Der Feldzugang als praktisches Problem in der analytischen Ethnografie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

11 Seiten, Note: 1,3

Jan Fehder (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ethnografie
2.1 Begriff und Ursprung
2.2 Ethnografie in der qualitativen Sozialforschung

3 Das Forschungsfeld
3.1 Der Feldzugang
3.2 Probleme des Feldzugangs: Die Immunreaktion des Feldes
3.3 Gatekeeper, Patrone und Sponsoren
3.4 Strukturelle Intransparenz

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Ethnografie als sozialwissenschaftliche Forschungsmethode verfolgt die relativ einfache aber nicht voraussetzungslose Grundidee, Menschen in ihren situativen oder institutionellen Kontexten beim Vollzug ihrer Praktiken zu beobachten“, so beginnt Georg Breidenstein im Buch „Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung“ die Beschreibung dieser wirklich sehr interessanten, fruchtbaren und oft kritisierten Forschungsmethode. Eine der sympatischsten Eigenschaften der Ethnografie für mich ist, dass man tatsächlich nicht auf großes und teures technisches Equipment zurückgreifen muss, sondern das die Ethnografie dem Forscher die Möglichkeit eröffnet, selbst Teil der Forschung zu werden, ja selbst als Messinstrument zu fungieren. Das Wahrnehmen und das wahrgenommen werden sind Teile der Forschung und der analytischen Arbeit. Die teilnehmende Beobachtung als Methode der Wahl in der Ethnografie, stellt den Forschenden vor eine Reihe von Herausforderungen, welche vor, während und nach dem Einsatz im Feld zu bewältigen sind. Der Zugang zum Feld als unabdingbare Voraussetzung der Forschung, die damit verbundenen Erwartungen des Feldes, die zu überwindenden Probleme und die Notwendigkeit die Zugangsrechte immer wieder neu legitimieren zu müssen, sind ganz besondere Herausforderungen und sollen das Thema meiner Hausarbeit sein.

Bevor ich aber näher auf den eigentlichen Feldzugang eingehe, führe ich kurz in den Begriff der Ethnografie und seiner disziplinären Ursprünge ein. Im Anschluss setze ich mich mit dem Forschungsfeld auseinander indem ich auf den Begriff und der Herstellung des Feldes näherkomme. Dem Feldzugang wird schließlich der größte Teil der Arbeit gehören. Hier lassen sich Unterscheidungen zwischen Feldern mit keiner, kaum oder erheblichen Zugangsbeschränkungen unterscheiden. Während öffentliche Settings wie ein Park weitgehend ohne Zugangsprobleme beforscht werden können, sieht sich der Forscher bei geschlossenen Feldern einer erheblich schwereren Aufgabe gegenüber. Geschlossene Felder haben eigene Strategien und Möglichkeiten sich dem beforscht-werden zu entziehen. Diesen Strategien und Maßnahmen sich dem Zugriff durch die Forschung zu entziehen und wie trotz hoher Zugangsbeschränkungen doch noch eine gelingende ethnografische Forschung etabliert werden kann, gehört der Rest der Arbeit.

2 Ethnografie

2.1 Begriff und Ursprung

Bei der Ethnografie handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Forschungsstrategie, welche mehr oder weniger bekannte ethnische Gruppen, Gemeinschaften oder andere soziale Einheiten und deren Handlungsweisen, Wissensformen und materiale Kulturen untersucht. Die teilnehmende Beobachtung gilt beim methodischen Zugang als Königsweg der ethnografischen Feldforschung. Neben anderen Formen der Beobachtung zählen das Interview, Dokumente, audiovisuelle Aufzeichnungen oder Fotografien zu den Methoden der Datenerhebung (Knoblauch 2014: 521). Als einen der berühmtesten Vertreter lässt sich Bronislaw Malinowski (1884-1942) hervorheben, welcher als Begründer der modernen ethnografischen Feldforschung gilt.

Die Ethnologie und die Soziologie des frühen 20. Jahrhunderts lassen sich als disziplinarische Ursprünge der Ethnografie benennen. Die ethnologische Kulturanalyse, die Subkulturforschung der Chicago School und die Soziologie des Alltags, sind die drei wichtigsten Traditionslinien der Ethnografie. Alle drei Traditionen zeichnen sich durch den Erkenntnisstil des Entdeckens aus und das sie kultur- und sozialwissenschaftliches Erkennen mit Hilfe einer Unterscheidung des Fremden vom Vertrauten organisieren (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 13).

2.2 Ethnografie in der qualitativen Sozialforschung

Im Gegensatz zum linearen Forschungsdesign der standardisierten Sozialforschung, verwendet die Ethnografie als qualitativer Ansatz ein rekursives Design (ähnlich einer Spirale und nicht unähnlich dem Hermeneutischen Zirkel). Die verschiedenen Schritte der ethnografischen Forschung werden wiederholt auf sich selbst angewandt, so dass diese Selbstanwendung den ethnografischen Forschungs- und Erkenntnisprozess anleitet (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 45).

Solche Studien beschäftigen sich in der Regel mit ein oder mehreren Einzelfällen, welche detailliert analysiert werden. Diese Fälle (öffentliche Orte, Gruppen, soziale Milieus, Organisationen oder Stammesgruppen) bilden in der Ethnografie das Feld.

3 Das Forschungsfeld

Der Ort der ethnografischen Forschung ist das Feld. Dort verbringt der Forscher einen großen Teil der praktischen Arbeit und hier kann der Ethnograf soziales Handeln in vivo erfassen und dokumentieren. Er erforscht soziale Phänomene in ihrer natürlichen Umgebung indem er für einen bestimmten Zeitraum am Alltagleben der Zielgruppe teilnimmt. Im Folgenden versuche ich zu beschreiben was ein Forschungsfeld ist, wie es sich konstituiert und welche Probleme mit dem Zugang zum Feld verbunden sind.

Der Feldbegriff in der klassischen Ethnografie schien eine natürlich gegebene Einheit des untersuchten Gegenstandes aufzuweisen, wie bei den Stadtvierteln der Chicago School-Studien oder den Szenen subkultureller Milieus. Eine soziale Lokalität mit relativ stabilen Grenzen, welche von ihren Bewohnern gesetzt sind (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 47). Wenn man beim Weg ins Feld aber an das Überschreiten einer fixen Grenze denkt, nach deren Überschreitung sich das Innere des Feldes ungeschützt dem forschenden Blick öffnet, liegt man falsch. „Unter „Forschungsfeld“ werden natürliche soziale Handlungsfelder im Gegensatz zu künstlichen situativen Arrangements verstanden, die extra für Forschungszwecke geschaffen werden (Wolff 2000: 335). Die Definition des Feldes und seiner Grenzen, hängen also weniger mit den institutionellen Vorgaben zusammen, als von den Fragestellungen und dem Erkenntnisinteresse der ethnografischen Forscher (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 47). Aber auch der Zugang selbst, wirkt konstituierend auf das Feld. Durch Reaktionsbildung auf den Forscher und seine Aktivitäten im Forschungsprozess wird das Feld als soziale Einheit erfahrbar, bei dem Teilnehmer von Außenstehenden unterschieden werden.

Die Konstitution des Feldes lässt sich in der Feldforschung in drei unterschiedliche Momente fassen: 1.) Selbstkonstitution 2.) Analytische Konstitution 3.) Prozesskonstitution (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 60).

3.1 Der Feldzugang

Der Zugang zum jeweiligen Forschungsfeld ist eine Herausforderung, die bei jeder Feldforschung zu bewältigen ist. Dabei stellen sich je nach Forschungsfeld unterschiedliche Zugangsprobleme dar. Es gib Felder welche keine oder keine besonders hohen Zugangsschwellen aufweisen (Hörsaal, Bodybuilder, Heimwerker oder Patienten) und andere mit fast unüberwindlich scheinenden Zugangsschwellen, wie das der Reproduktionsmediziner (Hitzler 2013: 73). Dabei darf man nicht vergessen, dass selbst Felder welche sich im öffentlichen Raum befinden und auf den ersten Blick keine nennenswerten Zugangsprobleme stellen, durchaus nicht unproblematisch sein können. Allein die Anwesenheit eines Forschers in einem Setting und die damit verbundene Möglichkeit des als-Forscher-erkannt-zu-werden, stellt eine Herausforderung dar. In dem Moment in welchem die Teilnehmer eines Feldes erkennen, dass sie beobachtet werden, erfolgt eine Störung des Forschungsprozesses. Hier ist also eine sozial akzeptable Form des Sich-unsichtbar-Machens nötig, an deren Sicherstellung Beobachter wie Beobachtete ihren Anteil haben (Wolff 2000:341).

Aber der Feldzugang ist nicht nur ein Problem, das praktisch gelöst und später reflektiert werden muss, sondern er eröffnet gerade in der sozialwissenschaftlichen Forschung auch eine große Chance, etwas Wichtiges über die Besonderheiten des Feldes zu erfahren - wird doch in der Logik der Zugangswege zum Feld vieles von der Logik des Feldes sichtbar. Der Zugang wird als Teil des Feldes betrachtet und analysiert. „Das Zugangsproblem wird damit nicht mehr allein als eines des Einstiegs (getting in), sondern als kontinuierlicher Aushandlungsprozess von Teilnahmerechten (getting on) untersucht“ (Ott 2010: 168) [Hervorhebung im Original].

Als Ausnahmefall des Feldzugangs sei noch die Möglichkeit des verdeckten Forschens in nicht-öffentlichen Settings erwähnt. Eine sozial nicht akzeptierte Form des Sich-unsichtbar-Machens und der Distanzlosigkeit zum Feld. Eine solche Form der Beobachtung wurde bei Forschungen zu rechtsextremen Organisationen, Sekten oder organisierter Kriminalität eingesetzt. Das verdeckte Forschen bleibt ein Ausnahmefall, da es aus ethischen und forschungspolitischen Gründen sehr problematisch ist und die Qualität der Datenerhebung deutlich mindert. Abgesehen davon, besteht für den Forscher immer die Gefahr entdeckt zu werden, wodurch sich der Forscher plötzlich in einer veritablen Bedrohungslage wiederfinden kann, besonders bei der Arbeit in gewaltbereiten und kriminellen Organisationen.

3.2 Probleme des Feldzugangs: Die Immunreaktion des Feldes

„Wie jeder Fremde ist der Forscher vom Standpunkt des Feldes aus zunächst ein Mensch ohne Geschichte, der sich nur schwer in die dort gewohnten Kategorien einordnen lässt und dessen Loyalität zweifelhaft bleibt“ (Wolff 2000: 339) [Hervorhebung im Original].

Ein klassisches ethnologisches Zugangsproblem war die lange Reise zum entfernten Feld. Neben dem physischen Problem des Zugangs ist er aber auch eine soziale Angelegenheit, wie der asymmetrische Kulturkontakt, welcher sich lange im Kontext des Kolonialismus ereignete. In diesem stand eine Schriftkultur einer oralen Kultur gegenüber (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 50).

In der soziologischen Ethnografie stößt man häufig auf Felder, welche von ihren Bewohnern gut kontrolliert werden können und wollen. Der soziale Status von Organisationen, Unternehmensleitungen, Chefärzten, Managern oder andere Eliten, zeichnet sich gerade durch schwere Erreichbarkeit und der Aufrechterhaltung dieser Unzugänglichkeit aus (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 50).

Betreffende Felder reagieren häufig auf Zugangsbemühungen von Forschern mit bekannten und erprobten Mustern der Neutralisierung. Zu den bekanntesten zählen die folgenden Strategien - den Immunreaktionen des Feldes:

Hochzonen: das Ansinnen wird zunächst mal einer höheren Stelle zur Prüfung vorgelegt, Nachfragen: man veranlasst die Forscher zu immer neuen Darstellungen ihres Forschungsziels und Vorgehens, Abwarten: man lässt die Anfrage liegen, weil sich erfahrungsgemäß viele Anfragen von selbst erledigen, Zuweisen: man akzeptiert die Forschung grundsätzlich, bietet aber von sich aus Daten an bzw. erklärt sich nur mit Erhebungsmethoden einverstanden, die ursprünglich nicht vorgesehen waren, Eingemeinden: man macht die Forschung und das Vorgehen zur eigenen Sache, versucht den Forscher mit einem indirekten Auftrag auszustatten oder ihn als Bündnispartner in organisationsinterne oder –externe Auseinandersetzungen einzubinden (Wolf 2000: 343).

Versucht der Forscher also einen Zugang zum Feld zu bekommen, muss er sich auf die unterschiedlichsten Hürden und Hindernisse einstellen und Lösungsstrategien entwickeln.

3.3 Gatekeeper, Patrone und Sponsoren

Je nach Feld und dessen Organisationsstruktur ist es nötig sich an verschiedene Personen oder Abteilungen zu wenden, welche einem den Zugang legitimieren können. Hier die richtige Ansprechperson zu finden ist nicht immer ganz einfach und muss für das zu erforschende Feld und Forschungsinteresse genau analysiert werden. Diese sogenannten Gatekeeper haben die Möglichkeit dem Ethnografen die offizielle Erlaubnis zu gewähren oder zu verweigern (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 52). Diesen ist dann das Forschungsprojekt näherzubringen, Vertrauen aufzubauen und Sorgen, die im Zusammenhang mit dem Eindringen eines Wissenschaftlers in das Feld stehen können, zu besprechen und im besten Falle auszuräumen. Der Forscher selbst sollte sich aber auch auf Instrumentalisierungsversuche durch den Gatekeeper einstellen. Gatekeeper haben durchaus das Interesse, ihre Organisation besonders gut darzustellen und die Forschung dahingehend zu beeinflussen. Solche Versuche der Einflussnahme kann der Ethnograf aber wiederum seinerseits für seine Forschung fruchtbar machen.

Sponsoren oder Schlüsselinformanten können ebenso eine große Hilfe beim Zugang zum Feld sein. Hier handelt es sich um Personen, welche das Forschungsinteresse teilen, Insiderinformationen zur Verfügung stellen und dem Forscher über ihre sozialen Beziehungen Zugang zum Feld ermöglichen (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 53).

Ebenso können Patrone eine Möglichkeit sein, um den Zutritt zum Feld zu ermöglichen. Patrone sind Personen, welche das Vertrauen der Feldteilnehmer haben, selbst aber aktuell nicht direkt Teil des Feldes sind. Patrone könne als Türöffner wirken, indem sie den Ethnografen empfehlen und so für dessen Vertrauenswürdigkeit eintreten (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 53).

Hat man einen Weg ins Feld gefunden, ist es im Sinne einer gelingen Forschung angebracht auch die übrigen Teilnehmer des Feldes, welche während des Projekts in Kontakt mit dem Forscher kommen werden, zumindest über die Inhalte der Forschung zu informieren und offen für Fragen zu sein. Ein in dieser Weise vorbereitetes Feld ist robuster gegen Misstrauen der Forschung gegenüber.

3.4 Strukturelle Intransparenz

Während des Zugangsprozesses muss es dem Forscher aus der Perspektive des Feldes gelingen, folgende Nachweise zu erbringen.

- dass das Forschungsunternehmen seriös ist;
- dass den betroffenen Einrichtungen oder Gruppen kein Schaden droht;
- dass man sich in gewissen Grenzen auf Kooperationsbereitschaft, Solidarität und Verschwiegenheit des Forschers verlassen kann;
- dass der Forscher den alltäglichen Betrieb nur in einem vertretbar geringen Maß stören wird;
- dass man ihn in absehbarer Zeit wieder los sein wird (Wolff 2000: 345).

All diese Punkte lassen sich weder durch die Beforschten noch durch den Forschenden selbst für den kommenden Forschungsprozess überprüfen. Die besondere Gewichtung dieser Faktoren, noch vor den inhaltlichen Aspekten der Forschung, geben Aufschluss darüber wie wichtig es für den Forschenden ist, dem Feld gegenüber, seine Glaubwürdigkeit, seine Seriosität und die Bereitschaft Anregungen und Empfindlichkeiten von Seiten des Feldes mit aufzunehmen. Diese Punkte haben entscheidenden Anteil an der Akzeptanz des Forschers und dessen Anliegen im Feld.

Dennoch ist es ein seltener Grenzfall, wenn die Forschung in allen Einzelheiten offengelegt wird. Auch hier kann das der Forscher nicht bewerkstelligen, weil er sie selber noch nicht alle kennt. Ein Beispiel hierfür sind thematische Interessen und Fragestellungen die sich erst im Laufe der Ethnografie herausstellen. Weiterhin wirkt vollständige Offenlegung über den gewünschten Gebrauch von Aufzeichnungsgeräten bereits im Vorfeld der Forschung abschreckend und sollte auf später verschoben werden. Auch die vollständige Darlegung sozialwissenschaftlicher Forschungshypothesen wirkt in vielen Feldern befremdlich. Daher arbeitet man mit einer Zugangsgeschichte, die den akademischen Zweck kurz darlegt. Letztlich würden detaillierte Methodeninformationen die üblichen Handlungsroutinen im Feld stören.

Aus diesen Gründen stellen radikale forschungsethische Forderungen nach „informierter Zustimmung“ ein unrealistisches Bild der Forschungspraxis (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 56) dar. Für einen erfolgreichen Feldzugang ist es sogar notwendig, dass mögliche Nachfragen zurückgestellt werden, die Arbeit also trotz verbleibender Unklarheit aufgenommen werden kann. „Der Versuch, völlige Transparenz herzustellen oder einzuklagen, also etwa ganze Forschungsanträge zu überreichen, ist ein sicherer Weg, die Forschung nicht zustande kommen zu lassen“ (Wolff 2000:346).

4 Fazit

Es wurde deutlich, dass dem Feldzugang in der ethnografischen Forschung eine herausragende Stellung im Forschungsprozess zukommt. Mit ihm steht und fällt eine gelingende praktische Feldforschung. Aus diesem Grund kommt der intensiven Auseinandersetzung mit dem Feld und seiner Teilnehmer, dem identifizieren von Gatekeepern oder anderen Schlüsselpersonen, welche dem Forscher den Schritt ins Feld verweigern oder öffnen können, im Vorfeld der Beobachtung eine bedeutende Stellung zu. Besonders bei geschlossenen Feldern ist die Legitimierung des Zugangs mit besonderen Hürden versehen. Bei diesen Feldern handelt es sich häufig um Organisationen, Personen oder Institutionen, welche einen erheblichen Teil ihres Status über den Ausschluss von Anderen beziehen. Solche Felder versuchen daher sich auch vor dem Zugriff sozialwissenschaftlicher Forschung zu verschließen oder ihn zumindest deutlich zu erschweren. Strategien wie Hochzonen, Nachfragen, Abwarten, Zuweisen oder Eingemeinden gehören zum Standartrepertoire von Abwehrreaktionen geschlossener Felder. Die Analyse und der Umgang mit diversen Praktiken der Zugangsbeschränkung gehören zum ethnografisches Forschungsprozess und geben dem Forscher bereits erste Auskünfte über das Feld, beispielsweise über die hierarchische Organisation innerhalb einer Institution.

Es ist die Aufgabe des Forschers den Abwehrpraktiken, eventuellen Vorurteilen oder Befürchtungen im Zusammenhang mit der ethnografischen Forschung entgegenzutreten und sie weitestgehend zu neutralisieren. Diese Aufgabe hat der Ethnograf nicht nur vor sondern während des gesamten Feldaufenthalts zu bewältigen, da die Zugangsrechte im Laufe der Forschung immer wieder neuer Legitimierung bedürfen. Den Wiederständen kann der Forscher durch das Vermitteln von persönlicher und organisatorischer Integrität entgegentreten, sowie durch eine Informationspolitik, welche dem Feld das Ziel der Forschung und das methodische Vorgehen näherbringt. Außerdem sollte den Teilnehmern die Möglichkeit eingeräumt werden Fragen stellen zu können, dadurch wird die Forschung greifbarer und Misstrauen wird entgegengewirkt. Bei der Veröffentlichung von inhaltlichen und methodischen Vorgehen dem Feld gegenüber setzt meine Kritik an. Es wurde herausgearbeitet, dass die Informationspolitik zwar Bedenken zerstreuen kann und somit Zugangsschranken öffnet, der Umfang der inhaltlichen und methodischen Öffnung aber seine Grenzen haben soll, um die Forschung wiederum nicht zu gefährden. Das Argument gegen allzu radikale forschungsethische Forderung im Hinblick auf die Offenlegung der genauen Forschungshypothesen und einer umfassenden Methodeninformation im Vorfeld, kann ich inhaltlich nachvollziehen und verstehe die möglichen Probleme für das in Gang kommen der Forschung. Trotzdem verursacht der Gedanken, etwaige Informationen zu Beginn der Forschung zurückzuhalten bei mir ein Gefühl der Unredlichkeit. Selbst wenn die fehlenden Informationen im Laufe der Forschung nachgereicht werden, bleibt dieses Gefühl bestehen. Nicht zuletzt, weil der Forscher ja über seine Integrität versucht Zugang zum Feld zu bekommen. „Sei vertrauenswürdig, aber ungenau“ (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 56) mag zielführend sein, ist aber forschungsethisch ein Problem über welches nicht leichtfertig hinweggegangen werden sollte.

Literaturverzeichnis

Breidenstein, Georg/ Hirschauer, Stefan/ Kalthoff, Herbert/ Nieswand, Boris (2013): (Breidenstein/Hirschauer/Kalthoff/Nieswand 2013: 56) Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. Konstanz und München

Hitzler, Ronald (2013): „…wie man in es hineingeht“. Zur Konstitution und Konstruktion von Feldern bei existentieller Affiziertheit. In: Poferl, Angelika/ Reichertz, Jo (Hg.): Wege ins Feld – Methodologische Aspekte des Feldzugangs. Beiträge der 4. Fuldaer Feldarbeitstage 5./6. Juli 2013.

Knoblauch, Hubert (2014): Etnographie. In: Baur, Nina/ Blasius, Jörg (Hg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden.

Ott, Marion (2010): Etnographische Zugänge zum Forschungsfeld – Machtverhältnisse in Forschungspraktiken. In: Schimpf, Elke/ Stehr, Johannes (Hg.): Kritisches Forschen in der sozialen Arbeit. Wiesbaden

Wolff, Stephan (2000): Wege ins Feld und ihre Varianten. In: Flick, Uwe/ Von Kardoff, Ernst/ Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg

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Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Feldzugang als praktisches Problem in der analytischen Ethnografie
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich 03)
Veranstaltung
Ethnographie Methodologie und Methoden
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V320078
ISBN (eBook)
9783668192720
ISBN (Buch)
9783668192737
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Methoden, Methodologie, Feldzugang, Analyse, teilnehmende Beobachtung, sozialwissenschaftliche Forschung, Forschungspraxis
Arbeit zitieren
Jan Fehder (Autor), 2011, Der Feldzugang als praktisches Problem in der analytischen Ethnografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320078

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