Der Riss im Ich. Zu Männlichkeit und ihrer gesellschaftlichen und individuellen Bedeutung in Fjodor M. Dostojewskijs "Der Doppelgänger"


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand und Begründung des Analyseansatzes

3. Dostojewskij und die bürgerliche Gesllschaft
3.1. Bürokratie und Individuation
3.2. Männliche Differnziertheit

4. Der Doppelgänger als Narzistische Spaltung
4.1. Das Es, das Ich und das Über-Ich
4.2. Die Narzissmustheorie von Sigmund Freud
4.3. Das Spiegelstadium nach Jacques Lacan
4.4. Narzissmus und Spiegelstadium im Doppelgänger

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Ich kann meiner Natur nach nur ein Mandat übernehmen, das niemand mir gegeben hat. In diesem Widerspruch, immer nur im Widerspruch kann ich leben."1 Mit diesem Eintrag vom 15. September 1920 in sein Notizheft, beschreibt Kafka vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst eines seiner wesentlichen Stilmittel, den Widerspruch. In vielen seiner Werke ist das Widersprüchliche einer der zentralen Themen und Probleme der Protagonisten und Figuren. Ob in ihrer Individualität, die oftmals im Widerspruch zur bürokratischen Konstituierung steht, wie beispielsweise in Das Schloss, ihrem Handeln, wie z.B. In der Straftkolonie, in welcher die bestraften Personen das Gesetz nicht kennen, gegen das sie verstoßen haben oder ganz allgemein, wenn Kafka mit seinen Erzählungen und Romanen den Finger auf die Wunde legt und den Lesern/-innen die Widersprüche der Gesellschaft aufzeigt. Besonders der Bürokratieapparat Kafkas, der oft düster, mystisch, bis hin zu zerstörerisch gezeichnet ist, prägt seine Werke sehr stark. Damit steht Kafka in der literarischen Tradition Dostojewskijs, welcher sich , ähnlich wie Kafka, mit der Vermassung und des gesellschaftlichen Großstadtlebens und der daraus resultierenden Deindividualisierung der Einzelperson zur Folge haben muss, beschäftigte. Eine im 19. Jahrhundert sehr beliebte Darstellungsform dieser Deindividualisierung war die des Doppelgängers. So beispielsweise in E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels oder Dostojewskijs Der Doppelgänger. Letzteres ist auch Thema dieser Arbeit.

Allerdings folgt diese Schrift einem Ansatz, welcher in der Forschung zu Dostojewskijs Werk bisher wenig Beachtung gefunden hat. Es wird nach dem Einfluss des gesellschaftlichen Konstrukts Männlichkeit auf das Erscheinen des Doppelgängers gefragt. Dazu muss zunächst die bisherige Forschungsgeschichte betrachtet werden, was unter Punkt 2. dieser Arbeit geschieht.

Unter Punkt 2. erfolgt zudem eine Begründung für den gewählten Analyseansatz. Danach wird betrachtet werden, welche Art von Gesellschaft Dostojewskij zeichnet und wie sich in dieser historische Gesellschaftsveränderungen und Ideale wiederfinden lassen (Punkt 3.). Der Ansatz der Gender Studies bzw. der Men Studies ist jedoch nur ein Teilaspekt dieser Analyse und wird durch eine psychoanalytische Perspektive auf das Werk ergänzt. Herangezogen werden dazu die Narzissmustheorien von Sigmund Freud und darauf aufbauend die Spiegeltheorie von Jaques Lacan (Punkt 4.). Am Ende werden im Fazit die Ergebnisse der Analyse noch einmal kurz zusammengefasst bzw. überprüft, ob sich das Erscheinen des Doppelgängers tatsächlich auf den Rollendruck des Konzepts Männlichkeit zurückführen lässt. Doch zunächst soll es, wie bereits erwähnt, um einen kurzen Abriss des bisherigen Forschungsstandes gehen.

2. Forschungsstand und Begründung des Analyseansatzes

Dostojewskijs Der Doppelgänger hat bereits sehr viele verschiedene Interpretationen erfahren, was auf die Vielschichtigkeit des Werks schließen lässt. In der Psychologie wird es wegen seiner realistischen Symptomdarstellung einer voranschreitenden paranoiden Persönlichkeitsstörung geschätzt.2 In Verbindung damit stehen auch die Biographischen Interpretationsansätze, welche in Dostojewskijs persönlichen Umfeld die Ursache für seine akkurate Krankheitsdarstellung sehen. So litt dieser bereits 1845, also ein Jahr vor dem Erscheinen des Buches, an Schwindelanfällen, die auch zu Ohnmachtsanfällen führten. Im Zuge seiner ärztlichen Behandlung lieh sich Dostojewskij medizinische Fachliteratur von einem befreundeten Arzt. Als Vorlage für den Protagonisten Jakow Petrowitsch Goljadkin nahm Dostojewskij seinen Jugendfreund Jakow Petrowitsch Butkow.3 "Philosophen sehen im Werk Grundfragen menschlichen Seins abgehandelt,[...]."4

Fragen nach Individualität, Wahrnehmung und gesellschaftlichem Zusammenleben u.a., wie sie erst später von Philosophen wie Nietzsche, Foucault, Sartre, Lacan und Freud behandelt wurden. Der Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenlebens wurde bisher besonders in den sozialkritischen Interpretationen fokussiert. In marxistischen Lesarten geht es um den gesellschaftlichen Grundkonflikt zwischen arm und reich, zwischen Mächtigen und Unterdrückten. Zudem stellt Dostojewskij in der sozialkritischen Lesart zwei ethische Wertesysteme konträr auf. Auf der einen Seite stehen dabei die idealen Werte, auf welchen die Würde des Individuum fußt, und auf der anderen Seite die Pseudowerte, welche zwar einen gesellschaftlichen Aufstieg versprechen, als Preis dafür allerdings einen moralischen Verfall verlangen.5 Aufgrund der begrenzten Seitenanzahl der Arbeit, soll dieser kurze Abriss zur bisherigen Forschung und Interpretationsmöglichkeiten genügen.

Warum nun also als Interpretationsansatz die Psychoanalyse und die Men Studies wählen? Dies hat maßgeblich zwei Gründe, die in der Wechselbeziehung der beiden Ansätze zu finden sind. Der Ansatz der Gender Studies bzw. der Men Studies ermöglicht es, gesellschaftliche Strukturen in ihrer Entwicklung zu betrachten. Genauer gesagt, wie sich Geschlechterrollenvorstellungen über die Zeit entwickeln. Jedoch ist nicht nur ein diachroner Blick möglich, sondern auch ein synchroner, das heißt welche Geschlechterrollenideale zu einer bestimmten Zeit die Menschen in ihren Denken beeinflusst haben. Denn "Männlichkeit ist [...] nichts Gottgegebenes, vielmehr ein komplexes Konstrukt der jeweiligen Gesellschaft."6 Die Men Studies ermöglichen somit die Bestimmung des gesellschaftlichen Umfelds, in unserem Fall, die sich noch entwickelnde bürgerliche Gesellschaft des 19. Jh., in dem sich das Einzelindividuum (Goljadkin) bewegt und durch das es beeinflusst wird. Wie stark dieser Einfluss tatsächlich ist und welche Auswirkungen dieser auf das Seelenleben hat, ist Themenfeld der Psychoanalyse. "Tatsächlich vermag diese Methode eine inhaltliche Tiefendimension des Textes zu beleuchten, die die traditionelle Literaturwissenschaft nicht zu erfassen versteht, [...]."7

Die oben erwähnte Wechselwirkung der Ansätze besteht nun also darin, dass dieser Mischansatz es ermöglicht, sowohl gesellschaftliche Strukturen erfassen zu können, als auch deren Einfluss auf das Einzelindividuum, gemessen an den Auswirkungen auf dieses. Denn die Einzelindividuen formen ihre Gesellschaft und die Gesellschaft formt ihre Einzelindividuen.

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, geht es im nächsten Kapitel um die historische Gesellschaft des neunzehnten Jahrhundert und inwiefern bzw. welche Elemente sich davon bei Dostojewskij wiederfinden lassen.

3. Dostojewskij und die bürgerliche Gesellschaft

Während der Recherche für diese Arbeit war es leider nicht möglich Texte zu finden, die sich speziell mit der bürgerlichen Gesellschaftsentwicklung in Russland beschäftigt haben. Jedoch zeichnet Dostojewskij in seinem Werk eine Gesellschaft, die eindeutig durch bürgerliche Ideale geprägt ist.

Bereits im auslaufenden 18. Jahrhundert beginnt ein Wandel von der feudal-agrarisch strukturierten Gesellschaft hin zur bürgerlich-industriellen. Einher damit geht die, wie Karin Hausen es beschreibt, Erfindung der Geschlechtscharaktere, die "[...] eine binäre Opposition der Geschlechter konstituiert und auf diese Weise eine Differenz, die in dieser Schärfe zuvor nicht gegeben war."8 Dazu entwickelt sich eine feste Zuschreibung bestimmter Charaktermerkmale, wie z.B. aktiv (männlich) vs. passiv (weiblich) und rational vs. emotional, für die beiden Geschlechter, welche im 19. Jahrhundert durch Medizin, Psychologie und Anthropologie eine wissenschaftliche Absicherung erfahren. Dies schlägt sich auch in einer nach Geschlecht differenzierenden Bildung nieder,9 was unter anderem zu einer gesellschaftlichen Raumaufteilung führt. Denn die Dichotomie von Öffentlichkeit und Privatheit ist geschichtlich gesehen ein relativ neues Phänomen. Das sich dieses Begriffspaar nicht immer konträr gegenüberstand zeigt Karin Hausen sehr anschaulich in ihren Aufsatz Öffentlichkeit und Privatheit. Desweiteren stellt sie sehr richtig fest, dass Frauen aufgrund ihrer Gebärfähigkeit und der damit anscheinend einhergehenden Pflicht der Kindererziehung dem privaten Bereich zugeschrieben wurden, während Männern die kulturelle und politische Gestaltung im öffentlichen Bereich zukam.10 Eine solche Gesellschaftsaufteilung ist jedoch keine europäische Erfindung. Schon im 11. Jh. schlug der islamische Philosoph Abu Hamid Muhammad al-Ghazali in seinem Buch Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaft eine solche Raumaufteilung vor, die auch erfolgte.11 Doch kehren wir nach Europa zurück.

Ab ungefähr der Mitte des 19. Jh., in dieser Zeit erschien auch Der Doppelgänger (1846), kam es zur " immer geläufigeren Gegenüberstellung von öffentlichen Leben, [...] , der geräuschvollen, feindlichen und zum Kampf herausfordernden Welt [...] und dem [...] Gegenbild vom häuslichen Zirkel, [...] mit dem Frieden der häuslichen Glückseligkeit im Kreise der seinen."12 Somit wurden der öffentlichen Raum als Markt und Wettkampfort verstanden, in dem Rationalität und Aktivität von großer Bedeutung waren und der Bereich des Privaten als Raum für Emotionalität und Moralität.13

Diese gesellschaftliche Raumaufteilung findet sich auch in Dostojewskijs Werk wieder. So weist der gedemütigte Goljadkin, nachdem ihm der Zugang zum Haus seines ehemaligen Protegès Berendejew verweigert wurde, seinen direkten Vorgesetzen Andrej Filippowitsch darauf hin, dass dies Privatangelegenheiten seien und nichts vorläge, was aus Sicht der amtlichen Beziehungen anstößig wäre. Jedoch geht Dostojewskij noch weiter, wenn er kurz darauf schreibt: " Goljadkin hatte bisher vom unteren Treppenabsatz aus gesprochen, wobei er Andrej Filippowitsch so ansah, als wäre er jeden Augenblick bereit, ihm an die Kehle zu springen."14

In diese Szene zeigt sich Goljadkins unbedingter Wille zum beruflichen und sozialen Aufstieg, der ihm jedoch stetig verwehrt bleibt, wie sich auch aus der vorausgehenden Abweisung des Dieners von Berendejew ablesen lässt.

Goljadkin steht somit in einem Wiederspruch mit sich selbst. Auf der einen Seite will er im öffentlichen Bereich in seinem Beruf und damit einhergehend sozial bzw. gesellschaftlich aufsteigen, denn als Mann darf er nicht stagnieren, denn Stagnation ist passiv. Auf der anderen Seite steht ihm seine Moral, welche er sich als Privatperson bzw. als Idealvorstellung seiner Selbst auferlegt hat, im Weg um diesen Aufstieg zu erreichen. Stetig betont Goljadkin, dass er kein Intrigant sei, nicht im Geheimen handle, sondern offen und ohne Winkelzüge. Dass er keine Maske im Alltag trage und Verleumdung und Klatsch verabscheuen würde. " Ich bin ein kleiner Mann , das wissen Sie selber; aber zu meinem Glück bedaure ich es nicht [...]".15

Dieser innere Widerspruch und Goljadkins stetiges Verleugnen seines Begehrens zerreist sein Ich und führt zur Entstehung des Doppelgängers. Dazu jedoch später mehr. Bevor ich zum psychoanalytischen Teil der Arbeit übergehe, sollen noch zwei Aspekte, die der Bürokratie und der sozialen Isolation, kurz erläutert werden, da sie mir wichtig erscheinen, um die Gesellschaft in der sich Jakow Petrowitsch Goljadkin bewegt, zu verstehen.

3.1. Bürokratie und Individuation

Kafka und Dostojewskij können als Begründer einer märchenhaften bis mystischen Bürokratie gesehen werden. Dabei zeichnen sie einen hierarchisch organisierten Verwaltungsapparat, welcher in seiner seelenlosen bürokratischen Ordnung für die Protagonisten allumfassend bzw. omnipräsent ist. So auch im Doppelgänger. Die bürokratische Hierarchie ist der Dreh- und Angelpunkt in Goljadkins Leben. Wie weiter oben ihm Text bereits erwähnt begehrt er danach, die Erfolgsleiter hinaufzuklettern, was ihm jedoch sowohl im hierarchisch organisierten beruflichen Bereich als auch im hierarchisch organisierten privaten Bereich verwehrt bleibt.16 Dabei ist allerdings zu beachten, dass Goljadkins privates Begehren nach sozialem Kontakt, welchen er sich so sehnlich wünscht, ein Mittel zum Zweck ist um seine beruflichen Bestrebungen zu ereichen. Auch seine scheinbare Liebesbeziehung mit Klara Olsufjewna ist zweckorientiert, da er über sie familiär an seinen ehemaligen Gönner, den Staatsrat Berendejew, gebunden wäre und damit seinen so ersehnten Karrieresprung zu erreichen glaubt.17

Somit muss die vorherige Aussage dahingehend konkretisiert werden, dass der hierarchisch organisierte berufliche Bereich den privaten Bereich überlagert bzw. dominiert und somit ein Scheitern in Ersterem ein Versagen in Letzteren zwangsläufig nach sich zieht. Es stellt sich natürlich die Frage, warum Goljadkin so stark nach beruflichem und sozialem Aufstieg verlangt. Erstens wäre hier die Rollenverteilung der Geschlechter, wie sie bereits erläutert wurden ( vgl. S. 4), zu nennen. Zweitens das Bedürfnis nach Individuation. Individuation beschreibt " [...] die Herausbildung, Heraussonderung des Einzelnen aus dem Allgemeinen, d.h. die Entwicklung zur Individualität [...]."18 Dass es Goljadkin an Individualität mangelt bzw. es zu einem Mangel kommt, wird durch das Erscheinen des Doppelgängers, welcher ihn letztendlich vollständig ersetzt, verdeutlicht. Hier zeigt sich außerdem ein Grundkonflikt, welchen die Bürokratie im Verhältnis zum Einzelindividuum mit sich bringt. Sie schließen sich gegenseitig aus. Bürokratie ist ein Phänomen der Massengesellschaft, also dem entindividualisierten Erfassen vieler Menschen. In einem solchen Vorgang ist der Einzelfall, welchen das Einzelindividuum mit seinen persönlichen Bedürfnissen per se darstellt, nicht vorgesehen.19

Drittens verspricht der berufliche und soziale Aufstieg eine Befreiung aus der sozialen Isolation, in der sich der Protagonist befindet. Denn weder hat dieser eine Liebesbeziehung, noch pflegt er freundschaftliche Kontakte. Die einzige Person mit der er regelmäßig verkehrt ist sein Diener Petruschka, demgegenüber er jedoch eine sehr distanziert-herrschaftliche Haltung einnimmt und in ihm lediglich den Diener und nicht den Menschen sieht.20 Damit überträgt Goljadkin seine eigene Deindividualisierung auf ihn, was die oben geäußerte These, dass der beruflich hierarchisch organisierte Bereich den privaten Bereich überlagert bzw. dominiert, bestätigt.

Am deutlichsten wird Goljadkin soziale Isolation im zweiten Kapitel, in welchem er den Arzt Christian Iwanowitsch Rutenspitz aufsucht. Das er ihn aufsucht um ein Gespräch zu führen, obwohl sie erst seit kurzer Zeit miteinander bekannt sind, verdeutlicht, dass er sonst niemanden hat an den er sich wenden könnte. Es kommt noch hinzu, dass der Arzt Goljadkin dämonisch erscheint, was nicht für eine Sympathie oder Vertrauensbasis seinerseits spricht. Es zeigt dafür umso mehr seine Verzweiflung.21

Als letzten Punkt, bevor ich zur Psychoanalyse übergehe, möchte ich kurz auf die Theorie von Georg Simmel zur männlichen Differenziertheit eingehen. Zwar verfasste Simmel seine Theorie erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, aber die von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Strukturen lassen sich auch schon ein halbes Jahrhundert früher bei Dostojewskij finden. Zudem ist Simmel zeitgeschichtlich mit seiner Gesellschaftsauffassung näher an Dostojewskij als spätere Theorien, was uns ein besseres Verständnis eben dieser ermöglicht.

3.2. Männliche Differenziertheit

Bevor die Theorien Simmels ausgeführt werden, muss an dieser Stelle gesagt werden, dass diese inzwischen längst überholt sind. Für die Geschlechterforschung ist Simmel dennoch relevant, da er das wissenschaftliche Fundament gelegt hat, auf dem später weiter gebaut bzw. geforscht wurde. So stellte Simmel beispielsweise als einer der Ersten fest, dass die Geschlechterdifferenz sozial konstituiert ist, dass diese Differenz nicht neutral, sondern in Herrschafts- und Machtbeziehungen hergestellt wird und das Geschlecht an eine bestimmte soziale Praxis gebunden ist (gender).22

Simmel geht grundsätzlich davon aus, dass durch Wechselwirkungen, die dem räumlichen Nebeneinander ein zeitliches Nacheinander hinzufügen, aus einer Anzahl von Menschen eine Gesellschaft wird. Dabei begreift Simmel den Mann als differenziertes Wesen, welches nur in bestimmten Situationen als Mann agiert und sonst als Mensch. Diese Gleichsetzung von Männlichkeit zu allgemeiner Menschlichkeit ist Ausdruck und Folge der Machtstellung der Männer in der Gesellschaft. Durch diese Vormachtstellung kommt es zu einer internen sozialen Orientierung, d.h. Männer orientieren sich an Männern. Die Folgen dieser Vormachtsstellung reichen aber noch weiter. Dadurch dass der öffentliche Raum und die in ihm entstehende Kultur von Männern dominiert ist, ist eben diese auch an männliche Leistungsfähigkeit angepasst.23 "Männer sind als Folge der Arbeitsteilung das zu Differenzierung und Individualisierung prädestinierte Geschlecht."24

Genau an diesem Punkt scheitert Goljadkin. Zum einem steht er im bereits erwähnten Widerspruch von Individualität und Bürokratie. Zum anderen lässt der ihm "auferlegte Zwang zur Differenzierung [...] ein Bedürfnis nach Einheit entstehen, die er selbst nicht herstellen kann."25 Er kann keine einheitliche Identität seiner Selbst erstellen.

[...]


1 Kafka, Franz: Betrachtungen über Leben. Kunst und Glauben. dtv C.H. Beck. München 2007. S. 31 3

2 Dostojewskij, Fjodor: Der Doppelgänger, 2004, München, S. 201.

3 Ebd.: S. 202.

4 Ebd.: S. 201.

5 Ebd.: S. 201-206.

6 Steffen, Therese Frey; Marzah, Alexander: Masculities/Maskulinitäten, Zürich, 2002. S. Xiii.

7 Dorfer, Laura: Spaltung und Multiplikationen des Ichs, Siegen, 2008, S. 4.

8 Meuser, Micheal: Geschlecht und Männlichkeit, Wiesbaden, 2006, S. 19.

9 Ebd: S. 19-20.

10 Hausen, Karin: Öffentlichkeit und Privatheit, in: Hausen, Karin; Wunder, Heide (Hg.): Frauengeschichte - Geschlechtergeschichte, Frankfurt/New York, 1992, S. 81-85.

11 Ansary, Tamin: Die unbekannte Mitte der Welt, Frankfurt am Main, 2010, S. 122-126.

12 Hausen, Karin: Öffentlichkeit und Privatheit, in: Hausen, Karin; Wunder, Heide (Hg.): Frauengeschichte - Geschlechtergeschichte, Frankfurt/New York, 1992, S. 84.

13 Ebd.: S.87.

14 Dostojewskij, Fjodor: Der Doppelgänger, 2004, München, S. 33 6

15 Ebd.: S. 17

16 Ranftl, Josef J.: Von der wirklichen zur behaupteten Schuld, Erlangen, 1991, S. 75.

17 Ebd.: S.77.

18 Lehmkul, Gerd: Individuation, in: Jordan, Steffen; Wendt, Gunna (Hrsg.): Lexicon Psychologie, Hundert Grundbegriffe, Stuttgart, 2010, S. 149.

19 Dornemann, Axel: Im Labyrinth der Bürokratie. Winter. Heidelberg. 1984. S. 106.

20 Ranftl, Josef J.: Von der wirklichen zur behaupteten Schuld, Erlangen, 1991, S. 79.

21 Ebd.: S. 79-80.

22 Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit, Wiesbaden, 2006, S. 40.

23 Ebd.: S. 32-35.

24 Ebd.: S. 35-36.

25 Ebd.: S. 36.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Riss im Ich. Zu Männlichkeit und ihrer gesellschaftlichen und individuellen Bedeutung in Fjodor M. Dostojewskijs "Der Doppelgänger"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (IZfG - Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung)
Veranstaltung
Einführung in die Gender Studies: Historische Betrachtungen und aktuelle Debatten zu Geschlechterordnungen und -konzeptionen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V320227
ISBN (eBook)
9783668194731
ISBN (Buch)
9783668194748
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doppelgänger, Spiegelstadium, Gender, Männlichkeit, Dostojewskij, Jacques Lacan
Arbeit zitieren
Philipp Nobis (Autor), 2015, Der Riss im Ich. Zu Männlichkeit und ihrer gesellschaftlichen und individuellen Bedeutung in Fjodor M. Dostojewskijs "Der Doppelgänger", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320227

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