Pflegeoasen als Konzept der Versorgung schwer Demenzkranker. Aktueller Stand und Perspektiven in Deutschland


Bachelorarbeit, 2015
53 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1.Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der stationären Versorgung Dementer

2. Demenz – Zahlen und Fakten
2.1 Epidemiologie
2.2 Abgrenzungsmöglichkeiten

3. Aktuelle stationäre Versorgungsangebote für Menschen mit Demenz
3.1 Von der integrativen zur segregativen Versorgung
3.2. Konzeptionelle Basis segregativer Pflege- und Betreuungskonzepte
3.2.1 Der milieutherapeutische Ansatz
3.2.2 Der person-zentrierte Ansatz
3.3 Hausgemeinschaften und Wohngruppen als neue segregative Versorgungskonzepte für Menschen mit Demenz

4. Pflegeoasen
4.1 Ursprung
4.2 Zielgruppe, Differenzierungsmöglichkeiten und räumliche Ausgestaltung
4.3 Voraussetzungen für die Umsetzung einer Pflegeoase

5. Finanzierung
5.1 Klassische Entgeltvereinbarung
5.2 Zusatzoptionen in der Finanzierung von Pflegeoasen und aktuelle reformpolitische Veränderungen

6. Darstellung einbezogener Studien

7. Auswirkungen der Pflegeoasen auf verschiedene Personengruppen
7.1 Einflüsse auf die Lebensqualität der Bewohner
7.1.1 Psychisches Wohlbefinden
7.1.2 Physisches Wohlbefinden
7.1.3 Soziales Wohlbefinden
7.2 Sicht des Pflegepersonals
7.3 Sicht der Angehörigen

8. Diskussion
8.1 Aktueller Stand der Forschung
8.2 Zukunftsperspektiven
8.3 Pflegeoasen aus ethischer Sicht: Missachtung der Würde und Individualität?

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Altersspezifische Prävalenz der Demenz in Deutschland

Tabelle 2. Monetäre Leistungen der Pflegekasse bei vollstationärer Pflege

Tabelle 3. Pflegeoasen auf Dauer und Tagesoasen

1.Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der stationären Versorgung Dementer

Bereits zwei Drittel der Heimbewohner/-innen sind von Demenz betroffen. Unter diesen leiden mehr als 50% an einer weit fortgeschrittenen Demenz.[1] Gesamtheitlich betrachtet lässt sich also feststellen, dass gegenwärtig circa 38,8% der Heim- bewohner/-innen in Deutschland schwer dement sind.[2] Diese werden aufgrund des hohen Pflege- und Betreuungsaufwandes zumeist in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt.[3] Angesichts des demographischen Wandels wird die Zahl der Schwerst-dementen in stationären Pflegeeinrichtungen zukünftig noch weiter ansteigen und diese vor zahlreiche Probleme im Bereich der Ethik und Pflege stellen.[4] Folgerichtig erkannte Lüttig bereits im Jahre 2005, dass eine „große Herausforderung der Zukunft in [der Ausarbeitung und Umsetzung von] Betreuungskonzepten für schwerstpflege-bedürftige Bewohner“[5] liege.

Tatsächlich wurden in den letzten Jahren zahlreiche neue Versorgungsmodelle für Demenzpatienten/-innen als Alternative zur originären integrativen Versorgung realisiert und evaluiert. Dabei ist die Vielfalt der neuen segregativen Versorgungs-formen, auf eine individuellere Gestaltung zurückzuführen. Sie zielt darauf ab, den Bedürfnissen der Zielgruppe Demenzpatient/-in besser gerecht zu werden.[6]

Seitdem traditionell integrative Versorgungsmodelle neuen segregativen gegen-überstehen, wird in der Fachwelt rege darüber diskutiert, welcher Ansatz eine Erhöhung der Lebensqualität schwer Demenzkranker besser gewährleisten kann.[7]

Die Entwicklungen neuer Versorgungsmodelle speziell für Demenzkranke sowie die aktuelle Hinwendung der Politik und Gesellschaft zur Demenz zeigen die gegenwärtige Brisanz des Themas auf. Unter neuen Ansätzen in der Versorgung Dementer sind vor allem Hausgemeinschaften, Wohngemeinschaften und Pflege-oasen zu nennen.[8]

Auf dem Letzteren liegt das zentrale Augenmerk dieser Arbeit. Gelingt es Pflege-oasen tatsächlich besser, die Versorgungsqualität schwerst dementiell erkrankter Heimbewohner/-innen zu fördern als in herkömmlichen Versorgungsarrangements mit Einzel- und Doppelzimmern?

Im folgenden Kapitel zwei werden zunächst Grundlagen zum Thema Demenz geschaffen. Im Weiteren geht Kapitel drei auf die Entwicklung hin zu neueren segregativen Versorgungsansätzen ein und zeigt auf, inwieweit sich diese in ihren konzeptionellen Ansätzen von traditionell integrativen Angeboten unterscheiden. Außerdem werden Hausgemeinschaften und Wohngruppen in Abgrenzung zu Pflegeoasen als weitere neue Versorgungsansätze im Schwerstpflegebereich kurz vorgestellt. Hierdurch sollen die im Hauptteil zu behandelnden Pflegeoasen besser in die aktuelle Versorgungssituation von Demenzkranken eingeordnet werden können.

Kapitel vier trifft grundsätzliche Aussagen zu Pflegeoasen und geht dabei unter anderem auf deren Entstehungsgeschichte und auf Voraussetzungen der Umsetzung ein. Kapitel fünf befasst sich hingegen allein mit dem Finanzierungs-aspekt. Anschließend werden die in dieser Arbeit untersuchten Studien zu neun Pflegeoasen in Deutschland kurz vorgestellt. Kapitel sieben fasst ihre zentralen Ergebnisse zusammen und untersucht, inwieweit Pflegeoasen als geeignete Versor-gungsmodelle für Schwerdemente angesehen werden können. Dabei wird vor allem der Frage nachgegangen, welche positiven und/oder negativen Effekte auf die Lebensqualität der Oasenbewohner/-innen einwirken. Darüber hinaus ist es wichtig, die Perspektive weiterer beteiligter Akteure wie jene der Pflegekräfte und Angehörigen mit einzubeziehen. Da im Zentrum der Überlegungen zu neuen Wohnformen jedoch vor allem die Bewohner stehen, ist ihre Sichtweise in größerem Umfang berücksichtigt worden.

Innerhalb der Diskussion wird zunächst der aktuelle Forschungsstand erörtert und aufgezeigt, welche künftigen Entwicklungsmöglichkeiten für Pflegeoasen bestehen. Im Hinblick auf ethische Aspekte wurden Pflegeoasen in den vergangenen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Vor diesem Hintergrund sollte abschließend der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit Pflegeoasen tatsächlich die Würde schwer Demenzkranker verletzen. Schlussendlich fasst das letzte Kapitel zentrale Inhalte noch einmal kurz zusammen und endet mit einer reflektierten Auseinander-setzung, der in dieser Arbeit gewonnenen Ergebnisse.

Im fortlaufenden Text soll zur Vereinfachung allein mit der Verwendung der maskulinen Wortform gleichwohl auf Männer und Frauen verwiesen sein.

2. Demenz – Zahlen und Fakten

2.1 Epidemiologie

2013 lebten weltweit 44,4 Millionen Menschen mit Demenz. Darunter nahm Deutschland mit 1,5 Millionen nach China, USA, Indien und Japan bereits den fünften Platz ein.[9] Damit zählen dementielle Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland.[10] Vor dem Hintergrund des demo-graphischen Wandels, der sich durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenzahlen auszeichnet,[11] ist für die Zukunft von einem weiteren Anstieg Demenzkranker auszugehen.

Tatsächlich nimmt das Risiko, an Demenz zu erkranken, mit dem Alter zu. Dieser Trend kann der nachstehenden Tabelle 1. entnommen werden.

Tabelle 1. Altersspezifische Prävalenz der Demenz in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung. In Anlehnung an EuroCoDe-Daten von Alzheimer Europe[12]

Während zu Beginn des Rentenalters bei den 65-69-Jährigen Demenzen noch relativ selten vertreten sind, verdoppelt sich die Gesamtrate der Altersdemenzen bis zum 90. Lebensjahr nahezu alle fünf Jahre. Ab dem 90. Lebensjahr flacht das expo-nentielle Wachstum schließlich ab und erreicht bei den über 95-Jährigen eine Prävalenzrate von über 46%. Ergebnisse vergangener Studien geben im Zeitverlauf keine Hinweise für eine Erhöhung des Erkrankungsrisikos innerhalb der Alters-gruppen.[13]

Vor allem weil Frauen meist ein höheres Lebensalter erreichen, sind diese – beson-ders in den Altersklassen der Hochbetagten – häufiger von dementiellen Erkran-kungen betroffen als Männer. Das zusätzlich leicht erhöhte Erkrankungsrisiko für Frauen, bleibt bislang ungeklärt.[14]

Schätzungen zu Folge kommt es in Deutschland zu mehr als 300.000 Neuerkran-kungen pro Jahr. Abzüglich der Sterbefälle beträgt der jährliche Zuwachs etwa 40.000. Sofern bis 2050 keine erfolgreichen Therapiemaßnahmen gefunden werden, kann bis dahin von einer Dopplung der gegenwärtigen Zahlen ausgegangen werden.[15]

2.2 Abgrenzungsmöglichkeiten

Kennzeichnend für die Demenz als Syndrom ist eine Reihe gemeinsam auftretender Symptome.[16] Diese sind die Folge einer Erkrankung des Organismus, welche zu Schädigungen des Gehirns geführt haben. Die Demenz kann deshalb im engeren Sinne nicht als eigenständige Krankheit, sondern nur als deren Folge angesehen werden. Ursache für die Demenz können demnach zahlreiche Krankheiten sein, woraus sich die verschiedenen Demenzformen ableiten.[17]

In etwa 60% der Fälle handelt es sich um eine Alzheimer-Erkrankung. Während deren organische Ursache noch nicht bekannt ist, konnten die damit einhergehenden charakteristischen Schädigungen im Gehirn durch Eiweisablagerungen erforscht werden. Die zweithäufigste Form dementieller Erkrankungen bilden die durch einen Hirninfarkt auftretenden vaskulären Demenzen sowie Mischformen beider.[18]

Der Begriff Demenz stammt von dem lateinischen Wort dementia und bedeutet wörtlich übersetzt „ohne Verstand“ oder „ohne Geist“. Allein daran wird der mit einer Demenzerkrankung einhergehende Gedächtnisverlust als zentrales Merkmal deutlich. Weitere charakteristische Merkmale sind der Abbau des Denkvermögens und der Sprache.[19]

Kennzeichnend für die Demenzerkrankung ist ihr progredienter Verlauf. Dieser zieht sich häufig über mehrere Jahre hinweg und führt schließlich zum Tod. Weil die Schädigung des Gehirns nur langsam voranschreitet und anfängliche Beeinträch-tigungen zunächst meist kompensiert werden können, bleibt die Demenz oftmals für längere Zeit unbemerkt. Eine Bestimmung der gesamten Krankheitsdauer wird dann schwierig.[20] Welche Symptome auftreten und in welchem Ausmaß, ist bei jedem Betroffenen anders und kann daher nicht pauschalisiert werden.[21]

Grundsätzlich wird im Krankheitsverlauf zwischen drei Demenzstadien unterschie-den: leichte, mittlere und schwere Demenz. Durchschnittlich treten diese in einem Verhältnis von 3:4:3 auf.[22] Bei Vorliegen einer leichten Demenz, ist der Betroffene mit Einschränkungen weitgehend fähig, sich selbst zu versorgen. Im mittelschweren und schweren Stadium ist die selbstständige Lebensführung aufgrund starker geistiger und körperlicher Beeinträchtigung nicht mehr möglich. Hilfe von außen wird notwendig. Schließlich führen Gedächtnis- und Sprachzerfall im Endstadium zur vollkommenen Pflegeabhängigkeit. Begleiterscheinungen sind Harn- und Stuhl-inkontinenz, fortschreitende Immobilität bis hin zur Bettlägerigkeit und Schluck-störungen.[23]

3. Aktuelle stationäre Versorgungsangebote für Menschen mit Demenz

3.1 Von der integrativen zur segregativen Versorgung

In der stationären Versorgung pflegebedürftiger Menschen galt die integrative Versorgung für lange Zeit alleinig als der richtige Weg.[24] Bei dieser traditionellen Form der Versorgung[25] mit einer konzeptionellen Ausrichtung auf psychisch Gesunde[26] leben demenzkranke Bewohner mit nicht demenzkranken Bewohnern gemeinschaftlich in einer stationären Pflegeeinrichtung zusammen. Erst mit dem Wandel der Bewohnerstrukturen, stieß die traditionell integrative Versorgung an ihre Grenzen.[27] Während Demenzkranke in stationären Pflegeeinrichtungen noch vor einigen Jahren eine Minderheit darstellten, überwiegen diese heute mit über 60% die kognitiv gesunden Bewohner.[28] Um den Bedürfnissen Demenzkranker besser gerecht werden zu können, etablierten sich daher teilintegrative Versorgungs-konzepte, wie Tages- und Kurzzeitpflege. Diese können als „Bindeglied“ zwischen ambulanter und stationärer Versorgung angesehen werden und sind besonders für Menschen mit leichter Demenz geeignet.[29]

In traditionell integrativen Pflegeeinrichtungen steht vor allem eine betriebliche Optimierung im Vordergrund. Der damit induzierte institutionelle Charakter[30] wirkt sich häufig angsteinflößend und reglementierend auf die dementen Heimbewohner aus.[31] Tatsächlich fällt es vor allem Bewohnern mit mittelschwerer oder schwerer Demenz[32] krankheitsbedingt schwer, sich ihrer Umgebung anzupassen, weil sie Schwächen in der räumlichen Orientierung aufweisen. Häufig kommt daher der Wunsch auf, wieder in ihr altes Wohnumfeld zurückzukehren.[33] Daneben können problematische Verhaltensweisen verursacht bzw. verstärkt werden, die auf Pflege-kräfte und kognitiv gesunde Heimbewohner belastend einwirken und das Zusam-menleben zunehmend erschweren.[34]

Aus dem ersten Bericht des Bundesministeriums von 2006 über die Situation der Heime und die Betreuung der Bewohner geht hervor, dass etwa 10 bis 20% der Demenzkranken in stationären Einrichtungen aus den obig genannten Gründen für eine Unterbringung in einer integrativen Versorgungsform ungeeignet sind.[35] In der Vergangenheit zeigten sich daher wachsende Versorgungsdefizite auf.[36] Die Lösung dieses Problems konnte durch die Ausgestaltung neuer segregativer Versorgungs-konzepte – auch Domusprinzip genannt[37] – realisiert werden. Mit ihnen besteht nun die Möglichkeit, Demenzkranke und nicht Demenzkranke getrennt voneinander zu versorgen.[38]

Vor diesem Hintergrund konnte in der Vergangenheit die zunehmende Abwendung von einer institutionell geprägten Umgebung[39] hin zu kleinen überschaubaren Wohnformen beobachtet werden.[40] Neue segregative Pflege- und Betreuungs-konzepte, die dem milieutherapeutischen Ansatz sowie dem person-zentrierten Ansatz folgen,[41] passen sich umgekehrt den Bedürfnissen ihrer dementen Bewohner an, um deren Wohlbefinden möglichst zu erhöhen.[42] Die unterschiedlichen Aus-gestaltungsformen demenzspezifischer Versorgungsangebote werden aufgrund der Unterschiede im vorhandenen Schweregrad der Erkrankung begründet.[43] In diesem Sinne bezeichnet Dürrmann die Demenz als „Teil als auch Lösung des Problems.“[44]

3.2. Konzeptionelle Basis segregativer Pflege- und Betreuungskonzepte

3.2.1 Der milieutherapeutische Ansatz

Jan Wojnar formulierte die Definition des milieutherapeutischen Ansatzes als „Konzept zur Anpassung der materiellen und sozialen Umwelt an die krankheits-bedingten Veränderungen der Wahrnehmung, des Empfindens, des Erlebens, des Verhaltens und der Kompetenzen der Demenzkranken"[45] treffend.

Der milieutherapeutische Ansatz setzt sich aus drei Dimensionen zusammen: bauliches Milieu, organisatorisches Milieu und psychosoziale Umgebung.[46]

Im Hinblick auf das bauliche Milieu soll eine Umgebung geschaffen werden, die derjenigen im häuslichen Bereich sehr nahe kommt. In den vergangenen Jahren konnte dies durch die Umsetzung kleiner Wohneinheiten als Hausgemeinschaft Wohngruppe oder Pflegeoase realisiert werden.[47] Orientiert am Normalisierungs-prinzip soll hierdurch den Bewohnern die Möglichkeit gewährt bleiben, weiterhin ein möglichst normales Leben in der stationären Unterbringung eines Heims zu führen, in der sie sich wohl und geborgen fühlen können wie daheim.[48]

Das organisatorische Milieu ist in einer institutionellen Umgebung vornehmlich von der funktionalen Ausführung der Pflegeablauforganisation geprägt, die für eine effektive Leistungserbringung im Heimalltag verantwortlich ist. Dadurch wird leicht nachvollziehbar, dass die Berücksichtigung individueller Wünsche der Bewohner eher als störend empfunden wird. Demente Bewohner müssen sich als vulnerable Personengruppe diesen Strukturen fügen, weil ihr Vermögen, sich durchzusetzen, naturgemäß stark eingeschränkt ist.[49] Aus dieser Argumentation heraus wird deutlich, wie wichtig die grundsätzliche Umorientierung neuer Versorgungsformen ist. In Auseinandersetzung mit bestehenden Defiziten haben sich diese speziell auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet und sind in organisatorischer Hinsicht eher flexibel gestaltbar.[50]

Zentrale Merkmale des psychosozialen Milieus sind die Art der Pflege und Betreuung sowie die Zusammensetzung der Bewohner.[51] Die medizinisch-pflegerische Ausrichtung in der traditionell integrativen Versorgung ergänzen neue segregative Versorgungskonzepte auf Basis einer psychosozialen Ebene.[52] Innerhalb der psychosozialen Umgebung wird ein wertschätzender und toleranter Umgang mit den Bewohnern in den Vordergrund gestellt.[53] Insbesondere durch Biographiearbeit wird versucht, das Verhalten der Demenzkranken richtig zu interpretieren.[54] Pflegekräfte und Bewohner sollen eine persönliche Beziehung zueinander aufbauen, die von Verständnis, Akzeptanz und Partnerschaftlichkeit gekennzeichnet ist.[55] Um dies in der milieutherapeutischen Pflege zu erreichen, wurden vielerlei unterschiedliche Methoden und Techniken entwickelt.[56] Bezüglich einer optimalen Gruppengröße liegen bislang keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse vor. Experten empfehlen allgemeingültig eher kleine Gruppen, um eine individuelle, am Bedürfnis der Bewohner orientierte Pflege und Betreuung aufrechtzuerhalten.[57]

Wichtig für eine wirksame Umsetzung ist immer eine ganzheitliche Betrachtung des milieutherapeutischen Ansatzes. Keine der drei Dimensionen darf vernachlässigt werden, sodass sich diese in ihrer Wirkung gegenseitig unterstützen können. Das grundsätzlich verfolgte Ziel, das auf die Verbesserung der Lebensqualität dementiell Erkrankter abzielt, kann dadurch bestmöglich realisiert werden.[58]

3.2.2 Der person-zentrierte Ansatz

Von 1987 bis 1995 entwickelte der englische Sozialpsychologe Tom Kitwood[59] an der Universität Bradford den person-zentrierten Ansatz.[60] Darin befasst er sich mit der Frage, was es heißt, eine Person zu sein, und kommt zu dem Schluss: „Es ist ein Stand oder Status, der dem einzelnen Menschen im Kontext von Beziehung und sozialem Sein von anderen verliehen wird. Er impliziert Anerkennung, Respekt und Vertrauen.“[61] Wie im milieutherapeutischen Ansatz geht es darum, das Verhalten Demenzkranker zu verstehen[62] und ihnen wertschätzend und einfühlend zu begegnen.[63]

Weiterhin erkennt Kitwood, dass ein wesentlicher Zusammenhang zwischen dem Anerkennen des Menschen mit Demenz als Person und dessen Wohlbefinden besteht.[64] Oftmals sind Pflegekräfte im Umgang mit Demenz nicht ausreichend geschult. Im Kontakt mit Demenzkranken führt dies häufig zu Angstreaktionen.[65] Hinzu kommen Bedenken, selbst einmal an Demenz zu erkranken. Unbewusst stellt sich über die Wahrung von Distanz eine abwehrende Haltung ein.[66] Anstelle der gewünschten Wahrnehmung als Person durch Beziehung, besteht deshalb die Gefahr einer sogenannten Depersonalisierung, in der dem Demenzkranken das Personsein aberkannt wird.[67]

Anhand dieser Erkenntnisse plädiert Kitwood für die Anerkennung Demenzkranker als Person durch Befriedigung derer Bedürfnisse nach Liebe, Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität, um positiv auf deren Wohlbefinden und damit deren Lebensqualität einzuwirken.[68]

[...]


[1] Vgl. Brandenburg et al. (2014), S. 69.

[2] Vgl. Brandenburg, Adam-Paffrath (2013), S. 14.

[3] Vgl. Wetzstein (2013), S. 129.

[4] Vgl. Jonas (2008), S. 151.

[5] Lüttig (2005), S. 42.

[6] Vgl. Schmieder (2007), S. 16.

[7] Vgl. Köpke, Irmer (2012), S. 142.

[8] Vgl. Wetzstein (2013), S. 129-130.

[9] Vgl. Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2014).

[10] Vgl. Kastner, Löbach (2014), S. 3.

[11] Vgl. Sonntag, (2014), S. 2.

[12] Vgl. Alzheimer Europe (2013).

[13] Vgl. Kastner, Löbach (2014), S. 3-4.

[14] Vgl. Bickel (2012), S. 19.

[15] Vgl. Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2014).

[16] Vgl. Brandenburg (2013), S. 417.

[17] Vgl. Lull, Pleß (2010), S. 22.

[18] Vgl. Kastner, Löbach (2014), S. 35-36.

[19] Vgl. Werner (2014), S. 36.

[20] Vgl. Bickel (2012), S. 24.

[21] Vgl. Sonntag (2014), S. 6.

[22] Vgl. Bickel (2012), S. 19.

[23] Vgl. Sonntag (2014), S. 6.

[24] Vgl. Zimmermann (2009), S. 84.

[25] Vgl. Zimmermann (2009), S. 81.

[26] Vgl. Zimmermann (2009), S. 1.

[27] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 20.

[28] Vgl. Zimmermann (2009), S. 83-84.

[29] Vgl. Zimmermann (2009), S. 78-81.

[30] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 31.

[31] Vgl. Radzey (2011), S. 89.

[32] Vgl. Heeg (2011), S. 100.

[33] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 32.

[34] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 20.

[35] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006).

[36] Vgl. Pick (2005), S. 207.

[37] Vgl. Schaade (2009), S. 4.

[38] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006).

[39] Vgl. Zimmermann (2009), S. 50.

[40] Vgl. Radzey (2011), S. 89.

[41] Vgl. Zimmermann (2009), S. 88.

[42] Vgl. Zimmermann (2009), S. 50-51.

[43] Vgl. Freter (2011), S. 13.

[44] Dürrmann (2010a), S. 54.

[45] Heeg, Bäuerle (2012), S. 33.

[46] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 34.

[47] Vgl. Radzey (2011), S. 89.

[48] Vgl. Dürrmann (2010a), S. 54-55.

[49] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 35.

[50] Vgl. Kastner, Löbach (2014), S. 109.

[51] Vgl. Heeg (2011), S. 98.

[52] Vgl. Radzey (2011), S. 88.

[53] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 35.

[54] Vgl. Zimmermann (2009), S. 59.

[55] Vgl. Zimmermann (2009), S. 50.

[56] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 35.

[57] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 36.

[58] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 37.

[59] Vgl. Werner (2014), S. 55.

[60] Vgl. Heeg, Bäuerle (2012), S. 29.

[61] Kitwood (2013), S. 31.

[62] Vgl. Werner (2014), S. 55.

[63] Vgl. Klee-Reiter (2010), S. 98.

[64] Vgl. Klee-Reiter (2010), S. 98-99.

[65] Vgl. Zimmermann (2009), S. 66-67.

[66] Vgl. Klee-Reiter (2010), S. 98.

[67] Vgl. Zimmermann (2011), S. 66-67.

[68] Vgl. Klee-Reiter (2010), S. 98.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Pflegeoasen als Konzept der Versorgung schwer Demenzkranker. Aktueller Stand und Perspektiven in Deutschland
Hochschule
Universität Bayreuth  (Institut für Medizinmanagement)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
53
Katalognummer
V320238
ISBN (eBook)
9783668207318
ISBN (Buch)
9783668207325
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demenz, Pflegeoasen, integrative Versorgung, segregative Versorgung, Altenpflege, Versorgungskonzepte
Arbeit zitieren
Sarah Lipp (Autor), 2015, Pflegeoasen als Konzept der Versorgung schwer Demenzkranker. Aktueller Stand und Perspektiven in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320238

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