Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
20 Seiten
J. C. (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Boykott vom 01. April 1933
2.1 „Akteure“ des Boykotts

3. Die Rolle der „Volksgemeinschaft“
3.1 Hans Mommsen
3.2 Michael Wildt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Jahre 1933-1935 waren für die Juden in Deutschland einschneidend, denn ihr Alltag wurde geprägt durch Boykottbewegungen, Ausgrenzung und Gewaltaktionen.

In der vorliegenden Seminararbeit soll es um die Boykottbewegungen im Jahre 1933 gehen. Dieses Jahr wurde für die Analyse deswegen ausgewählt, weil sie die radikalen Anfänge der Judenverfolgung in Deutschland veranschaulichen und exemplarisch für die folgenden Jahre dienen. Allen voran stellt sich in Hinblick auf die Boykottbewegungen die Frage nach den Akteuren - aktive wie passive -, sowie die Rolle der deutschen Gesellschaft, auch in Hinblick auf die Gewaltausschreitungen innerhalb der Boykottaktionen. Es werden unterschiedliche Meinungen und verschiedene Perspektiven, die unterschiedliche Blickwinkel in Hinblick auf die Ausschreitungen zeigen, analysiert. Dies ist vor allem deshalb wichtig, um sich ein breites Bild darüber machen zu können, welche „Meinung“ am ehesten zugetroffen haben könnte und wie sich das Verhältnis von „deutsch“ und „jüdisch“ in der Gesellschaft verschob. Gerade in Hinblick auf die Gewaltaktionen innerhalb der Boykottbewegungen gibt es unterschiedliche Berichte und Meinungen über den Ausgangspunkt der Gewalt. Ging die Gewalt von der deutschen Gesellschaft oder vom NS-Regime aus? Welche Rolle spielte hierbei die „Volksgemeinschaft“? Um diese letzte Frage zu beantworten, werden zwei gegensätzliche Standpunkte veranschaulicht, zum einen der Standpunkt Hans Mommsens und zum anderen der Standpunkt Michael Wildts, um auch hier deutlich zu zeigen, dass die Forschung sich, bis heute, mit diesem Thema auseinandersetzt. Die Kontroversen und strittigen Positionen sind bis heute nicht eindeutig geklärt.

Dieses Thema ist auch deshalb spannend, weil es sich mit vielen verschiedenen Teilbereichen der Geschichte auseinandersetzt, hier vor allem mit der Wirtschaftsgeschichte, der Sozialgeschichte, der Kulturgeschichte und der Gesellschafts- bzw. Alltagsgeschichte.

Als Quelle dienen alltägliche Berichte aus dem Leben der „Akteure“ und der „Betroffenen“. Dies bietet die Möglichkeit der verschiedenen Blickwinkel und gegeben falls ein kollektives übereinstimmendes „Ergebnis“ zur Beantwortung der Leitfrage. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass die Quellen nicht die „Wahrheit“ wiedergeben, sondern lediglich verschiedene Eindrücke, um sich an eine mögliche „Wahrheit“ anzunähern.

Die Leitfrage, wobei man dieses umfangreiche Thema in viele verschiedene Fragen unterteilen könnte und sicherlich auch innerhalb der Analyse zur Beantwortung der Frage auf weitere Fragen stoßen wird, lautet wie folgt: „Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933“?

Hierzu ist die Seminararbeit in vier Teile unterteilt. Zu Beginn soll der Boykott vom 01. April 1933 exemplarisch zur Veranschaulichung der Boykottbewegungen zwischen 1933 und 1935 dienen. Im Anschluss daran sollen die verschiedenen „Akteure“ des Boykotts skizziert werden, wobei festzustellen sein wird, dass es sowohl aktive als auch passive Akteure gegeben hat. Im Weiteren soll die Rolle der „Volksgemeinschaft“ aufgezeigt werden, um daran anschließend die gegensätzlichen Standpunkte von Hans Mommsen und Michael Wildt zu erläutern. Abschließend wird ein Fazit auf Basis der Bearbeitung der Leitfrage gezogen.

2. Der Boykott vom 01. April 1933

„Der reichsweite Boykott am 1. April 1933 war die erste in großem Stil organisierte offen antisemitische Aktion nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar und den Wahlen im März 1933.“1

Die Aktionen im Vorfeld des Aprilboykotts wurden, so der Tenor der Forschung, vorangetrieben von der Parteibasis, von den Ortsgruppen der NSDAP und den lokalen SA-Verbänden, die nach den Wahlen am 5. März 1933 und den deutlichen und radikalen Aktionen der NSDAP gegen ihre politischen Gegner in den ersten Monaten des Jahres die Verwirklichung des Parteiprogramms und der von der NSDAP propagierten Politik direkt vor Augen sahen.2

Die gesamte deutsche Bevölkerung, somit nicht nur Parteigenossen, sondern auch „unpolitische“ Konsumenten3, wurden dazu aufgefordert, am 1. April 1933 Schlag 10 Uhr, am reichsweiten Boykott teilzunehmen.4 „Kauf nicht bei den Juden ein!“ Diese Aufforderung war am 1. April 1933 in allen deutschen Städten auf Tausenden von Plakaten zu lesen.5 Uniformierte SA-Posten, die vor jüdischen Geschäften standen und potentielle Kunden vom Betreten abzuhalten versuchten, waren ebenfalls in vielen Städten des Reiches an diesem Tag gang und gebe.6 Auf den Straßen und somit in aller Öffentlichkeit trafen radikale nationalsozialistische Antisemiten, diskriminierte jüdische Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte, Kunden, Einkäufer und Passanten aufeinander.7 Die Tatsache, dass die Boykotte gegen „den Juden“ mitten in den Zentren der Orte propagiert wurden und somit auf der Straße, vor den als jüdisch stigmatisierten Geschäften stattfanden, war sicherlich kein Zufall, denn dort konnten die meisten Menschen, ob Einkäufer, Flaneure oder Schaufensterbummler die Aktionen wahrnehmen und sich zu ihnen verhalten.8 Somit hatte den entscheidenden Part bei der Inszenierung der Boykotte zwar die antisemitischen Boykotteure selbst inne, jedoch spielte das kaufende Publikum“ und somit die gesamte deutsche Gesellschaft eine zusätzliche maßgebliche Rolle, auf die im Weiteren erneut eingegangen werden soll.9

„Neben der engen Verknüpfung ökonomischer, sozialer und ideologischer Motive ist die Aktionsform Boykott gekennzeichnet durch die öffentliche Inszenierung, die durch zahlreiche Medien, durch Flugblätter, Plakate, Zeitungsartikel, Lautsprecher, Preisausschreiben und Bonushefte, unterstützt wurde“, so Hannah Ahlheim.10 Durch diese „Werbung“ der Antisemiten für die Partei und ihre Ideologie beschränkten sich die Aktionen nicht nur auf radikale Aktionen, sondern auch z.B. Bonus-Heftchen dienten als „Wegweiser“ in den „richtigen“ Geschäften einzukaufen.11

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, inwieweit und auf welche Weise die deutsche Gesellschaft an den Boykottaktionen teilnahm. Des Weiteren stellt sich ebenfalls die Frage, ob Boykottaktionen, und diese Frage stellt sich nicht nur für die Boykottaktionen am 1. April 1933, eine Möglichkeit darstellten, einen „Volkszorn“ zu entfachen oder diesen „Volkszorn“, falls vorhanden, in kontrollierbare Bahnen lenkten.12

Kleine Szenen aus dem Alltag, in denen konkrete Akteure, Boykotteure ebenso wie jüdische Geschäftsleute und das Publikum, aufeinandertrafen13, sollen im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden, denn erst die Analyse ganz alltäglicher Situationen, in denen die Boykotteure, die betroffenen Juden und das „kaufende Publikum“ aufeinandertrafen, macht es schließlich möglich, herauszufinden, ob, wann und auf welche Weise antisemitische Boykottpropaganda und Boykottaktionen das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen beeinflussten, wie sie das Leben der jüdischen Geschäftsleute veränderten und welche Wirkung sie zeigten.14 Des Weiteren sollen die Quellen Zugang zu den Wahrnehmungen der betroffenen Juden, die Perspektive der jüdischen Geschäftsleute, Anwälte, Einzelpersonen und Organisationen skizziert werden, da diese Wahrnehmung sich grundlegend von der Wahrnehmung der Täter und der Perspektive der Nichtbetroffenen und der Zu- und Wegsehenden, unterschied.15

Auf der Grundlage dieses vielschichtigen und bisher kaum erschlossenen Materials lassen sich viele kleine und sehr lebendige Szenen aus dem deutsch-jüdischen Alltag rekonstruieren, die die schrittweise Veränderung des Gesellschaftlichen belegen.16

2.1 „Akteure“ des Boykotts

Eine wichtige Frage, die sich stellt, ist die Frage nach den Akteuren der Boykottaktionen. Inwieweit und auf welche Weise spielte die deutsche Gesellschaft hier eine zentrale Rolle? Woher kommt die Gewalt innerhalb der Boykottaktionen? Von den Nationalsozialisten, von der deutschen Gesellschaft oder von den Betroffenen? Nicht nur einige Berichte von Zuschauern, Betroffenen und Akteuren sollen verschiedene Perspektiven darstellen, es soll auch geschaut werden, inwieweit sich diese Meinungen unterschieden.

„Die Entscheidung zur stufenweisen Entrechtung der deutschen Juden wurden zwischen 1933 und 1941 von den Vertretern unterschiedlicher Institutionen und gesellschaftlicher Vereinigungen vorbereitet, beeinflusst und getroffen […].“17

Am 30. Januar 1933 übernahm mit der NSDAP eine „judenfeindliche Bewegung“ die Herrschaft in Deutschland. So formulierte es der Leitartikel der Jüdischen Rundschau am selben Tag. Doch hoffte er auf diejenigen Kräfte in der deutschen Gesellschaft, die sich gegen eine „barbarische antijüdische Politik wenden würden“.18

Hier zeigt sich deutlich, dass die Hoffnung seitens der jüdischen Bevölkerung zu Beginn der Machtübernahme der NSDAP groß gewesen ist.

„Die breite Masse war angesichts einer derartigen fortwährenden Agitation der Partei anscheinend überwiegend passiv: Gegen regelrechte antijüdische Gewalt gab es zwar keinen Widerstand, aber sie stieß oft auf Missbilligung.“19 Im Gegensatz dazu steht allerdings eine andere Aussage: „Neben den Reaktionen der Vielen, denen das eigene Interesse näher lag als der verfolgte Nächste, war gewiss eine Haltung verbreitet, die sich als passiver Antisemitismus fassen lässt: Nicht wenige der „arischen“ Deutschen betrachteten die jüdischen Deutschen als Fremdkörper, die sich in der Vergangenheit zu viel herausgenommen hätten. Daraus folgte zumeist das Ablehnen direkter Gewalt, aber keine Missbilligung der staatlich angeordneten Entrechtung.20

Diese beiden Aussagen zeigen übereinstimmend, dass die Beteiligung der deutschen Bevölkerung an den Boykottaktionen sich überwiegend passiv zeigte, jedoch ist nicht klar, inwieweit die deutsche Gesellschaft die Gewalt an ihren jüdischen Mitbürgern tolerierte oder Widerstand leistete. Festzuhalten ist: „der Antisemitismus sei eher eine Randerscheinung, kein Massenphänomen gewesen“.21 Die „bereits vor 1933 auf mehreren Ebenen einsetzende (schleichende) Exklusion der deutschen Juden“ sei dagegen bislang wenig zur Kenntnis genommen worden. Die sehr unterschiedlichen Bewertungen der Präsenz, Virulenz und Kontinuität von Antisemitismus in Deutschland und seiner Bedeutung etwa für den Aufstieg der NSDAP liegen – zumindest zum Teil – in einem uneinheitlichen Verhältnis von Antisemitismus bzw. vom „Antisemiten“ begründet.22 So schreibt Ian Kershaw, man sei „in der Regel zuerst Nationalsozialist“ geworden „und dann erst Antisemit – zumindest radikaler Antisemit - , nicht vice versa“.23 Des Weiteren geht es nicht darum, den Antisemitismus als das „primäre Motiv“ für den „politischen Boykott“ gegen jüdische Geschäftsleute auszumachen, sondern zeigen gerade die Boykottaufrufe und Boykottaktionen auf Grund ihrer spezifischen Mischung sozialer, ökonomischer und politischer Elemente, wie viele verschiedene Motive ausschlaggebend sein konnten für aktives antisemitisches Handeln oder auch für passives Zu- und Wegsehen.24 War es in manchen Fällen die Angst vor gesellschaftlicher Exklusion oder auch vor gewalttätigen Übergriffen, die den Einzelnen mitmachen und zuschauen ließ, ging es bei anderer Gelegenheit um scheinbar „rationale“ ökonomische Beweggründe wie geschäftliche Konkurrenz, um das Abschütteln der Schulden, um schnelle Aufstiegschancen, den Arbeitsplatz oder persönliches Prestige- und Machtgewinn.25

[...]


1 Ahlheim, Hannah: „Deutsche kauft nicht bei den Juden ein!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, Göttingen 2011, S. 241.

2 Ebd. S. 241-242.

3 Vgl. Ebd. S. 7.

4 Vgl. Aly, Götz u.a.: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Deutsches Reich 1933-1937, München 2008, S. 100.

5 Ahlheim, Hannah: „Deutsche kauft nicht bei den Juden ein!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, Göttingen 2011, S. 7.

6 Vgl. ebd. S. 7.

7 Vgl. ebd. S. 8.

8 Vgl. ebd. S. 10.

9 Vgl. ebd. S. 10.

10 Ebd. S. 10.

11 Vgl. ebd. S. 15.

12 Vgl. ebd. S. 243.

13 Ebd. S. 42-43.

14 Vgl. ebd. S. 43.

15 Vgl. ebd. S. 44.

16 Ebd. S. 44.

17 Aly, Götz u.a.: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Deutsches Reich 1933-1937, München 2008, S. 13.

18 Vgl. ebd. S. 30.

19 Ebd. S. 35.

20 Ebd. S. 35.

21 Ahlheim, Hannah: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, Göttingen 2011, S. 26.

22 Vgl. ebd. S. 26.

23 Vgl. ebd. S. 26.

24 Vgl. ebd. S. 42.

25 Vgl. ebd. S. 42.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: Neuere Forschungen zur Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V320566
ISBN (eBook)
9783668221819
ISBN (Buch)
9783668221826
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
boykottbewegung, nationalsozialismus, gewalt, judenboykott, 1.april 1933, deutsche Gesellschaft, hans mommsen, michael wildt, volksgemeinschaft im ns, volksgemeinschaft, akteure des boykotts, neuere forschungen zur geschichte des nationalsozialistischen deutschland
Arbeit zitieren
J. C. (Autor), 2016, Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320566

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