Sanatorium oder Südseeinsel. Eine ironische Vitalismus-Satire in Thomas Manns „Tristan“ und Christian Krachts „Imperium“?

Eine vergleichende Analyse über die Verbindung der Themenkomplexe Vitalismus und Ironie


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 12 (Bestnote in Dänemark)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Introduktion und Problemformulierung
1.2 Kommentar zur Themeneingrenzung und Werkauswahl

2. Theoretische Aspekte: Die Komplexität des Vitalismus-Begriffs

3. Werkanalysen: Die Verbindung der Themenkomplexe Vitalismus und Ironie in Tristan und Imperium
3.1 Tristan von Thomas Mann
3.1.1 Leben und Geist – Ein Antagonismus?
3.1.2 Der ironische Erzähler und sein Wirken
3.2 Imperium von Christian Kracht – ein ernster Scherz?
3.3 Ein komprimierter Vergleich – Der Triumph des Lebens

4. Abschluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Introduktion und Problemformulierung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befand sich das wilhelminische Deutschland in einer rasanten Zeit des Wandels. Städte wurden größer, lauter und verschmutzter, urbane Ballungszentren wuchsen empor und naturwissenschaftliche Erkenntnisse wurden stetig innovativer, - die Industrialisierung hatte ihren Höhepunkt erreicht.

Die Jahrhundertwende wurde diesbezüglich Zeuge einer gewissen Dialektik, denn mit dem Fortschritts- und Geschwindigkeitsrausch ging für manche die Sehnsucht nach Besinnung einher. Als eine Art Konsequenz entfaltete sich um 1900 neben der kulturellen Bewegung „Fin de Siécle“ die Lebensreformbewegung und mit ihr ein neues Leitbild: die vitale Persönlichkeit.1 Dekadenz, Willensschwäche und pessimistische Lebensverneinung prägten den Zeitgeist ebenso wie die Sehnsucht nach körperlicher Gesundheit, Optimismus und Vitalität.2

Zweifellos durchdrang jener Dualismus damals auch die zeitgenössische Literatur; neben empfindsamen, fragilen und dekadenten Figuren wurden derweil vermehrt die vitalen Persönlichkeiten thematisiert.3

In der folgenden Arbeit soll eine vergleichende Analyse über die Verbindung der Themenkomplexe Vitalismus und Ironie vorgenommen werden. Hierbei sollen die Erzählung Tristan von Thomas Mann aus dem Jahr 1903 und der von Christian Kracht in 2012 verfasste Roman Imperium als Beispielswerke dienen. Welche Bedeutung wird dem Thema Vitalismus in diesen beiden Werken beigemessen? Und welche Rolle spielt die Ironie hierbei?

Zu Beginn sollen prägnant einige theoretische Aspekte in Bezug auf die Vitalismus-Thematik geklärt werden, dabei soll auf eine Definition des Begriffs sowie auf diesbezüglich eventuelle Schwierigkeiten eingegangen werden. Anschließend folgen die Analysen der Primärwerke sowie ein kurzer Vergleich dieser. Mit einer komprimierten Schlussfolgerung soll die Hausarbeit abgeschlossen werden.

1.2 Kommentar zur Themeneingrenzung und Werkauswahl

Es soll angemerkt werden, dass nicht die Lebensreformbewegung als solche analysiert wird, Gegenstand dieser Arbeit ist vielmehr die Komplexität des Vitalismus-Begriffs.

Die Tristan-Analyse wird im Vordergrund stehen und dementsprechend den wesentlichen Teil der Untersuchung ausmachen, wohingegen Imperium weniger ausführlich, d.h. nur bezüglich einiger Hauptaspekte behandelt wird.

Die Wahl ist auf Tristan und Imperium gefallen, weil in eben diesen beiden Werken ein Zusammenhang zwischen den Themen Vitalismus und Ironie besteht. Und genau die Verbindung jener zwei Themenkomplexe gilt es im Folgenden herauszuarbeiten und zu beleuchten.

2. Theoretische Aspekte: Die Komplexität des Vitalismus-Begriffs

Im Hinblick auf den literaturgeschichtlichen Forschungsstand scheint der Vitalismus-Begriff bis heute einen komplexen und kaum eindeutig begrifflich abgrenzbaren Terminus darzustellen. Obgleich er sich womöglich mittlerweile als kulturanalytischer Begriff behauptet hat,4 erscheint eine Klarlegung des Begriffs beinahe unerlässlich.

Was genau ist Vitalismus? Wann ist ein Werk oder ein Protagonist vitalistisch?

Eirik Vassenden meint es liege im Wesen des vielschichtigen, universellen Vitalismus-Begriffs, dass ein solcher nicht eindeutig definiert werden könne, bzw. dass auch nur ein jeder Versuch einer Begriffsbestimmung stets mangelhaft sein werde. Der Vitalismus sei auf eine gewisse Art und Weise dynamisch, ja gar grenzenlos und infolgedessen nicht begrifflich erfassbar.5 An dieser Stelle wird die Diffizilität der Fassbarkeit und Konkretisierung des Vitalismus-Begriffs sehr gut veranschaulicht.

Wolfgang R. Krabbe definiert Vitalismus als „Vorstellung einer Naturheil- oder Lebenskraft, unter der man eine Art immanenter Restitutionsfähigkeit des Menschen versteht, eine Selbstheilkraft“.6 Diese Erläuterung veranschaulicht die Zusammengehörigkeit von Vitalismus und einer gewissen Robustheit oder Stabilität.

Halse geht bei seiner Darlegung des Vitalismus-Begriffs noch einen Schritt weiter, er spricht von einer „breiten“ und einer „schmaleren philosophischen“ Bedeutung des Vitalismus.7 In einem breiteren Bedeutungskontext würde das Vitalistische mit Begriffen wie vital, stark oder lebensmutig8 gleichgestellt werden, während Vitalismus in einem schmaleren, engeren Bezugsrahmen laut Halse die „Vorstellung einer gewissen Lebenskraft voraussetzt, die wie ein Gott, ohne ein solcher zu sein, die Entwicklung der Lebensformen steuert“.9 Wie auch schon Gunter Martens und Wolfdietrich Rasch warnt Sven Halse vor einer Simplifizierung des Vitalismus-Begriffs. Lebenslust ist ein Teil der Vitalismus-Thematik, doch ebenso zentral sei die „dialektische Verknüpfung“ von Leben und Tod, die Halse als „zyklischen Vitalismus“ beschreibt.10

Ähnlich ergeht es Anders Ehlers Dam, der dem Vitalismus zwei sogenannte „Linien“, „Strömungen“ oder „Entwicklungstendenzen“ zuschreibt, nämlich eine negative und eine positive Linie. Die negative beschreibt eine lebensverneinende Richtung, in der sich dem konkreten Leben abgewandt und einer „ästhetischen Weltflucht“ zugewandt wird. Die positive Linie beschreibt wiederum das eher klassische Bild des Vitalismus, nämlich die Lebensbejahung, in der das vitale, einfache und gesunde Leben thematisiert wird. 11 Beide Richtungen beinhalten die Vorstellung eines existierenden Lebenswillens, einer Lebenskraft, die hinter allem steckt, aber laut Dam wird die positive Linie für gewöhnlich als die eigentlich vitalistische bezeichnet.12

Was genau ist Vitalismus? Anhand der verschiedenen dargestellten Forschungsperspektiven kann abgeleitet werden, dass es hierauf keine eindeutige Antwort gibt, da es vielmehr um verschiedene Thesen und Betrachtungsweisen geht, die in der Literatur unterschiedlich behandelt werden. Das Schlüsselwort bezüglich einer Definition ist zweifellos die Lebenskraft, ob sie nun durch einen kraftstrotzenden und vitalen Protagonisten oder eine Art Lebenszyklus, einen Kreislauf, der eben auch den Tod beinhaltet13, zum Ausdruck kommt.

3. Werkanalysen: Die Verbindung der Themenkomplexe Vitalismus und Ironie in Tristan und Imperium

Im vorangegangenen Passus wurde erläutert, wie der Begriff Vitalismus verstanden und in der Literatur zum Ausdruck kommen kann. Im Folgenden soll nun der Umgang mit dem Vitalismus-Begriff am Beispiel zweier Werke analysiert werden. Hierbei stellt die Herausarbeitung einer eventuell ironischen Darstellung der Vitalismus-Thematik und dessen Bedeutung den analytischen Schwerpunkt dar.

3.1 Tristan von Thomas Mann

3.1.1 Leben und Geist – Ein Antagonismus?

Die Erzählung Tristan aus dem Jahr 1903 handelt von einem Schriftsteller namens Detlev Spinell, der sich in dem Sanatorium Einfried aufhält. Hier macht er die Bekanntschaft mit der an der Luftröhre erkrankten und schlussendlich sterbenden Gabriele Klöterjahn. Doch wie wird in Verbindung mit einer durch das Sanatorium geprägten „pathologisch-tragischen Stimmung“14 mit dem Thema Vitalismus umgegangen? Eine Antwort auf diese Frage lässt sich in der Darstellungsweise der einzelnen Figuren finden.

In Bezug auf Gabrieles Familie ist keinesfalls etwas Pathologisches erkennbar. Gemeinsam mit ihrem „starken“, „breiten“ und immerzu hungrigen Mann (GKFA: 326) hat sie einen robusten Sohn zur Welt gebracht: „Ja, er war da, und niemand konnte leugnen, daß er in der That von einer excessiven Gesundheit war. Rosig und weiß, sauber und frisch gekleidet, dick und duftig (…) verschlang gewaltige Mengen von Milch und gehacktem Fleisch, schrie und überließ sich in jeder Beziehung seinen Instinkten“ (GKFA:356). Diese Textstelle weist einiges an Vitalität und Lebensmetaphorik auf und unterstreicht Antons enorm rüstige Natur. Gemeinsam tragen sie den Nachnamen „Klöterjahn“, ein nahezu sinnbildlicher Hinweis auf das vitale, potente Leben.15

[...]


1 Z.B. Sprengel, Peter (1998): Décadence und Fin de siécle. In: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870-1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende; Verlag C.H. Beck, München. S. 120-122

2 Vgl. Martynkewicz, Wolfgang (2013): Das Zeitalter der Erschöpfung. Die Überforderung des Menschen durch die Moderne. Aufbau Verlag, Berlin. S.18 und Foitzik Kirchgraber, Renate (2003): Lebensreform und Künstlergruppierungen um 1900. Dissertation an der Universität Basel, Zürich. S.29

3 Sprengel, Peter (2001): Nacktkultur mit Püriermaschine. In: Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900; Bd. I. Buchholz, Kai (et al.); Verlag Häusser, Darmstadt. S.307

4 Halse, Sven (2013): Zyklischer Vitalismus. Die Dialektik von Tod und Leben in der deutschen Lyrik 1890-1905. In: Natur und Moderne um 1900. Räume – Repräsentationen – Medien; Poulsen, Adam u. Sandberg, Anna (Hrsg.), Transcript Verlag, Bielefeld.

5 Vassenden, Eirik (2012): Norsk Vitalisme. Litteratur, ideologi og livsdyrkning 1890-1940. Spartacus Forlag, Oslo. S. 22

6 Krabbe, Wofgang R. (2001): Die Lebensreformbewegung. In: Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900; Bd. I. Buchholz, Kai (et al.); Verlag Häusser, Darmstadt. S. 27

7 Sven (2009): Vitalisme. Begrebets rækkevidde i en kulturanalytisk kontekst. Prosopopeia. S. 9-10

8 Eine eigene Übersetzung von Halses Bezeichnung „med mod på livet“. Eventuell könnten auch die Worte „lebenslustig“ oder „lebensoffen“ passen

9 Halse (2009): 10; eigene Übersetzung

10 Halse (2013): 205-206

11 Dam, Anders Ehlers (2010): Den vitalistiske strømning i dansk litteratur omkring år 1900. Aarhus Universitetsforlag, Aarhus. S.23

12 Ebd.

13 Hierfür wäre das Gedicht „Kichhofsommer“ von Hedwig Dransfeld ein passendes Beispiel. Hier geben die Toten z.B. ihre Lebenskraft mithilfe der Pflanzen weiter, die aus der Feuchtigkeit der Erde trinken.

14 Eine Bezeichnung von Lázló Szabó (1996): Von Mythos zu Ironie und Humor in Thomas Manns Tristan. In: Jahrbuch der ungarischen Germanistik, 1996. S. 186

15 „Klöten“ sind (im Norddeutschen) ein anderes, derberes Wort für Hoden. Borge Kristiansen deutet den Familiennamen als „Innbegriff des Willens zum Leben“. Kristiansen, Børge (2013): Thomas Mann – Der ironische Metaphysiker. Nihilismus, Ironie, Anthropologie in Thomas Manns Erzählungen und im Zauberberg; Königshausen & Neumann, Würzburg. S.67

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sanatorium oder Südseeinsel. Eine ironische Vitalismus-Satire in Thomas Manns „Tristan“ und Christian Krachts „Imperium“?
Untertitel
Eine vergleichende Analyse über die Verbindung der Themenkomplexe Vitalismus und Ironie
Hochschule
Aarhus Universitet  (Ästhetik und Kommunikation)
Note
12 (Bestnote in Dänemark)
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V320405
ISBN (eBook)
9783668193321
ISBN (Buch)
9783668193338
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note entspricht einer 1 (15 Punkte in Deutschland)
Schlagworte
sanatorium, südseeinsel, eine, vitalismus-satire, thomas, manns, tristan, christian, krachts, imperium, analyse, verbindung, themenkomplexe, vitalismus, ironie
Arbeit zitieren
Sina Eck (Autor), 2015, Sanatorium oder Südseeinsel. Eine ironische Vitalismus-Satire in Thomas Manns „Tristan“ und Christian Krachts „Imperium“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320405

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