Die Seminararbeit in vier Teile unterteilt. Zu Beginn soll der Boykott vom 01. April 1933 exemplarisch zur Veranschaulichung der Boykottbewegungen zwischen 1933 und 1935 dienen. Im Anschluss daran sollen die verschiedenen „Akteure“ des Boykotts skizziert werden, wobei festzustellen sein wird, dass es sowohl aktive als auch passive Akteure gegeben hat. Im Weiteren soll die Rolle der „Volksgemeinschaft“ aufgezeigt werden, um daran anschließend die gegensätzlichen Standpunkte von Hans Mommsen und Michael Wildt zu erläutern. Abschließend wird ein Fazit auf Basis der Bearbeitung der Leitfrage gezogen.
Die Jahre 1933-1935 waren für die Juden in Deutschland einschneidend, denn ihr Alltag wurde geprägt durch Boykottbewegungen, Ausgrenzung und Gewaltaktionen.
In der vorliegenden Seminararbeit soll es um die Boykottbewegungen im Jahre 1933 gehen. Dieses Jahr wurde für die Analyse deswegen ausgewählt, weil sie die radikalen Anfänge der Judenverfolgung in Deutschland veranschaulichen und exemplarisch für die folgenden Jahre dienen. Allen voran stellt sich in Hinblick auf die Boykottbewegungen die Frage nach den Akteuren - aktive wie passive - sowie die Rolle der deutschen Gesellschaft, auch in Hinblick auf die Gewaltausschreitungen innerhalb der Boykottaktionen.
Es werden unterschiedliche Meinungen und verschiedene Perspektiven, die unterschiedliche Blickwinkel in Hinblick auf die Ausschreitungen zeigen, analysiert. Dies ist vor allem deshalb wichtig, um sich ein breites Bild darüber machen zu können, welche „Meinung“ am ehesten zugetroffen haben könnte und wie sich das Verhältnis von „deutsch“ und „jüdisch“ in der Gesellschaft verschob. Gerade in Hinblick auf die Gewaltaktionen innerhalb der Boykottbewegungen gibt es unterschiedliche Berichte und Meinungen über den Ausgangspunkt der Gewalt. Ging die Gewalt von der deutschen Gesellschaft oder vom NS-Regime aus? Welche Rolle spielte hierbei die „Volksgemeinschaft“?
Um diese letzte Frage zu beantworten, werden zwei gegensätzliche Standpunkte veranschaulicht, zum einen der Standpunkt Hans Mommsens und zum anderen der Standpunkt Michael Wildts, um auch hier deutlich zu zeigen, dass die Forschung sich, bis heute, mit diesem Thema auseinandersetzt. Die Kontroversen und strittigen Positionen sind bis heute nicht eindeutig geklärt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Boykott vom 01. April 1933
2.1 „Akteure“ des Boykotts
3. Die Rolle der „Volksgemeinschaft“
3.1 Hans Mommsen
3.2 Michael Wildt
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der deutschen Gesellschaft bei den antisemitischen Boykottaktionen im Jahr 1933, mit besonderem Fokus auf die Forschungsdebatte um den Begriff der „Volksgemeinschaft“. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwieweit die deutsche Bevölkerung die Gewalt gegen ihre jüdischen Mitbürger mittrug, tolerierte oder ablehnte.
- Analyse der Boykottbewegungen als radikaler Beginn der Judenverfolgung.
- Differenzierung zwischen aktiven und passiven Akteuren des NS-Regimes und der Bevölkerung.
- Vergleich der kontroversen historischen Standpunkte von Hans Mommsen und Michael Wildt.
- Untersuchung der psychologischen Dimension von Gewalt durch „beiseite stehen“ und Zuschauen.
- Rekonstruktion des deutsch-jüdischen Alltags anhand zeitgenössischer Quellen.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der „Volksgemeinschaft“
Wenige Fragen haben die historische Forschung zum Nationalsozialismus in den letzten Jahren so sehr beschäftigt wie jene nach der „Volksgemeinschaft“.58
Unterschiedliche Historiker – u.a. Hans Mommsen – waren sich einig, dass die „Volksgemeinschaft“ ein „Mythos“, der nur eine „vorgespielte soziale Integration“ kennzeichnet, darstellt.59 Diese Ansicht ändert sich seit Ende der 1970er Jahre mit der sich etablierenden NS-Alltagsgeschichte und Oral History, wobei die Frage aufgeworfen wurde, ob es die „Volksgemeinschaft“ nicht doch gegeben haben könnte.60 „Obgleich die Existenz der spezifischen Zeitzeugenerinnerung an die „Volksgemeinschaft“ prägend blieb, beschränkte sich der Begriff zunehmend nicht mehr allein auf die Vision einer von sozialen Konflikten und Ungleichheiten befreiten Gesellschaft, sondern rückte gerade dessen rassische und gewalttätige Dimension sowie Funktion für die soziale Integrationsfähigkeit des NS-Regimes in den Vordergrund.“61
Im Folgenden soll nicht die Frage geklärt werden, ob es die „Volksgemeinschaft“ tatsächlich gegeben hat, sondern eine Annäherung an die Frage, welche Funktion die „Volksgemeinschaft“ in Bezug auf die Boykottaktionen gehabt haben könnte. Außerdem soll eine Annäherung der Frage, von wo aus die Gewalt, während der Boykottaktionen, ausging und welche Rolle sowohl die deutsche Gesellschaft als auch das NS-Regime innehatte, skizziert werden. Nicht nur für die Forschung, auch für die Zeitgenossen war es mühsam, sich ein genaues Bild der Vorgänge zu machen und den Ursprung der Aktionen eindeutig zu benennen.62
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Boykottbewegungen der Jahre 1933-1935 ein und erläutert die methodische Herangehensweise sowie die zentrale Forschungsfrage zur Rolle der deutschen Gesellschaft.
2. Der Boykott vom 01. April 1933: Dieses Kapitel beschreibt den reichsweiten Boykott als erste organisierte antisemitische Aktion und analysiert die Rolle von NSDAP und SA sowie das Verhalten der deutschen Bevölkerung.
2.1 „Akteure“ des Boykotts: Hier werden die Akteure des Boykotts untersucht, wobei zwischen aktiven NS-Funktionären und der mehrheitlich passiv agierenden deutschen Gesellschaft differenziert wird.
3. Die Rolle der „Volksgemeinschaft“: Das Kapitel befasst sich mit der theoretischen Debatte um den Begriff der „Volksgemeinschaft“ und dessen Bedeutung für die soziale Integration und Ausgrenzung.
3.1 Hans Mommsen: Dieser Abschnitt erläutert die These von Hans Mommsen, der die „Volksgemeinschaft“ als Mythos betrachtet und die Gewalt dem NS-Regime zuschreibt.
3.2 Michael Wildt: Hier wird die Position von Michael Wildt dargestellt, der die „Volksgemeinschaft“ als Mittel rassistischer Inklusion und Selbstermächtigung der Bevölkerung interpretiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und konstatiert, dass die Zuweisung der Gewaltursprünge aufgrund der Quellenlage komplex bleibt und sowohl von oben gesteuert als auch durch gesellschaftliche Partizipation genährt wurde.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Volksgemeinschaft, Antisemitismus, Boykott, Judenverfolgung, Hans Mommsen, Michael Wildt, deutsche Gesellschaft, NS-Regime, Alltagsgeschichte, Widerstand, Ausgrenzung, Gewalt, 1933, Zeitzeugen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Boykottbewegungen des Jahres 1933 gegen jüdische Mitbürger und analysiert die Beteiligung der deutschen Gesellschaft an diesen Aktionen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die NS-Boykottpolitik, die Rolle der deutschen Bevölkerung als Zuschauer oder Akteure sowie die historische Debatte um den Begriff der „Volksgemeinschaft“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Leitfrage lautet: „Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von zeitgenössischen Berichten, Erfahrungsberichten und der Auswertung aktueller historischer Sekundärliteratur zu den Kontroversen zwischen namhaften Historikern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Boykottgeschehens, die Analyse der Akteure und eine tiefgreifende Gegenüberstellung der Forschungspositionen von Hans Mommsen und Michael Wildt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Boykott, Volksgemeinschaft, Antisemitismus, NS-Regime und gesellschaftliche Partizipation.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Hans Mommsen von der von Michael Wildt?
Während Mommsen die „Volksgemeinschaft“ als Mythos ansieht und die Gewalt primär als staatlich inszenierte Aktion von oben betrachtet, sieht Wildt darin eine rassistische Selbstermächtigung der Bevölkerung, die aktiv zur Gewalt beitrug.
Welche Rolle spielten „stille“ Beobachter während des Boykotts?
Laut der Analyse fungierten viele als „Zuschauer“, die durch ihr bloßes Beiseite-stehen die Inszenierung der NS-Akteure indirekt unterstützten, auch wenn sie sich nicht direkt an physischen Übergriffen beteiligten.
Können Quellen aus dieser Zeit als objektive Wahrheit angesehen werden?
Die Autorin betont, dass Quellen lediglich verschiedene Eindrücke vermitteln und nicht die absolute „Wahrheit“ abbilden; sie dienen jedoch dazu, sich an eine historische Realität anzunähern.
- Arbeit zitieren
- J. C. (Autor:in), 2016, Welche Rolle hatte die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf die Gewaltaktionen am 01. April 1933?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320566