„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“(Artikel 3 Abs. 3 im deutschen Grundgesetz)
Sind Menschen mit Einschränkungen in den deutschen Sportstrukturen benachteiligt? Der Druck dieser Frage verstärkt sich durch die seit 2009 in Deutschland geltende UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), deren zentrale Begriffe die Chancengleichheit, die Würde, die Barrierefreiheit und die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe sind. Darüber hinaus tauchen in ihr die Begriffe Integration und Inklusion auf. Die UN-BRK stellt aktuelle strukturelle Bedingungen auf den Prüfstand und formuliert inhaltliche Fragen. Wie sehen integrative und inklusive Konzepte aus? Dieser politischen Dimension und Entwicklung können sich die deutschen Sportstrukturen nicht entziehen.
Die vorliegende Arbeit untersucht strukturelle und inhaltliche Fragen. Die zentralen Begriffe Behinderung, Integration und Inklusion sind in ihrer Bedeutung und Entwicklung durch die Geschichte und den Autoren der jeweiligen Wissenschaftsbereiche geprägt und bedürfen zuerst einer Klärung. Die Frage nach integrierenden und ab- und ausgrenzenden Mechanismen ist eine klassische Frage der Sportsoziologie. Aus diesem Grund orientiere ich mich an systemtheoretischen Strategien, um die deutschen Sportstrukturen zu analysieren, im Allgemeinen und im behindertenspezifischen Bereich. Auf Verbands- und Vereinsebene wird der aktuelle Stand skizziert und bewertet. Die inhaltliche Analyse untersucht bestehende Sportangebote für Menschen mit Einschränkungen und ihre Relevanz für die gesellschaftliche Teilhabe. Die Rahmenbedingungen der deutschen Sportstrukturen werden betrachtet, um ihre Abhängigkeit vom Umfeld darzustellen. Die Erkenntnisse dieser Arbeit formulieren eine aktuellen Stand, die Möglichkeiten und Grenzen und eine Perspektive für die Zukunft.
Persönliche Erfahrungen sind in der Wissenschaft oft der Ausgangspunkt für die Wahl der wissenschaftlichen Forschungsfrage. So ist es auch bei mir. Mit dieser Arbeit beantworte ich mir Fragen, die sich durch meine praktische Arbeit in über zehn Jahren im Integrationssport des SV Pfefferwerk e.V. Berlin für mich ergeben haben. Aus diesem Grund sind viele Themen anschaulich und praktisch dargestellt. Diese Arbeit versucht einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Historie des Begriffes „Behinderung“
2.1. Geschichtlicher Abriss
2.2. Zwischenfazit Historie
3. Begriffsklärung von Behinderung, Integration und Inklusion
3.1. Der Begriff „Behinderung“
3.1.1. Medizinisch-juristische Definition im §2 des Sozialgesetzbuches
3.1.2. Die behindertenpädagogische Definition
3.1.3. Die Definition der WHO
3.1.4. Die soziologische Definition
3.1.5. Die verschiedenen Definitionen von Behinderung und ihre Bedeutung
3.1.6. Die Verwendung der Behinderungsbegriffe
3.1.7. Die Dekategorisierung von Behinderung
3.1.8. Verschiedene Behinderungs- und Schädigungsformen
3.1.9. Sichtweisen und Handlungsmodelle zum „Problem“ Behinderung
3.2. Der Begriff der Integration
3.2.1. In der Geschichte
3.2.2. Definition
3.2.3.Verschiedene Perspektiven von Integration
3.3. Der Begriff der Inklusion
3.3.1. In der Geschichte
3.3.2. Definition
3.4. Der Begriff Inklusion vs. Integration
3.5. Das Modell der fünf Stufen nach Sander
3.6. Exklusion/Inklusion/Integration aus systemtheoretischer Sicht
3.7. Zwischenfazit zu den Begriffen Integration und Inklusion
4. Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung
4.1. Die sozialen Reaktionen und ihre Ursachen
4.2. Veränderungsmöglichkeiten der sozialen Reaktion
4.3. Einstellung von Menschen mit Einschränkungen untereinander
4.4. Zwischenfazit zur Einstellungsänderung
5. Statistik - Menschen mit Behinderung in Deutschland
5.1. Menschen mit Einschränkung in den deutschen Sportstrukturen
6. Die UN-Behindertenrechtskonvention
6.1. Der Artikel 30 Punkt 5
6.2. Arbeitspapier „Bewegung leben – Inklusiv leben“
7. Die Sportstrukturen für Menschen mit Einschränkungen
7.1. Die Verbände
7.1.1. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB)
7.1.2. Der Deutsche Gehörlosenverband (DGS)
7.1.3. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS)
7.1.4. Die Special Olympics Deutschland (SOD)
7.1.5 Der Behindertensportverband (DBS) aus systemtheoretischer Sicht
7.1.6 Zwischenfazit zu den Sportverbänden
7.2. Die Sportvereine
7.2.1. Definition und Gesetz
7.2.2. Vereinsmerkmale
7.2.3. Vereinstypen und Kategorien
7.2.4 Die Veränderungen im Sportverein
7.2.8. Modelle und Möglichkeiten des Integrationssports
7.2.9. Integration durch Kommunikation und Assistenz
8. Sport für Menschen mit Einschränkung
8.1. Der Spitzensport/Leistungssport
8.1.1. Der Stellenwert des Leistungssports für die Integration
8.2. Die Chancen des Wettkampfsports
8.2.1. Rollstuhlbasketball - „Inklusion als Rechenaufgabe“ (TAGESSPIEGEL, 2013,11)
8.2.2. „Unified Sports“
8.2.3. Anforderung an den Wettkampfsport
8.3. Der Gesundheitssport im DBS
8.4. Freizeit und Breitensport
8.4.1. Freizeitverhalten von Menschen mit Einschränkung
8.4.2. Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen mit Einschränkung
8.4.3. Integrative Didaktik und Pädagogik im Freizeitbereich
8.4.4. Grundposition integrativer Pädagogik
8.4.5. Die „Psychomotorik“
8.4.6. Praktischen Beispiel für ein integratives Sportangebot
8.4.7. Konsequenzen für die Praxis des Integrationssports
8.4.8. Die Bedeutung der integrativen Pädagogik und Didaktik für den Sportverein
9. Sporthallen - Barrierefreiheit und Barriereabbau
9.1. Die Geschichte der Barrierefreiheit
9.2. Die Barrierefreiheit im Gesetz und im Sportalltag
9.3. Die Sporthallensituation in Deutschland
9.4. Zwischenfazit zur Sporthallensituation
9.5. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Sporthallen
10. Die Aus- und Fortbildung der Übungsleiter im Integrationssport
10.1. Notwendige Schritte für die Aus- und Fortbildung
11. Aktuelle Förderprogramme für integrative Maßnahmen
11.1. Erlebte Integrative Sportschule (EISs)
11.2. Das Integrationssportprogramm des Hamburger Sportbundes
11.3. Gegenüberstellung der Förderprogramme
12. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Menschen mit Einschränkungen in deutschen Sportstrukturen unter Berücksichtigung systemtheoretischer und sportsoziologischer Ansätze. Ziel ist es, den aktuellen Stand der Teilhabe zu bewerten und Perspektiven für eine inklusivere Sportlandschaft aufzuzeigen, wobei insbesondere die Rolle von Sportverbänden und Vereinen kritisch beleuchtet wird.
- Historische Entwicklung des Behindertenbegriffs und dessen Bedeutung für Inklusion.
- Analyse der Sportstrukturen (Verbände/Vereine) und deren Integrationspotenzial.
- Die Rolle der UN-Behindertenrechtskonvention im deutschen organisierten Sport.
- Praktische Ansätze wie das Modell der fünf Stufen nach Sander und konkrete Integrationsprojekte (z.B. PFIFF).
- Notwendige Rahmenbedingungen für Barrierefreiheit und die Bedeutung der Übungsleiterausbildung.
Auszug aus dem Buch
3.1.4. Die soziologische Definition
CLOERKES kommt in Zusammenarbeit mit NEUBERT 1988 zu einer Arbeitsdefinition mit der sie allen Aspekten von Behinderung im Feld der Soziologie versuchen, gerecht zu werden. Die 3 Orientierungspunkte Ihrer Definition sind, die „Stimulusqualität“, d.h. bestimmte Merkmale lösen immer eine Reaktion aus und erzeugen Aufmerksamkeit, die „Andersartigkeit“, d.h. die Abweichung von der sozialen Erwartung und der Norm, und die „negative Bewertung“ der Andersartigkeit.
Die Definition lautet:
a) Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird. „Dauerhaftigkeit“ unterscheidet Behinderung von Krankheit. „Sichtbarkeit“ ist im weitesten Sinne das „Wissen“ anderer Menschen um die Abweichung.
b) Ein Mensch ist behindert, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist. (CLOERKES, 1988, 87)
Somit ist „Behinderung nichts Absolutes, sondern erst als soziale Kategorie begreifbar. Nicht der Defekt, die Schädigung, ist ausschlaggebend, sondern die Folgen für das einzelne Individuum.“ (CLOERKES, 2007, 9) Und SANDER definiert: „Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch auf Grund einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umwelt-System integriert ist.“ (1994, 105) „Behindert ist man nicht“, urteilt MARIANNE BUGGENHAGEN, „behindert wird man gemacht. Durch Architektur, durch andere Menschen, durch Gedankenlosigkeit und Diskriminierung.“ (1996, 12)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Benachteiligung von Menschen mit Einschränkungen im deutschen Sport und setzt sich mit zentralen Begriffen wie Behinderung, Integration und Inklusion vor dem Hintergrund der UN-BRK auseinander.
2. Die Historie des Begriffes „Behinderung“: Dieser Abschnitt zeichnet die historische Entwicklung des Behindertenbegriffs nach, von der Stigmatisierung und Isolation hin zu modernen, normalisierungsorientierten Ansätzen.
3. Begriffsklärung von Behinderung, Integration und Inklusion: Das Kapitel analysiert die verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen und Perspektiven dieser drei Begriffe und ihre systemtheoretische Relevanz.
4. Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung: Hier werden soziale Reaktionen auf Menschen mit Einschränkungen sowie Strategien zur Einstellungsänderung, insbesondere durch Kontakt und Rollenspiele, erörtert.
5. Statistik - Menschen mit Behinderung in Deutschland: Dieses Kapitel liefert statistische Daten zur Anzahl schwerbehinderter Menschen und zu deren Organisationsgrad innerhalb des deutschen Sportsystems.
6. Die UN-Behindertenrechtskonvention: Es wird die Bedeutung der UN-BRK, insbesondere Artikel 30, für die Teilhabe am Breitensport und die Zielsetzung des organisierten Sports in Deutschland untersucht.
7. Die Sportstrukturen für Menschen mit Einschränkungen: Das Kapitel untersucht die Rolle von Sportverbänden und Sportvereinen bei der Umsetzung integrativer Sportangebote und analysiert verschiedene Erfolgsmodelle.
8. Sport für Menschen mit Einschränkung: Hier werden unterschiedliche Sportbereiche wie Leistungs-, Wettkampf- und Gesundheitssport auf ihr Integrationspotenzial hin geprüft.
9. Sporthallen - Barrierefreiheit und Barriereabbau: Es wird die historische und aktuelle Situation von Sportstätten hinsichtlich Barrierefreiheit und deren Einfluss auf die Umsetzung inklusiver Angebote analysiert.
10. Die Aus- und Fortbildung der Übungsleiter im Integrationssport: Dieses Kapitel thematisiert die notwendige Qualifikation von Übungsleitern als zentrale Gelingensbedingung für integrative Sportangebote.
11. Aktuelle Förderprogramme für integrative Maßnahmen: Es werden konkrete Praxisbeispiele für Förderprogramme auf regionaler Ebene vorgestellt und gegenübergestellt.
12. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen der Integration sowie der Bedeutung der Inklusion für die Zukunft der deutschen Sportstrukturen.
Schlüsselwörter
Behinderung, Integration, Inklusion, Sportverein, Behindertensportverband, Sportsoziologie, Barrierefreiheit, UN-Behindertenrechtskonvention, Freizeit- und Breitensport, Übungsleiterqualifikation, Systemtheorie, soziale Teilhabe, Sportentwicklung, Integrationspädagogik, Chancengleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwieweit Menschen mit Einschränkungen in deutschen Sportstrukturen integriert sind und welche strukturellen sowie inhaltlichen Voraussetzungen für eine gelingende Inklusion notwendig sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Begriffsdefinitionen von Behinderung, Inklusion und Integration, die Rolle von Sportverbänden und -vereinen, die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention sowie Rahmenbedingungen wie Barrierefreiheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Analyse der Möglichkeiten und Grenzen der Integration im Sport, um daraus Perspektiven für eine zukünftige, inklusivere Sportlandschaft in Deutschland abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse, insbesondere unter Anwendung systemtheoretischer Strategien, sowie auf die Auswertung existierender Statistiken, Literatur und Praxisbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Sportstrukturen (DOSB, DBS), die Rolle der Sportvereine, spezifische Integrationsmodelle (z.B. Göttinger Modell) und die Notwendigkeit von Aus- und Fortbildung für Übungsleiter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Inklusion, Integration, Sportverein, Barrierefreiheit, systemtheoretische Paradigmen und die UN-Behindertenrechtskonvention.
Welche Rolle spielt die systemtheoretische Perspektive in der Arbeit?
Die systemtheoretische Sichtweise nach Luhmann wird genutzt, um die Bildung von Strukturen im Sport zu erklären und zu verstehen, warum Inklusion und Exklusion oft wertfreie Mechanismen von sozialen Systemen darstellen.
Warum sind laut Autor viele Sportvereine noch nicht inklusiv genug?
Der Autor macht die "Zuschauerdemokratie" in Vereinen, finanzielle Abhängigkeiten, räumliche Barrieren und vor allem die oft fehlende Qualifikation und das fehlende Wissen der Entscheidungsträger und Übungsleiter verantwortlich.
Welche Bedeutung haben die vorgestellten Modelle wie das "Paderborner Modell"?
Diese Modelle dienen als Praxisbeispiele für integrative Sportangebote, die zeigen, wie durch Kooperation zwischen Sportvereinen, sozialen Einrichtungen und Kommunen eine wirkliche Teilhabe in einem familienorientierten Rahmen gelingen kann.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Zinke (Autor:in), 2013, Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Menschen mit Einschränkungen in den deutschen Sportstrukturen und die Bedeutung für die Inklusion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320070