In dieser Arbeit soll der Umgang des Islams mit der Polygamie beleuchtet werden. Ist das Vorrecht dem Mann von Gott gegeben, dass ihm seine Ehefrauen bedingungslos ausgeliefert sind und von seiner Willkür ihr ganzes Leben abhängen?
Vorangestellt soll die Polygamie als solches definiert und in ihren anfänglichen Formen erläutert werden, um eine erste Orientierung zu schaffen, in welchem Kulturkreis und welcher Weltauffassung man sich bewegt. Anschließend wird Bezug zu dem Koran hergestellt, um zuletzt kurz auf die heutige Lage und Tunesiens Wandel einzugehen.
Polygamie – oft bekommt man dieses Wort zu hören, zumeist mit gefestigten negativen Meinungen dahinter und allenfalls mit dem Islam in Verbindung gebracht. Doch Polygamie ist keinesfalls eine Erfindung des Islams, sondern eine schon Jahrhunderte zuvor praktizierte Eheform, was die westliche Welt gekonnt außer Acht lässt. Von dem Islam aufgegriffen und im Koran verankert wird sie bis in unsere heutige Zeit praktiziert. Doch kann sich die islamische Rechtsschule gegen Kritiken wehren, die besagen, dass er mit seiner Polygamie die Frauen bewusst unterdrücke? Und wie ist der gesetzliche Beschluss bezüglich des Umgangs mit Eheformen in nicht laizistischen Staaten?
Vielerorts werden die Missstände unter Einfluss des Westens erkannt und einer Unterdrückung der Frau durch den Koran entgegengetreten. Prototyp eines solchen Landes ist Tunesien. Reformer haben besonders im 20. Jahrhundert stark für Frauen gekämpft und die Schaffung eines sozialeren Systems erwirkt. Die größte Errungenschaft ihres Wirkens ist das offizielle Verbot der Polygamie in der tunesischen Verfassung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Polygamie
2.1 Definition
2.2 Jahiliyya
2.3 Begründung im Koran
3. Polygamie in der Neuzeit
3.1 Tunesiens Wandel
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Umgang des Islam mit der Polygamie und analysiert kritisch, ob die Sure „An-Nisa“ des Korans tatsächlich als Legitimation für die Unterdrückung der Frau in der Ehe dienen kann oder ob dies eher auf gesellschaftliche Fehlinterpretationen zurückzuführen ist.
- Historische Einordnung der Polygamie in der vorislamischen Zeit (Jahiliyya).
- Theologische Analyse der Koransuren bezüglich der Eheformen.
- Die Rolle von Reformprozessen in muslimisch geprägten Staaten, dargestellt am Beispiel Tunesiens.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen religiösen Texten und moderner Gleichberechtigung.
- Soziologische Betrachtung der tatsächlichen Verbreitung monogamer vs. polygamer Ehen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Tunesiens Wandel
Tunesien zählt zu einem der wenigen muslimischen Länder wo sich in der Rechtsprechung ein Wandel zugunsten der Frauen vollzog bzw. immer noch vollzieht. Charakteristisch für einen nicht laizistischen Staat, beruft sich das Rechtssystem auf die Gesetze der vorherrschenden Religion, in diesem muslimischen Fall mitsamt seiner genannten Einschränkungen für die Frauen. Seit Anfang des 20. Jahrhundert stehen dem Al-Hadad und Habib Bourguiba entgegen, zwei wichtige Persönlichkeiten des Reformismus Tunesiens. Al-Hadad kämpfte besonders für „eine in weiten Teilen radikale Modifikation von Gesetzestexten mit frauenrechtlichem Bezug.[…] Ins Zentrum seiner gesellschaftspolitischen Reformforderungen stellt Al-Hadad jedoch die Ehe, bzw. das Verhältnis der Ehepartner untereinander.“ Was so konträr zur dortigen Gesinnung scheint, gründet sich in den geschichtlichen Ereignissen, wie den schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Reformismus und starken europäischen Einfluss, der seit der Kolonialzeit Einzug hält. Jenes Gedankengut wurde gleichermaßen von Habib Bourguiba vertreten, der von den Tunesiern der als erster Präsident gewählt wurde und 1956 das Personenstandsgesetzbuchen (französisch „Code de Statut Personnel“, im Darauffolgenden mit CSP abgekürzt) erließ.
In dem CSP ist die staatliche Eheform ganz klar vorgeschrieben, indem in Art. 18 Abs. 1 unmissverständlich „Die Polygynie ist verboten.“ steht. Mit der Veröffentlichung dieser Anweisung, wollte die Regierung der sukzessiven Polygynie – dem häufigen Wechsel von Ehefrauen durch Verstoßung und Neuheirat – entgegentreten. Dabei wird speziell auf den 129. Vers der vierten Koransure Stellung bezogen, dass es einem Mann nicht gelinge Gleichbehandlung seiner Ehefrauen walten zu lassen. Bourguiba rechtfertigt seinen Verbotsentschluss mit seiner Meinung nach, zeitgemäßen Forderung nach einer Neu-Interpretation der islamischen Quellen, da er nicht den Koran für die Unterdrückung der Frauen verantwortlich macht, sonder vielmehr die Gesellschaft im Umgang mit der heiligen Schrift.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Polygamie im Islam ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Legitimation der Frauenunterdrückung durch den Koran sowie der Rolle staatlicher Reformen.
2. Polygamie: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Polygamie, erläutert die vorislamische Praxis der Jahiliyya und analysiert die diesbezüglichen Verse im Koran, insbesondere die Sure „An-Nisa“.
3. Polygamie in der Neuzeit: Hier wird der tatsächliche Umgang mit Eheformen in der heutigen Zeit beleuchtet, wobei statistische Daten die Dominanz der Monogamie belegen und der Modernisierungsprozess muslimischer Länder diskutiert wird.
3.1 Tunesiens Wandel: Dieser Unterpunkt analysiert das Beispiel Tunesien, das durch das Personenstandsgesetzbuch (CSP) ein explizites Verbot der Polygamie implementierte, um Frauenrechte zu stärken.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass der Koran keine direkte Anordnung zur Polygynie enthält und mahnt, dass die Unterdrückung der Frau eher auf männlich dominierte Interpretationen als auf religiöse Ursprünge zurückzuführen ist.
Schlüsselwörter
Polygamie, Islam, Koran, An-Nisa, Tunesien, Frauenrechte, Familienrecht, CSP, Monogamie, Ehe, Gleichberechtigung, Reformismus, Jahiliyya, Polygynie, Geschlechterverhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Polygamie innerhalb des Islams und der Frage, inwiefern der Koran als Basis für die Unterdrückung von Frauen in der Ehe herangezogen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung von Eheformen im Islam, die theologische Interpretation der einschlägigen Koransuren sowie die staatlichen Reformbemühungen zur Modernisierung des Familienrechts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob die Sure „An-Nisa“ eine explizite Legitimation für die Unterdrückung der Frau liefert oder ob moderne gesellschaftliche Praktiken einer Neuinterpretation der religiösen Quellen bedürfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse, um religiöse Texte mit soziologischen Gegebenheiten und rechtlichen Entwicklungen in muslimisch geprägten Ländern in Bezug zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche und historische Definition, eine theologische Untersuchung des Korans sowie eine Fallstudie zu den Modernisierungsbemühungen in Tunesien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Polygamie, Islam, Frauenrechte, Tunesien, Koran und Familienrecht.
Welche Bedeutung hat das tunesische CSP für die Untersuchung?
Das CSP dient als praktisches Fallbeispiel für eine staatliche Reform, die den Koran neu interpretiert und die Polygamie per Gesetz verbietet, um Frauen rechtlich mit Männern gleichzustellen.
Wie stehen die Autoren der Arbeit zu den Vorwürfen der westlichen Welt?
Die Arbeit argumentiert, dass die westlichen Vorwürfe einer von Gott legitimierten Frauenunterdrückung aus theologischer Sicht unbegründet sind, da der Koran keine exakte Weisung zur Polygamie gibt, sondern Eigenverantwortung fordert.
- Quote paper
- Carolin Menzel (Author), 2016, Polygamie im Islam. Liefert die Sure „An-Nisa“ im Koran die Legitimation für die Unterdrückung der Frau in der Ehe?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320784