Der Einfluss des Mythos der Pandora auf Frank Wedekind und Georg Wilhelm Pabst


Seminararbeit, 2004
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Was ist der Mythos der Pandora?

2. Der Mythos Pandora im Drama von Frank Wedekind
2.1 Die Figur der Lulu bei Frank Wedekind
2.2 Tabubrüche in der Gesellschaft zur Jahrhundertwende
2.3 Zeitgenössische Kritik am Werk Wedekinds

3. Die filmische Umsetzung des Dramas durch Georg Wilhelm Pabst
3.1 Louise Brooks als Lulu bei Georg Wilhelm Pabst
3.2 Zeitgenössische Kritik am Stummfilm „Die Büchse der Pandora“
3.3 Das Frauenbild der Lulu – verkörpert durch Louise Brooks

4. Fazit

5. Schlussbemerkungen

Anhang
- Literaturverzeichnis
- Filmplakat „Die Büchse der Pandora“

Einleitung

Was ist das für eine Geschichte, in der eine junge Frau mit allen weiblichen Vorzügen ausgestattet ist, und doch etwas bei sich hat, was großes Unheil mit sich bringt? Es scheint der Stoff für einen typischen Hollywoodfilm zu sein und ist doch so viel älter als Hollywood selbst. Die Geschichte handelt von Pandora, einer von den Göttern erschaffenen Frau, die eine Büchse voller Unheil bei sich trägt. Sie entstammt der griechischen Mythologie und ist wie so viele andere in der modernen Gesellschaft sprichwörtlich geworden. Man sagt "die nukleare Aufrüstung der Dritten Welt wird zur Büchse der Pandora“ oder „die aktuellen Reformen werden für unser Sozialsystem zur Büchse der Pandora“.

Doch auch auf anderem Wege nahm Pandora Einfluss auf unsere Kultur. Mit der Entstehung des Mythos traten Schriftsteller und Regisseure auf den Plan, die sich dieses Stoffes annahmen. Erstmals vom griechischen Dichter Hesiod aufgeschrieben, eroberte die Geschichte 1901 die Bühne, nach einer Erzählung von Frank Wedekind. Die von ihm erzählte Geschichte wurde 1929 von Georg Wilhelm Pabst als „Die Büchse der Pandora“ zum Stummfilm umgesetzt. Hauptcharakter dieser Erzählung ist eine Figur namens Lulu, die die Männer reihenweise erst in große Gefühle und dann in großes Unheil stürzt. Doch soll Lulu, diese hübsche, moderne, junge Frau, wirklich den Mythos Pandora verkörpern?

In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, einige Verbindungslinien zwischen der Figur Lulu in Wedekinds und Pabsts Werken und dem griechischen Mythos herauszuarbeiten. Dabei möchte ich mich hauptsächlich auf die Frage konzentrieren:

Was macht die Figur der Lulu zur Pandora?

Ich möchte mich jedoch nicht allein auf diese Figur beschränken, sondern auch die Entstehung und den Aufbau der genannten Werke mit dem Mythos in Verbindung bringen. Dient die Metapher einer Pandora auch als Ausdruck von Gesellschaftskritik? Inwiefern haben das Bühnenwerk und der Stummfilm wirklich noch etwas mit den Vorgängen in der Götterwelt gemeinsam? Oder ist es nur die bereits angesprochene sprichwörtliche Bedeutung, die diesen Werken den Namen „Die Büchse der Pandora“ gab?

Um diese Fragen zu beantworten, werde ich zunächst Pandoras Geschichte erläutern und so die Entstehung des Mythos der Pandora kurz skizzieren. Darauf aufbauend sollen Vergleiche mit den Werken von Wedekind und Pabst vor allem der Frage nachgehen, wie sich Pandora in deren Handlung aber auch Entstehung widerspiegelt. Weiterhin werde ich im Verlauf der Arbeit das von Louise Brooks als Lulu verkörperte Frauenbild genauer betrachten und in die Zeit seiner Entstehung einordnen. Schließlich sollen am Ende in einem Fazit Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen gefunden werden.

1. Was ist der Mythos der Pandora?

Der Mythos der Büchse der Pandora stammt aus der griechischen Götterwelt. Der Sage nach war Pandora die erste Frau auf Erden. Zeus ließ sie von dem Schmiedegott Hephaistos aus Erde formen und mit vielen Vorzügen und Reizen ausstatten. Als Zeus jedoch bemerkte, dass Prometheus das Feuer des Olymp entwendet und den Menschen gebracht hatte, gab er Pandora zur Strafe ein Tongefäß mit auf den Weg, welches alle Übel der Erde enthielt. Bereits aus diesen Zusammenhängen wird deutlich, warum die Büchse der Pandora heute sprichwörtlich als Inbegriff für alles Unheil Bringende angesehen wird. Prometheus allerdings hatte die Übel ursprünglich selbst in das Gefäß gesperrt, um die Menschen davor zu beschützen (vgl. Litsch 2002). Von Hermes zur Erde gebracht, nahm Prometheus’ Bruder Epimetheus Pandora trotz Warnungen von Prometheus zur Frau. „Sie wurde damit zur Stammmutter aller Frauen“ (Panofsky 1992, 20), ein bedeutendes Detail für die künstlerischen Interpretationen des Mythos. Als Brautgeschenk brachte Pandora das Tongefäß mit in die Ehe (vgl. Panofsky 1992, 20). Nach der Hochzeit wurde es geöffnet und alle in ihm enthaltenen Übel kamen über die Menschheit und quälen sie bis heute. Nur die Hoffnung blieb im Gefäß zurück.

Der älteste namentlich bekannte griechische Dichter Hesiod beschrieb so sieben Jahrhunderte vor Christus Pandoras Geschichte und wurde damit zur Grundlage für alle nach ihm folgenden Interpretationen (vgl. Panofsky 1992, 20).

Pandoras Name bedeutet so viel wie „die Allgeberin“ (Litsch 2002) und entstand, da Athene sie mit Leben erfüllte „und sie dann von allen übrigen Göttern vollendet wurde, von denen jeder ein Geschenk beisteuerte“ (Panofsky 1992, 20). Die Beigaben der Götter waren von unterschiedlichem Wert. „Da die Geschenke von Hermes und Aphrodite eher schädlich als segensreich waren, erwies sich das Ergebnis am Ende als ein ‚schönes Übel’“ (Panofsky 1992, 20), „ein anmutiges und kunstfertiges, zugleich listig - verschlagenes weibliches Wesen …“ (Kannicht 1999, 128). Der ambivalenten Darstellung der Pandora in der Antike als göttliche Allgeberin aber auch dämonische Verführerin folgte eine eher einseitig negative und frauenfeindliche Sichtweise im Mittelalter. Die Verbindung zum Sündenfall der Eva im Paradies stand zu dieser Zeit im Mittelpunkt. In der Renaissance wurde schließlich das ambivalente Bild Pandoras wieder belebt. Bis heute ist der Mythos der Pandora auch eine Metapher für ein dualistisches Frauenbild.

Der Widerspruch und innere Konflikt zwischen Gut und Böse ist vor allem in den künstlerischen Umsetzungen zum Grundstein des „Mythos Pandora“ geworden. Der Beweggrund für das Öffnen des Gefäßes bleibt bis heute die interessanteste Frage bei der Verarbeitung dieses Stoffes. Daran schließen sich Interpretationen an, nach denen die ständige Neugier des Menschen nach neuem Wissen das Übel auf die Erde brachte. Nach anderen Auslegungen ist Pandora als Metapher dafür zu betrachten, dass das Schönste auf Erden nicht ohne das Schlimmste zu bekommen ist. Die folgenden Ausführungen zu den Werken von Frank Wedekind und Georg Wilhelm Pabst sollen sich mit deren Interpretationen dieses Stoffes beschäftigen.

2. Der Mythos Pandora im Drama von Frank Wedekind

Der deutsche Dramatiker, Lyriker und Erzähler Frank Wedekind setzte Ende des 19., Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos der Pandora in seinen Bühnenwerken „Der Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1902/1904) um. 1913 wurden diese Stücke dann unter dem Namen „Lulu“ in einer Handlung zusammengefasst. Wedekind erzählt darin die Geschichte der jungen Tänzerin Lulu, die mit ihrem kindlichen Charme die Männer in ihrer Umgebung verführt und ins Elend stürzt. „Lulu ist zu Beginn der Tragödie eine hinreißend schöne, erotisch faszinierende, naiv sich auslebende Neunzehnjährige, die nun durch die Betten mehrerer Ehemänner und diverser Liebhaber … die Hautevolée erobert“ (Kannicht 1999, 143). Zunächst zwingt sie ihren Liebhaber Dr. Schön sie zu heiraten, erschießt ihn im Streit und flieht mit seinem Sohn Alwa nach London. Dort setzt sich ihr gesellschaftlicher Abstieg fort, bis ihr auch Jack the Ripper verfällt und sie schließlich umbringt. Der Tod der Femme fatale war zu dieser Zeit genreüblich, da zumindest am Ende des Filmes die Gesellschaft von einer so unmoralisch handelnden Frau erlöst werden musste (siehe 2.3).

Die Verbindung zum klassischen Mythos der Pandora ist dabei nicht zu übersehen. Lulu verkörpert die Pandora als auf die Männerwelt losgelassenes Lustobjekt. Den ihr verfallenden Männern ist der Tod gewiss – wenn nicht in jedem Falle der körperliche, so doch der gesellschaftliche Tod. Die Büchse der Pandora öffnet sich somit für Lulus Liebhaber und das Unheil breitet sich über ihr Leben aus. Ihr Ehemann Dr. Schön verkörpert hier Pandoras Mann Epimetheus, den Bruder des Prometheus, der als Erster das beginnende Unheil zu spüren bekommt. Im Verlauf der Geschichte stürzt Lulu u.a. noch den alten Vagabunden Schigolch, Schöns Sohn Alwa und einen Trapezkünstler ins Unglück, bis sie selbst in London Jack the Ripper zum Opfer fällt. Das Unheil breitet sich so über die gesamte Gesellschaft aus. Von Dr. Schön aus der Oberschicht bis zu Jack the Ripper aus dem Untergrund.

Die hohe Zahl an männlichen Opfern legt den Verdacht nahe, dass Lulu nur für Männer tatsächlich zur Pandora wird. Doch mit der Gräfin Geschwitz verfällt Lulu auch eine Frau. Dadurch wird die Allgegenwart des Mythos der Pandora für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, erneut bestätigt. Eine nur auf den Geschlechterkampf bezogene Interpretation der Geschehnisse reicht somit nicht aus.

2.1 Die Figur der Lulu bei Frank Wedekind

Die junge Tänzerin Lulu ist die Hauptfigur der Handlungen. Sie selbst ist die passivste Figur des Geschehens – die Tragödie dreht sich ausschließlich um sie herum. Mit ihrer erotischen Ausstrahlung stellt sie die Männerwelt gänzlich auf den Kopf; nicht nur innerhalb der Stücke, sondern vor allem auch in der männerdominierten Gesellschaft dieser Zeit. Die Interpretationen dieser Figur gingen zum Teil weit auseinander, trafen sich jedoch alle im Widerspruch zwischen Schönheit und Unheil. „Wedekinds Zeitgenossen erblickten in Lulu: 1. Die personifizierte Sexualität, 2. das Prinzip weiblicher Sexualität, 3. das Urweib, 4. das Weib als Hetäre, 5. das Weib als Verführerin, 6. die Nymphomanin, 7. das Weib als zerstörerische Kraft, 8. das tödliche Lebensprinzip“ (Vincon 1987, 188). Jede dieser Deutungen zeigt auf ihre eigene Weise den Zusammenhang mit dem Mythos der Pandora; der Frau, die der Sage nach mit der Schönheit auch das Unheil auf die Erde brachte. Dadurch wird klar, dass die Figur der Lulu in den meisten Interpretationen des Werkes eine negative Bedeutung erlangt – „als eine männermordende, auf jeden Fall als eine Männer bedrohende Gestalt“ (Vincon 1987, 188).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Mythos der Pandora auf Frank Wedekind und Georg Wilhelm Pabst
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Der erotische Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V32097
ISBN (eBook)
9783638329026
ISBN (Buch)
9783656071655
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit arbeite ich Verbindungslinien zwischen der Figur Lulu in Wedekinds und Pabsts Werken und dem griechischen Mythos heraus. Dabei konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Frage: Was macht die Figur der Lulu zur Pandora?
Schlagworte
Einfluss, Mythos, Pandora, Frank, Wedekind, Georg, Wilhelm, Pabst, Seminar, Film
Arbeit zitieren
Henry Berndt (Autor), 2004, Der Einfluss des Mythos der Pandora auf Frank Wedekind und Georg Wilhelm Pabst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32097

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