Die Fähigkeit, Sprache zu erwerben und Sprache zu gebrauchen, ist im Menschen angelegt. Der Erwerb der Sprache selbst ist ein Lern- und Entwicklungsprozess, der einerseits die Sprachfähigkeit als Anlage voraussetzt, andererseits aber weitgehend von der Umwelt des Kindes abhängig ist, sich also nur in einer sprechenden Umgebung vollziehen kann. Fehlen die sprachlichen Anregungen und sozialen Kontakte zwischen Eltern und Kind, so kann es zu Störungen der Sprache kommen. Das heißt nicht, dass allein die Eltern für spezifische Sprachentwicklungsstörungen ihrer Kinder verantwortlich sind. Vielmehr sind Sprachentwicklungsstörungen sicherlich multikausal bedingt.
Die vorliegende Arbeit beleuchtet den natürlichen Prozess der kindlichen Sprachentwicklung und geht auf ausgewählte Erscheinungsformen von Sprachentwicklungsstörungen ein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der kindlichen Sprache
2.1 Der Entwicklungsbereich der Wahrnehmung
2.2 Voraussetzungen / Bedingungen für den ungehinderten Spracherwerb
2.3 Bestimmende Faktoren - familiäre Umwelt mit Interaktions- und Sozialisationsprozessen
2.4 Ebenen der Sprachentwicklung
2.4.1 Die pragmatisch-kommunikative Ebene
2.4.2 Die phonetisch-phonologische Ebene
2.4.3 Die semantisch-lexikalische Ebene
2.4.4 Die syntaktisch-morphologische Ebene
2.4.5 Die Entwicklung des Sprachverständnisses
2.4.6 Die Entwicklung des Redeflusses
2.4.7 Die Entwicklung des Sprachgefühls
2.5 Zum zeitlichen Verlauf von Sprachentwicklungsprozessen
2.6 Zusammenfassung
3. Störungen der Sprachentwicklung
3.1 Der Begriff der Sprachentwicklungsstörung
3.2 Ausgewählte Erscheinungsformen
3.2.1 Störungen auf der phonetisch-phonologischen Ebene
3.2.2 Störungen auf der semantisch-lexikalischen Ebene
3.2.3 Störungen auf der syntaktisch-morphologischen Ebene
3.3 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Mechanismen des natürlichen Spracherwerbs bei Kindern sowie die komplexen Zusammenhänge und Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen, wobei insbesondere der Einfluss von Wahrnehmung, Motorik und familiärer Interaktion beleuchtet wird.
- Grundlagen des kindlichen Spracherwerbs und der Sprachentwicklung
- Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Motorik und Sprache
- Bedeutung der sozialen Umwelt und Interaktionsprozesse
- Differenzierung von Erscheinungsformen bei Sprachentwicklungsstörungen
- Multikausale Betrachtung von Störungsbildern
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Entwicklungsbereich der Wahrnehmung
Nach den Untersuchungen PIAGETs entwickelt sich die Sprache und mit ihr die begriffliche Intelligenz aus der sensomotorischen, also der vorsprachlichen Intelligenz (vgl. PIAGET & INHELDER 1996, S.15 ff.). Die Entwicklung der Sprache beruht auf der Ausbildung von Wahrnehmung und Motorik. Voraussetzung für den Spracherwerb ist, dass die sensomotorischen Fähigkeiten ein gewisses Entwicklungsniveau erreicht haben. Leistungen, die entwicklungsmäßig einer höheren Stufe entsprechen, erscheinen erst dann, wenn genügend Leistungen vorhanden sind, die entwicklungsmäßig einer tieferen Stufe entsprechen. Das bedeutet, dass ein direkter hierarchischer Zusammenhang zwischen einzelnen Entwicklungsstufen besteht. Eine komplexere Leistung wird erst dann beobachtbar, wenn das Kind ein gewisses Ausmaß an einfacheren Leistungen erworben hat. Wahrnehmungsleistungen beginnen sich bereits auf einer früheren Stufe zu entwickeln als die Sprache. Daraus kann gefolgert werden, dass angemessene Wahrnehmung die Voraussetzung für die Sprachentwicklung ist. Auch SZAGUN hat den Zusammenhang von Sensomotorik und ersten sprachlichen Bedeutungen in der kindlichen Entwicklung untersucht und kommt zu der abschließenden Bewertung, dass eine recht gute Korrespondenz zwischen sensorischen Vorstellungen und sprachlichen Bedeutungen festgestellt werden kann. „Im Sinne einer genetischen Erklärungsweise kann man sagen, dass die Haupterrungenschaften der sensomotorischen Intelligenz eine Vorbedingung der sprachlichen Bedeutungen sind“ (SZAGUN 1996, S.92).
„Wahrnehmungsschwierigkeiten bei sprachgestörten Kindern sind daher grundlegender als die Sprachstörungen selbst. Fortschritte sprachgestörter Kinder im Verlauf einer Therapie betreffen daher zuerst vorsprachliche, sensomotorische Leistungen“ (WIRTH 2000, S.129).
Mit zunehmendem Lebensalter und Entwicklungsniveau verliert die Wahrnehmung im Gesamtkontext der Entwicklungsbereiche an Bedeutung. Ihre Dominanz zeigt sich jedoch in Konfliktsituationen. „Widersprechen sich Informationen verschiedener Sinneskanäle, wird immer der visuellen Wahrnehmung gefolgt“ (PIEPER 1979, S.41).
Die Begriffe „Sensomotorik“ und „Psychomotorik“ sind Ausdruck dieser Auffassung, dass Wahrnehmung und Bewegung als Einheit zu verstehen sind, die sich mit den jeweiligen Umweltbedingungen ändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Spracherwerbs als Lern- und Entwicklungsprozess ein und beleuchtet die multikausale Natur von Sprachentwicklungsstörungen sowie deren Verknüpfung mit der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung.
2. Die Entwicklung der kindlichen Sprache: Das Kapitel analysiert die Voraussetzungen für den Spracherwerb, inklusive Wahrnehmung, sensomotorischer Fähigkeiten und der Bedeutung des sozialen Umfelds sowie die verschiedenen Sprachebenen und den typischen zeitlichen Verlauf.
3. Störungen der Sprachentwicklung: Hier werden der Begriff der Sprachentwicklungsstörung sowie ausgewählte Erscheinungsformen auf verschiedenen Sprachebenen definiert und im Kontext diagnostischer und förderrelevanter Aspekte diskutiert.
Schlüsselwörter
Sprachentwicklung, Spracherwerb, Sprachentwicklungsstörung, Wahrnehmung, Sensomotorik, Psychomotorik, Interaktionsprozesse, Sprachproduktion, Sprachverständnis, Kommunikation, Entwicklungsdysgrammatismus, Dyslalie, Sprachebenen, Sozialisation, Persönlichkeitsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der kindlichen Sprache, von den natürlichen Voraussetzungen und Phasen des Spracherwerbs bis hin zu den verschiedenen Formen und Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die sensomotorischen Grundlagen, der Einfluss der familiären Umwelt, die verschiedenen Sprachebenen sowie die therapeutische Betrachtung bei Sprachentwicklungsstörungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für das komplexe Feld der Sprachentwicklungsstörungen zu schaffen und aufzuzeigen, mit welchem Klientel und welchen Störungsbildern sich psychomotorische Förderansätze auseinandersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Aufarbeitung vorhandener wissenschaftlicher Literatur, Studien und Erkenntnisse aus den Bereichen Psycholinguistik und Sprachheilpädagogik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Sprachentwicklung sowie die anschließende systematische Betrachtung von Störungsbildern auf phonetisch-phonologischer, semantisch-lexikalischer und syntaktisch-morphologischer Ebene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sprachentwicklung, Sensomotorik, Sprachentwicklungsstörung, Interaktion und Psychomotorik.
Warum ist die Wahrnehmung für den Spracherwerb so entscheidend?
Laut den angeführten Untersuchungen ist eine angemessene Wahrnehmung die Voraussetzung für die Sprachentwicklung, da Sprache aus der sensomotorischen, vorsprachlichen Intelligenz hervorgeht.
Was zeichnet eine "strukturell affizierte Sprachentwicklung" aus?
Dabei zeigen sich in der Sprachentwicklung strukturelle Abweichungen, bei denen sprachliche Fehlleistungen in fixierter Weise vorherrschen oder altersgemäße Strukturen fehlen bzw. unangemessen verwendet werden.
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- Janina Daab (Author), 2003, Die Entwicklung der kindlichen Sprache. Natürlicher Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320430