Als die Bundesrepublik Deutschland (BRD) in der aktiven Phase der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte (1955 bis 1973) die Anwerbeabkommen schloss, handelte es sich dabei keineswegs um eine Grundsatzentscheidung in kultureller, sozialer und demographischer Hinsicht.
Vielmehr ging es in erster Linie darum, den akuten Arbeitskräftebedarf, der damals in der BRD herrschte, mittels der „Hereinnahme“ ausländischer Arbeitskräfte zu decken. Diese wurden inoffiziell „Gastarbeiter“ genannt, da man davon ausging, dass ihr Aufenthalt nur von vorübergehender Natur bleiben sollte. Am Ende der „Gastarbeiterperiode“ lebten jedoch ca. 3. Mio. Zuwanderer dauerhaft in Deutschland.
Insofern stellt sich die Frage, wie eine als temporär angedachte Arbeitsmigration in einen faktischen Einwanderungsprozess umschlagen konnte? Angesichts des unumstrittenen Arbeitskräftemangels dominierte lange Zeit die einhellige Forschungsmeinung, die Anwerbevereinbarungen seien allein aus arbeitsmarktpolitischem Interesse erfolgt. Dementsprechend wäre die Initiative zu den Abkommen von der BRD ausgegangen.
Um diese Einschätzung bestätigen zu können, besteht die Absicht der vorliegenden Arbeit darin, die Grundlagen der deutschen Ausländerpolitik von 1955 – 1973 aufzuzeigen, die darauf aufbauende Konzeption zu analysieren und zu prüfen, was die Ziele dieser Politik waren. Darüber hinaus soll untersucht werden, ob sich in der gegenwärtigen Forschung an der eindimensionalen Betrachtung der Anwerbeabkommen als rein arbeitsmarktpolitische Maßnahmen festhalten lässt und welche Faktoren zum Scheitern dieses Vorhabens führten.
Daher werden in einem einleitenden Kapitel die Grundlagen der deutschen Ausländerpolitik von 1955 – 1973, deren Ursprünge in das Wilhelminische Kaiserreich zurückreichen, dargelegt.
Dazu werden zunächst die Leitlinien einer idealtypischen „Gastarbeiter“-Politik untersucht und die Entstehung des Modells Saisonarbeit im Kaiserreich sowie die Weiterentwicklung dieses Instrumentariums beleuchtet. Des Weiteren werden die darauf aufbauende Konzeption der Ausländerpolitik und die damit verbundene Zielsetzung untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GRUNDLAGEN – KONZEPTIONEN – ZIELE
2.1 Elemente einer idealtypischen “Gastarbeiter”-Politik
2.2 Modell Saisonarbeit im Kaiserreich und Weiterentwicklung
2.3 Vorteile der „Gastarbeit“
3 VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR VOLLBESCHÄFTIGUNG (1955-1959/60)
3.1 Demographische, wirtschaftliche und ausländerrechtliche Rahmenbedingungen
3.1.1 Demographische Entwicklung der deutschen Bevölkerung und des Arbeitsmarktes
3.1.2 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
3.1.3 Ausländerrechtliche Regelungen im Bereich Einreise, Aufenthalt und Arbeitsmarktzugang
3.2 Die deutsch-italienische Anwerbevereinbarung
3.2.1 Die deutsch-italienischen Handelsgespräche seit 1953
3.2.2 Der Anwerbevertrag mit Italien
3.3 Vollbeschäftigung
4 VOM MAUERBAU BIS ZUR WIRTSCHAFTSREZESSION 1966/67
4.1 Wendepunkt am Arbeitsmarkt
4.2 Geburt und Scheitern einer Rotationspolitik – Der deutsch-türkische Anwerbevertrag von 1961 und die Neufassung von 1964
4.2.1 Vorgeschichte, Hintergründe und Interessen
4.2.2 Der deutsch-türkische Anwerbevertrag 1961
4.2.3 Die Neufassung von 1964
4.3 Keine Arbeitskräfte außereuropäischer Herkunft! Außenpolitische Raison oder was verbirgt sich dahinter?
4.4 Die Grundsätze der Ausländerpolitik – Einwanderungsland wider Willen?
4.5 Wirtschaftsrezession 1966/67
5 VON DER MASSENANWERBUNG BIS ZUM ANWERBESTOPP (1968 – 1973)
5.1 Neukonzeption der Ausländerpolitik oder kollektive Erkenntnisverweigerung?
5.2 Faktische Niederlassung
5.3 Der Anwerbestopp von 1973 und die Folgen
6 FAZIT UND PERSPEKTIVEN
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Grundlagen, Konzeptionen und Ziele der bundesdeutschen Ausländerpolitik zwischen 1955 und 1973. Ziel ist es zu klären, warum eine ursprünglich als temporär geplante Arbeitsmigration in einen faktischen Einwanderungsprozess überging und welche Faktoren zum Scheitern der Rotationspolitik führten.
- Historische Herleitung der Gastarbeiter-Politik (Wilhelminisches Kaiserreich)
- Analyse der bilateralen Anwerbeabkommen (Schwerpunkt Italien und Türkei)
- Untersuchung der Interdependenzen von Außen-, Innen- und Arbeitsmarktpolitik
- Kritische Würdigung der "Konjunkturpuffer"-Doktrin und des Anwerbestopps 1973
Auszug aus dem Buch
2.1 Elemente einer idealtypischen “Gastarbeiter”-Politik
Nach Bade hatte der in den 1960er Jahren im inoffiziellen Sprachgebrauch geläufige Begriff „Gastarbeiter“ Symbolcharakter; „denn ¸Gast´ ist nur, wer nicht auf Dauer bleibt.“ Diese spezielle Begriffsbestimmung ist notwendig, denn eine idealtypische Gastarbeiterpolitik zielt darauf ab, eine akute Arbeitskräftenachfrage durch eine zeitlich begrenzte „Hereinnahme“ ausländischer Arbeitskräfte zu decken. Aus diesem Grund verfolgt eine Gastarbeiterpolitik vier Ziele:
Erstens sollten sich die „Gastarbeiter“ nur für eine gewisse Zeit von etwa ein bis drei Jahren im jeweiligen Land aufhalten. Zweitens sollte die Größenordnung der Ausländerbeschäftigung flexibel an die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bei Bewahrung des Inländerprimats angeglichen werden, sodass die Ausländerbeschäftigung ihrer Funktion als Konjunkturpuffer nachkommt. Um den maximalen Nutzen aus der Ausländerbeschäftigung ziehen zu können, sollten drittens die staatlichen Ausgaben, die durch einen Familiennachzug, die Nachfrage nach normalen Wohnungen sowie spezifische infrastrukturelle Einrichtungen entstehen würden, auf ein Minimum reduziert werden. Viertes erklärtes Ziel ist die grundsätzliche Exklusion von gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, „denn gewünscht sind weder ¸Assimilation` noch ¸Integration`. Gastarbeiter werden als nicht zur Gesellschaft zugehörig betrachtet.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung der historischen Relevanz des Themas und Aufzeigen der Forschungsfrage im Kontext des demographischen Wandels.
2 GRUNDLAGEN – KONZEPTIONEN – ZIELE: Analyse der theoretischen Leitlinien einer idealtypischen Gastarbeiterpolitik und ihrer historischen Wurzeln im Kaiserreich.
3 VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR VOLLBESCHÄFTIGUNG (1955-1959/60): Untersuchung der Rahmenbedingungen und des ersten bilateralen Anwerbevertrags mit Italien.
4 VOM MAUERBAU BIS ZUR WIRTSCHAFTSREZESSION 1966/67: Analyse der Verschärfung der Anwerbepolitik und des Scheiterns der Rotationspolitik am Beispiel des deutsch-türkischen Vertrags.
5 VON DER MASSENANWERBUNG BIS ZUM ANWERBESTOPP (1968 – 1973): Darstellung der Entwicklungen hin zur faktischen Niederlassung und die Folgen des Anwerbestopps.
6 FAZIT UND PERSPEKTIVEN: Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerung zur Widersprüchlichkeit der bundesdeutschen Ausländerpolitik.
Schlüsselwörter
Ausländerpolitik, Gastarbeiter, Anwerbeabkommen, Bundesrepublik Deutschland, Arbeitsmarkt, Konjunkturpuffer, Inländerprimat, Rotationspolitik, Familiennachzug, Einwanderung, Integration, Anwerbestopp, Wirtschaftsrezession, Arbeitskräfterekrutierung, Migrationsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beleuchtet die deutsche Ausländerpolitik zwischen 1955 und 1973 und untersucht, wie die Bundesrepublik den akuten Arbeitskräftebedarf deckte, ohne sich als Einwanderungsland zu definieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Entstehung der Anwerbeabkommen, die politische Steuerung der Arbeitsmigration, der Wandel von der Saisonarbeit zur Dauerbeschäftigung und die langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie aus einer ursprünglich als temporär geplanten Arbeitsmigration faktisch ein Einwanderungsprozess entstehen konnte und warum die Politik trotz der erkennbaren Realität an der Doktrin des "Nichteinwanderungslandes" festhielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine geschichtswissenschaftliche Analyse durch, die auf der Auswertung von Primärquellen, Regierungsakten, Berichten der Bundesanstalt für Arbeit und aktueller wissenschaftlicher Forschung basiert.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die verschiedenen Phasen der Gastarbeiterpolitik, von der deutsch-italienischen Anwerbevereinbarung über den Mauerbau bis zum Anwerbestopp 1973, und bewertet die ökonomischen sowie außenpolitischen Interessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Gastarbeiterpolitik, Konjunkturpuffer, Rotationsprinzip, Anwerbeabkommen und der Wandel zur Einwanderungsgesellschaft.
Warum spielte die NATO bei den Anwerbeverträgen eine Rolle?
Die Arbeit zeigt auf, dass Außenpolitik oft schwerwiegender als Arbeitsmarktpolitik war; insbesondere bei der Türkei dienten die Anwerbeabkommen dazu, diplomatische Beziehungen zu wichtigen NATO-Partnern zu stärken und eine Diskriminierung gegenüber anderen Staaten zu vermeiden.
Wie wirkte sich die Rezession 1966/67 auf die Politik aus?
Die Rezession führte zur praktischen Umsetzung der "Konjunkturpuffer"-Idee durch die Bundesanstalt für Arbeit, wobei die Anwerbung erschwert und die Rückwanderung politisch forciert wurde, um den inländischen Arbeitsmarkt zu entlasten.
- Quote paper
- Fabian Weber (Author), 2014, Die deutsche Ausländerpolitik von 1955 bis 1973. Grundlagen, Konzeptionen und Ziele der Anwerbepolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320519