Hassliebe in Andrea Arnolds „Wuthering Heights“


Hausarbeit, 2013

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Intermedialität

2 Literaturverfilmung als Medienwechsel

3 Brontës Konzept der Hassliebe

4 Arnolds Neuinterpretation des Romans

5 Affektive Disposition in Roman und Film

6 Die Beziehung der Hauptfiguren im Vergleich

7 Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“, erschienen im Jahr 1847 unter dem Pseudonym „Ellis Bell“, wurde vielfach verfilmt. So auch im Jahr 2011 von Andrea Arnold, die ihn „filmisch neu interpretiert und ihm eine neue Perspektive verliehen hat: jene Heathcliffs, aus welcher heraus sie die Geschehnisse erzählt und dabei die berühmte polyfone Erzählweise des Buches aushebelt.“1

In der folgenden Seminararbeit soll Brontës Konzept der (Hass-)Liebe als Bruch mit der seinerzeit dominierenden christlichen Auffassung von Liebe untersucht werden und mit der heutigen Auffassung bzw. der Weiterentwicklung und Neuinterpretation dieses Konzepts, in dem Fall exemplarisch Andrea Arnolds Verfilmung, verglichen werden. Claudia Dorchain beschreibt die von Brontë hervorgekehrte dunkle Seite der Liebe als „eine Umkehrung der christlich-platonischen Auffassung von Liebe als Erkenntnishilfe“2.

Andrea Arnold überträgt die Handlung zwar nicht in die heutige Zeit, an verschiedenen Stellen ihrer aktuellen Interpretation wird jedoch die Beziehung der beiden Hauptcharaktere Catherine und Heathcliff nicht in dem ursprünglichen Maße von Grausamkeit und Brutalität überdeckt. Es schimmert eine moderne Fassung ihrer Liebe durch, die teilweise im Gegensatz zu Brontës 1847 neu konzipierten, abgrundtiefen Hassliebe steht, wie die Analyse zeigen soll.

Dabei muss zunächst festgelegt sein, was es bei einem intermedialen Vergleich zu beachten gilt.

1 Intermedialität

Irina Rajewsky formuliert drei Kernfragen der Erforschung intermedialer Bezüge, unter anderem lautet davon eine: „Inwiefern kann ein Medienprodukt ein anderes mediales System bzw. Produkt ‚zitieren‘, ‚realisieren‘, ‚einbeziehen‘?“3

Die intermediale Forschung geht von drei Phänomenbereichen aus: der Medienkombination, dem Medienwechsel und dem intermedialen Bezug4. Von welchem Phänomenbereich aber kann man im Fall von Arnolds „Wuthering Heights“ sprechen?

Üblicherweise, geht man von einer Literaturverfilmung aus, fiele dies in den Bereich des Medienwechsels, welcher sich „prinzipiell von allen Medien zu allen Medien vollziehen“5 kann.

2 Literaturverfilmung als Medienwechsel

Zunächst sei festzulegen, welchen Anspruch, dem Originalwerk gerecht zu werden, eine Literaturverfilmung erhebt. Dem Originalwerk gerecht zu werden bedeutet, dass „das entstehende Produkt zwar (zumeist vorwiegend semantische) Parallelen zum Ursprungstext aufweist […], sich aber nicht notwendigerweise auch in Relation zu diesem konstituiert.“6 Der Rezeptionsprozess muss nicht äquivalent zum ursprünglichen Medium erfolgen.7

Da Film und Literatur nicht über dieselben Mittel verfügen, ist es nur logisch, dass der Film, um seiner Vorlage semantisch zu entsprechen, sich eigener Ergänzungen oder gar Änderungen bedienen muss.

„Der Prozeß [sic!] der Literaturverfilmung kann in seinen Grundzügen als ein verdoppelter Kommunikationsprozeß [sic!] […] gedacht werden.“8 Zunächst findet der Prozess zwischen dem ersten Sender und dem zweiten Sender statt und im Anschluss zwischen dem zweiten Sender und dem Rezipienten.

Der zweite Sender, die Verfilmung, ist Sender und Rezipient zugleich.

„Rezeption als Produktion meint die Aufnahme, Interpretation, Neugestaltung, ReProduktion eines Romans durch einen späteren Romanautor. […] Es ist die kreative Aneignung eines Romans mit dem Effekt eines neuen Produkts/Romans.“9 Wie Andrea Arnold also vorgeht, um die „semantische Parallele zum Ursprungstext“10 zu erhalten, bleibt ihr vorbehalten.

Doch um Arnolds Änderungen der „gewaltsamsten aller Liebesgeschichten“11 nachvollziehen zu können, muss zunächst das ursprüngliche Konzept der Hassliebe in Brontës „Wuthering Heights“ dargelegt werden.

3 Brontës Konzept der Hassliebe

„Emily Brontë hat zutiefst in den Abgrund des Bösen geschaut. Sie, die wie wenige streng mit sich war und immer mutig und korrekt handelte, hatte nichtsdestoweniger alle Tiefen des Bösen ausgelotet.“12

Um die Entwicklung der philosophischen sowie gesellschaftlichen Konzeption von zwischenmenschlicher Liebe nachvollziehbar machen zu können, gilt es zunächst einmal den Naturzustand des Menschen zu definieren. Dabei ist das Ziel die Erkenntnis, ob ein Mensch von Natur aus böse oder gut, fähig zu Aufrichtigkeit, altruistischem Handeln und Liebe ist, und welche Rolle dabei die Gesellschaft spielt.

„Der Mensch sei von Natur aus gut und werde erst durch die Kultur, Vernunft und Gesellschaft verdorben.“13 Rousseaus Definition des Naturzustands findet sich kaum in Brontës Roman wieder und steht, da doch der Aufklärung zugeordnet, beispielsweise sehr im Kontrast zu der Figur des Knechts Joseph, einem Pietisten. Während der gesamten Handlung spricht er den Kindern Catherine und Heathcliff gegenüber nur fromme Verwünschungen aus, da sie in seinen Augen „böse Kinder“ seien, die „‘der Deibel‘ holen käme“14. Er rät ihnen kontinuierlich, in der Bibel zu lesen und an ihre Seelen zu denken.

Viel eher ist die Auffassung über das natürliche Handeln des Menschen im Roman eine sehr pessimistische. „Gewalt ist allgegenwärtig“15 und „Liebe wird nicht als versöhnende Kraft, sondern als eine Art Fluch inszeniert.“16 Dies entspräche dem von Hobbes beschriebenen psychologischen Egoismus und dessen in seinem Werk Leviathan formulierte Grundannahme „Homo homini lupus“17.

Dorchain fragt in ihrem Essay über „Emily Brontës philosophisches Konzept der Liebe“, ob „Liebe überhaupt moralisch sein kann“ und somit überhaupt den Begriffen des Guten oder Bösen zugeordnet werden könne18.

Man müsse zwischen Liebe in Form von Freundschaft und eros, Leidenschaft, unterscheiden. Liebe ist, laut Georges Bataille, das moralisch Gute. Der Aspekt der Verantwortung kommt zum Tragen. Die moralisch gute Liebe „zielt […] auf die Zukunft ab.“19 Wohingegen die Leidenschaft oder mania, die wahrhafte Lust, „mit dem moralisch Bösen als dem verantwortungslosen Momenterleben“20 gleichzusetzen ist.

Obwohl Catherines und Heathcliffs Beziehung von Leidenschaft und Impulsivität zehrt - den Aspekt der Verantwortung findet man, wenn auch bruchstückhaft, dennoch: der eiserne Zusammenhalt, Catherines unerbittlicher Beistand, wenn Heathcliff verprügelt oder eingesperrt wird, ihre Verteidigung Heathcliffs vor Hindley, wie es sowohl im Roman als auch in der Filmadaption vorkommt. Catherine, die ihm nach dem Unterricht beim Pfarrer beibringt, was sie zuvor gelernt hat.

Jedoch ist es „eindeutig, dass der Aspekt der Liebe bei Brontë dem Dionysischen zuzuordnen ist.“21 Dorchain führt Nietzsches Unterscheidung des Dionysischen und Apollinischen an. Das „Tragische, Todbare, Leidenschaftliche“22 dominiert während der gesamten Handlung die Beziehung der beiden Hauptfiguren. Wie aber setzt Arnold dieses Konzept um?

4 Arnolds Neuinterpretation des Romans

Inwieweit überträgt Arnold Brontës Konzept in die heutige Zeit? Inwiefern wirkt sich die Prägung eines modernen Bild der Liebe auf die Gestaltung aus?

Der auffallendste Unterschied zwischen Roman und Adaption ist die Erzählperspektive. Die Handlung wird im Roman hauptsächlich von Nelly, der Haushälterin, wiedergegeben. Ihre subjektive Wahrnehmung der bereits geschehenen Ereignisse fließt direkt in die Erzählung mit ein. In der Adaption hingegen verfolgt der Rezipient die Handlung, wenn nicht aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters, dann meist aus der Sicht Heathcliffs:

Konsequent folgt Arnolds Inszenierung der Sichtweise ihres Protagonisten: Wie er von außen in Räume blickt, die ihm verschlossen bleiben; mit welchen Augen er die herb- schöne Landschaft Yorkshires sieht, die ihm vermutlich aufgrund seiner Herkunft sehr fremd erscheint; wie anziehend das wilde Haar und der verlockende Nacken der vor ihm auf dem Pferd sitzenden Cathy sind. Das Kameraauge folgt ihm über die Heide, als er weggeht, und nimmt ihn, in einem gekonnten Schnitt, bei seiner Rückkehr Jahre später wieder auf - ohne dass die vergangene Zeit je beleuchtet würde.

[...]


1 Ostwald, Susanne: Was Heathcliff sah. In: Neue Zürcher Zeitung. Zürich 2012

2 Dorchain, Claudia Simone: Der böse Eros: Emily Brontës philosophisches Konzept der Liebe im Roman „Sturmhöhe“. In: IZPP 2011, S.1

3 Rajewsky, Irina: Intermedialität. Tübingen und Basel 2002, S. 28

4 Ebd., S. 15f

5 Bogner, Ralf Georg: Medienwechsel. In: Nünning 1998, S. 355

6 Rajewsky, Irina: Intermedialität. Tübingen und Basel 2002, S. 16

7 Ebd., S.17

8 Mundt, Michaela: Transformationsanalyse. Methodologische Probleme der Literaturverfilmung. Tübingen 1994

9 Vgl. Faulstich, Ingeborg: Vermittlung, S.34

10 Rajewsky, Irina: Intermedialität. Tübingen und Basel 2002, S. 16

11 Bataille, Georges: Die Literatur und das Böse. Berlin 2011

12 Bataille, Georges: Die Literatur und das Böse. Berlin 2011

13 Rousseau, Jean-Jacques: Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes. Amsterdam 1755

14 Brontë, Emily: Sturmhöhe. München 2013, S. 31

15 Dorchain, Claudia Simone Der böse Eros: Emily Brontës philosophisches Konzept der Liebe im Roman „Sturmhöhe“. In: IZPP 2011, S.3

16 Ebd., S.2

17 Hobbes, Thomas: Leviathan. In: Oxford World's Classics. Oxford 2009

18 Vgl. Dorchain, S. 4

19 Bataille, Georges: Die Literatur und das Böse. In: Der böse Eros: Emily Brontës philosophisches Konzept der Liebe im Roman „Sturmhöhe“, S. 4

20 Dorchain, S.5

21 Ebd., S.2

22 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Hassliebe in Andrea Arnolds „Wuthering Heights“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi-Institut)
Veranstaltung
Kämpfende Paare in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V320766
ISBN (eBook)
9783668199781
ISBN (Buch)
9783668199798
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hassliebe, polyfone Erzählweise, Verfilmung, Literatur, Brontë, Wuthering Heights, Ellis Bell, Roman, Andrea Arnold
Arbeit zitieren
Carolin Strehmel (Autor), 2013, Hassliebe in Andrea Arnolds „Wuthering Heights“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320766

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