Der Hysterie-Diskurs um 1900 am Beispiel von Theodor Fontanes „Effi Briest“


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hysterie-Diskurs um 1900

3 Effi Briest
3.1 Fontanes Auseinandersetzung mit der Krankheit Hysterie
3.2 Charakterisierung der Figur Effi Briest
3.3 Hysterie-Analyse

4 Schlussbetrachtung

5 Bibliographie

1 Einleitung

„Sigmund Freud nannte die Hysterie die ‚Krankheit des Gegenwillens‘. In der Tat waren die Anfälle für die Hysterikerinnen eine Möglichkeit, ihren ereignislosen Lebenswegen, ihrem auf die Rolle der Ehefrau und Mutter beschränkten Dasein zu entkommen. […] Auch die frommen Mädchen setzten mit ihren ekstatischen Zuständen ein Minimum an Selbstbestimmung durch. Viele Ekstatikerinnen mussten sich massiv gegen die Heiratspläne zur Wehr setzen, die ihnen von ihren Familien aufgezwungen wurden.“1

Die folgende Seminararbeit befasst sich mit eben diesem Hysterie-Diskurs um 1900 und dessen Widerspiegelung in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“.

Das Werk wurde zunächst von Oktober 1894 bis März 1895 als Vorabdruck in der „Deutschen Rundschau“ veröffentlicht, einige Monate später dann, im Oktober 1985, als Buch herausgegeben2.

Vor der Analyse des Romans wird Sigmund Freuds „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ zusammengefasst vorangestellt, sowie weitere Ansätze wiedergegeben, um die damalige Auffassung über Symptome und Verlauf der Krankheit, sowie deren Diagnose nachvollziehbar zu machen.

Lilo Weber konstatiert in ihrer Untersuchung hysterischer Frauen in der Literatur, dass alle Symptome der Hysterie bei Patientinnen immer dann auftauchen, „wenn sich die Frauen in Schwierigkeiten befinden, wenn ihnen etwas Unangenehmes zustößt oder wenn sie Gefühle nicht verbalisieren können. Die Ursachen dieser Leiden werden zumeist nicht genannt, bei vielen Fällen darf man aber von einer körperlichen Funktionsstörung ohne somatische, dafür aber mit psychischen Ursachen sprechen.“3

Im Anschluss daran soll Fontanes Hauptfigur Effi Briest auf eben diese Anzeichen und ihre Darstellung als Hysterikerin untersucht werden, sodass die Frage, wie der Diskurs um 1900 im Roman widergespiegelt ist, beantwortet werden kann.

Dazu ist vorab die Untersuchung der Auseinandersetzung des Autors selbst mit der Thematik der hysterischen Frauen notwendig.

Es folgt eine Charakterisierung der Hauptfigur und eine Analyse, ob und in wieweit Symptome der Hysterie im Roman zu finden sind.

Hierbei soll auch ein Vergleich der Figur Effi mit Freuds Patientin Dora, deren Krankengeschichte in seiner Hysterie-Analyse öffentlich wurde, helfen. Edith H. Krause vergleicht die beiden Figuren ebenfalls in „Eclectic Affinities: Fontane’s Effi and Freud’s Dora“4.

2 Hysterie-Diskurs um 1900

„Die Krankheit namens Hysterie durchwandert seit Jahrtausenden medizinische Abhandlungen. Sie präsentiert sich äußerst vielseitig: Genannt werden hunderte von Symptomen wie beispielsweise Erstickungsanfälle, Lähmungserscheinungen, epilepsieartige Anfälle, Verkrampfungen, Bewusstlosigkeit, Gleichgewichtsstörungen, Erbrechen, Sehstörungen und akute Blindheit, sowie Sprachstörungen, die bis zum vollständigen Verlust der Sprache reichen. Ebenso werden Störungen im Geruchs- und Geschmacksempfinden, Schwächeanfälle, Kopfschmerzen und auch Dissoziation damit in Verbindung gebracht. Alle weisen eine Gemeinsamkeit auf: sie tauchen ohne ersichtliche Ursache plötzlich auf und verschwinden ebenso schnell wieder, scheinbar ohne Spuren zu hinterlassen.“5

Paul Julius Möbius konstatiert in seiner 1905 erschienenen Schrift ‚Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes‘, dass „für das geistige Leben außerordentlich wichtige Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne, und daß dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht“6.

Es gelte: „Körperlich genommen, ist, abgesehen von den Geschlechtsmerkmalen, das Weib ein Mittelding zwischen Kind und Mann, und geistig ist sie es, wenigstens in vielen Hinsichten, auch“7.

Dies ist selbstredend kein Bild von Frauen bzw. Hysterikerinnen, das Theodor Fontane in seinem Roman umsetzt.

Lilo Weber kommt in ihrer Analyse der Texte von Fontane et al. zu dem Schluss, dass „die Hysterikerin […] je nach Theoretiker sexuell übererregt oder frigide, […] suggestibel, verwöhnt, herrschsüchtig und verlogen“8 dargestellt ist.

Sigmund Freud, einer der bekanntesten Psychoanalytiker und seinerzeit junger Assistent von Jean-Martin Charcot, veröffentlicht zunächst 1895, zusammen mit Josef Breuer, die Hysteriestudien.

Zehn Jahre später erscheint sein „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“, in dem er die Krankengeschichte einer Patientin beschreibt.

Zwar ist auch seiner Auffassung nach der psychische Zustand einer Patientin oftmals durch ihr sexuelles Verhalten bedingt und auch er zählt eine bewusste Unaufrichtigkeit zu den Merkmalen bzw. Charaktereigenschaften einer Hysterikerin, jedoch weiß Freud ebenfalls um die jeweiligen Lebensumstände und deren Einfluss auf den Zustand der Frauen:

„ […] Nicht nur, daß sie die längst vergangenen schmerzlichen Erlebnisse erinnern, sie hängen noch affektvoll an ihnen, sie kommen von der Vergangenheit nicht los und vernachlässigen für sie die Wirklichkeit und die Gegenwart. Diese Fixierung des Seelenlebens an die pathogenen Traumen ist einer der wichtigsten und praktisch bedeutsamsten Charaktere der Neurose.“9

Teils also treffen Webers Beschreibungen einer typischen von Psychoanalytikern als solche deklarierten Hysterikerin auch auf Freud zu, teils aber kann man ihm durchaus eine intensivere und detailliertere Auseinandersetzung mit der Krankheit nachweisen.

Im Gegensatz zu Philosophen wie Otto Weininger, der 1903 die Hysterie als „eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes"10, beschreibt, konstatiert Freud einige wesentliche Symptome der Ende des 19. Jahrhunderts als Hysterie betitelten Krankheit, die heute als nicht nur Frauen zugewiesene „dissoziative Störung“ oder „Konversionsstörung“ bekannt ist.

Mit Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der Hysterie beschäftige sich auch Hippolyte Bernheim: „Des phénomènes physiologiques, contracture, catalepsie, léthargie [...] peuvent être provoqués par des manipulations diverses ou par l'action physique des aimants: des phénomènes psychiques, actes, hallucinations, illusions, peuvent être réalisés par suggestion dans quelques phases de cet état complexe“11.

Bei Effi Briest zeigen sich fast gar keine somatischen Symptome aufgrund ihres psychischen Zustands.

Dies soll aber in Kapitel 3.3 eingehender untersucht sein.

3 Effi Briest

„Weil sie da sind, diese nervösen Frauen, zu Hunderten und Tausenden unter uns leben, so haben sie einfach durch ihre Existenz auch Bühnenrecht erworben.“12

Der eigentliche Fall hinter dem Erscheinen des Romans „Effi Briest“ ist die Ardenne-Affäre: „Es ist nämlich eine wahre Geschichte, die sich hier zugetragen hat, nur in Ort und Namen alles transponiert. […] Crampas war ein Gerichtsrat, Innstetten ist jetzt Oberst, Effi lebt noch, ganz in der Nähe von Berlin.“13

Elisabeth Freiin von Plotho, das Vorbild der Figur Effi Briest, „wächst ohne äußere Zwänge auf und spielt besonders gern mit Jungen“14.

Effis Jugend ist eine ähnliche; sie verbringt die meiste Zeit spielend mit Freundinnen, auch ihren Cousin Dagobert mag sie sehr, möchte ihn später einmal heiraten.

Doch es sind die Eltern, die für ihre Töchter den zukünftigen Ehemann aussuchen. Der arrangierten Ehe fügen sich beide – Elisabeth und Effi.

Ardenne, der Gatte von Elisabeth, „geht voll und ganz in seinem Beruf auf, während sich Else zunehmend vernachlässigt fühlt.“15 Genau dies trifft auch auf Effi und Innstetten, Effis Ehemann, zu, dessen Karriere scheinbar einen höheren Stellenwert als seine Ehe hat.

Eine flüchtige Affäre mit einem Freund des Ehemanns führt sowohl im wahren Fall Ardenne als auch bei Fontanes Romanfiguren zum Duell mit tödlichem Ausgang für den Liebhaber. Es kommt zur Scheidung.

Im Roman wird Effi von den Eltern verstoßen und darf ihre Tochter nicht mehr sehen. Sie wird zunehmend schwächer und kränker, bis sie schließlich von den Eltern wieder aufgenommen wird.

Mit dreißig Jahren stirbt sie im Haus ihrer Eltern.

Wie spiegelt Fontane den Diskurs der Zeit in seinem Roman „Effi Briest“ wider? Was bewegt ihn dazu, sich mit Hysterie auseinanderzusetzen? Welches Interesse verfolgt er?

[...]


1 Nagel, Franka: Hysterische Frauen im 19. Jahrhundert. Wahnsinn war weiblich, in: SZ, 09.12.2011

2 Wöhrle, Dieter: In: Theodor Fontane Effi Briest Text und Kommentar. Frankfurt am Main und Leipzig 2002, S. 347

3 Weber, Lilo: „Fliegen und Zittern“: Hysterie in Texten von Theodor Fontane, Hedwig Dohm, Gabriele Reuter und Minna Kautsky. Bielefeld 1996, S. 43

4 Krause, Edith H.: Eclectic Affinities: Fontane’s Effi and Freud’s Dora. San Angelo 2003

5 Van Gemmern, Nina: Hysterie als Signatur des späten 19 Jahrhunderts in Fontanes Romanen "Effi Briest" und "Cecile", S.6

6 Möbius, Paul Julius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Halle 1912

7 Ebd.

8 Weber, Lilo: „Fliegen und Zittern“: Hysterie in Texten von Theodor Fontane, Hedwig Dohm, Gabriele Reuter und Minna Kautsky. Bielefeld 1996, S. 29

9 Freud, Sigmund: Über Psychoanalyse. Leipzig und Wien 1910, S.11

10 Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Wien und Leipzig 1903

11 Bernheim, Hippolyte: Hypnotisme, Suggestion, Psychothérapie: Études Nouvelles. Paris 1891

12 Fontane, Theodor: Aufsätze 2, S. 804 ( am 19. März 1889 in seiner Rezension zu Ibsens „Die Frau vom Meere“)

13 Fontane, Theodor: Brief am 12. Juni 1895

14 Wöhrle, Dieter: In: Theodor Fontane Effi Briest Text und Kommentar. Frankfurt am Main und Leipzig 2002

15 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Hysterie-Diskurs um 1900 am Beispiel von Theodor Fontanes „Effi Briest“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi-Institut)
Veranstaltung
Maladie Nerveuse
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V320770
ISBN (eBook)
9783668207356
Dateigröße
2931 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hysterie-diskurs, beispiel, theodor, fontanes, effi, briest
Arbeit zitieren
Carolin Strehmel (Autor), 2013, Der Hysterie-Diskurs um 1900 am Beispiel von Theodor Fontanes „Effi Briest“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320770

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