Zwischen Versorgungsbau und Staatsdenkmal. Zur Funktionalität und Repräsentativität der claudischen Grossbauprojekte


Masterarbeit, 2012
109 Seiten, Note: 5.5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Kaiser Claudius
2.1 Biographischer Abriss
2.2 Das Wesen des Kaisers
2.3 Der Stilwandel unter Claudius

3. Portus
3.1 Forschungsgeschichte
3.2 Historischer Hintergrund
3.3 Bauwerk und archäologischer Befund
3.3.1 Topographie
3.3.2 Architektur

4. Der Emissär am Fuciner See
4.1 Forschungsgeschichte
4.2 Historischer Hintergrund
4.3 Bauwerk und archäologischer Befund

5. Aqua Claudia -Anio Novus - Porta Maggiore
5.1 Forschungsgeschichte
5.2 Historischer Hintergrund
5.3 Bauwerk und archäologischer Befund

6. ViaClaudia Augusta
6.1 Forschungsgeschichte
6.2 Historischer Hintergrund
6.3 Archäologischer Befund und Trassenverlauf

7. Bogenmonumente
7.1 Der Tiberiusbogen
7.2 Der Germanenbogen
7.3 Bögen in den Provinzen
7.4 Der Britannierbogen

8. Torbauten
8.1 Porta Aurea in Ravenna
8.2 Porta Leoni und Porta Borsari in Verona

9. Reliefsund Altäre
9.1 Reliefs
9.2 Altäre

10. Auswertung
10.1 Welchen Gruppen kann man die Bauten zuordnen?
10.2 Zwischen Funktionalität und Repräsentation

10.3BauherrClaudius

11. Fazit

12. Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis
12.1 Quellen
12.2 Literatur
12.3 Abbildungen

13. Abbildungen

'Mit einer solchen Vielzahl von unentbehrlichen und gewaltigen Wasserleitungsbauten vergleicht man die ganz offensichtlich nutzlosen Pyramiden oder andere unnütze, von den Griechen errichtete Bauwerke, und mögen die Leute noch so davon reden!'

- Frontin. aqu. 16 -

Vorwort

Ich muss zugeben, dass es ein eher ungewöhnlicher Weg war, bis das Thema für diese Arbeit gefunden war. Zu Beginn sollte es sich um römische Hafenanlagen drehen, was jedoch nie richtig ausgearbeitet wurde und sich, wie ich etwas spät erfahren hatte, mit ei­nem bereits laufenden Projekt überschnitt. Von den Hafenanlagen wechselte der Schwer­punkt zuerst zu Schifffahrtskanälen und dann etwas allgemeiner zu Grossbauprojekten, welche in natürlicher Umgebung künstlich angelegt worden und in ihrem Umfang durchaus zur Prägung der Landschaft in der Lage waren. Bei der Betrachtung dieser Anlagen in der römischen Kaiserzeit fiel auf, dass unter Claudius gleich vier Bauten dieses Genres zu finden sind. Dies weckte mein Interesse und nach etwas Einarbeitungszeit hatte ich mich für die Grossbauprojekte dieses sonderbaren Kaisers entschieden. Doch zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen. Ich möchte hier vor allem den Personen Dank aussprechen, die mich in meiner Arbeit unterstützt und konstruktiv kritisiert haben. An ers­ter Stelle möchte ich meiner Betreuerin Frau Prof. Dr. Elena Mango danken. Trotz meines Wankelmuts und der zu Beginn daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Themenfin­dung hat sie meine Entschlüsse stets unterstützt und auf Probleme und Möglichkeiten hin­gewiesen. Auch M. A. Ralph Rosenbauer bin ich zutiefst zu Dank verpflichtet für seine Hil­fe bei der Auswahl des Themas und die Ratschläge zur Herangehensweise und Arbeits­technik. Für das mehrmalige Gegenlesen der verschiedenen Arbeitsabschnitte danke ich zudem Frau Prof. Dr. Martina Seifert und B. A. Christine Hunziker, welche mir mit ihren Korrekturen und Hinweisen sehr geholfen haben. Zuletzt möchte ich noch einen speziellen Dank an Prof. Dr. Mathias Döring aussprechen, der mir freundlicherweise zwei Artikel zum Tunnelbau am Fuciner See zugeschickt hatte, da ich nicht in der Lage war, diese in Bern oder Basel ausfindig zu machen. Natürlich gilt der Dank auch allen Freunden und Ver­wandten, die ebenso ihren Anteil daran haben, dass all dies überhaupt möglich war.

1. Einleitung

„Claudius wird aber nicht zuletzt durch die gegebene Überlieferungslage zu einem Kaiser Roms, dessen Intentionen nicht klar werden und dessen Tätigkeit im Allgemeinen unter­schätzt wird. Diesem recht allgemein gehaltenen Bild widerspricht zumindest aus archäo­logischer Sicht die hohe Zahl claudischer Denkmäler.“1 Kaum ein Kaiser Roms kann in der Überlieferung einen solch einzigartigen Charakter aufweisen wie Claudius. Während ein Nero stets als böse und ein Augustus als gut bezeichnet werden kann, um es für einmal ganz plump und verallgemeinert auszudrücken, weiss man bei Claudius nicht so recht, woran man ist. Beruft man sich auf die antiken Quellen, so zeichnen diese zwar im Gros­sen und Ganzen ein deutlich negatives Bild, doch ist es abgesehen davon dennoch schwer zu fassen. Seine 'schlechten' Taten, wie die zahlreichen Hinrichtungen (vermeintli­cher) politischer oder persönlicher Gegner, werden in gewisser Weise relativiert. Fast ent­schuldigend dafür, so mag es dem Leser der Quellen zumindest erscheinen, wird der Cha­rakter des Herrschers beschrieben. Als eine Mischung aus trottelig, dumm und wahnsinnig wird er beschrieben und obwohl ihn das gefährlich macht, scheint er doch nicht ganz Herr seiner Taten zu sein und somit in gewisser Weise beinahe mehr Opfer als Täter. Ganz subjektiv gesprochen, muss man Claudius irgendwie gern haben. Die moderne Ge­schichtsschreibung hat das Bild des Kaisers natürlich relativiert, doch hielt sich das Bild des Verlierers recht lange. Und wenn auch heute mit mehr wissenschaftlicher Objektivität gearbeitet wird, so sind die Urteile über diese historische Persönlichkeit alles andere als einheitlich. Wie zu Beginn erwähnt, kommt der archäologische Befund hinzu, welcher im Gegensatz zu der schriftlichen Überlieferung steht. Diesem Befund soll sich nun auch die folgende Arbeit widmen.

Es handelt sich dabei um kaiserliche Bauten, welche den Herrscher als Bauherrn auftreten Hessen und uns somit auch einen Einblick in sein Wesen und seine Politik geben können. Er war zwar de jure in der Lage, alles in Auftrag zu geben, wonach ihm der Sinn stand, de facto war der Kaiser jedoch an gewisse Konventionen gebunden, hatte Erwartungen zu erfüllen und musste gleichzeitig seine Person und Herrschaft repräsentieren. Die kaiserli­chen Bauten können in gewisse Gruppen eingeteilt werden, die gewisse Aspekte der Herrschaft widerspiegelten. Ich habe für diese Arbeit drei solche Gruppen ausgewählt, welche zwar in der Fachliteratur auch vertreten sind, aber unterschiedlich klar oder fest formuliert und definiert wurden. Dies wird an späterer Stelle noch ausführlicher gesche­hen. Zu beachten ist auch, dass es keine klaren Grenzen zwischen den Gruppen gibt und man einen Bau oder Teile davon auch mehreren Gruppen zuordnen kann. Wie sinnvoll diese Einteilung ist, soll ebenfalls später diskutiert werden, doch möchte ich zum Einstieg gerne darauf zurückgreifen. An erster Stelle wären die Staatsdenkmäler zu nennen, wel­che in teils sehr komplexer Bildsprache Ideologien und Werte der Herrscher transportieren oder auch deren Herrschaft in solche einbetten. Es kann sich dabei neben ganzen Bauten auch um Teile davon handeln. Die Staatsreliefs sind da wohl das prominenteste Beispiel. In einem bekannten Aufsatz von Paul Zänker2, stellt dieser die Bauten fürs Volk vor und ergründet Zweck und Intention der Thermen, Basiliken und ähnlicher Bauten. Als Indikator einer neuen Freizeitkultur standen sie vor allem einer breiten Masse zur Verfügung. Da sie den Schwerpunkt bilden, seien nun noch die Ingenieurbauten genannt, wie sie Henner von Hesberg nennt und somit klar von den anderen genannten Gruppen unterscheidet3. Wie der Name es vermuten lässt, steht der Aufwand, diese Bauten zu errichten, im Vorder­grund. Die bauliche Leistung wird als herausragend betrachtet und nicht so sehr das archi­tektonische Endergebnis. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Bauwerke dieser Gruppe bisher deutlicher in den funktionalen und infrastrukturellen Bereich eingeordnet wurden als zum Beispiel ein Kaiserforum oder eine Thermenanlage. Das ist auch mit ein Grund, warum diesen Bauten, neben den als repräsentativer geltenden Staatsdenkmälern und Volksbauten, bisher weniger Beachtung geschenkt wurde. Hesberg bezeichnet sie als 'nicht geeignet' (siehe Anm. 3), um sie mit Staatsmonumenten oder ähnlichem zu verglei­chen. Und in dem ansonsten so umfangreichen Sammelwerk des Symposiums zu Claudi­us' Regierungszeit von Volker Michael Strocka4 wird den Ingenieurbauten nur wenig Be­achtung geschenkt. Dem soll diese Arbeit nun zu einem gewissen Grad Abhilfe verschaf­fen.

Im Grunde baut sie teilweise auf den Ergebnissen des eben genannten Sammelwerkes auf. Jedoch soll hier ein etwas neuer Blinkwinkel gewählt werden, welcher, wie bereits er­wähnt, die Ingenieurbauten oder auch Grossbauprojekte mehr ins Zentrum des Interesses rückt. Den Kern dabei bildet die Frage nach deren Rolle und Aussagekraft im kaiserlichen Bauprogramm - wobei hier mit Programm lediglich die Gesamtheit der Bauten und keine übergeordnete Idee oder Botschaft gemeint sein soll - und inwiefern sie bisherige Ergeb­nisse bestätigen oder verwerfen können. Ihre Funktion und Wirkung soll auf mehreren Ebenen, zwischen Versorgungsbau und Staatsdenkmal, diskutiert werden. Konkret erge­ben sich folgende Fragen: Welche kaiserlichen Bauten aus claudischer Zeit sind nach­weisbar? Welcher der drei genannten Gruppen kann man sie zuordnen? Wie stark sind die Grossbauprojekte von Staatsdenkmälern und Volksbauten wirklich abzugrenzen? Wie deutlich sind Funktionalität und Repräsentation dort trennbar? Wie lassen sich die Bauten auf Claudius und seine Herrschaft beziehen? Lässt sich ein übergeordnetes Programm erkennen? Beginnen möchte ich diese Überlegungen mit dem historischen Hintergrund. Ein kurzer Abriss und eine zusammenfassende Biographie des Claudius sind notwendig, um die gestellten Fragen in vollem Umfang angehen zu können. Vor allem sein Charakter, seine Machterlangung und die damit verbundene Art seiner Herrschaft sollen betrachtet werden. Daran anschliessend folgt ein deskriptiver Teil, welcher sich mit den oben ge­nannten Gruppen von Bauwerken auseinandersetzt und einiges an Basisliteratur dazu zusammenfasst. Denn es ist mir in dieser Arbeit auch ein wichtiges Anliegen, die wichtigs­ten Bauten des Claudius in einem Schriftstück unterzubringen. So sollen dann alle rele­vanten und gesicherten kaiserlichen Bauwerke Erwähnung finden und, sofern der Befund es zulässt und soweit es für die Fragestellung relevant ist, auch etwas genauer beschrie­ben werden. In besonderem Masse gilt dies natürlich für die Ingenieurbauten, welche als Schwerpunkt ohnehin einer genaueren Betrachtung unterliegen und somit an erster Stelle stehen. Als Vergleichswert für die Aussagekraft der Grossbauprojekte sollen dann noch die wichtigsten Staatsdenkmäler und Volksbauten Erwähnung finden. Nach Abschluss dieser zwei Stufen (Geschichte und Befund) werden dann die oben aufgeführten Fragestellungen angewandt und diskutiert. Für die Einteilung der Bauten werden die genannten Gruppen genauer besprochen und definiert. Deren Charakteristika werden extrahiert und mit den Bauwerken abgeglichen. Die daraus resultierende Kategorisierung soll ebenfalls bespro­chen und hinterfragt werden. Abschliessend sollen die gewonnenen Erkenntnisse und Er­gebnisse auf Claudius und seine Herrschaft bezogen werden. Auch hier steht die Aussa­gekraft der Ingenieurbauten im Zentrum des Interesses und muss sich einem Vergleich mit derjenigen der Staatsdenkmäler und Volksbauten stellen. Die im Freiburger Symposium gestellte Frage 'Episode oder Umbruch?' soll auch hier gestellt und um den Zusatz 'oder logische Konsequenz?' ergänzt werden.

An dieser Stelle soll nun noch die wichtigste Literatur erwähnt werden, welche für diese Arbeit genutzt wurde. Von den antiken Quellen ist an erster Stelle auf jeden Fall Sueton zu nennen, welcher mit den Kaiserviten einen wichtigen, wenn auch teils gefärbten, Einblick in das Leben des Claudius gibt5. Nicht weniger wichtig sind die Annalen des Tacitus und die Römische Geschichte von Cassius Dio6. Sie alle lebten zwar nach Claudius' Herr­schaft, was sie natürlich weniger verlässlich erscheinen lässt als einen Zeitgenossen. Doch die Anzahl der Überlieferungen lässt immerhin einen Vergleich zu, wodurch wieder­kehrende Fakten teils einfacher herauszufiltern sind. Neben diesen historischen Werken sind für die Bauten vor allem Plinius der Ältere und Frontinus verwendet worden7. Sie bei­de haben Claudius noch erlebt, wenn auch in jungen Jahren, und liefern durch ihre Be­schreibungen sehr umfangreiche und meist auch sachliche Hinweise. Da hier viele Teilbe­reiche angesprochen, aber nicht in vollem Umfang diskutiert werden können, ist die Liste der modernen Fachliteratur natürlich dementsprechend lang. Es sollen hier also nur die wichtigsten Überblickswerke zu Claudius und seiner Herrschaft aufgezählt werden. Am hilfreichsten stellte sich dabei der Band von Volker Michael Strocka heraus, welcher mit zahlreichen Beiträgen namhafter Altertumswissenschafter zu einem Symposium über Claudius' Regierungszeit erschienen ist (siehe Anm. 4). Die dort erarbeiteten Fragestel­lungen und Ergebnisse liefern ein äusserst umfangreiches Bild und dienen somit auch als Grundlage und Ausgangspunkt dieser Arbeit. Auf historischer Ebene war dies die Biogra­phie des Claudius von Barbara Levick8. Sie kann wohl als eines der umfangreichsten und meist genutzten Werke zu dieser historischen Persönlichkeit gesehen werden. Als theore­tische Grundlagen dienten vor allem der bereits erwähnte Aufsatz von Paul Zänker (siehe Anm. 2), Tonio Hölschers Abhandlung zur zeitgenössischen Wahrnehmung von Staats­denkmälern9, Marianne Bergmanns Artikel zur Repräsentation10 sowie ein weiterer Artikel von Zänker zur Schaffung und Wirkung von Bild-Räumen11. Wie erwähnt, ist das natürlich nur ein kleiner Ausschnitt und hier nicht erwähnte Werke dürfen keinesfalls als weniger wichtig angesehen werden.

2. Kaiser Claudius

Da die im Folgenden vorgestellten Bauten nicht nur allgemein als kaiserliche, sondern speziell als Bauprojekte des Kaisers Claudius betrachtet werden sollen, macht es sicher­lich Sinn, den Auftraggeber und Initiator an dieser Stelle kurz etwas genauer zu betrach­ten. Neben den wichtigsten Daten und Ereignissen seines Lebens und seiner Regierungs­zeit soll auch auf seinen in der Literatur teils heftig diskutierten Charakter eingegangen werden. Da die Intention der Bauprojekte ebenfalls Teil der Fragestellung ist, muss auch der Einfluss der Freigelassenen und Frauen mit in die Betrachtung einfliessen. In diesem Zusammenhang möchte ich im zweiten Teil dieses Kapitels ebenfalls auf den möglichen und diskutierten Darstellungswandel unter Claudius eingehen, um abschätzen zu können, ob ein solcher eventuell an den für diese Arbeit gewählten Bauprojekten ebenfalls fassbar ist.

2.1 Biographischer Abriss

Geboren wurde der vierte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie am 1. August 10 v. Chr. in Lugdunum, dem heutigen Lyon, als Tiberius Claudius Drusus, Grossneffe mütterlicher­seits des damals noch herrschenden Augustus. Sein Vater, ein bekannter und beliebter Feldherr, starb bereits, da war Claudius knapp ein Jahr alt. Seine Kindheit und Jugend waren für einen späteren Kaiser des Römischen Imperiums eher ungewöhnlich. Das liegt jedoch hauptsächlich daran, dass er nie als solcher gehandelt wurde12. Er war wohl ein eher kränkliches Kind und litt unter diversen Einschränkungen. So soll erfür einen Spröss­ling der kaiserlichen Familie keine angenehme Erscheinung gewesen sein, was jedoch nicht direkt mit seinem Aussehen zu tun hatte als viel mehr mit seiner Haltung und seinem Verhalten. Zudem stotterte er und hatte offenbar allgemein Mühe, sich auszudrücken. All diese Symptome führte man zudem auf eine begrenzte Intelligenz sowie Faulheit zurück13. So wurde Claudius in jungen Jahren stark vernachlässigt und von der Öffentlichkeit fern­gehalten, da man die Familie nicht blamieren wollte14. Ihm selbst wurde nichts zugetraut, sodass er auch lange Zeit keine beziehungsweise keine wichtigeren und prestigeträchti­gen Ämter innehatte, wie es für ein Mitglied der kaiserlichen Familie ansonsten selbstver­ständlich gewesen wäre. Er wurde stets heftig kritisiert und beinahe wie ein Aussätziger behandelt. Als ihm nach Augustus' Tod im Jahre 14 n. Chr. auch Tiberius den Einzug in den cursus honorum verwehrte, gab Claudius die Hoffnung auf, jemals politisch aktiv wer­den zu können15. So zog er sich auch selbst zurück und widmete sich seinen Studien. Er verfasste unter anderem Werke zur Geschichte der Römer, Etrusker und Karthager, wel­che heute bedauerlicherweise allesamt verlorengegangen sind16. Vermutlich da sich Clau­dius, trotz seiner Abgeschiedenheit, in der Öffentlichkeit einer gewissen Beliebtheit erfreu­te, machte ihn Caligula nach seinem Amtsantritt 37 n. Chr. zum Mitkonsul, obwohl ihm auch dort Demütigungen nicht erspart blieben17. So ist es also durchaus wahrscheinlich, dass er von der Ermordung des Caligula im Januar 41 n. Chr. gewusst hatte - der Initiator Cassius Chaerea war ebenfalls öfters das Opfer von Caligulas Spott geworden18 -, wenn auch nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, in welchem Umfang er an der Verschwö­rung beteiligt gewesen war19. Die Streitkräfte Roms spielten immer schon eine starke machtpolitische Rolle. Doch noch nie zuvor hatten sie einen Herrscher so direkt auf den Thron gehoben wie im Falle des Claudius. Die Prätorianer riefen ihn zum Imperator aus und erzwangen somit mehr oder weniger eine Zustimmung des Senates. Zudem wurde ihnen wohl von Claudius eine beträchtliche Summe angeboten, womit er sich also sein Leben und die Herrschaft erkauft hätte, ebenfalls ein Novum damals, zumindest auf solch direkte Art und Weise. Als Princeps zeigte sich Claudius nun sehr viel geschickter als man es hätte annehmen können. Seine körperlichen Leiden schienen weniger prominent und trotz seiner zahlreichen Demütigungen war Rache an alten Peinigern nicht seine Priori­tät20. Es war wohl vielmehr so, dass die Zurückweisung in seiner Kindheit solche Spuren hinterlassen hatte, dass er sich selbst nicht als 'echten' Kaiser sah. Denn wo es nur mög­lich war, versuchte er, sich und seine Position zu legitimieren. Doch dazu soll im zweiten Teil des Kapitels mehr gesagt werden. Hier sollen lediglich noch einige wichtige Ereignisse im Leben des Claudius genannt werden. An erster Stelle wäre da wohl die Eroberung Bri­tanniens im Jahre 43 n. Chr. zu nennen, welche auch eher als Aneignung bezeichnet wer­den könnte, da zu dem Zeitpunkt lokale Streitigkeiten eine nennenswerte Gegenwehr ver­unmöglichten und dem römischen Angriff somit nicht viel entgegenzusetzen war21. Den­noch war es bisher niemandem gelungen, diese Insel oder zumindest einen Teil davon langfristig für das Römische Imperium zu sichern. Auch wenn Claudius selbst nur knapp zwei Wochen vor Ort war und man extra gewartet hatte, damit er das Kommando für den finalen Schlag übernehmen konnte, liess er es sich natürlich nicht nehmen, diesen Sieg in einem Triumphzug in Rom zu feiern22. Neben diesem militärischen Erfolg gelang es ihm während seiner Herrschaft an verschiedenen Stellen, das Römische Reich durch die Schaffung beziehungsweise Eingliederung neuer Provinzen zu erweitern23. Abseits der Politik war Claudius in weiteren Bereichen wie der Rechtsprechung, geschichtlichen Stu­dien und sakralen Belangen sehr engagiert. Darauf möchte ich jedoch vor allem im nächs­ten Kapitel zum Wesen des Kaisers eingehen. Seine Bautätigkeit möchte ich noch kurz einführend zusammenfassen, da sie ja den Hauptteil dieser Arbeit bildet. Es sind vor allem vier Projekte, auf welche ich eingehen möchte. Das mit Sicherheit grösste Vorhaben bilde­te die neu angelegte Hafenanlage Portus, welche Rom den ersten Meereshafen bescher­te. Ebenfalls in die Kategorie Verkehr und Transport gehört die Via Claudia Augusta, wel­che Altinum (und evtl. Ostiglia am Po) mit dem heutigen Augsburg und der Donau ver­band. Die Aqua Claudia sowie der Anio Novus und die Entwässerung des Fuciner Sees zählen jedoch zu Leistungen im Bereich der Hydrotechnik und dienten beide der Versor­gung, sowohl direkt durch Wasser als auch indirekt durch die Schaffung von Agrarland (siehe Kap. 4). Es sei an dieser Stelle noch das Ableben des Herrschers erwähnt. Einig sind sich die Quellen darin, dass der Tod früh morgens am 13. Oktober 54 n. Chr. einge­treten ist. Wie genau es dazu kam, kann letztlich nicht geklärt werden, was schon in der Antike für Theorien gesorgt hatte. So sind sich die meisten Autoren einig, dass Claudius von seiner Frau mit einem Pilzgericht vergiftet wurde. Ebenso ist es jedoch denkbar, dass der giftige Pilz unbeabsichtigt in sein Mahl gelangte. Dass seine letzte Frau zumindest ei­nen gewissen Anteil daran hatte, ist jedoch gut möglich, da sie offenbar andere Ziele be­züglich der Thronfolge ins Auge gefasst hatte als Claudius24.

2.2 Das Wesen des Kaisers

Nach dem kurzen Überblick über das Leben und die Regierungszeit des Kaisers Claudius möchte ich nun einen Blick auf sein Wesen und seinen Charakter werfen, da beide für die spätere Interpretation seiner Bauvorhaben von Bedeutung sein werden. Die antiken Auto­ren zeichnen ein durchweg negatives Bild von Claudius. So wird er deutlich als dümmlich oder gar wahnsinnig geschildert, nicht Herr seiner Taten und Beute seiner Triebe. Er habe quasi aus reinem Instinkt, aus dem Bauch heraus Entscheide getroffen, ohne sich die Mü­he grösserer Überlegungen zu machen. Auch wenn das so nie explizit erwähnt wird, erin­nern die Beschreibungen an ein Kind im Körper eines Erwachsenen. Hinzu kommt die ihm zugeschriebene Leichtgläubigkeit, die ihn, so die antiken Autoren, zu einem leichten Ziel für zahlreiche Manipulationen hatte werden lassen. Dies war auch einer der grössten Kri­tikpunkte. Ganz besonders deshalb, da die ihn Manipulierenden in seinen Ehefrauen und den Freigelassenen gesehen wurden, wobei er Letztere in einem für seine Position unge­wöhnlichen Masse gerne um sich hatte und denen er auch wichtige Ämter anvertraute25. Nun ist es wichtig, zu betrachten, wer die Autoren waren oder genauer, woher sie stamm­ten. Sie alle gehörten der nobilitas an und ergriffen in ihren retrospektiven Schriften meist Partei für den Senat, welcher mit Claudius nicht sonderlich zufrieden gewesen war. So gab es mehrere Putschversuche und sogar einen grösseren Aufstand, was zu zahlreichen Hin­richtungen geführt haben soll26. Geschichtsschreibung ist immer eine Konstruktion und somit immer zu einem Teil subjektiv. In diesen Fällen kommt jedoch verschärfend hinzu, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ganz bewusst ein negatives Bild des Kaisers gezeigt werden wollte. Ihren Höhepunkt fanden diese Schriften in Senecas Apoco- locyntosis27. Entscheidend ist hierbei natürlich die Selektion. Es werden meist nicht alle Fakten genannt, sondern lediglich jene, welche als Untermauerung der vorangestellten Meinung dienen. Sueton hingegen war sehr ausführlich in seiner Biographie des Claudius, doch wendete er einen ähnlichen Stil an. Er versuchte durchaus alle Taten und Entschlüs­se des Kaisers aufzuzählen, jedoch blieb er bei vielen sehr nüchtern und sachlich, schmücktejedoch die pikanteren Details mit bunten Anekdoten aus oder liess bei positiven Entscheidungen andere Personen die Fäden ziehen, womit wieder auf die Beeinflussbar- keit des Claudius hingewiesen wurde. In der modernen historischen Forschung wurde na­türlich versucht, ein umfassenderes und objektiveres Bild zu erreichen, wenn auch hier die Meinungen nach wie vor auseinander gehen. Dass er nicht geistig zurückgeblieben oder ein Idiot, wie er auch genannt wurde, gewesen sein kann, zeigt sich bereits in seiner frü­hen Beschäftigung mit der Geschichte Roms und später bei seinen zahlreichen Reformen verwaltungstechnischer Art. Ich denke, viele seiner späteren Eigenschaften und Taten las­sen sich, und das mag nun recht klischeehaft wirken, durch seine Kindheit und Jugend erklären. Wir haben einen Jungen vor uns, der in die höchst denkbare Gesellschafts­schicht seiner damals bekannten Welt geboren wurde, in die kaiserliche Familie des Rö­mischen Imperiums, eine Position mit enormem Potential und ebenso hohen Erwartungen. Schon früh wurde ihm jedoch sehr klar vor Augen geführt, dass er diese Erwartungen nicht erfüllte, ihnen nie gerecht werden würde. Seine Verwandtschaft liess ihn deutlich spüren, dass sie sich für ihn schämen musste und dass er nicht zu ihnen passte. In seinen Studien wurde er zwar unterstützt, doch war das auch nichts, womit er in der Öffentlichkeit als Mit­glied der Familie hätte auftreten oder als Repräsentant jener wahrgenommen werden kön­nen. Überall wo jedoch diese Möglichkeit bestanden hätte, wurde er mit äusserster Vor­sicht verborgen28. Selbst auf sein Drängen hin erlaubte ihm Tiberius nicht, in den cursus honorum einzutreten. Eine Schmach, die Claudius sicher nicht einfach wegzustecken vermochte. Und selbst als er unter Caligula zum Mitkonsul ernannt wurde, blieben ihm die öffentlichen Demütigungen nicht erspart. Auch wenn er in der Öffentlichkeit, wie bereits erwähnt, ein gewisses Ansehen gemessen durfte, so waren es doch gerade seine nahen Bekannten und Verwandten, welche ihm genau das versagten. Ich denke, dass sich dadurch bereits einiges erklären lässt. Ein 'Idiot' war Claudius sicher nicht, körperliche Mängel Hessen ihn jedoch wohl vom Ideal abweichen. Viel entscheidender ist jedoch, mei­ner Meinung nach, dass er nie auf eine öffentliche Rolle, schon gar nicht auf die des Kai­sers, vorbereitet worden war. Viele Verfehlungen, die ihm von den antiken Autoren gerade in seinem Verhalten vorgeworfen wurden, waren vermutlich lediglich auf eine grosse Un- beholfenheit zurückzuführen. Denn im politischen und diplomatischen Umfeld im Speziel­len aber auch im sozialen Umgang im Allgemeinen dürfte jemand mit einer solchen Ver­gangenheit wohl einige Defizite aufgewiesen haben. Diese Unsicherheit würde auch die vielen Rückbezüge auf Augustus (siehe unten) und die Etablierung alter Kulte und Rituale erklären. Er hatte wohl ein starkes Bedürfnis, sich und seine Herrschaft zu legitimieren und sich gleichzeitig beliebt zu machen. Schliesslich hatte er ja zusätzlich durch die Ermor­dung Caligulas erfahren, wie wichtig es selbst für einen Kaiser war, sich in den richtigen Kreisen Freunde zu machen. Nun könnte man meinen, dass dann all die Hinrichtungen und Vorsichtsmassnahmen, die Claudius veranlasst hatte, dem widersprechen würden. Doch tatsächlich passen sie, meiner Meinung nach, sehr wohl ins Bild. Denn auch dies war ein Produkt seiner Unsicherheit und der Demütigungen, die er erleben musste. Ob­wohl er sich beliebt machen wollte, war er unfähig, den meisten Leuten zu vertrauen. Wenn jedoch jemand sein Vertrauen gewonnen hatte, so hatte derjenige offenbar einen starken Einfluss, wie man es seinen Frauen und den Freigelassenen, die Claudius zu sei­nen Beratern gemacht hatte, nachsagte. Ob sein Interesse an der Rechtsprechung eben­falls auf die Ungerechtigkeiten zurückzuführen sind, welche Claudius in jungen Jahren erlebte, muss ebenfalls Spekulation bleiben, doch würde es ebenso in das Bild passen. Abschliessend kann man wohl sagen, dass wir es mit einem Kaiser zu tun haben, der nie auf diese Rolle vorbereitet worden war. Während er in theoretischen Belangen durchaus kompetent war und nachvollziehbare Schlüsse zog, so kam ihm eine enorme Unsicherheit und Unbeholfenheit in die Quere, sobald eine soziale Komponente hinzukam und er direkt mit Menschen zu tun hatte. Ein solches Verhalten führte natürlich zu einem öffentlichen Auftreten, dass alles andere als souverän war und deshalb wohl einen schlechten Ein­druck hinterlassen hatte. Sein mit seiner sozialen Inkompetenz verbundener Jähzorn und seine gelegentliche Paranoia wirkten in dieser Hinsicht verstärkend.

2.3 Der Stilwandel unter Claudius

Dieses Kapitel kann hier nur kurz gefasst werden, da es ansonsten der späteren und ab­schliessenden Diskussion zu viel vorweg nehmen würde. Es sollen an dieser Stelle ledig­lich auf die in der Fachliteratur diskutierte Frage nach einem Stilwandel unter Claudius hingewiesen und gewisse Antworten darauf sowie Gedanken dazu vorgestellt werden. In verschiedenen Kunstformen wurden Änderungen unter Claudius festgestellt, so zum Bei­spiel in den Porträts oder der Wandmalerei29. In beiden Fällen werden Rückbezüge auf vorige Herrscher und Persönlichkeiten, allen voran Augustus, feststellbar. Es werden also Formensprache und Bildsemantik aus früheren Zeiten übernommen und es stellt sich die Frage: Wieso? Mit dem Bezug auf Augustus wurde schon bald eine gewisse Legitimation gesehen. Doch stellt sich nun die Frage, inwiefern das bewusst gesteuert wurde und von wem aus dies initiiert worden war. Hat es einen einfach an bessere Zeiten erinnert oder war es eine ganz klare politische Botschaft? Hat Claudius sich also bewusst angeschaut, wie es Augustus gemacht hatte und dies dann kopiert, um zu zeigen, dass er auch so sein kann? Wenn ja, stellt sich die Frage, von wem und ob das überhaupt verstanden wurde. Vielleicht hatte man ja auch nur einen gewissen Stil bevorzugt, der einen, wie erwähnt, einfach an bessere Zeiten erinnerte, ohne dass man sich dessen Herkunft genau bewusst war. Wir sehen hier also klar, dass Vorhandensein, Auswahl und Verständnis eines neuen Stils unter Claudius vieles zu diskutieren gibt. Und wir werden sehen, denke ich, dass sich diese Diskussion teilweise problemlos auf architektonische Leistungen, wie zum Beispiel die Ingenieurbauten, ausweiten lässt.

3. Portus

3.1 Forschungsgeschichte

Die Hafenanlage Portus, und somit auch das claudische Hafenbecken, bietet zur wissen­schaftlichen Erschliessung ein etwas unstetes Bild. Einerseits stellt sie einen dankbaren Forschungsgegenstand dar. Denn es handelt sich um einen seit langem bekannten Fund­ort und -komplex, der sicher zu datieren und in die historische Ereignisgeschichte einzu­ordnen ist. Dies ist unter anderem deshalb möglich, da die Anlage in einigen Quellen ver­schiedener Gattungen überliefert ist. Da wären einerseits die bildlichen Quellen zu nen­nen. Münzen zum Beispiel können uns einen ungefähren Eindruck vermitteln, wie die An­lage zur Zeit ihrer Nutzung ausgesehen oder zumindest auf zeitgenössische Betrachter und Besucher gewirkt haben mag (Abb. 9. 10). Es sind jedoch vor allem die schriftlichen Quellen, welche die klare Einordnung in den historischen Kontext zulassen. Dank, unter anderem, Plinius dem Älteren, Sueton, Tacitus und Cassius Dio30 haben wir eine breit ab­gedeckte Quellenlage, die es erlaubt, zwischen den teils subjektiven und politisch gefärb­ten Kommentaren auch die Fakten herauszufiltern. Der archäologische Befund vor Ort ist andererseits etwas problematischer. Wie eben erwähnt, war die Lokalität schon längere Zeit bekannt, sie ging eventuell sogar nie ganz vergessen, und mit Sicherheit identifiziert. Eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung hat jedoch lange Zeit nicht stattgefun­den. Zu lange lag die Anlage im Schatten Ostias, was eine gewisse Ironie in sich trägt. Wurde doch Portus angelegt, um den Flusshafen von Ostia zu entlasten und zu einem gewissen Grad sogar abzulösen. Vor allem der Siedlungscharakter Ostias hat grosses Interesse geweckt. Man sah ihn als Spiegel des stadtrömischen Lebens, welches durch die moderne Überbauung vor Ort nur schlecht zu rekonstruieren ist. Hinzu kommt, dass das Gelände um die kaiserzeitliche Hafenanlage früh in privaten Besitz kam, was eine wissenschaftliche Erschliessung ebenfalls erschwerte.

Doch betrachten wir die Forschungsgeschichte etwas detaillierter. Im Mittelalter und in der Renaissance wurde der Fundort hauptsächlich als Steinbruch genutzt. Marmor wurde ab­getragen oder gleich vor Ort zu Kalk verbrannt31, wie wir Archäologen das leider zu oft auf Grabungen feststellen müssen. Die geraubten Antiquitäten lockten jedoch auch Forscher und Interessierte nach Portus, welche uns immerhin einige Bilder und Beschreibungen hinterlassen haben (Abb. 5-7), wobei die ältesten uns heute bekannten Dokumente aus dem 15. Jahrhundert stammen32. Wenn auch diese Karten und Pläne immer einen fantas­tischen und rekonstruktiven Anteil haben, so vermochten sie doch immerhin bis zu einem gewissen Grad den damaligen Zustand der Anlage zu vermitteln und bildeten vor allem einen Ausgangspunkt für spätere Untersuchungen. Hervorzuheben sind vor allem die spä­teren Arbeiten von Carlo Fea, Antonio Nibby und Rodolfo Lanciani33, welche im 19. Jahr­hundert einige nützliche Daten lieferten und festhielten, wenn man auch, vielleicht mit Ausnahme Lancianis, nicht von einer systematischen archäologischen Erschliessung sprechen kann. Während nun in Ostia seit 1870 von staatlicher Seite her gegraben wurde, blieb Portus diese Behandlung verwehrt. Das Gelände um die Hafenanlage war seit 1796 in privatem Besitz, seit 1856 gehörte es der Familie Torlonia34. Erst 1907 erhielt Jérôme Carcopino die Erlaubnis, einige Untersuchungen vorzunehmen, welche jedoch keine grös­seren Ergebnisse lieferten. Ihm folgten Guido Calza sowie Giuseppe Lugli und Goffredo Filibeck in den 20er und 30er Jahren mit nun systematischerem Vorgehen, wobei Ersterer vornehmlich das Trajanische Hafenbecken untersuchte35. Die intensive archäologische Erforschung und Erschliessung startete nach der Mitte des 20. Jahrhunderts bedauerli­cherweise nicht aufgrund wissenschaftlichen Tatendrangs, sondern wegen des Baus des Flughafens Fiumicino. Der Grossteil der modernen Forschungsarbeiten, wenn auch gründ­lich ausgeführt, wurde also im Laufe von mehreren Notgrabungen vorgenommen. Die nützlichste Publikation dabei bildet vermutlich die Übersicht von Otello Testaguzza36. In den Jahren 1981-1989 gelangte das Gelände der Hafenanlage teilweise in staatlichen Be­sitz, womit die archäologischen Arbeiten vereinfacht wurden. Gerade im Bereich des clau- dischen Hafenbeckens wurden in den 90er Jahren gründlichere Arbeiten durchgeführt. Das wohl umfassendste Werk zur gesamten Hafenanlage Portus entstand aus einem Feldprojekt, das zwischen 1997 und 2004 von der British School at Rome, der Soprinten­denza per i Beni Archeologici di Ostia und den Universitäten von Southampton, Durham und Cambridge durchgeführt worden war. Für eine detaillierte Auflistung der Forschungs­geschichte möchte ich ebenfalls auf dieses Werk verweisen37. Es wurden Oberflächensur- veys und geophysikalische Prospektionen unternommen, um die Ausdehnung und Ent­wicklung der Anlage und Siedlung ohne destruktive Massnahmen erforschen zu können.

3.2 Historischer Hintergrund

Von Sueton erfahren wir, dass ein zweiter Hafen bei Ostia bereits von Caesar mehrmals erdacht, aber wegen des Aufwandes nie umgesetzt worden war38. Mit dem Gedanken wurde also schon beinahe ein Jahrhundert vor dessen Umsetzung gespielt. Noch erstaun­licher ist es jedoch, dass es überhaupt so lange gedauert hatte, bis der Hafen Roms aus­gebaut wurde. Schon nach den Punischen Kriegen war Rom zur Seemacht geworden, zumindest für das westliche Mittelmeer. Nach der Zerschlagung der kilikischen Piraten durch Pompeius wurde die Herrschaft auf dem Wasser schliesslich auf das ganze Mittel­meer ausgedehnt. Es wäre also durchaus denkbar gewesen, den Zugang Roms zum Meer bereits zu dieser Zeit auszubauen. Natürlich ist es nicht so, dass das Römische Imperium ansonsten über keine angemessenen Häfen in Italien verfügte. Aber dass gerade das Zentrum dieses Reiches nur über einen Flusshafen mit dem Meer verbunden war, ver­wundert dennoch. Hinzu kommen die lebensnotwendigen Kornlieferungen aus Ägypten, welche enormes politisches Gewicht hatten und hauptsächlich in Puteoli bei Neapel ge­löscht wurden39. Selbst wenn der funktionale Aspekt ausser Acht gelassen wird, wäre der Bau einer zweiten Hafenanlage bei Ostia sinnvoll gewesen. Repräsentation von Macht ist ein Gebiet, auf dem sich die Römer bestens auskannten und das sie geschickt einzuset­zen wussten, bereits zu republikanischer Zeit. Das mare nostrum direkt von Rom aus mit einer angemesseneren Infrastruktur zu erschlossen, wäre also beinahe zu erwarten ge­wesen. Zu diesen Überlegungen soll jedoch an späterer Stelle mehr gesagt werden. So kam es also erst im Jahre 42 n. Chr. zum Beginn der Bauarbeiten nördlich der Tibermün­dung auf Anweisung des Kaisers Claudius. Die Vollendung dieses Bauprojektes hat der Auftraggeber selbst jedoch nicht mehr erlebt. Wann genau der Hafen vollendet wurde, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Die offizielle Einweihung fand möglicherweise im Jahre 64 n. Chr., also gegen Ende von Neros Herrschaft, statt, was durch Münzprägungen vermutet werden kann (Abb. 9. 10)40. Wir haben allerdings schriftliche Quellen, welche eine Nutzung der Anlage bereits vor dieser Zeit belegen beziehungsweise vermuten las- sen41. Es wäre jedoch nicht verwunderlich, wenn der Hafen seine Funktion bereits vor dem endgültigen Abschluss aller Bauarbeiten erfüllt haben könnte. Es ist für die römische wie auch die griechische Antike nicht ungewöhnlich, einen Bau in Betrieb zu nehmen, sobald alle essentiellen Arbeiten abgeschlossen sind, dekorative oder für die Funktion nicht zwin­gend notwendige jedoch noch ausgeführt werden müssen42. Unter Trajan folgte im Jahre 100 n. Chr. dann die Erweiterung derAnlage, unter anderem durch das markante und bis heute sichtbare hexagonale Hafenbecken, womit wir uns jedoch ausserhalb des für diese Arbeit gesetzten Zeitrahmens befinden. Es sei an dieser Stelle jedoch noch erwähnt, dass die Anlage, oder zumindest ein Teil davon, vermutlich bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. in Betrieb war und erst im darauf folgenden Jahrhundert zunehmend verlandete bezie­hungsweise verschlammte43.

3.3 Bauwerk und archäologischer Befund

3.3.1 Topographie

Die Überreste der Hafenanlage Portus befinden sich circa 3.5 km nordwestlich von Ostia und liegen heute gute 2.5 km von der Küste entfernt (Abb. 1-3). Die Sedimentierung durch den Tiber hat also in den letzten 1500 Jahren das lokale Landschaftsbild stark verändert. Das ältere, westliche Becken des Claudius ist vollkommen verlandet, während das Traja- nische Hexagon wieder gefüllt wurde und nun als See von Weitem gut erkennbar ist. Ge­prägt ist die nähere Umgebung heute durch den Flughafen Leonardo da Vinci. Dessen Bau hat zwar einerseits einen nicht geringen Teil des claudischen Beckens überdeckt, an­dererseits ist er auch für die ersten wirklich gründlichen Untersuchungen verantwortlich. Überhaupt ist das Areal von moderner Bebauung umgeben. Das Terminal des Flughafens bedeckt einen Teil des Beckens und der nördlichen Mole. Die Zugstrecke von Rom nach Fiumicino durchläuft die südliche Hälfte des Hafenbeckens. Im Westen begrenzt das Vi­adotto di Acesso all'Aeroporto, im Süden die Via Portuense das Gelände, wobei beide teilweise einschneidend sind. Gerade im Westen ragte das Hafenbecken wohl über die moderne Strasse hinaus. Zwar wurden diese Bauten gelegentlich mit genügend Respekt vor dem archäologischen Befund errichtet, so dass heute noch ein Teil konserviert und zu sehen ist. Dennoch wurden dadurch moderne Untersuchungen deutlich erschwert. Das Land innerhalb dieser eben genannten, modernen Grenzen ist zum Teil nach wie vor Pri­vatbesitz, zum Teil wurde es durch Enteignung in einen archäologischen Park umgewan­delt. Somit setzt es sich aus Park- und Gartenanlagen sowie Farmland zusammen44.

3.3.2 Architektur

Die grossen Molen aus opus caementicium, welche in der Antike in das Meer hinausrag­ten45, gehörten zu den ersten Fundkomplexen, welche ins Zentrum des Interesses rück­ten. Schon früh wurde versucht, ihrem Verlauf zu folgen, um die Form des Hafenbeckens rekonstruieren zu können. Von grosser Bedeutung war dabei die Lokalisierung der Hafen­einfahrt, da die historischen Quellen dort einen Leuchtturm auf einer künstlich geschaffe­nen Insel erwähnen46. Doch ebenso bedeutend war diese Fragestellung im Bezug auf die Ausrichtung der gesamten Anlage. Dies wurde von Cinzia Morelli nach aktuelleren Unter­suchungen neu aufgerollt und diskutiert47 und soll hier nun ebenfalls in zusammengefass­ter Form Erwähnung finden. Auf der Tabula Peutingeriana sowie auf Darstellungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert liegt die Einfahrt deutlich sichtbar im Westen der Gesamtan­lage (Abb. 5. 6). Ab dem 19. Jahrhundert jedoch wurde die Öffnung massiv 'verschoben' und im Norden vermutet (Abb. 7). Morelli macht die zunehmende Verlandung und Ver­sumpfung des Geländes dafür verantwortlich, da das Erkennen, Interpretieren und Rekon­struieren der Ruinen somit deutlich erschwert worden war. Doch auch die fortschrittliche­ren Grabungen des 20. Jahrhunderts führten lange Zeit zu keinem Umdenken in dieser Hinsicht. Lediglich Meiggs (1973) und Lugli (1961) zweifelten an, die Ausrichtung beim damals aktuellen Forschungsstand mit Sicherheit bestimmen zu können48. Selbst Vera Sauer benutzt in ihrem Artikel zu Portus im Neuen Pauly eine Rekonstruktion, welche die Einfahrt des Hafens im Nordwesten annimmt (Abb. 8)49. Morelli ist es jedoch gelungen, den antiken Küstenverlauf, und somit auch die Ausrichtung der Molen, welche darin 'ein­gelassen' waren, zu rekonstruieren. Somit ergibt sich eine Öffnung im Westen mit leichter Neigung nach Südwesten (Abb. 4). Auch die von den antiken Autoren beschriebene Aus­hebung des Hafenbeckens konnte dank den geologischen Untersuchungen nachgewiesen werden50. Die Existenz des Leuchtturms ist aufgrund zahlreicher literarischer Erwähnun­gen nach wie vor in der Nähe der Hafeneinfahrt anzunehmen, bleibt aber zu einem gewis­sen Masse spekulativ. Das Hafenbecken selbst, so wird vermutet, war zweigeteilt. Man spricht hierbei vom Inneren und Äusseren Becken.

Neben dem Hafenbecken sind die Kanäle, deren Aushub uns wohl auch in einer Inschrift51 überliefert sein könnte, die nächst grössten Eingriffe in das Landschaftsbild. Der Nördliche Kanal führt, wie der Name vermuten lässt, nördlich an Portus vorbei und verbindet mit sei­ner leichten Nordwest-Südost-Ausrichtung den Tiber mit der antiken Küste und wurde vermutlich nur zur Entlastung bei Hochwasser angelegt sowie möglicherweise zum Trans­port während der Bauarbeiten am Hafen52. Südlich der Anlage befinden sich der Canale di Communicazione Trasverso und die sogenannte Fossa Traiana, welche zusammen das Innere Becken mit dem Tiber verbinden und in der neueren Forschung ebenfalls in claudi- sche Zeit datiert oder zumindest dem ursprünglichen Bauplan zugeordnet werden53. Hier kann wohl von der primären Aufgabe ausgegangen werden, die in Portus selbst gelösch­ten Waren auf kleineren Schiffen nach Rom zu transportieren. Doch auch die Fossa Traia­na war mit dem Meer verbunden und hat somit wohl ebenfalls zur Entlastung beigetragen. Während also Form und Anbindung der Hafenanlage bis zu einem gewissen Grad rekon­struiert werden können, ist die architektonische Ausgestaltung durch Gebäude wesentlich schwieriger zu fassen. Das liegt unter anderem an der Überbauung durch die trajanische Anlage, welche Portus nicht nur durch ein weiteres Becken im Osten ergänzte, sondern vorhandene Bauten miteinbezog und teilweise erneuerte oder umbaute. Anzunehmen sind sicher drei Arten von Gebäuden. Da wären an erster Stelle die funktionalen Bauten, wel­che ein Hafen perse mit sich bringt. An- und Verkaufsräumlichkeiten, Umschlagplätze und vor allem die Lagerhallen dürften wohl den meisten Platz in Anspruch genommen haben. Des Weiteren muss mit einem nicht geringen Anteil repräsentativer Architektur gerechnet werden. Als kaiserliches Bauprojekt und gleichzeitig erster Meereshafen Roms hätte das Bauvorhaben kaum prestigeträchtiger ausfallen können. Claudius wird es sich nicht haben nehmen lassen, dies auch für alle Besucher deutlich sichtbar zu machen. Die dritte Art von Bauten verschmilzt in gewisser Hinsicht mit den anderen Kategorien. Es handelt sich um die sakralen Bauwerke, welche ebenfalls nicht gefehlt haben dürfen. Architektonisch sind sie zwar meist klar zu definieren und von anderen zu unterscheiden. Doch da die Religion in der römischen Antike als allgegenwärtig angesehen werden muss, ist es immer fraglich, ob es sinnvoll ist, den sakralen Bereich in solchen Zusammenstellungen einzeln aufzufüh­ren. Ich möchte es der Übersicht halber an dieser Stelle tun und wegen des begrenzten Umfangs dieser Arbeit auf eine weiterführende Diskussion diesbezüglich verzichten.

Es soll nun noch eine Auswahl an architektonischen Funden genannte werden. Für die spätere Diskussion ist vor allem die Gesamtkomposition von Bedeutung und detailliertere Beschreibungen sollen allenfalls dort nachgereicht werden. Um den Monte Giulio wurden zahlreiche Grundmauern freigelegt, welche wohl grösstenteils dem funktionalen oder mer­kantilen Bereich zugeordnet werden könnten, was letztlich jedoch nicht mit Sicherheit be­stätigt werden kann. Ein sich ebenfalls dort in der Nähe befindlicher Rundbau wurde je­doch etwas ausführlicher diskutiert. An prominenter Stelle errichtet, könnte er möglicher­weise zu einer Art Leitsystem für einfahrende Schiffe gedient und zusammen mit dem Leuchtturm auch die Navigation ausserhalb der Molen bei einer Anfahrt erleichtert haben. Das Innere Hafenbecken, auch mit dem italienischen Begriff Darsena bezeichnet, und die angrenzenden Gebäude gehören zu jenen Forschungsgegenständen, deren Ursprung stark durch die trajanische Bauphase verhüllt wurde. Mit vermutlich zahlreichen Lagerhal­len und an der Durchfahrt zur Fossa Traiana, beziehungsweise später zum trajanischen Hexagon, war dies sowohl zu claudischer Zeit als auch später ein zentraler Ort im tägli­chen Geschehen des Hafenbetriebes54.

Auch wenn viele Details noch verborgen bleiben oder eventuell sogar nie mehr rekonstru­iert werden können, so lässt sich die Anlage im Grossen und Ganzen doch immerhin in Ausmass und Anbindung erahnen. Die architektonische Binnenkomposition des Gross­bauprojektes kann leider auch nur vermutet werden. Wir können zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, welche Bauten, oder zumindest welcher Art von Bauten, wir zu erwarten haben. Doch die Zuweisung zu den Befunden ist leider nicht gesi­chert. Dennoch verfügt das gewaltige Bauvorhaben über eine starke Aussagekraft.

4. Der Emissär am Fuciner See

4.1 Forschungsgeschichte

Die erste bekannte Publikation zum Abflusskanal des Fuciner Sees stammt aus dem Jahre 1678 von einem gewissen Phoebonicus und war in seine Geschichte der dort wohnhaften Marser eingebettet55. Doch bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts soll es die ersten Bestrebungen gegeben haben, den Tunnel wieder in Betrieb zu nehmen56. Bis in das 19. Jahrhundert sind zahlreiche Beschreibungen des Emissärs entstanden, deren Autoren noch Zugang zum antiken Bauwerk hatten. An dieser Stelle möchte ich auf die zusammen­fassende Aufführung der Schriften bei Klaus Grewe verweisen57. In den Jahren 1790 und 1842 versuchte man vergeblich eine erneute Instandsetzung der verfallenen Anlage. Im selben Jahrhundert wurde durch den Prinzen Alexander Torlonia dann ein Neubau initi­iert58. Da man jedoch für den neuen Tunnel die Trasse der antiken Anlage wählte, wurden alle Überreste aus römischer Zeit somit vollkommen zerstört, weswegen neue Arbeiten nur noch rekonstruktiv ausgeführt werden können. Dies hat der Erforschung jedoch keinerlei Abbruch getan. So wurden auch in den letzten 20 Jahren noch neue Forschungen veröf­fentlicht, unter anderem von Konrad Peters und Mathias Döring59.

4.2 Historischer Hintergrund

Wie bei Portus soll auch der Bau des Tunnels am Fuciner See bereits von Caesar in Er­wägung gezogen worden sein, so ist es jedenfalls abermals bei Sueton erwähnt60. Die Gründe für das Vorhaben scheinen dabei recht klar gewesen zu sein. Da scheinbar das Einzugsgebiet des Sees eine immense Fläche einnahm und somit enorme Mengen an Regenwasser aufnehmen konnte, führte das zu einem teils 20m hohen Anstieg des Was­serpegels und einer Vergrösserung der Wasserfläche um etwa 75km2, was verheerende Überschwemmungen zur Folge haben konnte61. Die Bevölkerung, welche um den See lebte, hatte offenbar bereits Augustus ersucht, etwas gegen diese omnipräsente Gefahr zu unternehmen62. Warum gerade Claudius das Projekt dann verwirklichte, ist unklar und soll später noch diskutiert werden. Die Vorteile, sollte das Vorhaben gelingen, waren jedoch klar. Die Überschwemmungen hätten ein Ende, zusätzliches Ackerland wäre gewonnen und nicht zuletzt natürlich der Ruhm und das Ansehen, welche mit der erfolgreichen Um­setzungen eines solchen Bauvorhabens verbunden gewesen wären. In den Quellen ist eine Dauer der Bauarbeiten von elf Jahren erwähnt, wobei ohne Unterbruch gearbeitet worden sei und ständig 30Ό00 Mann beschäftigt waren. Zudem ist anzunehmen, dass le­diglich eine Regulierung des Wasserstandes und keine endgültige Trockenlegung geplant war63. Während die Dauer der Arbeiten durchaus glaubwürdig scheint, so stimme ich Klaus Grewe zu, dass die Anzahl der Arbeiter wohl als Übertreibung verstanden werden muss, welche lediglich auf den enormen Aufwand hinweist64. Die Bedeutung, die dem Bauvorhaben beigemessen wurde, wird auch durch die aufwendige Feier zur Einweihung und Inbetriebnahme des Tunnels deutlich. Bevor das Wasser abgelassen wurde, veran­staltete Claudius eine Naumachie auf dem See65. Von Erfolg gekrönt war der ganze Auf­wand, glaubt man den antiken Quellen, jedoch nicht. Sie erwähnen mehrfach, dass beim Bau des Tunnels unsorgfältig gearbeitet und an Materialien gespart wurde, weswegen es bei der Einweihung zum Einsturz des Tunnels gekommen sei66. Bereits unter Claudius waren also Reparaturen und Erweiterungen notwendig, welche wieder gefeiert wurden, diesmal mit einem Gastmahl und einem Fechtkampf. Doch auch im zweiten Anlauf gelang es scheinbar nicht, den Abfluss fehlerfrei in Betrieb zu nehmen. Und auch dieses Mal wird der Freigelassene Narcissus beschuldigt, beim Bau gepfuscht zu haben67. Funktionstüch­tig war der Abflusskanal erst unter Traian und Hadrian, doch schon bald wurde die für ei­nen solchen Bau notwendige Wartung unterlassen, was bald nach dem Untergang des Römischen Reiches zum Einsturz geführt haben muss. Auch Versuche, im Mittelalter die Anlage wiederherzustellen, scheiterten scheinbar68. Das Fürstenhaus Torlonia ermöglichte erst in den Jahren 1854 bis 1876 den Neubau des Tunnels, um den See schliesslich ganz zu entwässern. Obwohl man die antiken Reste aus römischer Zeit untersuchte, wurden sie durch die neue Anlage vollkommen zerstört69.

4.3 Bauwerk und archäologischer Befund

Wie bereits erwähnt, ist von der antiken Bausubstanz kaum etwas erhalten, da beim Bau des Torlonia-Tunnels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die gleiche Streckenfüh­rung verwendet wurde und die antiken Reste somit verlorengingen. Der neuzeitliche Bau kann jedoch als Mass für Länge und Ausmass des claudischen Tunnels herangezogen werden. Zudem dienen die bereits erwähnten Beschreibungen und Zeichnungen aus der Zeit vor dem Neubau als Hilfe für Rekonstruktionen. Etwa 85km östlich von Rom liegt das inzwischen trockengelegte Becken des Lago Fucino auf etwa 650m Höhe (Abb. 11). Mit einer ungefähren Fläche von 10km auf 15km war es der grösste Binnensee Mittel- und Süditaliens70. Umgeben ist das Becken von hohen Bergen, welche den See damals zu­sätzlich mit Wasser versorgten, was, zusammen mit dem Fehlen eines natürlichen Abflus­ses, zu den bereits erwähnten Überschwemmungen führte. Der Tunnel verfügt zwischen seinem Einlass am Fuciner See und seinem Auslass am Fluss Liri über eine Gesamtlänge von 5642m und führt durch den westlich gelegenen Monte Salviano (Abb. 12. 13). Durch einen nach der ersten Fertigstellung eingefügten Bypass wächst diese Länge nochmals auf 5643m. Der Höhenunterschied beträgt über die gesamte Länge etwa 8.5m, was zu einem mittleren Gefälle von 1.5%o geführt hat. In seinem mehr oder minder geraden Ver­lauf fallen zwei Abweichungen auf, wobei die Streckenführung geknickt wurde. Das eine Mal vermutlich um einen günstigen Ausfluss zu finden und das zweite Mal um die Bau­schächte so kurz wie möglich zu halten71. Diese Bauschächte ermöglichten es, an mehre­ren Stellen gleichzeitig zu arbeiten und so die Bauzeit deutlich zu verkürzen (Abb. 14-17). Die Anzahl der Bauschächte ist unterschiedlich festgehalten worden und schwankt in der Fachliteratur zwischen 32 und 3872. Wie genau die Bauarbeiten an diesem 'gewaltigsten und messtechnisch schwierigsten Bau der alten Römer'73 vonstattengingen, bleibt zu ei­nem grossen Teil im Dunkeln. Sueton spricht davon, dass der Berg durchstochen und ge­sprengt werden musste74. Dass die römischen Techniker und Bergleute dazu imstande waren, verwundert weniger. Die grösste Schwierigkeit scheint eher bei der vorausgegan­genen Abmessung und Nivellierung gelegen zu haben. Dort erweisen sich die zahlreichen Schächte als Problem, da deshalb an vielen Stellen gemessen werden musste und sich so kleine Fehler schnell zu einem grossen summierten. So sieht auch Peters darin einen Grund für die überlieferten Fehlschläge75. Dennoch sucht dieser Bau seinesgleichen und muss als herausragende Leistung gewürdigt werden.

5. Aqua Claudia -Anio Novus - Porta Maggiore

5.1 Forschungsgeschichte

Wenn man so will, kann man die Forschungsgeschichte eigentlich bereits in der Antike ansetzen. Das berühmte Werk 'De aqaeductu urbis Romae' von Sextus lulius Frontinus liefert eine umfangreiche Auflistung und Beschreibung der zu seiner Zeit, also in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr., existierenden Aquädukte, welche die Wasserversor­gung der Stadt Rom garantierten76. Doch es verwundert nicht, dass gerade die oberirdisch geführten Abschnitte auf ihren teils hohen und die Landschaft dominierenden Arkaden auch nach ihrer Betriebszeit Gelehrte und Interessierte anlockten und sie zu wissenschaft­licher Auseinandersetzung anregten. Seit dem 15. Jahrhundert entstanden zahlreiche, vor allem topographische Schriften zu den imposanten Wasserleitungen. Es gab auch Unter­nehmungen, um einige der Aquädukte wieder in Betrieb zu nehmen. Bis in das 19. Jahr­hundert blieben die Schriften aber meist oberflächlich und schwankten stark in der Quali­tät. Lanciani war es, der 1880 ein erstes tiefer greifendes Werk zu diesem Thema veröf­fentlichte. Nach ihm ist zweifelsfrei Thomas Ashby zu nennen, der einen Grossteil seines Lebens dem Übersichtswerk zu den römischen Aquädukten gewidmet hatte. Für die um­fassende Forschungsgeschichte und das bisher erwähnte, möchte deshalb auf sein Werk von 1935 verweisen, welches heute noch als erster Anlaufpunkt gelten darf77. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts sind vor allem Alfred Trevor Hodge und die Frontinus- Gesellschaft zu erwähnen, welche mit ihren zahlreichen Publikationen die Geschichte der Wasserversorgung in allen Zeitaltern behandelt78, sowie Peter Aicher, der eine kurze, aber sehr aktuelle Zusammenstellung der römischen Aquädukte und weiterer Forscher des letz­ten Jahrhunderts lieferte79. Speziell für die Porta Maggiore ist das Werk von Robert Coates-Stephens zu nennen, welches eine umfassende Zusammenstellung forschungs­geschichtlicher, historischer und archäologischer Fakten und Befunde darstellt80.

[...]


1 Wohlmayr (2011)250

2 Zänker (1997b)

3 Hesberg (1994) 245

4 Strocka(Hrsg.) (1994)

5 Suet. Claud.

6 Cass. Dio

7 Frontin. aqu.

8 Levick (1990)

9 Hölscher (1984)

10 Bergmann (2000)

11 Zänker (2000)

12 Osgood (2011) 9

13 Suet. Claud. 2, 1-2. 30; Levick (1990) 13-15

14 Suet. Claud. 3, 2-4, 7

15 Suet. Claud. 5

16 Levick (1990) 18-20

17 Suet. Claud. 9, 2

18 Suet. Cal. 56, 2

19 Levick (1990) 35-39

20 Cass. Dio 60, 3, 6 - 60, 4, 6. 60, 5, 4; Suet. Claud. 31

21 Levick (1990) 139; Suet. Claud. 17, 1

22 Suet. Claud. 17, 2-3

23 Levick (1990) 163-167

24 Levick (1990) 76-79; Aveline (2004) 453-475

25 Suet. Claud. 28; Levick (1990) 47

26 Suet. Claud. 13,1-2

27 Sen. apocol.

28 Suet. Claud. 3, 2-4, 7

29 Massner (1994); Strocka (1994)

30 Cass. Dio 60, 11, 1-5; Plin. nat. 16, 76, 201-202. 9, 5, 14-15. 36, 14, 70; Suet. Claud. 20,1.20,3; Tac. ann. 15, 18, 3; Val. Fl. 7, 83-86; Quint. Inst. 2, 21, 18. 3, 8, 16

31 Paroli (2005) 43

32 Meiggs (1973) 149; Paroli (2005) 43

33 Fea (1824); Nibby (1829); Lanicani (1868); Meiggs (1973) 151-152; Paroli (2005) 47-50

34 Meiggs (1973) 152; Paroli (2005) 50; Keay - Millet - Patterson (2005) 6

35 Calza (1925); Lugli - Filibeck (1935); Meiggs (1973) 152-153; Paroli (2005) 52-53

36 Testaguzza (1970)

37 Keay u. a. (2005); Paroli (2005) 43-59

38 Suet. Claud. 20, 1

39 Keay - Millet (2005c) 297. 305-307

40 Keay - Millet (2005c) 304-305

41 Tac. ann. 15, 18, 3

42 Man denke zum Beispiel an den severischen Baukomplex in Leptis Magna.

43 Keay - Millet (2005a) 13-14

44 Keay - Millet - Patterson (2005) 4-7

45 Cass. Dio 60, 11, 1 -5; Suet. Claud. 20, 3

46 Cass. Dio 60, 11, 1 -5; Plin. nat. 16, 76, 201-202. 36, 14, 70; Suet. Claud. 20, 3

47 Morelli (2005) 241-248

48 Lugli (1961) 149-150; Meiggs (1973) 157; so auch Gessert (2003) 165

49 DNP X (2001) 194-195 s.v. Portus (V. Sauer)

50 Morelli (2005) 248

51 Keay - Millet (2005b) 272

52 Keay - Millet (2005b) 272

53 Keay - Millet (2005b) 275-278

54 Keay - Millet (2005b) 275-281; Meiggs (1973) 154-155

55 Phoebonicus (1678)

56 Peters (1994) 307

57 Grewe (1998) Anm. 173

58 Peters (1994) 307-308

59 Peters (1994); Döring (1995); Döring (2000)

60 Suet. lui. 40, 3; Peters (1994) 306; Grewe (1998) 92-93

61 Peters (1994) 308; Döring (1995) 81-85; Grewe (1998) 92

62 Suet. Claud. 20, 1

63 Suet. Claud. 20, 2; Cass. Dio 60, 11,5; Grewe (1998) 93. Anm. 182

64 Grewe (1998) 93

65 Tac. ann. 12, 56; Suet. Claud. 21,6; Cass. Dio 61

66 Cass. Dio 61; Tac. Ann. 12, 57; Döring (1995) 101-104

67 Tac. ann. 12, 57

68 Döring (1995) 103-104; Grewe (1998) 92

69 Döring (1995) 81;Grewe (1998) 92

70 Peters (1994) 308

71 Grewe (1998) 94

72 Döring (1995) 86-91; Kek (1996) 88-89

73 Nach Peters (1994) 313

74 Suet. Claud. 20, 2

75 Peters (1994) 311-312

76 Frontin. aqu.

77 Ashby (1935) 1-9

78 Hodge (1992)

79 Aicher (1995)

80 Coates-Stephens (2004)

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Zwischen Versorgungsbau und Staatsdenkmal. Zur Funktionalität und Repräsentativität der claudischen Grossbauprojekte
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Archäologische Wissenschaften)
Note
5.5
Autor
Jahr
2012
Seiten
109
Katalognummer
V320660
ISBN (eBook)
9783668223370
ISBN (Buch)
9783668223387
Dateigröße
13441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
denkmal, Grossbauprojekte, Claudius, Volksbauten, Repräsentation
Arbeit zitieren
Stephan Dombrowsky (Autor), 2012, Zwischen Versorgungsbau und Staatsdenkmal. Zur Funktionalität und Repräsentativität der claudischen Grossbauprojekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320660

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