Familiäre Sozialisation nach Erich Fromm


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 2,7
Sar Ah (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozialisationsprozess - Begriffsbestimmung unter der zusätzlichen Komponente der familiären Sozialisation

3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Sozialisation und Erziehung

4 Erich Fromm und seine Theorie
4.1 Begriff des Gesellschafts-Charakters
4.2 Das Leben Erich Fromms und dessen Einfluss auf seine Theorie
4.3 Erich Fromm und die Erziehung
4.4 Kritik an Gesellschafts-Charakter und Entdeckung des Marketing-Charakters
4.5 Hochindustrialisierte Gesellschaft und der „Haben-Modus“

5 Relevanz der Sichtweisen Fromms auf die Erziehung in der Familie

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Alltag meist gegenwärtig und ein enormer Einflussfaktor auf unser Leben - die Familie. Doch was beinhaltet dieser Begriff der Familie tatsächlich? Und hat diese wirklich einen er- heblichen Einfluss auf den Charakter eines Menschen und seine Entwicklung? Wie ist ihre Be- deutung heute? In der vorliegenden Arbeit wird diese Thematik näher beleuchtet und mit Hilfe der Theorie Erich Fromms die Bedeutung der Familie für die Erziehung und die Gesellschaft herausgearbeitet.

Diese kleine, aber sehr intensive Lebensgemeinschaft, gehört in Deutschland für vierzig Prozent der Bevölkerung zum Leben dazu. Nicht immer ist es die klassische bürgerliche Familie mit einem Ehepaar und einem oder mehrere Kinder. Es setzten sich auch Formen wie z.B. Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern durch (Bundeszentrale für politische Bildung, 2015).

Nach Familienforschungen weißt der Begriff der Familie im sozialwissenschaftlichen Bereich drei verschiedene Merkmale auf. Das erste ist die „biologische und soziale Doppelnatur“. Dies bezieht sich auf die gesellschaftliche Integration der Kinder im sozialen Bereich auf der einen Seite und auf die Reproduktion des Menschen im biologischen Sinn auf der anderen Seite. Wei- terhin ist eine Familie daran zu erkennen, dass innerhalb dieses Verhältnisses eine ganz klare und einmalige Rolle für jedes Mitglied existiert. Diese Rollen innerhalb der Familien weisen eine rege Kooperation und Solidarität auf. Ein letztes und entscheidendes Merkmal einer Fami- lie ist der Unterschied der Generationen. Eine solche Differenz ist in jeder Familie vorhanden. Auch bei alleinerziehenden Müttern und Vätern ist dies zu beobachten (Ecarius, Köbel, & Wahl, 2011, S. 14).

Neben diesen sozialwissenschaftlichen Betrachtungsweisen können ebenso psychologische Perspektiven zur Bestimmung weiterer Merkmale einer Familie dienen. Zu diesen Merkmalen zählt unter Anderem die Regelung der Anforderungen des Zusammenlebens. Das heißt, wie z.B. der gemeinsame Haushalt geführt wird. Ein weiterer Aspekt ist die Betrachtung der Familienangehörigen als einzelne Subjekte und die Anerkennung der Zugehörigkeit dieses Subjektes zu der Gemeinschaft Familie. Die Familienmitglieder empfinden das jeweilig andere Familienmitglied als zugehörig zur Gemeinschaft (Ecarius et al., 2011, S. 15).

Es wurde somit aufgezeigt, dass der Begriff der Familie sehr weitreichend ist und mehrerer Sichtweisen, sozialwissenschaftlich und psychologisch, bedarf.

2 Sozialisationsprozess - Begriffsbestimmung unter der zusätzlichen Komponente der familiären Sozialisation

Wie kann nun der Begriff der Familie mit dem Begriff der Sozialisation einhergehen? Grund- legend beinhaltet der Begriff der Sozialisation das Individuum, welches die Realität aktiv ver- arbeitet. Dies geschieht durch eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen diesem Individuum und dessen physischer und sozialer Umwelt. Dadurch entstehen relativ dauerhafte Planungen der Handlungen, Bewertungen und Wahrnehmungen. Die Voraussetzung hierfür sind die beab- sichtigten und unbeabsichtigten Interaktionen des Individuums oder sozialer Gruppen, die po- sitiv oder negativ zur sozialen Eingliederung und zum Wohlbefinden beitragen (Schneewind, 2008, S. 256).

Die Annahme, dass es nur um die Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft geht, reicht nicht aus (Luhmann, 2012, S. 283).

Schneewind (2008, S. 256) geht genauer auf die Aspekte ein, welche eine familiäre Sozialisa- tion ausmachen. Wie oben bereits erwähnt geht es grundlegend um beabsichtigte und unbeab- sichtigte Interaktionen des Individuums. In der Familie wird dies ganz klar deutlich, indem man die erzieherische Absicht der Eltern beobachtet. Es gibt einen Unterschied zwischen der Situa- tion, dass Eltern wollen, dass ihr Kind etwas machen bzw. nicht machen soll und der Situation, dass Eltern unabsichtlich etwas tun, wie z.B. rauchen oder Alkohol trinken, und dabei ihre Vor- bildwirkung vergessen. In Folge dessen ist es möglich, dass ein Kind etwas tut, wie z.B. rauchen oder Alkohol trinken, was die Eltern nicht möchten (Schneewind, 2008, S. 256).

Hier wird deutlich, dass ein Zusammenhang zwischen den Begriffen Erziehung und Sozialisation besteht. Auf die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen Sozialisation und Erziehung wird in einem späteren Punkt eingegangen.

Weiterhin muss bei der familiären Sozialisation beachtet werden, dass es nicht nur um die Abhängigkeit des Akteurs von der sozialen und physischen Umwelt geht. Das Individuum selbst und seine körperliche sowie seelische Verfassung sind ebenso ausschlaggebend (Schneewind, 2008, S. 256). Laut Schneewind wird hier deutlich, dass für die familiäre Sozialisation der Begriff der Sozialisation erweitert werden muss.

Ein dritter Punkt den Schneewind zu der Definition der familiären Sozialisation hinzufügt ist, dass keine Unterschiede zwischen der Fremd- und Selbstsozialisation getroffen werden dürfen.

Selbiges gilt für die Erziehung. Anzuwenden ist diese Aussage nicht nur in Bezug auf die Be- ziehung zwischen Personen, sondern auch in Bezug auf die Beziehung, welches das Individuum zu sich selbst pflegt. Ein Beispiel dafür ist das Selbstmanagement (Schneewind, 2008, S. 256). Nach diesen Ausführungen, kann man die Familie klar als einen Ort der Sozialisation beschreiben. Das Kind wird stark durch die Bindungen in der Familie beeinflusst und innerhalb dieser Lebensgemeinschaft werden dieselben Verhaltensweisen in Denken, Fühlen und Han-deln praktiziert.

Es wird deutlich, dass Sozialisation in der Familie stark durch die Beziehungen beeinflusst wird. So ist die Beziehung eines Kindes zu seiner primären Bezugsperson, z.B. der Mutter, ausschlaggebend für seine emotionale und kognitive Entwicklung. Dies thematisiert auch die Bindungsforschung, welche die gleichen Grundannahmen vertritt wie die Psychoanalyse nach Freud. Sigmund Freud misst den erlebten familiären Beziehungen in der Kindheit eine erhebli- che Bedeutung zu. Diese Beziehungen stehen laut seiner Psychoanalyse, neben den Trieben eines Menschen und den gesellschaftlichen Einflüssen auf den Menschen, im Mittelpunkt (Ecarius et al., 2011, S. 59). Weiterhin hat Freud der Umwelt als Einflussfaktor keinen bedeu- tenden Wert beigemessen. Er konzentrierte sich eher auf die Triebe eines Menschen. Seine erste Triebtheorie thematisierte den Sexualtrieb als Erklärung für das psychische Streben. Im Jahr 1920 wiedersprach er aber dieser Theorie und es folgte eine weitere Triebtheorie. Diese be- gründet das psychische Streben mit dem bestehenden Konflikt zwischen Lebens- und Todes- trieb (Funk, 2000, S. 21-22).

In den dreißiger Jahren entwickelte Erich Fromm einen neuen psychoanalytischen Ansatz. Der grundlegende Unterschied zwischen Freud und Fromm bestand bereits darin, dass Freud Mediziner und somit ein Naturwissenschaftler war. Fromm hingegen betrachtete die Psychoanalyse aus einem sozialpsychologischen Blickwinkel. Er wandte die grundlegende Idee Freuds auf die Gesellschaft an und legte somit fest, dass Menschen aus einem ähnlichen Umfeld dieselben Verhaltensweisen in Denken, Fühlen und Handeln an den Tag legen. Weiterhin gehen sie mit derselben Leidenschaft in ihrem Verhalten vor (Funk, 2000, S. 24).

Die Psychoanalyse ist ein Teil der Sozialpsychologie. Diese Methode der Sozialforschung dient zur Erkenntnis gesellschaftlicher und kultureller Phänomene. Besonders große Relevanz hat die Psychoanalyse in der Sozialforschung beim Betrachten von Gegenwartsproblemen. Dazu zählen neben politischen Differenzen und der psychologischen Friedensforschung die Forschungsfelder der Gesellschaft (Leithäuser, 1988, S. 7-9).

3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Sozialisation und Erziehung

Die Begriffe der Sozialisation und der Erziehung stehen in einem engen Zusammenhang, wie gerade aufgezeigt wurde. Beides muss betrachtet werden, wenn man von der Familie spricht, da die Familie ein Ort für beides ist: die Sozialisation und die Erziehung. Prinzipiell müssen beide Begriffe abgegrenzt werden. Nach Friedhelm Neidhardt wendet man den Sozialisationsbegriff an, wenn es um in der Realität auftretende Bedingungen handelt, wel- che das Aufwachsen in der Gesellschaft beeinflussen. Die Erziehung hingegen ist ein Konzept, welches bestimmte pädagogische Ideale und Vorstellungen realisiert und kontrolliert (Hörner, Drinck, & Jobst, 2010, S. 75).

Die Erziehung ist somit die Beeinflussung des Verhaltens. Dies geschieht durch die Älteren, welche die Jüngeren erziehen. Abgeleitet wird das Wort „Erziehung“ von irziohan, welches „herausziehen“ bedeutet (Hörner et al., 2010, S. 95). Das Erziehungsrecht ist sogar im deutschen Grundgesetz verankert. So besagt dies in Art. 6 Absatz 2 GG: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Rest der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“.

Somit wird deutlich, dass die Erziehung zwischen Generationen stattfindet. In diesem Punkt findet man auch den Zusammenhang zwischen Sozialisation und Erziehung. Die klassische Sozialisation geht von einer Übertragung von Kulturgut von Generation zu Ge- neration aus. Dabei ist allerdings fraglich, wie der Fortbestand dieses Kulturgutes gewährleistet werden kann, wenn niemand aus der heutigen Gesellschaft die Gesellschaft in einhundert Jah- ren beeinflusst. Das Resultat dieser Generationsdifferenz ist die Erziehung (Luhmann, 2012, S. 283).

Émile Durkheim bezeichnet die Erziehung sogar als „eine methodische Sozialisation“. Die Er- ziehung sichert die Fortdauer der Vielfalt einer Gesellschaft und somit den Zusammenhalt. Sie ist also das Mittel, welches die fortlaufende Existenz einer Gesellschaft sichert (Hörner et al., 2010, S. 165-166).

4 Erich Fromm und seine Theorie

4.1 Begriff des Gesellschafts-Charakters

In Zusammenhang mit dem Begriff der Psychoanalyse wurde bereits zu Beginn dieser Arbeit auf Erich Fromm eingegangen. Er entwickelte die Psychoanalyse nach Freud weiter, indem er genauer die gesellschaftlichen Einflüsse betrachtete, die über die familiäre Sozialisation den Charakter eines Menschen formen (Johach, 1987, S. 114). Diesbezüglich sieht Fromm die Fa- milie unter zwei Gesichtspunkten. Zum einen als „psychologische Agentur der Gesellschaft“ (Johach, 1987, S. 114) und zum Anderen dient sie der Erziehung mit der Zielsetzung die Be- dürfnisse der menschlichen Potenz zu verwirklichen. Im Weiteren wird näher auf die Bedeu- tung der Familie als „psychologische Agentur der Gesellschaft“ eingegangen.

Fromm hat den Begriff der Familie klar definiert: „Die Familie ist das Medium, durch das die Gesellschaft bzw. die Klasse die ihr entsprechende, für sie spezifische Struktur dem Kind und damit dem Erwachsenen aufprägt; die Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft“ (Johach, 1987, S. 115).

Somit wird ersichtlich, dass die Klassenzugehörigkeit der Eltern stark die psychosoziale Ent- wicklung der Kinder bestimmt. Kinder die in Unterschichtfamilien aufwachsen, werden eher in den Produktionsprozess integriert als Kinder, die aus einem wohlhabenderen Elternhaus stam- men. Ursache dafür sind bestimmte sozioökonomische Einflussfaktoren wie z.B. die Höhe des Einkommens, die Wohnsituation und der Ausbildungsgrad der Eltern. Diese Faktoren nehmen enormen Einfluss darauf, welche Wertvorstellungen und Einstellungen in der Familie ausgelebt werden (Johach, 1987, S. 115).

Des Weiteren hat Fromm festgestellt, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche Charakterstruk- turen aufweist. Zum einen den individuellen Charakter, welcher die Persönlichkeit des einzel- nen Menschen ausmacht, und zum anderen prägte er den Begriff des „Gesellschafts-Charak- ters“ (Funk, 2000, S. 30). Dieser definiert den Teil des Charakters, der den meisten Menschen innerhalb der Gesellschaft ähnlich ist, wobei sie sich aber in ihren individuellen Persönlich- keitszügen unterscheiden können. Der Gesellschafts-Charakter wird eher im System der sekun- dären Sozialisation geprägt, welche vermehrt durch z.B. Schulen vorgenommen wird. Dort wird der Gesellschafts-Charakter der Individuen so geformt, dass sie den Aufgaben, welche sie in der Gesellschaft zu erfüllen haben, optimal nachgehen. D.h. die Gesellschaft soll durch die Er- füllung dieser Aufgaben reibungslos funktionieren (Johach, 1987, S. 116).

Fromm sieht den Gesellschafts-Charakter als eine Art Verbindung zwischen der sozioökono- mischen Struktur eines Individuums und seiner psychischen Struktur.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Familiäre Sozialisation nach Erich Fromm
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik)
Veranstaltung
Wirtschaftspädagogisches Seminar
Note
2,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V320672
ISBN (eBook)
9783668198555
ISBN (Buch)
9783668198562
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie, Sozialisation, Fromm, Lebensgemeinschaft, Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft, Erziehung
Arbeit zitieren
Sar Ah (Autor), 2015, Familiäre Sozialisation nach Erich Fromm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320672

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