Das Schubertlied. Literarische und musikalische Interpretation des Werks "An die Musik" op. 88,4 (D 547)


Seminararbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Musikalische Analyse und Interpretation

3 Literarische Analyse und Interpretation

4 Die sozialen Netzwerke Schuberts mit besonderer Konzentration auf seine Beziehung zu Franz von Schober

5 Die romantische Zwei-Welten-Perspektive

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

1 Vorwort

Musik, Literatur, Bildende Kunst: Vielfalt und Zusammengehörigkeit der unterschiedlichsten Künste wurde bereits in der Antike erkannt und praktiziert. Dennoch lebte und erblühte wohl kaum eine andere Epoche so sehr von dem Austausch und der Zusammenarbeit von Künstlern aus unterschiedlichsten Sparten wie die Romantik. Dennoch wurde die Musik von den Romantikern gerne als eigentliche „Universalkunst“ betrachtet.1 Vielfalt und gewollte Gegensätze dominierten diese Epoche. Im dtv-Atlas Musik heißt es dazu: „Zielte die Klassik auf Ausgleich der Gegensätze, so führen die Gefühlsimpulse der Romantik gewollt zu Extremen, sowohl zu dramatischer Erregung als auch zu lyrischem Verweilen.“2

Im NDL Proseminar Das Schubertlied – literarische und musikalische Interpretation haben wir uns, wie es die Benennung bereits verrät, auf das Zusammenwirken von Literatur und Musik konzentriert. Schubert und seine reiche Lieddichtung eignen sich für eine nähere Auseinandersetzung mit dieser Thematik natürlich ideal. In der vorliegenden Proseminararbeit werde ich mich auf das Werk An die Musik op. 88,4 (D 547) konzentrieren. Das Lied wurde 1827 veröffentlicht. Das gleichnamige Gedicht stammt von Franz Schober aus dem März des Jahres 1817.3

An die Musik

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,

Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,

Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,

Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf´ entflossen,

Ein süßer, heiliger Akkord von dir

Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,

Du holde Kunst, ich danke dir dafür!4

Neben dem Lied „Trost im Liede“ (auch von Schober aus demselben Jahr) handelt es sich dabei um eine Lobeshymne an die Musik. Das Lied kann als Leitgedanke der Kunstanschauung des Freundeskreises von Schubert gesehen werden. Schober ist für längere Zeit dessen Zentralfigur, wobei er den Komponisten in seinem Verhältnis zur Literatur und Kunst allgemein wohl stark geprägt hat. Schober hat dem Großteil des Freundeskreises mit diesem Gedicht mit großer Sicherheit aus dem Herzen gesprochen.5 Obwohl die Idee ursprünglich gar nicht von Schober selbst, sondern von Ernst Schulze stammt. Schulze komponierte eine Stanze, die Teil des vorgeschlagenen Opernstoffes „Bezauberte Rose“ war, welcher aufgrund seiner mangelnden Dramatik nie vertont wurde. Bei Schulze heißt es wie folgt:

Du holde Kunst melodisch süßer Klagen,

du tönend Lied aus sprachlos finsterm Leid,

du spielend Kind, das oft aus schönen Tagen

in unsere Nacht so duft´ge Blumen streut,

was feindlich längst mein böser Stern mir beut!

Wenn Wort und Sinn im Liede freundlich klingen,

dann flattert leicht der schwere Gram auf Schwingen.6

Franz von Schober hat sich vermutlich von dieser Stanze inspirieren lassen.

Das Gedicht ist eine Danksagung an die Musik. In den zwei Strophen wird der Musik, der holden Kunst, für das Entrücken in eine bessere Welt gedankt. Die romantische Auffassung der Musik und der Kunst generell, als Ort der Zuflucht und der Linderung der Sorgen des irdischen Lebens, wird in Schobers Gedicht wie in einem Gebet gepriesen. Das Verständnis der Kunst als spirituellem Akt, als eine Art Religionsausübung tritt in den Vordergrund.7

Auf den folgenden Seiten werde ich das Lied musikalisch und literarisch analysieren, mich mit den sozialen Netzwerken von Schubert, wobei ich natürlich besonders auf die Person Franz Schober eingehen werde, beschäftigen und im letzten Hauptteil werde ich mich mit der romantischen Zwei-Welten-Perspektive auseinandersetzen.

2 Musikalische Analyse und Interpretation

Erhaben und spirituell wirkt das Gedicht auf den Leser. Dies wird von Schubert auch in der Musik umgesetzt. Schubert preist Musik durch Musik. Dies gelingt den Komponisten vor allem durch die Verwendung einfacher Mittel und durch das Erschaffen der Atmosphäre der Stille. Der spirituelle Charakter wird durch eine erhabene Einfachheit erwirkt. Dieser lässt unvermeidlich die Assoziation mit einem gesungenen Gebet aufkommen. So wie Stille im Gebet eine entscheidende Rolle spielt, so tut sie dies auch in diesem Lied. Das zweistrophige Gedicht vertont Schubert in einem 4/4-Talt und in D-Dur. Laut Schubart gilt die Tonart D-Dur als jene des Triumphes und des Hallelujas. Bei Schubert ist sie vor allem jene der befreiten Stimmung.8

Für seine Vertonung des Gedichts wählt der Komponist die einfache Form des Strophenliedes, welches durchgehend durch die Kadenzharmonik von D-Dur geprägt ist. Ähnlich wie ein Kirchenlied im volkstümlichen, andächtigen Charakter, gesellt sich die Musik Schuberts bescheiden zu den Worten von Schober und wird ihnen auf diese Weise mehr als nur gerecht. Die Tempobezeichnung lautet „mäßig“ und die Dynamik sieht zum Großteil pianissimo vor.9

Die über all die Zeit andauernde Beliebtheit dieses Liedes verdankt es nicht nur seinem alle Bereiche der Kunst umfassenden, verklärenden Text, sondern zum großen Maße auch der bis ins Detail in sich geschlossenen Anlage der Vertonung.10

„So wird die einmal gewählte pulsierende Gangart – bestimmt von der Achtelrepetition in der rechten Hand – selbst im intensivierenden Nachspiel nicht aufgehoben, alle anderen Stimmen weisen an keiner Stelle eine metrische Irritation (etwa eine Synkope) auf, sondern entwickeln eine gleichmäßige, in sich ruhende melodische Vorwärtsbewegung. Die ersten vier Töne (a´-d´´-d´´-fis´) – im Vorspiel von der Bassstimme schon vorweggenommen – bilden zusammen mit der für das Lied zentralen Anrede „Du holde Kunst“ eine Art Kernmotiv, das sich schrittweise entwickelt: zunächst im dichten imitatorischen Wechselspiel zwischen linker Hand und Singstimme (in T.4f., um den Liegeton auszufüllen, in T. 6-8 als überbrückendes Zwischenspiel), dann zu Beginn des zweiten Verses diastematisch durch die Dehnung der absteigenden Sexte zur Septime (Wechseldominante nach h-Moll).“11

Mit der Punktierung aus den Takten fünf und acht wird im dritten Vers die Sexte (e´´ - g´) zu einer den folgenden Taktschwerpunkt anvisierenden Geste verbunden („hast du mein Herz“), um anschließend sequenziert den Höhepunkt der Komposition („in eine beßre Welt entrückt“) zu erreichen. Bei der Wiederholung des letzten Verses (auch in der 2. Strophe wieder mit den Worten „du holde Kunst“) greift Schubert zweifach das Kernmotiv der absteigenden Sexte auf (T. 18).12

Nach diesem kurzen musikanalytischem Umriss möchte ich eine detailliertere Analyse folgen lassen: Die kurze Klaviereinleitung von zwei Takten stellt die Art der Begleitung vor, die das ganze Stück hindurch prägt. In der rechten Hand werden Akkorde vorwiegend der Tonika in durchgehender Achtel-Bewegung gespielt. Von einer schlichten einstimmigen Melodie aus Viertel- und Halben-Notenwerten, welche die ersten zwei Takte der Singstimme vorausnimmt, ist der Bass geprägt. Die Melodie des Basses entspricht der Vertonung des ersten Versteils „Du holde Kunst..“, einer Kernaussage des Gedichts.13

Im dritten Takt beginnt der strophische Liedteil mit dem Einsatz des ersten Verses des Gedichts. Schubert setzt mit dem Einsatz der Singstimme ein pianissimo im Klavier, welches Großteils den strophischen Liedteil prägt. Die Atmosphäre der Stille wird dadurch mit der Singstimme intensiviert. So wie sich die Verse in zwei Gruppen teilen lassen, so geschieht es auch in der Musik. Den Versen, welche die grauen Stunden des irdischen Lebens beschreiben, stehen jene gegenüber, in welchen die übersinnlichen Wirkungen der Musik geschildert werden. Die in der Musik umgesetzte Trennung wird durch einen Takt Klavier solo verdeutlicht (Takt 10). Der erste Teil innerhalb des strophischen Liedes (Takt 3-9) ist gekennzeichnet von einer Abwärtsbewegung in der Gesangsmelodie. Das fallende Intervall der großen Sext bezeichnet die „grauen Stunden“.14

Der zweite Teil (Takt 11-19) ist geprägt von einer Aufwärtsbewegung in der Melodie, welche im Takt 16 ihren Höhepunkt erreicht. Der letzte Vers wird hier wiederholt. Die Aufwärtsbewegung mit dem Spitzenton fis’’, welche jeweils die zwei Schlussverse mit ihrer zentralen Bedeutung hervorhebt: „Hast mich in eine bessere Welt entrückt! ... Du holde Kunst, ich danke dir dafür!“, wird im Bass des Klaviers durch eine chromatische Aufwärtsbewegung begleitet. Beginnend im Takt 15 steigt die Basslinie chromatisch über g-gis-a-ais-h in halben Notenwerten, was mit einem crescendo verbunden ist, welches mit der Wiederholung des jeweils letzten Verses wieder in piano zurückkehrt. Anschließend an den zweiten Teil des strophischen Liedteils folgen drei Takte Klavierbegleitung (Takt 20-22), in welchen die Dynamik von zwei fp geprägt ist, bevor sie wieder auf das pianissimo und die Tonika im ersten Takt der Wiederholung zurückfindet, beziehungsweise auf der Tonika im Schlusstakt (Takt 24) in pianissimo verklingt.15

„Musikalische Stille ist bei der Vertonung des Gedichts von Schober ein äußerst wichtiges gestalterisches Mittel Schuberts. Schlichtheit und Einfachheit charakterisieren dieses Lied, was sich nicht zuletzt auch durch die Wahl der Form des Strophenliedes zeigt. Das Überwiegen von pianissimo, das mäßige Tempo sowie die durchgehenden Achtelakkorde, gebremst durch einen einstimmigen melodiösen Bass, in vorwiegend langsamer Bewegung, erzeugen gemeinsam eine Atmosphäre der Stille. Es ist dies keine Stille, die Spannung erzeugt, keine rhetorische Stille, Todesstille oder Stille welche durch das Wort Stille im Text bedingt ist. Im Fall dieses Liedes ist es eine ermutigende, erhabene, andächtige, beruhigende Stille, welche dem Spirituellen Charakter des Textes entspricht. Die Musik Schuberts symbolisiert die besungene „beßre Welt“ und „den Himmel beßrer Zeiten“.“16

Der alles umfassende Weltschmerz der Romantik stellte das Grundmotiv für das Verlangen nach Flucht dar. Musik als „Univeralskunst“ war für viele der weiße Ritter hoch zu Ross. Dank der Musik konnte man die Flucht antreten und in eine „beßre Welt“ gelangen. Kunst wird zur Religion. Musik zur Göttin. Der „Himmel beßrer Zeiten“ stand für Schubert offen. Der tiefe Glauben daran erklingt in jeder Verszeile und wird dank dieser durch Zurückhaltung geprägten Schlichtheit charakterisierten Vertonung auch für ungeschulte Ohren greifbar.

[...]


1 Vgl. Dürr, Kube 2012, S. 446.

2 Ulrichs Michel (2005): dtv- Atlas Musik: Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart (Bd. 2). München, Kassel (u.a.): dtv und Bärenreiter. S. 437.

3 Vgl. Dürr, Kube 2012, S. 446.

4 Ebenda.

5 Vgl. Zednicek, S. 81.

6 Dietrich Fischer-Dieskau (1996): Schubert und seine Lieder. Stuttgart: Dt. Verl.-Anst.. S. 165.

7 Vgl. Zednicek, S. 81.

8 Vgl. Zednicek 2008, S. 82.

9 Ebenda.

10 Vgl. Dürr, Kube 2012, S. 447.

11 Walther Dürr, Michael Kube (2012): An die Musik. In: Walther Dürr (Hg.): Schubtert-Liedlexikon. Kassel (u.a.): Bärenreiter. S. 447.

12 Vgl. Dürr, Kube 2012, S. 447.

13 Vgl. Zednicek 2008, S. 82.

14 Ebenda, S. 82f.

15 Ebenda, S. 83.

16 Hans Heinrich Eggebrecht (1999): „An die Musik“. In: Walther Dürr (Hg.) Schuberts Lieder nach Gedichten aus seinem literarischen Freundeskreis : auf der Suche nach dem Ton der Dichtung in der Musik (Kongreßbericht Ettlingen 1997). Frankfurt am Main; Wien (u.a.): Lang. S. 83.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Schubertlied. Literarische und musikalische Interpretation des Werks "An die Musik" op. 88,4 (D 547)
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V320958
ISBN (eBook)
9783668207905
ISBN (Buch)
9783668207912
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schubert, Musik, Literatur, Kunst, Romantik, Zwei-Welten-Perspektive, Franz Schober
Arbeit zitieren
Melanie Binder (Autor), 2012, Das Schubertlied. Literarische und musikalische Interpretation des Werks "An die Musik" op. 88,4 (D 547), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320958

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