Diese Abschlussarbeit beschäftigt sich mit dem Problem, dass Schülerinnen und Schüler mit einer anderen Erstsprache als dem Deutschen im deutschen Schulsystem häufig an dem sprachlichen Register der Bildungssprache scheitern. Bildungssprache bezeichnet kurz gesagt ein sprachliches System, welches sich durch eine spezifische Lexik, (Entlehnungen aus Fachsprachen) und eine komplexere grammatikalische Struktur, beispielsweise durch ein höheres Abstraktionsniveau, auszeichnet und speziell in der Schule vorkommt.
Dieses sprachliche Register divergiert darüber hinaus von Schulfach zu Schulfach. Aktuell stellt sich die Lage im Unterricht so da, dass die einzelnen Schulfächer „ihre Ausprägung“ der Bildungssprache nur implizit von den Schülerinnen und Schülern verlangen, statt sie explizit zu fördern. Schülerinnen und Schüler mit einem anderen sprachlichen Hintergrund stehen in diesem Fall vor einer sprachlichen Barriere, weil sie mangels sprachlicher Vorbilder oder Kontakt, Bildungssprache kaum bis gar nicht anwenden und verstehen können.
Um diesem Problem zu begegnen wurde das Konzept der „Durchgängigen Sprachbildung“ entwickelt, welche von den Schulfächern verlangt, dass sie sprachsensibel unterrichtet werden. Dass bedeutet, dass jedes Schulfach das von ihm verlangte sprachliche System auch vermittelt. Viele Unterrichtsfächer, gerade aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, haben schon Ideen entwickelt, wie dieses Konzept umsetzbar wäre. Der Sportunterricht hat sich diesem Problem bislang noch nicht angenommen, obwohl er durch die hohe sprachliche Aktivität der Schülerinnen und Schüler durchaus Potential bietet.
Diese Arbeit beschäftigt sich deshalb mit folgenden Fragen: Erstens, inwieweit ist der Sportunterricht aus seiner Beschaffenheit heraus sprachbildend und zweitens, welche weiteren Potentiale hält er bereit? Aus sportdidaktischer Perspektive soll zudem der Frage nachgegangen werden, welche Potentiale das Konzept der durchgängigen Sprachbildung für den Sportunterricht bereithält?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Durchgängige Sprachbildung
2.1 Bildungssprache – Alltagssprache – Fachsprache
2.2 Forschungsstand zum Zielspracherwerb
2.3 Sprachbildung als Aufgabe aller Unterrichtsfächer – das Konzept der durchgängigen Sprachbildung
2.4 Qualitätsmerkmale für sprachbildenden Unterricht
3. Sprachbildung im Sportunterricht
3.1 Potentiale des Sportunterrichts für die Sprachbildung
3.1.1 Fachsprache des Sportunterrichts
3.1.2 Sprachliches Handeln im Sportunterricht
3.1.3 Der Kernlehrplan Sport für die Hauptschulen in NRW
3.2 Potentiale der Sprachbildung für den Sportunterricht
3.3 Überfrachtung des Sportunterrichts
3.4 Sprachbildung in den sportbezogenen Curricula
4. Zwischenbilanz und Fragestellung
5. Untersuchungsdesign
5.1 Problemzentriertes Interview zur Datenerhebung
5.2 Stichprobe
5.3 Interviewleitfaden
5.4 Durchführung
5.5 Datenaufbereitung
5.6 Datenauswertung
6. Ergebnisse
6.1 Grundlegende Fragen
6.2 Fachwortschatz Sport
6.3 Einschätzung/ Messung Sprachstand
6.4 Sprachsensibilität des Sportunterrichts
6.5 Kommunikation im Unterricht
6.6 Qualitätsmerkmale für sprachbildenden Unterricht
7. Diskussion
7.1 Kritische Reflexion des Vorgehens
8. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potential des Sportunterrichts für das Konzept der durchgängigen Sprachbildung. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwieweit Sportlehrkräfte das Konzept der durchgängigen Sprachbildung bereits im Unterricht umsetzen und welche weiteren Möglichkeiten für eine sprachbildende Gestaltung des Fachunterrichts bestehen.
- Bedeutung der Bildungssprache im schulischen Kontext
- Analyse sprachlicher Anforderungen im Sportunterricht
- Qualitätsmerkmale für sprachbildenden Unterricht nach Gogolin et al.
- Empirische Untersuchung mittels problemzentrierter Interviews
- Wechselwirkung von motorischem Handeln und Sprachaneignung
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Bildung hat in der modernen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Sie entscheidet maßgeblich über Lebenschancen und befähigt Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2013a)
Dieses Zitat der Bundeszentrale für politische Bildung lässt den Wert von Bildung für unsere heutige Gesellschaft erkennen. Deshalb wird weit verbreitet auch von einer 'Bildungsgesellschaft' gesprochen, in der wir uns in Deutschland befinden. Gemessen an einem Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund von 20,5% in Deutschland im Jahr 2013 (Statistisches Bundesamt, 2014) ist Deutschland de facto nicht nur eine Bildungs-, sondern auch eine Einwanderungsgesellschaft. Dass Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist, wurde jedoch seitens der Politik und der Gesellschaft lange Zeit nicht anerkannt. Dies führte zu einer mangelnden Integration von Migranten in die bestehende Gesellschaft. Die Integration in eine Bildungsgesellschaft führt über den Weg der Bildung, der eingewanderten Bevölkerungsteilen häufig verwehrt oder zumindest erschwert wurde und immer noch wird (vgl. Baumert, Stanat & Watermann, 2006). Ein maßgeblicher Faktor für den Zugang zu und das erfolgreiche Erwerben von Bildung ist das Beherrschen der sogenannten Zielsprache. Auch dieses Feld der gesellschaftlichen Integration von Migranten blieb lange Zeit unbestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Sprachbildung in einer modernen Migrations- und Bildungsgesellschaft ein und verdeutlicht die Notwendigkeit, das Fach Sport stärker in den Fokus der durchgängigen Sprachbildung zu rücken.
2. Durchgängige Sprachbildung: Dieses Kapitel definiert die zentralen Sprachkonzepte Bildungssprache, Alltagssprache und Fachsprache und erläutert den aktuellen Forschungsstand sowie Qualitätsmerkmale für einen sprachbildenden Unterricht.
3. Sprachbildung im Sportunterricht: Hier werden die sprachlichen Anforderungen und Potentiale des Sportunterrichts analysiert, die Rolle der sporteigenen Fachsprache beleuchtet und die curricularen Grundlagen in NRW diskutiert.
4. Zwischenbilanz und Fragestellung: Dieses Kapitel bündelt die theoretischen Erkenntnisse zu Bildungssprache und Fachsprache und führt zur zentralen empirischen Fragestellung der Arbeit über.
5. Untersuchungsdesign: Hier wird das methodische Vorgehen erläutert, welches auf qualitativen problemzentrierten Interviews mit Sportlehrkräften an Hauptschulen basiert.
6. Ergebnisse: Die Ergebnisse präsentieren die Auswertung der Interviews zu Aspekten wie Fachwortschatz, Sprachstandseinschätzung und der Anwendung der Qualitätsmerkmale für sprachbildenden Unterricht.
7. Diskussion: Dieses Kapitel interpretiert die erhobenen Daten vor dem Hintergrund der theoretischen Grundlagen und reflektiert kritisch das methodische Vorgehen.
8. Schlussbetrachtung und Ausblick: Diese Zusammenfassung unterstreicht die Notwendigkeit, den Sportunterricht zukünftig gezielter in die Sprachbildung einzubeziehen, und formuliert Forschungsdesiderate für die Zukunft.
Schlüsselwörter
Bildungssprache, Sportunterricht, durchgängige Sprachbildung, Deutsch als Zweitsprache, Fachsprache, Sprachsensibler Fachunterricht, Sprachstandsdiagnose, Qualitative Inhaltsanalyse, Mehrsprachigkeit, Unterrichtskommunikation, Wortschatz, Lernende, Bildungsbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept der durchgängigen Sprachbildung im Sportunterricht umgesetzt werden kann und ob Sportlehrkräfte das Potential für eine bewusste Sprachförderung erkennen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Definition von Bildungssprache, die Analyse sportartspezifischer Fachsprache, die Bedeutung von Unterrichtskommunikation sowie die Rolle des Sports bei der Integration von Schülern.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine erste explorative Annäherung an die Thematik, um zu ergründen, an welchen Stellen Sportunterricht bereits sprachbildend wirkt und wo noch Ausbaumöglichkeiten existieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Datenerhebung verwendet?
Die Autorin führt qualitative, problemzentrierte Interviews mit vier Sportlehrkräften an Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen durch, um subjektive Sichtweisen und Unterrichtspraxis zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Theoriebildung zur durchgängigen Sprachbildung sowie eine detaillierte Auswertung der geführten Interviews anhand der sechs Qualitätsmerkmale für sprachbildenden Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Die zentralen Begriffe sind Bildungssprache, Sportunterricht, durchgängige Sprachbildung, Fachwortschatz, Unterrichtskommunikation und qualitative Inhaltsanalyse.
Warum wird der Sportunterricht in Bezug auf Sprache oft vernachlässigt?
In der Sportdidaktik wird Sport oft primär als körperliches Handlungsfeld wahrgenommen, wobei das Potential der begleitenden Verbalisierung und Kommunikation für kognitive Lernprozesse häufig übersehen wird.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sprachkompetenz und aggressivem Verhalten im Sport?
Ja, die befragten Lehrkräfte berichten, dass mangelnde sprachliche Mittel zur Artikulation von Bedürfnissen oder Frustration bei Schülern vermehrt zu aggressivem Verhalten führen können.
- Arbeit zitieren
- Steffen Knüwer (Autor:in), 2015, Durchgängige Sprachbildung im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320137