Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu im Januar 2015 eine Äußerung des früheren Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und später auch des Bundespräsidenten Christian Wulff wiederholte, war die Diskussion groß. Damals sagte sie: "Der Islam gehört zu Deutschland – und das ist so, dieser Meinung bin ich auch." Dass über diese Aussage so heftig debattiert werden würde, war absehbar. Nicht umsonst stellt sich seit jeher die Frage, in wie weit der Islam und generell die arabische Kultur den Westen mitgestalten soll. Dabei haben beide Kulturräume eine lange, eng miteinander verbundene Geschichte.
In dieser Arbeit gilt es, diese näher zu erörtern. Wie sehr oder wie wenig gegenseitiger Einfluss von unterschiedlichen europäischen Stimmen akzeptiert oder sogar gewünscht ist, ist entscheidend für den Charakter der Europa zugesprochen werden soll. Wie sich Europa selbst sieht und versteht hat großen Einfluss auf seine Wirkung nach außen. Was also soll typisch europäisch sein? Soll Europa ein einzig europäischer Kulturraum sein, oder definiert Europa sich durch multikulturelles Zusammenleben? Fakt ist, dass man wohl kaum auf einen allgemeingültigen Nenner kommen wird. Auch diese Arbeit soll nicht darauf hinauslaufen, Europa ein Identitätskonstrukt zu geben. Die These, die in folgender Argumentation allerdings aufgestellt wird, ist, dass jegliche Identitätsfindung, egal wie diese schlussendlich nun aussehen soll, sich häufig durch Abgrenzung zum „Anderen“, etwas das als Fremd betrachtet wird, entsteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und These
2. Der Identitätsbegriff: Kollektive – und nationale Identität
2.1. Europäisches Identitätsbewusstsein im Wandel der Zeit
2.2. Zwischenfazit: Fehlendes „Wir-Gefühl“ und dessen Wichtigkeit
3. Orient vs. Okzident? Wie sich das Morgen – und Abendland gegenseitig beeinflusst haben
3.3. Identitätsbildung durch Abgrenzung
4. Schlussfolgerung: Neue Angst – alte Vorurteile
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Prozess der europäischen Identitätsentstehung und analysiert dabei kritisch, wie die Abgrenzung zur arabisch-islamischen Welt zur Selbstdefinition Europas beigetragen hat. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern historische Feindbilder in der heutigen gesellschaftlichen Wahrnehmung nachwirken und die europäische Identitätssuche prägen.
- Historische Entwicklung der europäischen Identität und Selbstverständnis.
- Wechselseitige kulturelle Beeinflussung von Orient und Okzident.
- Soziologische Analyse der Identitätsbildung durch Abgrenzung und Feindbildkonstruktionen.
- Evaluation aktueller Herausforderungen wie der Islamdebatte und Integrationsfragen in der EU.
- Reflexion über die Bedeutung von Inklusion statt Ausgrenzung für ein europäisches „Wir-Gefühl“.
Auszug aus dem Buch
3.3. Identitätsbildung durch Abgrenzung
Anknüpfend daran kann wiederholt werden: obwohl viele Begegnungen zwischen dem Westen und der orientalischen Welt kriegerisch und gewalttätig verliefen, kann auch von einer großen gegenseitigen Bereicherung gesprochen werden. Aus europäischer Sicht betrachtet, wollte man diese aber nicht besonders anerkennen und zog eine deutliche Trennlinie zwischen „den Anderen“ und Europa. Dass dies bis heute geschieht, soll später noch gezeigt werden.
Die spezifische Selbstwertschätzung einer Gruppe enthält notwendigerweise positive Elemente, sehr häufig aber ist sie auch mit negativen Urteilen über andere Gruppen verbunden. Es spielt also eine große Rolle, wie „die Fremden“ definiert werden. Nicht selten wurden „die Anderen“ als Feinde wahrgenommen. Bezieht man dies auf die arabische Welt und den Islam, dann einerseits weil es die Angst gab durch diese Kultur überflutet zu werden und auf der anderen Seite, weil vor allem eben die Religion als falsch angesehen wurde. Diese konstruierten Feindbilder sind „tief sitzende, im kollektiven Unterbewusstsein der Religionsgemeinschaften eingravierte und bei ihren Mitgliedern latent oder offen vorhandene emotional aufgeladene Wahrnehmungsmuster, die mit Angst besetzt sind und zu negativen Wertungen und Abwehrreaktionen führen.“ Alle Eigenschaften, die nicht diesen entworfenen Mustern entsprechen, werden ausgeblendet. Nach dieser Selektion kommt eine Art Immunisierung ins Spiel: „man reproduziert und verstärkt diese Muster, in dem man auf die Erfahrung verweist, die das Muster bestätigen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und These: Einführung in die Thematik der europäischen Identitätsbildung und Aufstellung der These, dass Identität maßgeblich durch Abgrenzung zum „Anderen“ entsteht.
2. Der Identitätsbegriff: Kollektive – und nationale Identität: Theoretische Auseinandersetzung mit Identitätsbegriffen und Erläuterung der Entwicklung des europäischen Identitätsbewusstseins im historischen Verlauf.
2.1. Europäisches Identitätsbewusstsein im Wandel der Zeit: Darstellung der historischen Transformation von Europa als „Christliche Republik“ hin zu einem modernen Werte- und Kulturraum.
2.2. Zwischenfazit: Fehlendes „Wir-Gefühl“ und dessen Wichtigkeit: Analyse der Gründe für das Fehlen einer kollektiven europäischen Identität und die Bedeutung der öffentlichen Akzeptanz.
3. Orient vs. Okzident? Wie sich das Morgen – und Abendland gegenseitig beeinflusst haben: Untersuchung der historischen Kontaktpunkte und des gegenseitigen Austauschs zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt.
3.3. Identitätsbildung durch Abgrenzung: Vertiefende soziologische Betrachtung darüber, wie Feindbilder zur Immunisierung und Identitätsstärkung im europäischen Kontext genutzt wurden.
4. Schlussfolgerung: Neue Angst – alte Vorurteile: Zusammenfassende Betrachtung der aktuellen politischen Lage und das Plädoyer für ein europäisches Identitätsverständnis, das auf Inklusion statt Ausgrenzung basiert.
Schlüsselwörter
Europäische Identität, Identitätsbildung, Abgrenzung, Orient, Okzident, Arabisch-islamische Welt, Kultur, Feindbilder, Integration, Islam, Vorurteile, Kollektives Gedächtnis, Wertegemeinschaft, Interkultureller Dialog, Europa.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert den historischen Prozess der Identitätsbildung Europas und untersucht, wie die bewusste Abgrenzung zur arabisch-islamischen Welt historisch als Instrument zur Selbstdefinition und Identitätsstärkung genutzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung des europäischen Bewusstseins, der kulturellen Interaktion zwischen Orient und Okzident sowie der soziologischen Wirkung von Feindbildern und Vorurteilen auf die europäische Einigung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Identitätsfindung oft über die Differenzierung zum „Anderen“ erfolgt. Die Arbeit evaluiert, wie tief verwurzelte Feindbilder gegenüber der arabischen Welt bis heute das europäische Selbstverständnis beeinflussen.
Welche methodische Vorgehensweise wird in der Arbeit gewählt?
Es handelt sich nicht um eine rein geschichtswissenschaftliche Herangehensweise mit Primärquellen. Stattdessen wird eine recherchebasierte Analyse durchgeführt, die literarische, kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Identitätsbegriffs, einen historischen Abriss der europäischen Identitätsentwicklung sowie eine Analyse der spezifischen Feindbildkonstruktionen und des Einflusses des Orients auf den Okzident.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie „Europäische Identität“, „Abgrenzung“, „Orient/Okzident“, „Feindbild“ und „Integration“ beschreiben.
Inwiefern hat der historische Konflikt mit den Osmanen die heutige Sicht auf den Islam beeinflusst?
Die Arbeit argumentiert, dass historische Bedrohungsszenarien wie die „Türkengefahr“ den Grundstein für die moderne „Islamangst“ legten und diese Muster der Ablehnung über Jahrhunderte in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind.
Warum betont die Autorin, dass die EU keine klare Definition von europäischer Identität benötigt?
Die Autorin plädiert dafür, dass eine starre Identitätsdefinition Ausgrenzung provoziert. Stattdessen solle Europa Veränderung und Inklusion als Kern seiner Identität begreifen, um auf die Herausforderungen einer diversen Einwanderungsgesellschaft zu reagieren.
- Arbeit zitieren
- Ellen Egyptien (Autor:in), 2016, Europäisches Bewusstsein und Identität. Die historische Entwicklung der europäischen Identität durch Abgrenzung zur arabisch-islamischen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320050