A.pdf,18.08.2015 21:01

17 Chomsky Noam, ÄAspekte der Syntax-Theorie. Aus dem Amerikanischen übersetzt und hrsg. von einem Kollektiv unter der Leitung von Ewald Lang, Arbeitsstelle Strukturelle Grammatik, Deutsche Akademie der Wissenschaften“ (1969): S.13.

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Details

Titel
Ist die generative Transformationsgrammatik eine plausible Erklärung von Kommunikation?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V319911
ISBN (eBook)
9783668191945
ISBN (Buch)
9783668191952
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transformationsgrammatik, erklärung, kommunikation
Arbeit zitieren
Magdalena Zając (Autor), 2015, Ist die generative Transformationsgrammatik eine plausible Erklärung von Kommunikation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319911

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