Sprachen in Kontakt. Normalisierungsprozess und sprachliche Realität auf Mallorca


Hausarbeit, 2014

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachen in Kontakt
2.1 Normkatalanisch vs. Kastilisch
2.2 Mallorquinisch vs. Normkatalanisch
2.3 Deutsch als Sprache der Touristen

3 Llei de normalització lingüística de las Illes Balears 1986
3.1 Inhalte und Ziele
3.2 Prozess der Normalisierung
3.2.1 Sprachpolitik
3.2.2 Immigration
3.2.3 Einstellung der Mallorquiner zum Normkatalanischen

4 Sprachliche Realität

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mallorca gilt als größte der Balearischen Inseln und als eines der beliebtesten Reiseziele der deutschen Urlauber. 2013 pilgerten in etwa 3,5 Millionen1 “Ballermann- Touristen” in das, von der deutschen Presse gerne mal als 17. Deutsches Bundesland bezeichnete Mallorca. Ob die Urlauber nun mit Buenos días oder Bon dia begrüßt werden, ist den Meisten relativ egal. Doch Fakt ist, dass die von Touristen überlaufene Mittelmeerinsel “sprachwissenschaftlich betrachtet […] von einer komplexen Kontaktsituation gekennzeichnet [ist]”2. In Kontakt stehen nicht nur die beiden Normsprachen Mallorcas – Kastilisch und Katalanisch, sondern ebenfalls die insulare Varietät des Katalanischen, das Mallorquí. Nicht zu vergessen sind die Sprachen der Touristen.

Eine ganz besondere Situation, die von Konflikten und Versuchen der Normalisierung gekennzeichnet ist. Doch wie kam es eigentlich dazu? Laut Sandra Herling ist “diese gegenwärtig vorzufindene Kontaktsituation […] ein Resultat historischer bzw. politischer Entwicklungen”3. Die im 13. und 14. Jahrhundert durch die katalanisch- aragonesische Krone auf die Balearen gelangte katalanische Sprache hatte von jeher keinen leichten Stand. Während im Laufe der Zeit aufgrund verschiedenster politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen das Kastilische allmählich die Überhand gewann, blieben die balearischen Dialekte weiterhin in der informellen Gesellschaft verankert.4 Eine gravierende Veränderung dieser Situation trat erst mit der Machtergreifung Francos ein: Er verbot das Katalanische – Kastilisch dominierte nun also auch den offiziellen und öffentlichen Kommunikationsbereich. Hinzu kommt, dass der Diktator die Balearen innerhalb weniger Jahre vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland machte.5 Mit der Förderung des tertiären Sektors kam der Massentourismus nach Mallorca, und damit auch zahlreiche kastilischsprachige Arbeitskräfte. Mallorca boomte – es war der Beginn zahlreicher Einwanderungswellen, die sich aufmachten in Richtung der Balearen. Auch immer mehr Touristen fassten die Mittelmeerinsel als neue Heimat ins Auge. Mit dem Ableben Francos und der Verabschiedung des Autonomietstatus 1983 trat eine einschneidende Veränderung der insularen Sprachsituation ein, denn neben Kastilisch wird „ausdrücklich die „katalanische Sprache“ zur ureigentlichen Landessprache (llengua pròpia)“6 der Balearen gemacht. Doch was bedeutete dies für die Inseleinwohner, deren regionale Sprachvariante, das Mallorquí, der charakteristische und am stärksten differenzierte Dialekt des Katalanischen [ist]“7 ? Wie reagierte die Bevölkerung auf die eingreifenden Maßnahmen der Regierung und wie sieht die sprachliche Realität auf Mallorca heute aus? Um diese Fragen im Laufe der Hausarbeit klären zu können, werde ich zunächst die Verhältnisse der in Kontakt stehenden Sprachen näher betrachten. Der darauf folgende Punkt konzentriert sich primär auf das 1986 erlassene LLei de normalització lingüística de las Illes Balears mit seinen Inhalten und Zielen. Darüber hinaus soll eine genauere Betrachtung des Normalisierungsprozesses unter Beleuchtung verschiedener Faktoren, Aufschluss über die sprachliche Situation auf Mallorca bringen.

2 Sprachen in Kontakt

„Eine Sprachgemeinschaft pflegt nicht in einer vollkommenen Isolierung zu leben. Eine der häufigsten Situationen ist die, daß die Sprache der Gemeinschaft sich mit einer oder mehreren Fremdsprachen berührt“.8 Doch wo es zu einem sprachlichen Kontakt kommt, kann es auch zu Konflikten führen. Rafael Lluís Ninyoles erklärt dieses Phänomen wie folgt: „El conflicte es fa evident quan hi ha una contradicció entre l’acceptació d’una segona llengua i el refús d’aquelles situacions socials que l’han condicionada.“9 Dass die Einstellung zur eigenen Sprache bzw. Varietät zum Teil den sozial-psychologischen Prozessen angehört, macht deutlich, dass Sprachkonflikte weniger ein linguistisches als vielmehr ein soziales Phänomen sind.10 Somit treten die Kontakte bzw. Konflikte nicht zwischen den Sprachen, sondern zwischen den Menschen auf.11 Besonders viel Zündstoff liefern die Sprachkonflikte auf Mallorca: So fühlen sich die Mallorquiner gar von zwei Seiten bedroht. Zum einen fürchten sie die Kastilisierung, zum anderen den vom Festland ausgehenden barcelonesischen Kulturimperialismus. Hinzu kommen die auf der Insel lebenden Deutschen, die derweil „im mallorquinischen Sprachenkonflikt mehrheitlich eine wenig rühmliche Rolle spielen“12.

2.1 Normkatalanisch vs. Kastilisch

Der wohl offensichtlichste Sprachkonflikt auf Mallorca liegt zwischen Normkatalanisch und Kastilisch vor. Die beiden Sprachen gehören zu den Meistgesprochenen der Balearischen Inseln.13 Tief begründet, findet man die Anfänge dieses Konfliktes bereits zu Zeiten der Decadència. Durch etliche Verbote wurde die katalanische Sprache gegenüber des Kastilischen in die Schranken gewiesen. Man sprach Kastilisch am spanischen Hofe – das bekamen auch die Mallorquiner zu spüren. Doch kann man bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine klare Aufteilung des Sprachgebrauchs erkennen: Während Kastilisch in öffentlichen und offiziellen Belangen verwendet wurde, blieb Katalanisch (bzw. seine sprachlichen Varietäten) die Sprache der mündlichen Kommunikation der Einwohner.14 Unter Diktator Franco erreichte die Unterdrückung des Katalanischen schließlich seinen Höhepunkt. Die zentralistische Sprachpolitik Francos stellte klar, dass man lediglich „con una sola lengua, el castellano, y con una sola personalidad, la española“15 in Spanien leben durfte. Diese Repressionspolitik führte dazu, dass das Katalanische aus allen Teilen des öffentlichen Lebens verschwand. Ein langjähriger Verdrängungsprozess, der das Sprachverhalten der balearischen Bevölkerung zum Katalanischen erheblich beeinflusste und prägte.

Doch zunächst zum Begriff des Normkatalanischen. Für viele Mallorquiner wurde er erst zum Thema als 1986, nach der Franco-Ära, das Normalisierungsgesetz erlassen wurde. So gilt es zu präzisieren, worum es sich bei der Regionalen Norm überhaupt handelt: Sie ist im formellen schriftlichen Gebrauch zu verwenden, als auch in der formellen mündlichen Kommunikation. „Der Terminus […] rechtfertigt sich dadurch, dass das Institut d’Estudis Catalans einige lexikalische und morphologische Charakteristika der Balearen offiziell anerkannt hat“.16

Bis zu diesem Moment war es auf den Balearen eine Frage persönlicher Vorlieben ohne jegliche Bedeutung für das öffentliche Leben gewesen, ob ein Katalanischsprecher die Bezeichnung „Katalanisch“ für seine Sprache akzeptierte oder aber vehement zurückwies und auf der Bezeichnung „Mallorquinisch“ bestand […].17

Somit war die Regionale Norm für Insulaner, die daran gewöhnt waren im Schriftlichen Kastilisch zu verwenden und in der mündlichen Kommunikation die balearischen Dialekte oder Kastilisch zu sprechen, eine ganz neue Form. Bei vielen Mallorquinern stieß diese auf Unmut und eine ablehnende Haltung gegenüber dem barceloneser Katalanisch. So hatten es sich Einige in der Diglossie18, die zwischen Kastilisch und Mallorquinisch herrschte, bequem gemacht. Zu der Bedrohung „eine[r] kastilischsprachige[n], gesamtspanischen Nivellierung ihrer Kultur“19 kam nun auch noch die Angst vor dem „wachsenden Einfluß einer zentral- katalanisch normierten katalanischen Schriftsprache“20. Die Bevölkerung würde sich also in einer Situation der doppelten Diglossie wiederfinden. Wie bereits in der Einleitung angedeutet, führte die Förderung des Tourismus-Sektors dazu, dass eine wahrliche Einwanderungswelle ausgelöst wurde. „Els primers quarenta anys la immigració va provenir bàsicament de l’Estat espanyol i eren majoritàriament parlants de llengua castellana“.21 Die spanischsprachigen Einwanderer sahen jedoch keinerlei Anlass, Katalanisch zu lernen.22 Durch die starke Einwanderung und die kaum vorhandene Bereitschaft das Katalanische zu lernen, drohte tatsächlich die gefürchtete Kastilisierung. Denn den Mallorquinern, durch die historischen Geschehnisse und langjährige Verdrängung des Katalanischen geprägt, erschien es gar selbstverständlich sich den Neuankömmlingen sprachlich anzupassen und kommunizierten so mit ihnen in Kastilisch.23 Infolgedessen bemängelt Joan Melià, dass die Inselbewohner, wenn sie sich an Nichtkatalanischsprachige wenden, viel zu schnell ins Kastilische wechseln würden, unabhängig davon ob diese das Katalanisch eventuell auch verstehen könnten.24 Sie rechnen „ihrer“, laut Autonomiestatut und Normalisierungsgesetz, llengua pròpia also einen geringeren Wert zu als dem Kastilischen.25 Auch Aina Moll erkannte bereits früh diesen sogenannten Minderwertigkeitskomplex: Kastilisch stellt ganz klar „die Prestigesprache, die neben Englisch und Deutsch, […] einen sozialen Aufstieg garantieren“26. Während bei der katalanischen Bevölkerung des Festlandes kein Zweifel an ihrer Sprache, ihrer Zugehörigkeit, ja gar ihrer Identität besteht, merkt man allein an diesem Aspekt, dass die Mallorquiner nicht über so ein stark ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl verfügen.

2.2 Mallorquinisch vs. Normkatalanisch

Nirgendwo ist im Katalanischen die Distanz zwischen gesprochener Sprache und der katalanischen Standardvarietät größer als auf den Balearen. Dabei ist der standardkatalanische Einfluss rezent und beginnt für den überwiegenden Teil der Bevölkerung erst mit der Verabschiedung des Autonomiestatus und dem damit verbundenen wachsenden offiziellen und öffentlichen Gebrauch des Katalanischen seit Anfang der 80er Jahre.27

Vorweg ist zunächst zu klären, worum es sich bei dem insularen Dialekt Mallorquinisch überhaupt handelt: „Das traditionelle Mallorquinische ist ein Dialekt, in dem sich starke ostkatalanische Züge mit weniger ausgeprägten westkatalanischen Konservatismen und genuinen eigenen Lösungen mischen […]“28. Einer der gravierendsten Unterschiede ist dabei wohl der article salat, „der morphologisch gesehen eine der auffälligsten Abweichungen von der katalanischen Standardsprache ist und auf den Balearen bzw. auf Mallorca als sprachliches Symbol für die insulare Identität fungiert“29. Wie bereits im vorherigen Punkt angedeutet, stieß das Vorhaben der Balearen-Regierung bei den Mallorquinern auf Skepsis und Unverständnis. Ihre regionale sprachliche Varietät, die die schlimmsten Zeiten unter Franco überlebt und weiter Bestand hatte, sollte durch ein Standardkatalanisch vom Festland ausgetauscht werden? Für Viele unvorstellbar. Demzufolge schien der Kontakt zwischen Mallorquinisch und der Regionalen Norm konfliktbeladener zu sein als der Kontakt zwischen Kastilisch und Mallorquinisch.30 So dürfte der Bevölkerung, die bereits in einer von Diglossie geprägten Sprachsituation lebte, zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Estatuto de Autonomía diese Entscheidung der Regierung geradezu absurd vorkommen sein. Denn die Mallorquiner „verhielten sich, als wären Mallorquinisch und Spanisch zwei Varianten desselben Diasystems, begleitet von der typischen Funktionsteilung diglossischer Sprachgemeinschaften, in der dem Mallorquinischen die Rolle der „Low Variety“ und dem Spanischen die der „High Variety“ zukam“.31 Zum einen wurde Katalanisch ebenfalls als Low-Variety empfunden, denn es fehlte der Sprache an Prestige um es auf einer Stufe mit dem Kastilischen zu sehen. Zum anderen sah man das Katalanische als Bedrohung; die Mundart der Nachbarregion Katalonien, das vor allem von den ungebildeten konservativen Mallorquinern zwar als wohlhabender, aber vielmehr auch als freizügiger und gefährlicher Erzfeind wahrgenommen wurde.32

Die Inselbewohner schienen sich mit dem Katalanisch des Festlandes einfach nicht identifizieren zu können. Belegend für diese Einstellung sind die Ergebnisse einer 1986 durchgeführten soziolinguistischen Umfrage, die ergaben, dass 92 % der über 18-jährigen Mallorquiner sagten, dass auf Mallorca eine andere Sprache gesprochen wurde als in Katalonien.33 Neben der bereits vorhandenen Furcht einer Kastilisierung, trat nun auch noch die, des „centralisme barceloní“34. Daher führte bereits der Name der auf Mallorca gesprochenen Sprache zum Anlass hitzig geführter Diskussionen. Zum Ausdruck kam diese Kontroverse sogar in Tageszeitungen, wie beispielsweise im Diario de Mallorca 1972, als die sogenannte polémica d’en Pep Gonella für Zündstoff sorgte: Thema dieser Leserbrief-Diskussion war das Anliegen, die sprachliche barcelonesische Vorherrschaft zurückzuweisen und das Mallorquinische zu verteidigen. „Der Autor“, Pep Gonella, „ist der Ansicht, daß einige Katalanen […]den anderen ihre Varietät überstülpen wollen und die charakteristischen Züge des Mallorkinischen somit zum Verschwinden verurteilt seien“.35 Auch Graffiti- Sprühereien bringen den mallorquinischen Sprachkonflikt zum Ausdruck. Diese zeigen, dass die „diffizile bilinguale Situation Mallorcas […] nicht bloß Gegenstand politischer Debatten [ist], sondern sich […] vielmehr im öffentlichen, alltäglichen Bereich [manifestiert]“36. So zieren zahlreiche Graffiti wie CATALANISTAS SOIS PESTE oder BALEARES NO ES CATALUNA die Wände mallorquinischer Gebäude.37 Sprachlich auffällig ist, dass die Mehrzahl der Graffiti in Katalanisch gesprüht ist – ein „für sich sprechender „augenscheinlicher“ Beweis für die sprachliche Situation auf Mallorca“38.

2.3 Deutsch als Sprache der Touristen

Statistikwerte aus dem Jahre 2010 belegen es: 29.672 der 184.793 ausländischen Bevölkerung Mallorcas sind Deutsche.39 Damit sind sie die am häufigsten vorkommende Nationalität der Einwanderer. Wer dachte, die Deutschen würden nur für den Urlaub die kleine Mittelmeerinsel aufsuchen, die irrt. Die Zahlen zeigen, dass sie die Topeinwanderer- Nation sind. „La bona accesibilitat, la disponibilitat de vols aeris [o] l’atracció del clima“40 sind einige der Gründe, wieso die Touristen gar scharenweise auf Mallorca eine neue Heimat suchen. Dabei entgegen kommt ihnen, das hervorragende deutschsprachige Netz. Kastilisch oder Katalanisch lernen? Fehlanzeige. Nicht nur neue Technologien, sondern vor allem die beachtliche demographische Präsenz der Deutschen bieten ihnen Dienste, die es ihnen ermöglichen ohne ein Wort Kastilisch oder Katalanisch durch den Alltag zu kommen.41 Sie bilden Netzwerke, „xavrves socials“42, die das Erlernen der Landessprachen nahezu überflüssig machen. Die Mehrheit hat auch schlicht keine Lust dazu: „Les enquestes fetes a residents alemanys i britànics de llarga estada ens mostren un seguit de comportaments no gaire favorables a acostar-se a la identitat cultural o a la llengua de les Illes Balears.“43 Sie sehen keinen Nutzen daran die Landessprachen zu erwerben, da ihnen ihre hervorragend ausgebaute Infrastruktur mit mehr als 20.000 Deutsch-Sprechern44 keinen Anlass dazu bietet. Wenn sprachliche Kenntnisse vorhanden sind, dann tendenziell kastilische, da diesem ein höherer Nutzen zugesprochen wird – da man „mit Catalán allein nicht weit kommt“45. Hinzu kommt, dass der Großteil der mallorquinischen Bevölkerung sich in Kastilisch an die Einwanderer wendet. Damit stärken sie nicht nur das Kastilische, sondern vermitteln damit ebenfalls, dass es eine höhere Bedeutung hat als das Katalanische. „Der Prestigezuspruch seitens der Bevölkerung überträgt sich natürlich auf die Zuwanderer, die in der Wahl des Fremdsprachenerwerbs dahingehend beeinflusst werden, dass dem Kastilischen der Vorzug gegeben wird.“46 Klar wird, dass die deutschen Einwanderer eindeutig keine positive Einstellung gegenüber der Katalanischen Sprache haben, was dem Normalisierungsprozess eindeutig im Wege steht, da die Beteiligung der gesamten Bevölkerung für einen Erfolg notwendig ist.47

3 Llei de normalització lingüística de las Illes Balears 1986

„Són comportaments propis de la llarga situació diglóssica que hem patit, i és necessari corregir-los urgentement si no volem que el procés de normalització quedi collapsat.“48 Worte, die Aina Moll bezüglich der linguistischen Situation auf Mallorca sprach, wonach der situations- und funktionsbedingte Wechsel vom Katalanischen zum Kastilischen überall beobachtet werden konnte. Nach Kremnitz gibt es zwei mögliche Richtungen, die die Sprachpolitik einschlagen kann in Bezug auf einen Sprachkonflikt: eine assimilierende und eine nicht assimilierende Sprachpolitik.49 Auf Mallorca hatte man sich gegen den „Sprachenmord“50, für das Überwinden des Sprachkonfliktes durch eine Normalisierung entschieden. Das 1986 erlassene Normalisierungsgesetz läutete den Beginn dieses Normalisierungsprozesses ein, der, wie den Worten Aina Molls zu entnehmen ist, mit einigen Problemen zu kämpfen hatte.

3.1 Inhalte und Ziele

Sprache spielt einen fundamentalen Faktor bei der Konstitution von Identität. Sie symbolisiert ebenfalls die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Eben dieser Faktor wird bereits in der Präambel des balearischen Normalisierungsgesetzes gesehen. Doch fällt dabei nicht dem Kastilischen diese Aufgabe zu, sondern dem Katalanischen.51 Wie bereits aus den vorherigen Kapiteln hervor gegangen ist, befindet „sich das Katalanische auf den Balearen in einer anomalen Situation“52. Daraus resultiert die Notwendigkeit eines Normalisierungsgesetztes, das durch das Einbinden, sowohl der soziopolitischen als auch der linguistisch- kulturellen Ebene, „die als diglossisch und konfliktiv gekennzeichnete Sprachsituation zu überwinden“53 versucht. Doch diese Normalisierung funktioniert nicht nur auf rechtlicher Ebene – ganz im Gegenteil: Jeder Bürger muss seinen Beitrag zum Sprachlichen Normalisierungsprozess leisten, denn erst „die breite Beteiligung der Bürger sichert der Sprachplanung die Effizienz“54. Während die normativització lingüística „darauf gerichtet ist, einer Sprache Normen zu geben, sie zu regulieren, kodifizieren und [zu] standardisieren […]“55, zielt die extensió social de la llengua darauf ab, „einer Kultur ihre „normale“ Funktionsweise (wieder) zu verleihen, sie anderen Kulturen gleichzustellen“56. Folglich ist es das Ziel des Normalisierungsgesetzes den Bürgern Mallorcas bzw. der Balearen ein katalanisches Umfeld zu schaffen, in dem sie sich in allen Alltagssituationen (z.B. in Geschäften, auf Ämtern) des Katalanischen bedienen können bzw. bedient werden.57

La llengua catalana i la llengua castellana són totes dues llengues oficiales de la Comunitat Autònoma, amb el mateix rang, si bé de naturalesa diferent: l‘ oficialitat de la llengua catalana es basa en un estatut de territorialitat […]. L’oficialitat del castellà, establerta per la Constitució a tot l’Estat, es basa en un estatut personal, a fi d’emparar els drets lingüístics dels ciutadans, encara que la seva llengua no sigui la pròpia del territori.58

Bereits in der Präambel des llei de normlització lingüística ist herauszulesen, dass zwar beide Sprachen offiziellen Charakter haben, doch klar zwischen der territorialen Offizialität des Katalanischen und der Supraterritorialen des Kastilischen unterschieden wird.59 Während die spanische Verfassung verlangt, dass es die Pflicht eines jeden Spaniers ist, Kastilisch zu sprechen, besagt die balearische Verfassung lediglich, dass die Bewohner das Recht haben, Katalanisch zu sprechen, ohne diskriminiert zu werden. Eine Situation, die Thomas Gergen als asymmetrischen Bilinguismus bezeichnet60 und alle Versuche, die Stellung des Katalanischen zu stärken, erschwert, da niemand gezwungen werden kann, die katalanische Sprache zu sprechen.61 Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Normalisierung hauptsächlich „die Förderung der Sprachkompetenz, Verbreitung von Kenntnissen über das Katalanische, Extension des Gebrauchs der katalanischen Sprache in öffentlichen Kommunikationsbereichen und Stärkung der Sprachloyalität […] beeinhaltet“62 um den balearischen Einwohnern ein katalanischsprachiges Umfeld zu bieten und damit auch sprachliche Normalität.

3.2 Prozess der Normalisierung

„Sprachliche Normalität impliziert die Fähigkeit der Sprecher, alle sprachlichen Funktionen ihrer Gemeinschaft in der eigenen Sprache auszuüben.“63 Um diesen Status herbeizuführen, bedarf es eines Normalisierungsprozesses, der die Bevölkerung nach und nach an eine sprachliche Normalsituation heranführt.

3.2.1 Sprachpolitik

„Sprachliche Normalisierung kommt erst dann zum Tragen, wenn sie praktisch umgesetzt bzw. institutionalisiert wird.“64 Unabhängig von den jeweiligen regierenden Parteien, ist die Sprachpolitik auf den Balearen durch Maßnahmen geprägt, die darauf abzielen, Katalanisch mehr Prestige zu verleihen.65 Jedoch zeigt die Vergangenheit, wie unterschiedlich die einzelnen Regierungen damit umgingen. Man sollte erwarten, dass die Regierung, in solch einer komplexen Sprachsituation wie auf Mallorca, sich ihrer Verantwortung bewusst ist, den sprachlichen Normalisierungsprozess vorantreibt und mit ihren eigenen sprachlichen Handlungen und Verlautbarungen die Ziele der sprachlichen Normalisierung verwirklicht.66 Doch „mitunter folgt nicht einmal der Govern selbst den Gesetzen“67: „L’ús institucional del català en el Govern Autónom és tan baix, que des de la Conselleria de Cultura […] es va promoure un reglament d’ús que afectava des dels consellers a la publicació d’anuncis als diaris“68, urteilte Joan Melià über die damalige Balearen- Regierung (PP 1983-1999). Obwohl die gesetzlichen Grundlagen gegeben waren, bedienten sie sich derer nicht.69 Natürlich kann argumentiert werden, dass die vage formulierten Vorschriften des Normalisierungsgesetzes der Grund für den nur eingeschränkten Erfolg der Normalisierungsmaßnahmen sind.70 Doch Fakt ist, dass jede regierende Partei die Vorschriften des llei de normalització lingüística anders auslegt und mehr oder weniger energisch vorantreibt. Während die konservative Regierung von 1983-1999, wie bereits angesprochen, viel zu wenig für die sprachliche Normalisierung tat, wurden unter der nachfolgenden Regierung, dem sogenannten Pacte de Progrés71 eine pro-katalanische Sprachenpolitik betrieben, die jedoch nach nur einer Legislaturperiode jäh unterbrochen wurde durch die Wiederwahl der PP (2003-2007). „La tornada de Partit Popular al poder va significar un clar retrocés en la política lingüística“72, denn sie verhängten gar Gegenmaßen gegen das Katalanische, die das Kastilische wieder erstarken lassen sollten. Der „Bloc Progressista victory in Mallorcan elections“73 im Mai 2007 ließ jedoch wieder eine, die sprachliche Normalisierung vorantreibende Regierung die Amtsgeschäfte auf den Balearen übernehmen.

[...]


1 Vgl. http://ibestat.caib.es/ibestat/estadistiques/043d7774-cd6c-4363-929a-703aaa0cb9e0/ef88f7cf-8e0b-44e0-b897-85c2f85775ec/es/I208002_3001.px (Zugriff: 16.2.2014).

2 Herling (2008:11).

3 Herling (2008:73).

4 Vgl. Herling (2008:11).

5 Vgl. Salvà Tomàs (2002:4).

6 Radatz (2008:124).

7 Radatz (2010:7).

8 Kremnitz (1979:44).

9 Ninyoles (1969:46).

10 Vgl. Berkenbusch/Meisenburg (1994:69).

11 Vgl. Nelde (1987:47).

12 Radatz (2010:294).

13 Vgl. Canyelles (2012:120).

14 Vgl. Herling (2008:73).

15 Herling (2008:62).

16 Herling (2008:74).

17 Radatz (2010:123).

18 Vgl. Vallverdú (1972:11). Zum Begriff der Diglossie nach Ferguson: „una situación lingüística relativamente estable en la que, al lado de los principales dialectos de la lengua […], hay una variedad superpuesta muy divergente, altamente codificada (a menudo gramaticalmente más compleja), vehículo de un cuerpo de literatura extenso y respetado, procedente de un período antigio o bien de otra comunidad lingüística, que se aprende ampliamente en la educación formal y se usa sobre todo en la escritura y en hablar culto, pero que no se emplea por ningún sector de la comunidad en la conversación ordinaria“.

19 Herling (2008:174).

20 Herling (2008:174).

21 Canyelles (2012:113).

22 Vgl. Radatz (2010:122).

23 Vgl. Radatz (2010:122).

24 Vgl. Melià (2003:20).

25 Vgl. Herling (2008:182).

26 Herling (2008:182).

27 Radatz (2010:13).

28 Radatz (2010:261).

29 Herling (2008:17).

30 Vgl. Herling (2008:174).

31 Radatz (2010:125).

32 Vgl. Radatz (2010:127).

33 Vgl. Sinner (1999:153).

34 Sinner (1999:153).

35 Berkenbusch (1994:82).

36 Köchl (1995:189).

37 Vgl. Köchl (1995:197).

38 Köchl (1995:198).

39 Vgl. Les Illes Balears en xifres (2010:32). (Zugriff:23.2.2014).

40 Salvà Tomàs (2002:8).

41 Vgl. Melià (2003:20).

42 Salvà Tomàs (2002:10).

43 Salvà Tomàs (2002:10).

44 Vgl. Canyelles (2012:120).

45 Herling (2008:169).

46 Herling (2008:168).

47 Vgl. Herling (2008:171).

48 Sinner (1999:156).

49 Vgl. Kremnitz (1979:48).

50 Kremnitz (1979:48).

51 Vgl. Herling (2008:112).

52 Herling (2008:113).

53 Brumme (1989:52).

54 Melià (2003:23).

55 Brumme (1989:55).

56 Brumme (1989:55).

57 Vgl. Meliá (2003:26).

58 Herling (2008:112).

59 Vgl. Herling (2008:122).

60 Vgl. Gergen (2000:26).

61 Vgl. Sinner (1999:150).

62 Herling (2008:110).

63 Melià (2003:24).

64 Herling (2008:196).

65 Vgl. Herling (2008:220).

66 Vgl. Melià (2003:21).

67 Sinner (1999:157).

68 Melià (1992:68).

69 Vgl. Melià (1992:62).

70 Vgl. Sinner (1999:157).

71 Vgl. Buffery/Marcer (2010:260). „The Pacte de Progés was a broad coalition of socialist, nationalist, and green parties in Mallorca that, by including the center-right regionalist party, Unio Mallorquína (UM), was able to form a Balearic government after the 1999 autonomous elections, under Francesc Antich.“

72 Martí i Florit (2006:23).

73 Buffery/Marcer (2010:44).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sprachen in Kontakt. Normalisierungsprozess und sprachliche Realität auf Mallorca
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Varietäten auf der Iberischen Halbinsel
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V320851
ISBN (eBook)
9783668200647
ISBN (Buch)
9783668200654
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mallorca, Mallorquí, Sprache
Arbeit zitieren
Sabrina Junge (Autor:in), 2014, Sprachen in Kontakt. Normalisierungsprozess und sprachliche Realität auf Mallorca, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320851

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