"Die nichtexistenten Männer". Homosexualität im Fußball. Ein Erklärungsansatz auf Basis der Theorie der kognitiven Dissonanz


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2. Kognitive Dissonanz

3. Homosexualität
3.1 Akzeptanz in der heutigen Gesellschaft
3.2 Fußball als heterosexuelle Szene
3.3 Medialer Druck

4. Die Dissonanz zweier Kognitionen

5. Zusammenfassung

Anhang:

Literaturverzeichnis:

1.Einleitung

„Ich bin schwul1, und das ist auch gut so!“. Mit diesem Satz outete sich der damalige Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Berlin, Klaus Wowereit. Doch das nicht nur vor seinen Parteigenossen auf dem SPD-Sonderparteitag, sondern auch vor der Gesamtdeutschen Öffentlichkeit. Neben erwartungsgemäßen Schmähbriefen fielen die Reaktionen auf sein Coming-Out jedoch weitestgehend positiv aus. Und das, obwohl er der erste Spitzenpolitiker war, der diesen Schritt gegangen ist. Das ist mittlerweile gut 15 Jahre und einen homosexuellen Außenminister her. Die Behauptung, Homosexualität sei in der Landschaft der deutschen Spitzenpolitik als etwas komplett normales und nicht weiter erwähnenswertes akzeptiert, ist also nicht aus der Luft gegriffen. Das ist jedoch nicht in allen Bereichen des öffentlichen Interesses so.

Ein Beispiel dafür ist der Sport, im speziellen der Fußball. Es gibt keinen einzigen bekannten homosexuellen Bundesligaspieler. Mit Thomas Hitzlsperger hat sich 2014 erstmals ein erfolgreicher Profi geoutet, allerdings erst nach seinem Karriereende. Alles weitere, was mit diesem Thema in Verbindung gebracht wird, beruht größtenteils auf Vermutungen und Spekulationen.

Mein Interesse an diesem Tabuthema ist unter anderem darin zu begründen, dass ich großer Fußballfan bin. Als solcher sind mir natürlich auch die Spekulationen und Diskussionen um eventuell schwule Spieler und auch das Outing von Thomas Hitzlsperger nicht verborgen geblieben. Dieses Thema mit kognitiver Dissonanz als Theorie der Medienwirkungsforschung in Zusammenhang zu bringen, habe ich als sehr interessant empfunden. Dies auch deshalb, da meine Recherche keinerlei Ansätze für eine Begründung finden ließ, warum es denn nun offiziell keine homosexuellen Bundesligaspieler gibt. Eine erste Theorie wäre natürlich, dass es tatsächlich keine gibt, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist.

Und falls es sie doch gibt, kann man bisher ausgebliebene Outings im Ansatz mit dem Modell der kognitiven Dissonanz erklären. Dies beruht alles auf Überlegungen und Thesen und kann einerseits auf Grund der Kürze der Arbeit nicht tiefergehend erforscht werden. Andererseits lässt auch die Art und Komplexität des Themas keine verlässlichen empirischen Untersuchungen zu.

Um mich dem Thema zu nähern werde ich auf die Theorie der kognitiven Dissonanz eingehen.

Danach werde ich das Thema Homosexualität zuerst in einem etwas allgemeineren Kontext in der deutschen Gesellschaft betrachten, um dann einen spezielleren Zusammenhang zum Fußball und dem damit verbundenen medialen Druck herzustellen. Homosexualität im Fußball werde ich dann mit Bezug auf die kognitive Dissonanz im Kapitel 4. „Die Dissonanz zweier Kognitionen“ behandeln.

Auf Grund des relativ eng gesteckten Umfangs der Arbeit werde ich in meiner Bearbeitung nur auf den Profifußball der Männer in der 1. Deutschen Bundesliga eingehen.

2. Kognitive Dissonanz

Jeder Mensch hat bestimmte Vorstellungen, Meinungen, Überzeugungen und ein bestimmtes Wissen über sich selbst und seine Umwelt. In der Regel strebt der Mensch in Folge dessen danach, sein Handeln diesen sogenannten Kognitionen anzupassen, um ein Gleichgewicht seines kognitiven Systems herzustellen2. Allerdings kommt es auch häufig vor, dass nicht gemäß der für sich selbst bestehenden Kognitionen gehandelt wird. Der in Folge von solchen „Verstößen“ eintretende Zustand von innerem Druck und Unbehagen auf Grund des konträren Verhältnisses von Handlungen zur eigenen Einstellung, wird nach Leon Festinger (1957) „kognitive Dissonanz“ genannt. Diese Theorie wird den Konsistenztheorien zugeordnet3 welche besagen, dass der Mensch stets bemüht ist, Diskrepanzen zwischen bestehenden Kognitionen zu vermeiden4. Ziel ist es also, Kognitionen in einen konsonanten Bezug zueinander zu halten und gemäß der für sich selbst aufgestellten „Regeln“ und Ansichten zu agieren. Folglich entsteht bei Zuwiderhandlung, wenn es also für das Handeln keine ausreichende Rechtfertigung gibt, kognitive Dissonanz5. Abhängig vom Verhältnis der konsonanten gegenüber den dissonanten Kognitionen und dem Grad der Relevanz, die den beteiligten Kognitionen zugesprochen wird, kann die Dissonanz mehr oder weniger schwerwiegend sein. Einfach ausgedrückt: Ein Hobby-Fußballer wird eine verpasste Trainingseinheit weniger selbstkritisch reflektieren als ein Profisportler.

Vor allem bei letztgenanntem wird sich - eine entsprechende professionelle Einstellung vorausgesetzt - in Folge seines Handelns eben jenes unangenehme Gefühl der kognitiven Dissonanz einstellen. Da aber laut der Konsistenztheorie ein Gleichgewicht des kognitiven Systems wichtig für den Menschen ist, wird er danach streben, die kognitive Dissonanz zu reduzieren, vielleicht sogar gänzlich abzubauen.

Viel wurde seit Aufstellung der Theorie der kognitiven Dissonanz über diese geredet, geforscht und behauptet. Sie zählt zu den einflussreichsten Theorien der Sozialpsychologie6. Es verwundert also wenig, dass ebenso über die Methoden zur Dissonanzreduktion viel diskutiert wurde. Nachfolgend werde ich mich hauptsächlich auf die drei von Festinger selbst genannten Arten beziehen.

Laut Festinger gibt es folgende Strategien: Zum einen die Anpassung eines Elementes in der dissonanten Beziehung7. Naheliegend wäre, lediglich die Handlung, die für die Dissonanz verantwortlich ist, zu stoppen beziehungsweise rückgängig zu machen. Das erfordert allerdings sich selbst einzugestehen, vorher falsch beziehungsweise wider den eigenen Grundsätzen gehandelt zu haben. Meist ist das schon Anlass genug, nicht so zu verfahren. Stattdessen wird ein anderes kognitives Element über die Ansicht bezüglich der Situation geändert, um sich nicht selbst in Frage stellen zu müssen. Diese Änderung der Einstellung bietet sich vor allem dann an, wenn es bereits zu spät für ein Revidieren der eigentlichen Handlung ist. Bei bereits erwähntem Fußballprofi ist das anders. In der Annahme, dass er seinen Lebensunterhalt mit seinem Sport verdient, ist es für ihn natürlich nicht so einfach, schlichtweg die Kognition „Der Besuch des Trainings ist aus vielerlei Hinsicht Pflicht“ abzuändern.

Hier wäre also eine andere Strategie nötig. Laut Festinger könnte er neue, mit der/den für die Dissonanz verantwortlichen Kognition/Kognitionen konsonante, kognitive Elemente anbringen8. Da Dissonanz in der Regel nur dann entsteht, wenn die einstellungskonträre Handlung nicht gerade stark auf äußere Anreize zurückzuführen ist9, wäre in diesem Fall eine der Dissonanz sehr stark entgegenwirkende zusätzliche Kognition nötig.

Die dritte mögliche Strategie nach Festinger ist die Änderung der Bedeutung der kognitiven Elemente10. Das wäre zum Beispiel ein Abwerten der Relevanz der Kognition. Wenn also der besagte Profifußballer kurz vor einem inoffiziell bereits vollzogenen Wechsel zu einem anderen Verein stehen würde, könnte er der verpassten Einheit und den damit einhergehenden Konsequenzen (z.B. Verlust des Stammplatzes) die Relevanz absprechen. Auf Grund des Wechsels wäre das Schlimmste, was ihm dann noch widerfahren könnte, wohl das für ihn nicht weiter tragische Zahlen einer Strafe. Die Dissonanz wäre also nicht mehr der Rede wert, vielleicht sogar ganz verschwunden. Genau kann man das nicht sagen, da sich der Vorgang der Dissonanzreduktion genauso wie das eigentliche Entstehen einer Dissonanz nur sehr stark verallgemeinern lässt. Letzten Endes gehen diese Prozesse, wie schon zu Beginn beschrieben, auf das Gleichgewicht des kognitiven Systems eines Menschen zurück. Und dieses ist eben, in Abhängigkeit von den bestehenden Kognitionen, bei jedem Individuum unterschiedlich.

3. Homosexualität

Homosexualität ist - vereinfacht definiert - ein „sich auf das eigene Geschlecht richtendes sexuelles Empfinden und Verhalten“11. Der Begriff wurde erstmals 1869, und somit vor der Bezeichnung „Heterosexuell“, von Carl Maria Brenkers verwendet12.

3.1 Akzeptanz in der heutigen Gesellschaft

Bis 1992 galt Homosexualität laut der Weltgesundheitsorganisation WHO als Krankheit13, in Deutschland wurde der sogenannte „Schwulen-Paragraph“ §175 sogar erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch genommen14. Von einer traditionellen Akzeptanz für Schwule und Lesben kann also nicht die Rede sein. Dennoch hat sich das Verhalten Homosexuellen gegenüber in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit zum Positiven hin entwickelt. Eine Studie des amerikanischen „Pew Research Centers“ besagt, das 87% der deutschen Bevölkerung der Meinung sind, die Gesellschaft solle Homosexualität akzeptieren. Damit steht Deutschland unter der weltweiten Auswahl an Ländern nach Spanien an zweiter Stelle15. Diese allgemeine Akzeptanz drückt sich auch darin aus, wie Personen des öffentlichen Lebens von der Bevölkerung angenommen und behandelt werden. So war Hape Kerkeling, der offen zu seiner Homosexualität steht, laut einer Umfrage im Januar 2014 der zweitbeliebteste TV-Moderator der Deutschen16. Auch Guido Westerwelle, ehemaliger Bundesvorsitzender der FDP (2001 bis 2011), macht keinen Hehl aus seiner sexuellen Orientierung. Immerhin 75 % der Befragten waren 2011 auch der Meinung, dass diese kein Problem bei seiner Amtsführung als deutscher Außenminister sei17.

Auch wenn beide Beispiele nicht in direktem Zusammenhang zueinander stehen kann man dennoch an ihnen erkennen, dass eine Karriere in einer medial stark beleuchteten Position des öffentlichen Interesses in Deutschland, in Bezug auf die Akzeptanz, ebenso von homosexuellen wie von heterosexuellen Mitbürgern ausgefüllt werden kann und wird. Im krassen Gegensatz dazu steht jedoch der Sport, allem voran der Fußball.

3.2 Fußball als heterosexuelle Szene

Profifußball ist vieles: Klatschthema, Zuschauermagnet, eine Plattform für Korruption und Skandale, in gewisser Weise eine Wirtschaftsmacht. Vor allem aber ist es Spitzensport, betrieben von teils international bekannten und heroisierten Athleten, die für das hauptberufliche Ausüben Ihrer Leidenschaft Millionen verdienen. Und dieser Spitzensport ist harte, körperliche Arbeit. Er zeichnet sich durch Attribute aus, die sich nach gängigen Klischees weitestgehend als „männlich“ zusammenfassen lassen könnten18. Und die Ansicht, dass diese Attribute von einem homosexuellen Mann weder erreicht noch umgesetzt werden könnten, ist weit verbreitet. Meistenteils wird es überhaupt nicht erst als Möglichkeit in Betracht gezogen. Homosexualität ist im Fußball immer noch ein Tabu-Thema. Keiner der circa 50019 Spieler der Bundesliga ist offiziell als Homosexueller bekannt. Spätestens jedoch seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger im Januar 2014 ist jedoch klar, dass es sie gibt und das sie sehr erfolgreich sein können20. Doch auch er, der während seiner Zeit in der englischen Premier-League wegen seines kräftigen Schusses „The Hammer“ genannt wurde21, hatte sein öffentliches Coming-Out nicht während seiner aktiven Karriere, sondern ein paar Monate danach. Sein Outing sollte nach eigener Aussage die öffentliche Diskussion weiter vorantreiben22. Zwar hat Hitzlsperger dieses Ziel mit Sicherheit erreicht, jedoch ist bis heute kein einziger aktiver Profi seinem Beispiel gefolgt. Dies bleibt ein Novum, obwohl der Zeitpunkt um die Weltmeisterschaft in Brasilien vielleicht ein guter, wenn nicht sogar der vorerst letztmögliche war23.

[...]


1 Das Wort „schwul“ wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch öfter genutzt, ist aber in keinem Fall als despektierlich zu verstehen

2 Bierhoff/Frey (2006); S.373

3 Ebd.

4 Felser (2007); S. 272

5 Ebd.

6 Bierhoff/Frey (2006); S.373

7 Bonfadelli, Heinz/Friemel, Thomas N. (2015); S. 159

8 Ebd.

9 Felser (2007); S.271

10 Bonfadelli, Heinz/Friemel, Thomas N. (2015); S.159

11 O.A., Duden (Online)

12 Bothe/Brüning (2015); S.266

13 Odenwald (2012)

14 Tholl (2014)

15 Anhang 1

16 Anhang 2

17 Anhang 3

18 Vgl. Eggeling (2010)

19 Vgl. o.A. „Transfermarkt“

20 Thomas Hitzlsperger gewann mit dem VfB Stuttgart 2007 die deutsche Meisterschaft und war Stammspieler in der Nationalmannschaft

21 Vgl. Emcke/Müller-Wirth (2014)

22 Ebd.

23 Vgl. Dittmann (2014)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Die nichtexistenten Männer". Homosexualität im Fußball. Ein Erklärungsansatz auf Basis der Theorie der kognitiven Dissonanz
Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V320664
ISBN (eBook)
9783668198593
ISBN (Buch)
9783668198609
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kognitive Dissonanz, Dissonanztheorie, Konsistenztheorie, Homosexuell, Schwul, Fußball, Sport, Dissonanzreduktion, Tabuthema
Arbeit zitieren
Richard Bartels (Autor), 2016, "Die nichtexistenten Männer". Homosexualität im Fußball. Ein Erklärungsansatz auf Basis der Theorie der kognitiven Dissonanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320664

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