Spracherhalt und -verfall der dialektalen Varietäten der deutschen Sprachinseln in Lateinamerika

Vergleich der deutschen Sprachinseln im Rio Grande do Sul in Südbrasilien und im Llanquihue-Seengebiet in Süd-Chile


Hausarbeit, 2012
20 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Part 1: Die Entstehung der Sprachinseln - ein geschichtlicher Rückblick
2. Definition einer Sprachinsel
3. Rio Grande do Sul
3.1. Die Auswanderung von Deutschstämmigen nach Südbrasilien
3.2. Die Gründe für die Auswanderung
3.3. Die Entstehung der deutschen Kolonie in Rio Grande do Sul
3.4. Die deutsche Sprache in Brasilien
3.5. Das Riograndenser Hunsrück
3.6. Die Herkunft der Sprecher
4. Der Kleine Süden Chiles
4.1. Die Auswanderung der Deutschstämmigen nach Süd-Chile
4.2. Die Gründe für die Auswanderung
4.3. Die Entstehung deutscher Kolonie
4.4. Die deutsche Sprache in den Siedlungsgebieten
4.5. Das Launa-Deutsch
4.6. Die Herkunft der Sprecher

Part 2: Der Vergleich

5. Sprachkontakt, Spracherhalt, Sprachverfall
5.1. Faktoren für den Spracherhalt
5.2. Faktoren für den Sprachverfall
6. Schluss
7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Mensch spricht und vernimmt die Sprache, er liest sie und schreibt sie auf.

Sie gibt ihm Bewusstsein, Identität und Selbstverständnis. […] Über die Sprache lernen wir, in die Familie, die Kultur und unser Gemeinwesen hineinzuwachsen. […].“1

Ausgehend von dieser Definition der Sprache, welcher hier ein sehr hoher Rang zukommt, ist es nicht verwunderlich, dass sich in Lateinamerika mit der Einwanderung vieler Deutschstämmiger, zahlreiche deutsche Sprachinseln etabliert haben. Genauer in Augenschein genommen werden in der vorliegenden Arbeit die Sprachinseln in Südbrasilien und in Süd- Chile. Dabei stehen hauptsächlich die Aspekte des Sprachkontaktes im Vordergrund. Während im ersten Abschnitt der Arbeit ein kurzer historischer Rückblick ausgehend von der genauen Eingrenzung der Gebiete, in denen die Sprachinseln heute noch existieren, über die Entstehung der deutschen Sprachinseln bis hin zur Herausbildung der dialektalen Varietäten gegeben wird, beschäftigt sich der daran anschließenden Abschnitt mit dem soziolinguistischen Vergleich beider deutscher Sprachinseln. Dabei soll vor allem der zweite Part Auskunft über ihre heutige Situation geben und inwieweit die Sprachinseln heute noch existent sind. Der Vergleich soll zeigen, ob sich die bestimmten Faktoren, die für den dialektalen Spracherhalt bzw. -verfall verantwortlich sind, ähneln oder weit auseinander gehen. Des Weiteren steht zum Schluss die Frage der möglichen Weiterexistenz der dialektalen Varietäten im Fokus. Vor allem in Bezug auf diese Frage, wird sich allerdings eine Beantwortung oder sogar Klärung als außerordentlich schwierig erweisen. Eine Frage also, die sich vielleicht nur, einhergehend mit der weiteren Verfolgung der deutschen Sprachinseln in Lateinamerika, in den nächsten Jahrzehnten klären lässt.

Besonders eine umfangreiche, wenn auch heute leider nicht mehr so aktuelle Literatur über diese beiden deutschen Sprachinseln, macht eine umfangreiche Analyse dessen möglich und lässt dennoch auch darüber hinaus noch viel Raum für weitere Untersuchungen.

Die Entstehung der Sprachinseln - ein geschichtlicher Rückblick

2. Definition einer Sprachinsel

Laut Wiesinger „[sind Sprachinseln] punktuell oder flächenmäßig auftretende, relativ kleine, geschlossene Sprach- und Siedlungsgemeinschaften in einem anderssprachigen, relativ größeren Gebiet“.2

Hierbei ist allerdings anzumerken, dass eine Sprachgemeinschaft in geschlossener Form meist nur zu Beginn zutrifft. Mit der Zeit kommt es zur Assimilation der neu Eingewanderten an die neuen Gegebenheiten und einhergehend damit schreitet auch der Fremd-Werden-Prozess gegenüber der alten Heimat voran.

Die neuen Einwanderer stellen eine „[…] sprachliche Minderheit inmitten der anderssprachigen Mehrheit“3 dar.

Stark eingehend auf den Aspekt des Zusammengehörigkeitsgefühls der Minderheit innerhalb einer Sprachinsel weist Mattheier darauf hin, dass „[…] [sich] eine durch verhinderte oder verzögerte sprachkulturelle Assimilation entstandene Sprachgemeinschaft […] von der Kontaktgesellschaft durch eine die Sonderheit motivierende soziopsychische Disposition [angrenzt] bzw. von ihr ausgegrenzt wird.“4

Das Gruppenbewusstsein entsteht dementsprechend vor allem in der Abgrenzung zu den Anderssprachigen und wird durch gemeinsame Identitätssymbole gefördert, wie zum Beispiel dem Erbauen von gemeinnützigen Schulen und Kirchen. Im Folgenden soll auf die Regionen eingegangen werden, in denen heute noch die zu vergleichenden Sprachinseln existieren. Um ein genaueres Bild der einzelnen Sprachvarietäten erhalten zu können, ist es zudem aber nötig, die Gebiete näher einzugrenzen, in denen die sprachlichen Varietäten gesprochen werden.

3. Rio Grande do Sul

Das Gebiet Rio Grande do Sul bildet zusammen mit Santa Catarina und Paraná die Region Südbrasilien. Vor allem mit Beginn des 19. Jahrhunderts kamen viele Einwanderer europäischen Ursprungs in diese Region und siedelten sich an.

„Der weitaus größte Teil der Einwanderer wendete sich dem Süden [Brasiliens zu], von denen Rio Grande do Sul auch gegenwärtig noch den absolut und relativ höchsten Anteil Deutschstämmiger aufweist.“5

3.1. Die Auswanderung von Deutschstämmigen nach Südbrasilien

Die erste mitteleuropäische Einwanderung nahm ihren Anfang im Jahre 1818. Die Einwanderer siedelten sich speziell im Süden des Landes an, da dort die geografischen und auch klimatischen Bedingungen am günstigsten waren. Die bedeutendste Einwanderungswelle von Menschen europäischer Herkunft nach Übersee aber begann im Jahre 1824. 90 Prozent der Deutsch- stämmigen siedelten sich im Großraum Südbrasilien an. Das gesamte Jahrhundert hindurch wurde ein Zustrom an neuen Siedlern verzeichnet. Auch wenn diese zum Ende des 19. Jahrhunderts wieder rückläufig war, so wurde spätestens mit dem Ende des 1. Weltkrieges eine neue Welle der Auswanderung begonnen, jetzt geschürt mit der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Möglichkeiten. Besonders mit Beginn des 2. Weltkrieges und der damit einhergehenden Judenverfolgung kamen zusätzlich noch religiöse Gründe für eine Aus- wanderung hinzu. Und auch nach dem 2. Weltkrieg stellte Südamerika eine Fluchtmöglichkeit für viele Anhänger des Nationalsozialismus dar.6

3.2. Die Gründe für die Auswanderung

Zurückzuführen ist die Einwanderung vieler Deutschstämmiger mit Beginn des 19. Jahrhunderts und mit stetigem Anstieg in der Mitte dieses Jahrhunderts auf die besorgniserregende, damals relativ kleine Gesamtbevölkerung im Gebiet Rio Grande do Sul. Diese beträgt im Jahre 1822 gerade einmal nur rund 100.000 Einwohner.7 Somit boten viele unbesiedelte Landstriche für Feinde einen Ort für Invasionen. Um aber eine sowohl politische als auch geographische Stabilität des Gebietes herbeizuführen und eine Verteidigung des eigenen Landes zu ermöglichen, war eine dichtere Besiedlung des gesamten Territoriums von Nöten. Daher warb die brasilianische Regierung mit einer Reihe von Versprechungen um die potenziellen Einwanderer, wie zum Beispiel mit einer bezahlten Überfahrt, der Vergabe von Land oder anfänglichen Steuerbefreiungen. Für die Deutschstämmigen war die Möglichkeit der Auswanderung ein Antrieb zum Neuanfang, zumal die Situation im damaligen Deutschland nach den Missernten um 1816 und der darauffolgenden Agrarkrise in den 20er Jahren von wirtschaftlicher Not und Hunger, vor allem aber auch von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Hinzu kamen ständige Konflikte mit anderen Staaten und der daraus resultierende Wunsch Vieler nach Freiheit und dem Traum des wirtschaftlichen und beruflichen Aufstiegs. Demnach ist auch eine kaum existierende Ortsgebundenheit an die eigene Heimat nachzuvollziehen. Außerdem lassen sich Gründe nennen, wie die simple Vision des sonnigen Südens oder der Trieb, in die Ferne zu gehen, um etwas Neues kennenzulernen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden vor allem in der Landwirtschaft, bedingt durch den Rückgang des Sklavenhandels bis hin zur Sklavenbefreiung 1888, ständig neue Arbeitskräfte benötigt.8

Abschließend lässt sich zu dieser Phase der Einwanderung sagen, dass „[die Einwanderer] sozialen Gruppen [entstammten], denen um des Überlebenswillen nur die Wahl blieb, sich entweder als abhängige Lohnarbeiter in den während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erst entstehenden Industriegebieten niederzulassen oder nach Übersee auszuwandern, um zu eigenem Grund und Boden zu kommen, was für sie in der Heimat unerreichbar war.“9

Die Tatsache einer Auswanderung aus dem Heimatland in ein noch unbekanntes Land zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände wird somit nochmals hervorgehoben.

Anschließend wird die Entstehung der deutschen Kolonie in Rio Grande do Sul näher betrachtet.

3.3. Die Entstehung der deutschen Kolonie in Rio Grande do Sul

Der 25. Juli wird heutzutage offiziell als Dia de Colonos, als Tag der Kolonisten gefeiert, da an diesem Datum im Jahre 1824 die ersten 39 deutschen Einwanderer brasilianischen Boden betraten.10

„Das Gros der Einwanderer bestand aus Kleinbauern; es kamen aber auch Handwerker, Ärzte, Pfarrer und Lehrer mit ins Land, wodurch die Möglichkeit zur Schaffung von Gemeinwesen gegeben war, die aufgrund ihrer Sozialstruktur - wie auch in anderen Staaten Lateinamerikas - kaum auf Kontakte mit der anderssprachigen Umwelt angewiesen waren“.11

Wenig später gründeten sie die Deutsche Kolonie von São Leopoldo. Somit begann in den Siedlungsgebieten unabhängig und abgegrenzt von Menschen brasilianischer Herkunft die kulturelle Entwicklung voranzuschreiten.

„Diese, meist ethnisch homogenen, Ansiedlungen der deutschen Kolonisten und ihrer Nachkommen sind lange Zeit weitestgehend isoliert geblieben und konnten somit ihren homogenen Charakter zunächst bewahren.“12

Die Einwanderer versuchten ihre eigene Heimat im neuen Land aufzubauen und möglichst viel von ihrer alten vertrauten Umgebung mit zu integrieren. Sie bemühten sich also um den Aufbau einer neuen Gesellschaft nach dem Muster des Auswanderungslandes. Es kam zu einer Anpassung ohne Assimilation.

Der nächste Abschnitt behandelt einhergehend mit der Einwanderung der Menschen deutscher Herkunft, die Herausbildung des Hunsrückischen im Rio Grande do Sul.

[...]


1 Pleines, Jochen: Sprachen und mehr. Globale Kommunikation als Herausforderung. Wiesbaden 1998, S.92

2 Damke, Ciro: Sprachgebrauch und Sprachkontakt in der deutschen Sprachinsel in Südbrasilien. Frankfurt am Main 1997, S.57, zitiert nach: Wiesinger, Peter 1983: Hebung und Senkung in den deutschen Dialekten. In: Besch, Werner/Knoop, Ulrich/Putschke, Wolfgang/Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg): Dialektologie. 2. Hbd. Berlin, New York 1983, S. 1106-1110

3 Damke 1997, S.57, zitiert nach: Hutterer, Claus Jürgen: Sprachinselforschung als Prüfstand für dialektologische Arbeitsprinzipien. In: Besch, Werner/Knoop, Ulrich/Putschke, Wolfgang/Wiegand, Herbert Ernst (Hrsg): Dialektologie. 1. Hbd. Berlin, New York 1982, S. 178-189

4 Mattheier, Klaus J.: Theorie der Sprachinsel. In: Berend, Nina/ Mattheier, Klaus J. (Hrsg): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig, Frankfurt am Main 1994, S.333-346

5 Ziegler, Arne: Deutsche Sprache in Brasilien. Untersuchungen zum Sprachwandel und Sprachgebrauch der deutschstämmigen Brasilianer in Rio Grande do Sul. Essen 1996, S.34

6 ebd, S.29-43

7 vgl. Kleinschmitt, Sybille: Deutsch in Lateinamerika - Hunsrückisch im Rio Grande do Sul. Karlsruhe 2006, S.8

8 vgl. Ziebur, U.: Die soziolinguistische Situation von Chilenen deutscher Abstammung. http://www.linguistik- online.de/3_00/ziebur.html (07.02.12

9 Ziegler 1996, S.32 ff., zitiert nach: Potthast-Hubold, Elke: Zum Mundartengebrauch in Siedlungen pommerscher Auswanderer des 19. Jahrhunderts in Esprito Santo (Brasilien). Neumünster 1982

10 vgl. Kleinschmitt 2006, S.9

11 Born, Joachim/Dickgießer, Sylvia: Deutschsprachige Minderheiten. Ein Überblick über den Stand der Forschung für 27 Länder. Mannheim 1989, S.55

12 Ziegler 1996, S.35

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Spracherhalt und -verfall der dialektalen Varietäten der deutschen Sprachinseln in Lateinamerika
Untertitel
Vergleich der deutschen Sprachinseln im Rio Grande do Sul in Südbrasilien und im Llanquihue-Seengebiet in Süd-Chile
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Romanistik)
Veranstaltung
Sprache und Kultur der Deutschen in Lateinamerika
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V320827
ISBN (eBook)
9783668200524
ISBN (Buch)
9783668200531
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachinseln, Dialektologie, Linguistik, Sprachkontakt, Sprachwandel, Varietäten
Arbeit zitieren
Dorothee Scheffler (Autor), 2012, Spracherhalt und -verfall der dialektalen Varietäten der deutschen Sprachinseln in Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320827

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