Mythos versus Monstretragödie. Ein Vergleich von Frank Wedekinds "Die Büchse der Pandora" und dem griechischen Mythos


Hausarbeit, 2012
21 Seiten, Note: 12,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung:

II. Hauptteil:
Definition: Mythos:
Griechische Mythologie: Pandora und ihre Büchse:
Wedekind‘s Tragödie: Die Büchse der Pandora:
Interpretationsansätze: „Pandora’s Büchse“:
Vergleich der Sünderinnen: Lulu und Pandora:
Gegensätze und Gesellschaft:

Fazit:

Bibliographie:

I. Einleitung:

Eine Tragödie und ein antiker Mythos, im ersten Moment scheinen sie Welten voneinander zu trennen. Der erste Gedanke, der einem bei dem Titel des Dramas in den Sinn kommen mag, ist die Assoziation mit der mythologischen Erzählung von Hesiod aus dem antiken Griechenland. Doch was hat die gleichnamige Tragödie von Frank Wedekind mit dem Mythos gemeinsam? Was verleitet Wedekind dazu, sein Werk nach diesem Mythos zu benennen? Nun in der folgenden Seminararbeit steht ein Vergleich zwischen Wedekind’s Tragödie „Die Büchse der Pandora“ und der gleichnamige griechische Mythos im Zentrum. Ob diese beiden Werke Parallelen aufweisen, oder es sogar möglich ist diese zu vergleichen, wird in dieser Arbeit untersucht und dargelegt. Zuerst wird definiert was ein Mythos überhaupt ist und welche Vorstellungen es von der Mythologie gibt, um eine Grundlage zu dem Verständnis des griechischen Mythos zu besitzen. Anschließend werden der Mythos, sowie das Drama von Wedekind dargestellt, um eine Vergleichsgrundlage der Geschichten zu schaffen. Der wesentliche Vergleich dreht sich dann um die Hauptfigur Lulu aus Wedekind’s Drama und die Ähnlichkeiten zu der mythologischen Figur Pandora. Ob diese beiden Sünderinnen miteinander verglichen werden können und welche Interpretationsmöglichkeiten zu der Geschichte selbst möglich sind, wird analysiert und vorgestellt. Beide Werke unterscheiden sich in ihren Entstehungszeitraum und ihrer Handlung. Da Frank Wedekind’s Drama Jahre später nach dem Mythos in Erscheinung tritt, mag er bestimmte Gründe für die gleichnamige Auswahl seiner Tragödie haben. Mit besonderer Aufmerksamkeit auf das Attribut der Büchse und der Figur Lulu, werde ich die Gemeinsamkeiten und einige Interpretationsansätze vorstellen. Da die Büchse im Zentrum des Titels steht und ausschlaggebendes Symbol der beiden Werke ist, werde ich besonders auf diese Interpretation eingehen. Anschließend stelle ich die Gegensätze, die in beiden Werken und Hauptfiguren zahlreich vorhanden sind, vor. Welche Rolle die Gesellschaft in Bezug auf Lulu oder Pandora spielt und welche Auswirkung beide auf die Menschheit haben, werde ich zuletzt erläutern.

II. Hauptteil:

Definition: Mythos:

Schon zu Beginn der Menschheit erzählten sich die Menschen Geschichten, um die Vorgänge des Lebens und das Vorhandensein der Erde zu erklären. Die Völker erschufen beispielsweise Götter und Fabelwesen, denen sie unterschiedliche Bereiche und Aufgaben zuschrieben. Die Begründer dessen sind Dichter wie Hesiod und Homer, die mythologische Geschichten überlieferten.[1] Der Prozess des Sonnenaufgangs und des Sonnenuntergangs, war damals noch nicht erforscht, sodass zum Beispiel in der ägyptischen Mythologie der erfundene Gott namens Ra, im Glauben der Menschen, dafür verantwortlich war, dass die Sonne schien. Der Mythos beinhaltet also Figuren und Geschichten um Vorgänge des Lebens zu erklären. Dieser Glaube kann mit dem Status einer Religion verglichen werden, an die die damaligen Völker festhielten und anschließend mündlich verbreiteten. Mythologie ist zudem ein Akt, der Kreativität und Phantasie voraussetzt. Es entstanden viele Sagen aus unterschiedlichen Kulturen, sodass heutzutage zahlreiche Arten der Mythologie bestehen. Die klassische Mythologie befasst sich demnach mit den Sagen der griechischen und römischen Antike, die keltische Mythologie mit den Geschichten aus dem alten Irland, England und Schottland. Dies ist nicht die einzige Unterteilung, da die Mythologie inzwischen genauer erforscht wurde und weiteren wissenschaftlichen Klassifikationen unterzogen wurde. Fasst man demnach die Bezeichnung „Mythos“ allgemein, so versteht man darunter eine Überlieferung oder eine Sage einer Geschichte, die sich auf die Entwicklung der Welt und der Gesellschaft bezieht.[2] Definiert würde man bei einem Mythos von einer unwahren Erzählung sprechen, vergleichbar mit einer Fabel oder einem Kindermärchen. Der Mythos ist lustvoll zu hören und wird oftmals mündlich verbreitet.[3] Funktional ist der Mythos sehr vielseitig einsetzbar, da dieser eine hochgradige Haltbarkeit besitzt, sodass eine Ausbreitung in Zeit und Raum, unabhängig von epochalen und lokalen Bedingungen gegeben ist.[4]

Die Grundmuster von Mythen sind gültig, verbindlich und ergreifend in dem Sinne, dass sie stets überzeugen und sich immer wieder als brauchbarer Stoff für die Suche nach dem Sachverhalt des menschlichen Daseins eignen.[5]

Mythologie ist demnach als unsterblich und unveränderbar anzusehen, sie zeichnet ihren Weg vor allem in der Literatur, in der Religion und in der Wissenschaft.

Historisch haben die Meinungen gegenüber dem Mythos einen Wandel durchzogen.

In der Antike von Dichtern wie Homer oder Hesiod überliefert, wird der Mythos als unwahre Erzählung definiert.[6] Platon beispielsweise hatte wenig für den Mythos übrig, beschrieb diesen als lügenhafte und kindliche Dichtung, die er sogar im Idealstaat verboten hatte. Er fordert darauf einen neuen Mythos, eine „Lüge zum Nutzen des Staates“, welcher von Hoffnung leben soll. [7] Im Christentum wird der Mythos als Erlogenes, Fingiertes, Widervernünftiges zurückgewiesen.[8] Der Mythos wird mit der christlichen Wahrheit konfrontiert und als altweiberhaft, kindisch und leere Erzählung beschrieben. [9] Im Mittelalter hingegen, wird der Mythos als Bildungsmittel für Geistliche oder Dichter verwendet.[10] Später in der Aufklärung wurde symbolisch gedeutet, dass der Mythos geschichtlich, kulturellgeschichtliche Ereignisse birgt. Zudem war man noch der Auffassung der Mythos sei eine entstellte biblische Überlieferung.[11] Zur Zeit der Romantik wurde man sich bewusst, dass der Mythos Versuche von den Menschen in der Frühzeit war, die überwältigende Natur zu begreifen. Unwissenheit und Furcht wurden durch falsche Vorstellungen unbewusst als Allegorien hervorgebracht und Naturkräfte wurden als Personen wiedergegeben. Zu dieser Zeit wird der Mythos auch mit kindlicher Träumerei assoziiert. [12] Der Mythos liefert nicht die Wahrheit, soll aber wegen der „sinnlichen Schönheit“ und den „Reichtum an Ideen“ Dichter dazu anregen, selbst Erfinder zu werden.[13] Jede Mythologie hat ihre Vorzüge, sodass Goethe die griechische Mythologie der nordischen oder christlichen vorzieht, weil diese einen „unerschöpflichen Reichtum göttlicher und menschlicher Symbole“ hat.[14] Mythen sind sekundär ausgesprochene Symbole und enthalten „Sagen“, „alte Begebenheiten“ oder „alte Glauben und Lehren“, doch sind diese letztendlich religiösen Ursprungs.[15] Ein Symbol ist die Darstellung einer Idee durch ein einfaches Bild. Die Mythologie ist dagegen die bildliche Darstellung einer Idee durch eine Handlung, das in einer Handlung auseinander gelegte Symbol.[16] Im 19. Jahrhundert legt K. Marx fest, dass die Mythologie für ihn etwas Vergangenes ist. „Alle Mythologie überwindet und beherrscht und gestaltet die Naturkräfte in der Einbildung und durch die Einbildung: verschwindet also mit der wirklichen Herrschaft über dieselben.“[17] Mythen gelten zu dieser Zeit und in wissenschaftlichen Forschungen, als Reflexe der Naturgewalten im Geist primitiver Völker. Der Ausdruck zum religiösen Gefühl wird vielfach bestritten.[18] H. Steinthal definiert, Mythologie ist die „gesamte Vorstellungswelt der Völker auf ihrer ersten Entwicklungsstufe“, ein Bild von „der Einrichtung der Welt als ein Ganzes“ von den „Vorgängen der Natur und im Menschenleben“. [19]

Der Mythos bleibt immer in der Rezeption, da er uns nur in dieser Form vorliegt, es wird also nie eine ursprüngliche oder endgültige Fassung existieren, sie bleibt wandelbar, je nach Übertragung.[20] Es ist fraglich ob die Mythologie jemals aus unserer Welt verschwinden wird, da die Dichtung und die Kunst dieser bis heute zum überleben verholfen habe.[21] Der Mythos wird demnach nie ganz aus unserer Gesellschaft verschwinden und weiterhin als Material, Mittel oder bloße Geschichte dienen.

Griechische Mythologie: Pandora und ihre Büchse:

Der Mythos über Pandora und das Geheimnis ihrer Büchse, der hier im Vordergrund stehen wird, ist der klassischen Mythologie aus dem antiken Griechenland entsprungen und von Hesiod, einem bedeutsamen Dichter der Antike, überliefert worden. Die Geschichte ist eine der Wenigen, die in unterschiedlichen Varianten und Abwandlungen existiert, da dieser Mythos nicht vollendet erschienen ist. Viele Fragen sind offen geblieben, somit erlangt diese Thematik immer wieder Diskussions- und Interpretationsbedarf. Der Mythos ist unterschiedlich ausfassbar und daher oft missverstanden worden.[22] Pandora war das Inbild einer schönen Frau, die auch als das „schöne Unheil“ bekannt war. Sie wurde von Prometheus, den Erschaffer der Menschen und Hüter des Feuers im Olymp, aus Wasser und Erde erschaffen. Mithilfe des von Prometheus, aus dem Olymp entwendeten Feuers, wurde sie mit Leben erfüllt. Alle anderen Götter vollendeten sie, da jeder ein Geschenk für sie beisteuerte. Daher bekam sie den Namen Pandora – „die Allbeschenkte“. Hermes, der Götterbote, brachte sie auf die Erde zu den Menschen, wo sie zur Stammmutter aller Frauen wurde. Sie lebte dort zusammen mit Epimetheus, dem Bruder von Prometheus. Jedoch brachte sie Krankheiten und Laster über die Erde, als sie das verbotene Gefäß öffnete, welches ihr von Zeus, dem Vater der Götter, mit der Warnung es nicht zu öffnen, überreicht wurde. Nur die Hoffnung blieb in dem Gefäß zurück.[23] Die Größe des Gefäßes wird in jeglichen Darstellungen auf seine tatsächliche Größe reduziert und eher als ein Salbgefäß erinnerndes Behältnis dargestellt. [24] Vielmehr ein Gefäß als eine Büchse, wie es tatsächlich war, wird es als groß und schwer beschrieben, so wie etwa solche zur Aufbewahrung von Wein oder Öl. Es wird als Hausbestand von Pandora und Epimetheus angesehen, aber gilt ebenso als Attribut von Pandora. Wer den Krug letztendlich öffnete ist unklar. Beweggründe für das Öffnen bleiben ebenso rätselhaft. Die Neugierde wird hier als einziger Vorwand verdächtigt. [25]

Es existieren zwei unterschiedliche Auffassungen des Mythos die im Vordergrund stehen. Die ältere Version ist zugleich die zuerst überlieferte Erzählung von Hesiod.

Nach Hesiod’s Übertragung hat sich die Geschichte wie folgt abgespielt. Als Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen hat, erschuf er Pandora als Strafe und sandte sie auf die Erde, die vorher nur von Männern belebt wurde. Pandora war neugierig und öffnete das Vorratsgefäß, welches ihr von Zeus mitgegeben wurde und brachte alle Plagen hervor, unter denen die Menschheit nun leidet.[26]

Jahre später erscheint eine modernere Version des Mythos von Erasmus von Rotterdam. Diese Version enthält kleine bedeutungstragende Unterschiede.

Pandora wurde von den Göttern mit Schönheit, Lebensart, Scharfsinn und Beredsamkeit beschenkt. Sie wurde von Jupiter, dem römischen Pendant zu Zeus, mit einer schönen Büchse zu Prometheus geschickt, um sie ihm zu schenken, er lehnte jedoch ab. Darauf schenkte sie Epimetheus die Büchse. Dieser öffnete die Büchse und ließ alle Plagen frei. Er merkte, dass Jupiter‘s Geschenk ein Ungeschenk war und wurde danach ein klügerer Mann.[27]

Weil die Belege sehr dürftig sind, kommt der Mythos bei den Römern nicht oft vor. [28] Pandora wird des Öfteren, vor allem im Mittelalter, mit dem Sündenfall der biblischen Eva verglichen, beide tragen die Bürde der Erbsünde und stehen als Verführerinnen dar.[29] Als Attribut wird die verbotene Frucht Eva’s, mit der verbotenen Büchse Pandora’s gleichgesetzt.[30] Um die Büchse der Pandora zu deuten, wurden mehrere Vergleiche aufgenommen. Beispielsweise ein Bild der Magdalena mit ihrem Salbgefäß, eine antike Frau mit einer Schmuckschatulle - Psyche‘s Pyxis, gefüllt mit ein wenig von Persephone‘s Schönheit, die ebenfalls geöffnet wurde, worauf Psyche in Ohnmacht gefallen ist. [31] Der Vergleich der am ehesten dem Mythos gleicht, wäre von den genannten, Psyche und ihre vergiftete Pyxis. Die dasselbe Schicksal erfährt, beim verbotenen Öffnen, Schlechtes hervorzubringen. Oft wird auch auf das dualistische Frauenbild der Pandora hingewiesen.

Pandora, die als Ursache aller Leiden der Menschheit betrachtet wird, beinhaltet das Gute sowie das Schlechte.[32] Das Gute lässt sich auf die Menschheit, die vorher nur aus einer reinen Männerwelt bestand, übertragen. Da diese durch eine schöne Frau bereichert wird und eine Fortpflanzung, ohne Prometheus Menschenerschaffung, möglich wird. Das Leid, welches Pandora jedoch durch das Öffnen des geheimnisvollen Gefäßes mit sich bringt, wird als das Schlechte gedeutet. Ein weiterer Aspekt der in dem griechischen Mythos im Mittelpunkt steht, ist die zerstörerische Frauenfigur. Das Unheil der Erbsünde wird bei der Interpretation dennoch nicht ausgeschlossen.[33] Pandora wird also auf die Erde gesandt, bereitet schon kurz darauf Chaos und Zerstörung. Probleme die die Menschheit vorher nicht kannte, wurden nach dem Öffnen der Büchse, zum stetigen Begleiter der Menschen. Auch in der Kunst trifft man auf verschiedene Aspekte und Deutungen der Pandora. Als Beispiel ein Gemälde von Rosso Fiorentino „Pandora, die Büchse öffnent.“ Sie wird auf dem Bild leicht bekleidet dargestellt, wie sie den Deckel einer Metallbüchse öffnet. Eine Krähe hängt von der Büchse herab. Krähen wurden in der Mythologie oft mit dem Tod oder mit etwas schlechtem assoziiert. Blitze und Strahlen gehen aus der Büchse hervor und nicht etwa Krankheit oder Übel tritt hervor, sondern die sieben Todsünden des christlichen Glaubens.[34] Der christliche Aspekt wird oft auf den Pandora Mythos bezogen. Da die schlechten Dinge der Welt, nach dem christlichen Glauben nur die Todsünden sind, wird dieses Motiv auch gerne in Bezug auf die Büchse der Pandora verwendet. Das Öffnen der Büchse gilt noch heute als Weisheit, für eine nicht mehr wieder gut zu machende Schandtat. Der Vorgang wird allgemein für ein schlechtes Omen gehalten und metaphorisch für eine schlimme Tat verwendet. Der Pandora Mythos zeigt pessimistische und frauenfeindliche Züge und selbst der Name Pandora „die Allgeberin“ soll Ironie in sich bergen.[35] Nicht nur Ironie verbirgt sich in dem Mythos, auch die Widersprüchlichkeit findet hier ihren Platz.

Wedekind‘s Tragödie: Die Büchse der Pandora:

Der deutsche Dramatiker und Lyriker Frank Wedekind, hat mit seiner Monstretragödie, die im 19. Jahrhundert erschienen ist, eine neue Art der Tragödie erschaffen. Sie sorgte für viel Kritik und Furore. Aufgrund der Direktheit, Brutalität und Tabus in seinem Werk, wurde dieses vom Landgericht mehrfach eingezogen. Erst nach mehrfachen Änderungen und Abschwächungen, durfte Wedekind seine Tragödie an die Öffentlichkeit bringen. Oft wird „Die Büchse der Pandora“ als Fortsetzung von Wedekind’s „Erdgeist“ angesehen, jedoch behauptet dieser, das Werk sei als eigenständiges Drama geschrieben worden.[36] Doch verbindet er beide Werke als ein Theaterstück und tauft es „Lulu“. In beiden Dramen im Zentrum stehend, ist Sünderin und Verführerin Lulu. Im Erdgeist noch eine junge naive Tänzerin und zugleich schöne und begehrte Mätresse, wird Lulu nach mehreren Unglücksfällen immer mehr zur Sünderin, als auch zum schwarzen Loch ihrer Mitmenschen. Nachdem Lulu ihren zweiten Mann erschossen hatte, konnte diese mit Hilfe der lesbischen Gräfin Geschwitz aus dem Gefängnis entkommen. Der Tod der Liebhaber von Lulu ist weniger beabsichtigt, da Lulu jedes Mal erneut ihre Überraschung zum Ausdruck bringt.[37] Bereits drei ihrer Liebhaber hat diese auf dem Gewissen, ohne sich jegliche Schuld einzugestehen. Ihr eigenes Leben ist ihr lieb und teuer, daher flieht sie anschließend mit ihren Wegbegleitern nach Paris. Obwohl Lulu solche Gräueltaten mit sich zieht, stehen ihre Anbeter ihr zur Seite. In Paris lebt sie noch das Leben einer angesehenen Mätresse, wo sie sich den Decknamen Gräfin Adelaide de Oubra zulegt, um unerkannt zu bleiben. Doch wird das Geld knapper, zusätzlich wird Lulu von dem Polizeidetektiv Casti Piani erpresst. Er würde sie gerne an ein Bordell in Kairo verkaufen. Doch Lulu ist außer sich und macht ihm klar, dass sie nicht das verkaufen könnte was ihr eigen ist. Schigolch, der Mann der Lulu aus der Gosse geholt hat, mordete anschließend für sie. Lulu hat demnach nicht nur die Macht Menschen ins Verderben zu reißen, sondern außerdem eine solche Kraft, andere für sie morden zu lassen. Nach diesen weiteren Skandalen fliehen Lulu, die Gräfin Geschwitz, Schigolch und ihr Geliebter, Alwa, nach London. Dort knapp bei Kasse, leben sie in einer heruntergekommenen Dachkammer. [38]

Um zu überleben, schicken Schigolch und Alwa Lulu auf die Straße zur Prostitution.

Lulu empfindet keinen Genuss bei der Prostitution, zu der sie ihr Stiefvater und ihr Liebhaber Alwa treiben. Schließlich betrinkt sie sich, da sie sich nicht mehr hingeben darf, sondern als bloßes Objekt auf dem Markt verkauft wird.[39] Man darf davon ausgehen, dass Lulu ihre Rolle als Mätresse genossen hatte. Sie kommt stets unschuldig und teilweise sogar kindlich rüber. Durch ihre Schönheit, hat sie ein leichtes Spiel Mann und sogar Frau in ihren Bann zu ziehen. Als sie dann das Luxusleben abstreifen muss, verliert sie ihren Status als Lustobjekt jedoch nicht. Sie weigert sich nicht, sich zu verkaufen. Obwohl sie dagegen war, von Casti Piani an ein Bordell in Kairo, verkauft zu werden. Immer noch naiv, schaut sie sich ihre Freier nicht einmal genauer an und trifft so auf die merkwürdigsten Männer. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der letze Freier ihren Untergang bereitet. Der Höhepunkt des Dramas ist folglich der Mord an Lulu durch Jack the Ripper, der sie nach der Gräfin Geschwitz, welche Lulu’s Leben beschützen wollte und selbst zum Opfer wird, aufgeschlitzt. Selbst gegenüber einer Frau, hat Lulu eine solche Herrschaft entwickelt, das die Gräfin, die ungemein schlecht von Lulu behandelt worden ist, ihr Leben für Lulu opfert. Selbst ihre letzen Worte „Lulu! Mein Engel! Lass dich noch einmal sehen! Ich bin dir nah! Bleib dir nah – in Ewigkeit!“[40] galten ihr. Wie von ihr verzaubert, meint die Gräfin, dass sie Lulu stets dienen würde, unter jeglichen Bedingungen, selbst nach dem Tode. Lulu macht also den Wandel durch, dass sie als Waisenkind in ärmlichen Verhältnissen allein ausgesetzt wurde. Dann aufgenommen und wohl erzogen, steigt ihr sozialer Status immer mehr, was sie zu ihrem Vorteil ausnutzt. Doch die Grenze längst überschritten, häufen sich die Probleme und sie stürzt zurück in ihr elendiges Straßenleben, wo sie am Ende durch Mord gestraft oder sogar erlöst wird. In der Originalfassung spricht Jack the Ripper seine Vorliebe für Lulus Mund aus. Wobei der Mund Lulu’s metaphorisch für Lulu’s Geschlecht stehen kann. Da Jack the Ripper die Unterleiber seiner Opfer aufschlitzte, könnte er somit sein Interesse an Lulu’s Büchse zum Ausdruck bringen.

Interpretationsansätze: „Pandora’s Büchse“:

Um Frank Wedekind’s Drama auf den Mythos übertragen zu können, ist neben dem Vergleich der Hauptfigur, in diesem Fall die Interpretation des Attributs der Büchse von großer Wichtigkeit. Der Begriff der Büchse ist vielseitig einsetzbar und ist semantisch vom Kontext abhängig. Im 18. Jahrhundert beispielsweise, war der Begriff ein Ausdruck für Behälter in dem medizinische Instrumente aufbewahrt wurden, etwa „ der kleiner schwarzer Koffer“ eines Arztes.[41]

[...]


[1] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Basel: Schwabe & Co. AG 1984. S. 282

[2] Vgl. Bünting, Karl-Dieter: Deutsches Wörterbuch. Chur/Schweiz: Isis Verlag AG 1996. S.793

[3] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S. 282

[4] Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997. S.165

[5] Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S.166

[6] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.282

[7] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.282

[8] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.283

[9] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.283

[10] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.283

[11] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.286-287

[12] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.288

[13] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.289

[14] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.290

[15] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.290-291

[16] Vgl. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.291

[17] Ebd. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.295

[18] Ebd. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.295-296

[19] Ebd. Ritter, Joachim. Gründer, Karlfried: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S.296

[20] Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S.299

[21] Vgl. Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. S.291

[22] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. Bedeutungswandel eines mythischen Symbols. Sonderband Der Edition Pandora. Frankfurt am Main: Campus Verlag 1992. S. 17

[23] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.20

[24] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.32

[25] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.21

[26] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.23

[27] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.29

[28] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora S.22

[29] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.25

[30] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.26

[31] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.30

[32] Vgl. Cotterell, Arthur: Die Enzyklopädie der Mythologie. Reichelsheim: Edition XXL GmbH 2004. S. 70

[33] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.31

[34] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.46-47

[35] Vgl. Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. S.303

[36] Vgl. Frank Wedekind: Lulu – Erdgeist, Die Büchse der Pandora. Stuttgart: Reclam 1989

[37] Vgl. Florack, Ruth: Wedekinds >Lulu<. Zerrbild der Sinnlichkeit. Tübingen: Niemeyer 1995. S.52

[38] Vgl. Frank Wedekind: Lulu – Erdgeist, Die Büchse der Pandora

[39] Vgl. Florack, Ruth: Wedekinds >Lulu<. Zerrbild der Sinnlichkeit. S.100-101

[40] Ebd. Frank Wedekind: Lulu – Erdgeist, Die Büchse der Pandora. S.179. Z.15-17

[41] Vgl. Panofsky, Erwin und Dora: Die Büchse der Pandora. S.147

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Mythos versus Monstretragödie. Ein Vergleich von Frank Wedekinds "Die Büchse der Pandora" und dem griechischen Mythos
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Sprache, Literatur und Kultur)
Veranstaltung
Die Sünderinnen: Literatur über Frauen, die es eigentlich nicht geben darf
Note
12,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V320122
ISBN (eBook)
9783668193406
ISBN (Buch)
9783668193413
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hauptwerke der deutschen Literatur, Sünderinnen in der deutschen Literatur, Wedekind, Büchse der Pandora, Griechische Mythologie, Vergleich, Tragödie und Antike
Arbeit zitieren
Ivonne Mnich (Autor), 2012, Mythos versus Monstretragödie. Ein Vergleich von Frank Wedekinds "Die Büchse der Pandora" und dem griechischen Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320122

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