Die Demenz ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Ihr Verlauf ist progredient. Sofern auch in Zukunft keine zielführenden Behandlungsmöglichkeiten gefunden werden, wird die Zahl der Demenzkranken angesichts des demographischen Wandels weiter ansteigen. Bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind mehr als 60% der Bewohner stationärer Einrichtungen dement. 38,8% der Heimbewohner sind von schwerer Demenz betroffen.
In der Vergangenheit zeigten sich in der stationären Altenhilfe mit zunehmender Zahl an Demenzkranken, Probleme in der gemeinsamen Pflege und Betreuung psychisch gesunder und demenzkranker Bewohner – integrative Versorgung. Daher entwickelten sich in den letzten Jahren neue Versorgungsmodelle, welche dem Segregationsgedanken folgen. Sie stellen sich speziell auf die Bedürfnisse Demenzkranker ein und leisten Pflege und Betreuung getrennt von kognitiv gesunden Bewohnern nach dem milieutherapeutischen- oder personzentrierten Ansatz. Zu den neuen Versorgungsmodellen im Schwerstpflegebereich zählen neben Pflegeoasen auch sogenannte Hausgemeinschaften und Wohngruppen. Um Pflegeoasen besser in die aktuelle Versorgungssituation Demenzkranker einordnen zu können, werden diese ebenfalls kurz vorgestellt. Grundsätzliche Aussagen zu Pflegeoasen werden getroffen, deren Entstehungsgeschichte und aktuelle Voraussetzungen für ihre Umsetzung beleuchtet. Ein weiteres Kapitel geht eigens auf die Finanzierung von Pflegeoasen ein. Anschließend werden die in dieser Arbeit untersuchten Studien zu neun Pflegeoasen in Deutschland kurz vorgestellt. Auf Basis dieser Studien werden Auswirkungen der Pflegeoasen auf Bewohner, Pflegekräfte und Angehörige untersucht. Dabei ist eine zentrale Fragestellung dieser Arbeit, ob die Versorgungsqualität in Pflegeoasen für schwer demente Heimbewohner tatsächlich höher als in traditionellen Versorgungssettings mit Einzel-/Doppelzimmern ist. Gelingt es Pflegeoasen die Lebensqualität schwer dementiell Erkrankter positiv zu beeinflussen?
Inhaltsverzeichnis
1. Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der stationären Versorgung Dementer
2. Demenz – Zahlen und Fakten
2.1 Epidemiologie
2.2 Abgrenzungsmöglichkeiten
3. Aktuelle stationäre Versorgungsangebote für Menschen mit Demenz
3.1 Von der integrativen zur segregativen Versorgung
3.2. Konzeptionelle Basis segregativer Pflege- und Betreuungskonzepte
3.2.1 Der milieutherapeutische Ansatz
3.2.2 Der person-zentrierte Ansatz
3.3 Hausgemeinschaften und Wohngruppen als neue segregative Versorgungskonzepte für Menschen mit Demenz
4. Pflegeoasen
4.1 Ursprung
4.2 Zielgruppe, Differenzierungsmöglichkeiten und räumliche Ausgestaltung
4.3 Voraussetzungen für die Umsetzung einer Pflegeoase
5. Finanzierung
5.1 Klassische Entgeltvereinbarung
5.2 Zusatzoptionen in der Finanzierung von Pflegeoasen und aktuelle reformpolitische Veränderungen
6. Darstellung einbezogener Studien
7. Auswirkungen der Pflegeoasen auf verschiedene Personengruppen
7.1 Einflüsse auf die Lebensqualität der Bewohner
7.1.1 Psychisches Wohlbefinden
7.1.2 Physisches Wohlbefinden
7.1.3 Soziales Wohlbefinden
7.2 Sicht des Pflegepersonals
7.3 Sicht der Angehörigen
8. Diskussion
8.1 Aktueller Stand der Forschung
8.2 Zukunftsperspektiven
8.3 Pflegeoasen aus ethischer Sicht: Missachtung der Würde und Individualität?
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Versorgungskonzept der Pflegeoasen für schwer demenzkranke Menschen in Deutschland, bewertet deren aktuellen Stand, die Finanzierung sowie die Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Bewohner, des Pflegepersonals und der Angehörigen.
- Entwicklungsgeschichte und Konzeption von Pflegeoasen
- Finanzierungsmodelle und reformpolitische Rahmenbedingungen
- Empirische Evaluation der Lebensqualität der Bewohner
- Perspektiven des Pflegepersonals und der Angehörigen
- Ethische Reflexion zur Würde und Individualität im Pflegeoasenkonzept
Auszug aus dem Buch
4.1 Ursprung
Das Versorgungskonzept der Pflegeoase geht auf das „Drei Welten Modell“ von Herrn Dr. Christoph Held, dem Betriebsarzt und Gerontopsychiater des Krankenheims Sonnweid im schweizerischen Wetzikon zurück.76
Es handelt sich hierbei um ein Pflege- und Betreuungskonzept, das bewusst den Kompetenzabbau im Krankheitsverlauf Demenzkranker einplant und daher dreistufig aufgebaut ist. In diesem Sinne teilt Held das Erleben der Krankheit durch den Patienten in drei Kategorien ein: „Welt der kognitiven Erfolglosigkeit“ (leichte Demenz), „Welt der kognitiven Ziellosigkeit“ (mittlere bis schwere Demenz) und „Welt der kognitiven Schutzlosigkeit“ (schwere Demenz).77
Unter Anwendung des person-zentrierten und milieutherapeutischen Ansatzes erleben die Bewohner in der jeweiligen Welt eine an ihren aktuellen Bedürfnissen angepasste Pflege und Betreuung, die den Erhalt bestehender Fähigkeiten zu fördern versucht. In der Absicht, demenzkranke Bewohner vor Überforderung zu schützen, ist mit voranschreitendem Kompetenzabbau einrichtungsintern der Wechsel in eine andere Bewohnergruppe der darauffolgenden Welt vorgesehen.78
Innerhalb der zielgerichteten Ausrichtung auf schwer Demente in der dritten Welt, entstand im Pflegezentrum Sonnweid 1998 die erste Oase.79
Zusammenfassung der Kapitel
1. Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der stationären Versorgung Dementer: Einleitung in die Thematik der demenzspezifischen stationären Versorgung und Erläuterung des wachsenden Versorgungsbedarfs aufgrund des demographischen Wandels.
2. Demenz – Zahlen und Fakten: Epidemiologische Darstellung der Demenzerkrankungen sowie eine medizinische Abgrenzung der verschiedenen Demenzformen und Stadien.
3. Aktuelle stationäre Versorgungsangebote für Menschen mit Demenz: Analyse des Wandels von integrativen zu neuen segregativen Wohnformen wie Hausgemeinschaften und Wohngruppen.
4. Pflegeoasen: Beschreibung des Ursprungs, der Zielgruppen, der baulichen Voraussetzungen und der konzeptionellen Ausgestaltung der Pflegeoasen.
5. Finanzierung: Erläuterung der klassischen Entgeltvereinbarungen sowie spezifischer Zusatzoptionen und reformpolitischer Entwicklungen in der Finanzierung.
6. Darstellung einbezogener Studien: Methodischer Überblick und Vorstellung der neun in der Arbeit evaluierten Studien und deren Rahmenbedingungen.
7. Auswirkungen der Pflegeoasen auf verschiedene Personengruppen: Detaillierte Untersuchung der Effekte auf das psychische, physische und soziale Wohlbefinden der Bewohner sowie die Sichtweisen von Personal und Angehörigen.
8. Diskussion: Kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Forschungsstand, Zukunftsperspektiven und ethischen Aspekten der Pflegeoasen.
9. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Pflegeoasen als innovative Versorgungsform und deren Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität in der stationären Altenhilfe.
Schlüsselwörter
Pflegeoase, Demenz, stationäre Pflege, Lebensqualität, segregative Versorgung, Mehrpersonenraum, Schwerstdemenz, Pflegeversicherungsgesetz, person-zentrierter Ansatz, milieutherapeutischer Ansatz, Altenhilfe, Evaluation, Angehörigenperspektive, professionelle Pflege, Demenzbegleitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Versorgungskonzept der Pflegeoasen als innovative Wohnform für schwer demenzkranke Menschen in Deutschland und bewertet deren Wirksamkeit anhand wissenschaftlicher Begleitstudien.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption, den baulichen Voraussetzungen, der Finanzierung sowie den Auswirkungen von Pflegeoasen auf die Bewohner, deren Angehörige und das Pflegepersonal.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob Pflegeoasen eine bessere Lebensqualität für schwerst demenzkranke Bewohner im Vergleich zu traditionellen stationären Wohnformen gewährleisten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie eine zusammenfassende Auswertung von neun empirischen Evaluationsstudien, die in den vergangenen Jahren zu verschiedenen Pflegeoasen durchgeführt wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den Grundlagen der Demenz und der Entwicklung segregativer Versorgungsformen insbesondere die Finanzierungssituation, das räumliche Konzept der Pflegeoase und die Ergebnisse zu Wohlbefindensaspekten detailliert dargestellt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Pflegeoase, Demenz, stationäre Pflege, Lebensqualität, Mehrpersonenraum sowie die person-zentrierte und milieutherapeutische Betreuung.
Warum wird in Pflegeoasen häufig von einer "dritten Welt" gesprochen?
Dies bezieht sich auf das "Drei Welten Modell" von Dr. Christoph Held, welches das Erleben der Demenz in drei Stadien unterteilt, wobei die Pflegeoase speziell auf die Bedürfnisse der "Welt der kognitiven Schutzlosigkeit" (schwere Demenz) ausgerichtet ist.
Welche Bedenken hatten Angehörige gegenüber Pflegeoasen?
Viele Angehörige befürchteten anfangs eine Rückkehr zur anonymen Massenpflege (Mehrbettzimmer) und sorgten sich um den Verlust der Privatsphäre ihrer Familienmitglieder, wandelten ihre Meinung jedoch nach ersten positiven Erfahrungen oft.
- Arbeit zitieren
- Sarah Lipp (Autor:in), 2015, Pflegeoasen als Konzept der Versorgung schwer Demenzkranker. Aktueller Stand und Perspektiven in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320238