Literaturverfilmungen im Deutschunterricht am Beispiel "Frau Jenny Treibel"

Warum überhaupt Literaturverfilmungen in der gymnasialen Oberstufe?


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Literaturverfilmungen im Deutschunterricht – warum?

2. Typen der Literaturverfilmung nach Poppe
2.1 Stofforientierte Transformation
2.2 Handlungsorientierte Transformation
2.3 Interpretierende Transformation
2.4 Freie Transformation

3. Film- und Fernsehanalyse nach Hickethier
3.1 Von der Story zum Plot
3.2 Literaturinterpretation/ Filmanalyse
3.3 Zur Analyse des Visuellen

4. Beispiel: Qualifikationsphase II: Frau Jenny Treibel

5. Fazit

6. Anlagen

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

„Pauschal die Nichtprintmedien als Fressfeinde der Buchliteratur zu verdammen, steht einer vernünftigen schulischen Medienpädagogik im Weg.“ -Ulf Abraham[1]

1. Literaturverfilmungen im Deutschunterricht – warum?

Kinder wachsen heute von Beginn an mit dem Medium Fernsehen auf. Ob es zum Abend das „Sandmännchen“ oder am Sonntagmittag „Die Sendung mit der Maus“ ist, Kinder werden in der heutigen Zeit viel früher mit dem Medium Film und Fernsehen konfrontiert, als es noch vor 25 Jahren der Fall war. Dagegen kann sich auch die Einrichtung Schule nicht wehren. Film und Fernsehen treten immer mehr in den Mittelpunkt der Kinder und Jugendlichen, das klassische Buch hingegen ist im Moment zwar noch keine Ausnahme, aber liegt in der Gunst der Heranwachsenden hinter dem Medium Film und Fernsehen.[2] Daher liegt es nahe, Kindern und Jugendlichen möglichst früh den Umgang mit diesen Medien beizubringen. Jugendsoziologen sprechen von fernsehsozialisierten Generationen, die seit den 1960er Jahren herangewachsen sind und die sich von den durch das Buch sozialisierten Generationen ihrer Eltern und Großeltern unterscheiden[3]. Dass Kinder und Jugendliche Filme schauen und mit dem Medium Fernsehen umgehen können, ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Deutsche Universitäten beschäftigen sich mit der analytischen Auseinandersetzung mit Filmen bereits seit den 1960er Jahren, seit den 1970er Jahren auch mit Fernsehsendungen[4]. Die Auseinandersetzung mit diesem Medium ist ganz unterschiedlicher Natur, zum einen haben sie einen Anlaufpunkt in der Soziologie und in der Publizistikwissenschaft, zum anderen auch in der Literaturwissenschaft und in der in den Geisteswissenschaften entstandenen Medienwissenschaft. Die Medienwissenschaft hat sich methodologisch Fragen der Analyse von film- und fernsehwissenschaftlichen Produktionen zugewandt, die im Vordergrund die Analyse von Filmsprache betrachtet[5].

Über die Notwendigkeit der Film- und Fernsehanalyse bestehen somit kaum noch Kontroversen. Knut Hickethier fasst den Nutzen der Film- und Fernsehanalyse wie folgt zusammen:

Film- und Fernsehanalyse dient

der Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung;

der Vollkommnung der ästhetischen Geschmacksbildung;

der Steigerung des ästhetischen Genusses;

der Gewinnung von Kenntnissen über die audiovisuellen Medien;

der genaueren Beschreibung und besseren Beurteilung von medialen Prozessen.

vgl. Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. 5. Auflage, Weimar 2012, S.3.

Des Weiteren ist festzuhalten, dass die Medieninterpretation abiturrelevant sein und somit das Medium Film eine tragende Rolle im Deutschunterricht spielen. Kenntnisse über Literaturverfilmungen werden erstmals explizit im Jahr 2014 im hessischen Abiturerlass erwähnt. So wird beispielsweise die Interpretation und Analyse Süskinds Parfum als Buch und als Film vorausgesetzt[6].

In dieser Arbeit steht die Analyse von Literaturverfilmungen im Vordergrund. Hierbei werden Printmedium und das Medium des Films miteinander verbunden. Schülerinnen und Schülern[7] fällt ein Einstieg in das Thema Film oft so leicht, da die Analyse von Texten der Analyse von Filmen ähnelt. Um der steigenden Relevanz des Themas für die Schule gerecht zu werden, wird an passenden Stellen am Ende der Teilkapitel ein Schulbezug hergestellt.

Das in dieser Arbeit beschriebene Praxisbeispiel geht aus ersten eigenen Unterrichtsversuchen während der schulpraktischen Studien im Fach Deutsch hervor.

2. Typen der Literaturverfilmung nach Poppe

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Praxisteil mit Fontanes Frau Jenny Treibel und dessen Verfilmung. Somit ist es notwendig, die filmische Umsetzung eines literarischen Textes theoretisch zu erläutern.

Bereits bei der Begrifflichkeit der Literaturverfilmung gibt es Schwierigkeiten. Man findet in der Fachwissenschaft Begriffe wie Adaption, Transformation und eben auch Literaturverfilmung. Hierbei gibt es aber auch inhaltlich ein paar Unterschiede. Die Transformation (aus dem Lateinischen transformo /trāns-fōrmō=umformen, verwandeln) beschreibt, wie schon die ursprüngliche Bedeutung des Wortes aufzeigt, die Verwandlung vom einen in das andere Medium. In diesem Fall vom Printmedium in das Filmmedium.

Die Wortbedeutung des Wortes Adaption (aus dem Lateinischen aptare/ad-aptō=anpassen, passend herrichten) weckt die Assoziation zu einer besonders engen Werktreue, indem die literarische Vorlage im Film quasi passend hergerichtet wird. Mitunter wird der Begriff der Adaption weitgehend eher abgelehnt.

Eine Untersuchung zum Problem der Literaturverfilmung im Speziellen bedeutet dann aber vor allem eine Beschäftigung mit einem ganzbestimmten Prozess der intermedialen Texttransformation. Allgemein ist festzuhalten, dass der Begriff der Literaturverfilmung der ältere und bekanntere ist, weshalb er auch als Teilabschnittsüberschrift dient. Allerdings geht mit der Begrifflichkeit der Literaturverfilmung gleichzeitig eine gewisse Werktreue mit einher. Wichtig ist, dass man das Medium Film an sich als Kunstwerk betrachtet, ungeachtet dessen, ob es eine literarische Vorlage gibt oder nicht. Wenn man mit SuS eine Film- und Fernsehanalyse beginnt ist es am einfachsten, sich an den Transformationstypen nach Poppe[8] zu orientieren. Im Folgenden sollen die Transformationstypen nach Poppe[9] vorgestellt werden.

2.1 Stofforientierte Transformation

Die stofforientierte Transformation entnimmt einem Text nur die Story, teilweise sogar nur das Thema oder den Stoff. Das bedeutet aber auch, dass es wenig bis keine Gemeinsamkeiten zwischen Transform und Transformation [10] gibt.

2.2 Handlungsorientierte Transformation

Story, Plot sowie Figuren und Rahmen der Handlung sind in enger Anlehnung an den Text.

2.3 Interpretierende Transformation

Die interpretierende Transformation übernimmt Story, Plot, Erzählsituation und Sinnstruktur, allerdings weist sie durch eine eigene Interpretation von der Textvorlage ab.

2.4 Freie Transformation

Die freie Transformation entfernt sich noch mehr als die interpretierende Transformation von der Textgrundlage. Durch die Veränderungen des Kontexts, der Handlung etc. besteht zwischen Transform und Transformation eine große Distanz.

Ob die Lernenden die Art der Transformation vor oder nach Schauen des Films bestimmen, hängt davon ab, wie die beiden Medien behandelt werden: parallel oder nacheinander. Hier gibt es nicht den einen richtigen Ansatz, man sollte als Lehrkraft als Entscheidungsgrundlage die Voraussetzungen der Lerngruppe betrachten und danach bestmöglich entscheiden. Wichtig ist, dass die SuS verstehen, dass Literatur und Film voneinander getrennte Kunstwerke sind. Sollten von Lernenden eigene Impulse hinsichtlich der Begrifflichkeit kommen, so bietet es sich an, auf diese einzugehen und die Begrifflichkeiten anderer Fachwissenschaftler näher zu betrachten. Beispielsweise hat Thomas Koebner einen ganz anderen Ansatz, der den Begriff Transformation ausschließt[11]. Dies ist insbesondere deshalb möglich und nötig, da in der noch sehr jungen Fachwissenschaft große Uneinigkeit in vielen Dingen, unter anderem eben der Begrifflichkeit der Literaturverfilmungen an sich, herrscht. Somit bietet diese Vielfalt an Begriffen den Lernenden eben auch die Möglichkeit der Einsicht in die Fachwissenschaft, eventuell finden sich sogar ganz eigene Begriffe.

3. Film- und Fernsehanalyse nach Hickethier

Um den SuS die Film- und Fernsehanalyse näher zu bringen, braucht es eine Art „Werkzeug“, das gewisse Regularien, ähnlich wie bspw. in einer englischen Grammatik, aufweist. Die Film- und Fernsehanalyse von Knut Hickethier[12] liefert eine oberstufenschüler- und auch studierenden- gerechte Grundlage, um in die Analyse von Film und Fernsehen einzusteigen. Aus diesem Grund dient dieses Werk als Leitfaden für diese Arbeit. Natürlich kann im Detail nicht auf jeden Beitrag seines Werkes eingegangen werden, deshalb wird im Folgenden vertieft, was im Referat bereits angesprochen wurde. Diese Punkte werden herausgestellt, da sie für besonders essentiell anzusehen sind. Die Arbeitsschritte sind nicht chronologisch geordnet, da eine chronologische Ordnung nahezu unmöglich ist. Auch hier sollte jeder Lehrende im Hinblick auf seine aktuelle Lerngruppe selbst entscheiden, wann welcher Schritt besonders sinnvoll scheint.

3.1 Von der Story zum Plot

Story und Plot, das sind zwei Begriffe, die jeder schon einmal gehört hat. Es gilt, die beiden hinsichtlich der Filmanalyse zu unterscheiden. Wann wird eine Story zum Plot? Für SuS ist es oftmals leichter, Dinge zu verinnerlichen, wenn sie sich diese anhand eines Beispiels merken können. Prinzipiell gilt: Die Story ist eine chronologische Abfolge der Ereignisse. Der Plot stellt eine kausale Verknüpfung der Ereignisse dar. Ein Beispiel:

Der König starb. Daraufhin starb die Königin. (Story)

Nachdem der König gestorben war, starb die Königin vor Trauer. (Plot)[13]

Was bereits bei diesem simplen Beispiel auffällt ist, dass die Story nur den groben Handlungsrahmen liefert, wohingegen der Plot die Story quasi ausschmückt.

3.2 Literaturinterpretation/ Filmanalyse

Die herausgearbeiteten Arbeitsschritte der Literaturanalyse[14] finden sich auch in der Filmanalyse wieder.

1. Ausgehend von der subjektiven Seh-Erfahrung beim Betrachten eines Films lässt sich ein erstes Verständnis des Films formulieren. Dass die Seh-Erfahrung subjektiv ist, wird dann deutlich, wenn Missverständnisse und Nichtverstehen ebenso deutlich werden wie das Verstehen des Films.
2. Diese Seh-Erfahrung ist für den Einzelnen dahingehend wichtig, dass er sich seiner eigenen, spezifischen Lesart oder Wahrnehmungsart des Films bewusst macht. Gleichzeitig mit diesem Prozess formuliert der Einzelne eine Auslegungshypothese.
3. Was nun kommt, ist die Analyse des Films, in der die Struktur des Films und seine ästhetische Gestaltung genauer untersucht werden. Die Analyse des Films ist ein komplexer Prozess, in dem der Einzelne die Bedeutungspotentiale des Films zu entschlüsseln versucht.
4. Wenn die Analyse des Films abgeschlossen ist, gilt es, weitere Informationen über die Kontexte des Films, z.B. über Entstehung und Produktion, über Distribution und Rezeption sowie zusätzliche Materialien zu ermitteln. Dieser Schritt ist sehr aufwendig, da er Sekundärmedien inkludiert und auf die eigenen Recherchen angewiesen ist.
5. In diesem letzten Schritt werden alle bereits bearbeiteten Schritte in einen Zusammenhang gebracht. Hier werden filminterne und filmexterne Befunde zusammengeführt und wie bei einer Art Puzzle zusammengesetzt. Das Ergebnis stellt im Idealfall eine Erweiterung des subjektiven Horizonts des Analysierenden dar.

[...]


[1] Ulf Abraham:Kino im Klassenzimmer. S.9f. Aus: Praxis Deutsch 175. 2002

[2] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM 2013, S.11.

[3] Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse, S.2.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Hinweise zur Vorbereitung auf die schriftlichen Abiturprüfungen im Landesabitur 2016( Abiturerlass), S.3.

[7] Im Folgenden SuS

[8] Sandra Poppe: Visualität in Literatur und Film, S. 91 ff.

[9] Die Transformationstypen nach Poppe wurden von einer Mitreferentin ausgesucht und finden deshalb die Berechtigung in dieser Arbeit, da es sich um eine Referatsausarbeitung handelt.

[10] Transform: das Ausgangsmedium (hier: der Text); Transformation: das Endmedium(hier: der Film).

[11] Thomas Koebner: Vor dem Bildschirm. Studien, Kritiken und Glossen zum Fernsehen. S. 75.

[12] Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. S. 39ff.

[13] Ebd.

[14] nachzulesen in: Jürgen Schutte: Einführung in die Literaturinterpretation.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Literaturverfilmungen im Deutschunterricht am Beispiel "Frau Jenny Treibel"
Untertitel
Warum überhaupt Literaturverfilmungen in der gymnasialen Oberstufe?
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Literaturverfilmungen im Deutschunterricht
Note
14
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V320036
ISBN (eBook)
9783668207660
ISBN (Buch)
9783668207677
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang dieser Arbeit finden Sie Unterrichtsmaterial passend zur Einheit.
Schlagworte
Literaturverfilmungen, Deutschunterricht, Oberstufe, Unterrichtsmaterial, Frau Jenny Treibel, Didaktik, Neue Medien im Deutschunterricht, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Lisa Otto (Autor), 2015, Literaturverfilmungen im Deutschunterricht am Beispiel "Frau Jenny Treibel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320036

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