Spielend lernen. Was ist Bildung im Kindergarten?


Hausarbeit, 2016
8 Seiten, Note: 1

Leseprobe

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1. Ist Spielen im Kindergarten verlorene Zeit? Was sind Bildungs-und Lernprozesse im Kindergarten?
Im Folgenden wird eine Beispielbegebenheit aus dem Kita-Alltag beschrieben, an der Antworten auf die
obige Fragestellung verdeutlicht werden sollen.
Auf dem Außengelände der Kita gibt es eine Metallrutsche, die Mia (w,4;8) und Pia (w, 4;10 ) oft und
gern nutzen. Die Erzieherin beobachtet, wie die Mädchen die Rutsche hochklettern und herunterrut-
schen, zuerst auf dem Po, dann versucht Mia, auf ihren Füßen hockend zu rutschen, aber sie bleibt
,,stecken". Nach einigen Versuchen stellt sie fest, dass die Gummisohle ihrer Schuhe der Grund ist. Sie
überlegt gemeinsam mit Pia und der Erzieherin, wie sie trotzdem so rutschen kann und bald holen sie
große Blätter, die sie unter Mias und auch Pias Schuhe legen. So funktioniert es! Zusammen überlegen
die Mädchen, was noch alles auf der Rutsche gleiten könnte. Sie sammeln verschiedenes Material wie
Sand, Steine oder Federn, holen Wasser, Gummibänder und Spielzeugautos. Zuerst lassen sie die Dinge
von oben rutschen und beobachten, wie gleichmäßig oder unregelmäßig, schnell oder langsam, laut
oder leise sie hinabgleiten, später versuchen sie, die Dinge von unten hochzuschubsen bzw. zu werfen,
um zu sehen, was sich gut schubsen/werfen lässt, wie weit sie das Material schubsen/werfen können
und ob das Einfluss auf das Rutschverhalten hat. Gemeinsam mit der Erzieherin vergleichen sie: Sand
formt z.B. Muster, Federn gleiten viel langsamer und leiser als Steine, die ordentlich Krach machen und
kullern, Steine lassen sich aber viel besser werfen als Federn. Die Gummibänder rutschen fast gar nicht,
aber Wasser fließt super. Als andere Kinder die Rutsche nutzen wollen, wechseln die Mädchen zu einem
Hügel und probieren dort auf erdigem Untergrund aus, was sie schon auf der Rutsche untersucht
haben. Einige Kinder sind von der Rutsche mitgekommen und forschen gemeinsam mit den Mädchen,
die ihnen erklären, was sie bereits herausgefunden haben.
Pia und Mia haben zunächst mit ihren eigenen Körpern erforscht (taktil, motorisch), wie eine Rutsche
funktioniert. Sie spüren sie beim Hochklettern unter ihren Fingern und Füßen und beim Rutschen mit
dem Po, außerdem spüren sie die Anstrengung beim Klettern und den Luftzug beim Rutschen. Mia stellt
durch Bewegung, Pia durch Beobachtung fest, dass Mia auf den Gummisohlen ihrer Schuhe nicht so
rutschen kann wie sitzend auf ihrer Hose (Selbstbildung). Zu dritt beraten sie sich (sprachlich, Ko-Kon-
struktion mit Erzieherin), sehen sie sich um, nehmen ihre Umgebung wahr (visuell), bewegen sich in ihr
und nutzen sie für ihre Zwecke, indem sie Blätter unter Mias und Pias Schuhen platzieren (motorisch,
kognitiv). Dies regt ihren Forschungsgeist an und gemeinsam machen sie sich auf Sammel- und Ent-
deckungsreise (Selbstbildung). Sie fühlen die verschiedenen Objekte (taktil), sie hören, welche Geräu-
sche sie verursachen (auditiv) und sie sehen (visuell), wie sie sich auf der Rutsche verhalten. Sie verglei-
chen und ordnen diese Wahrnehmungen gemeinsam mit der Erzieherin (Ko-Konstruktion, sprachlich)
und testen die Ergebnisse später in einem anderen Kontext aus (Selbstbildung). Es wird deutlich: durch
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Sammeln, Vergleichen und Ordnen sortieren sich Kinder die Welt. Als andere Kinder sich anschließen,
erklären Pia und Mia, was sie bereits herausgefunden haben (meta-kognitiv, sprachlich).
Das Interesse der Mädchen am Phänomen ,,Reibung" beginnt, als sie feststellen, dass nur bestimmtes
Material, in diesem Fall ihre Hose und Blätter, auf der Rutsche problemlos gleitet, nicht aber die Schuh-
sohle. Die Basis für diese Erkenntnis bildet das Zusammenspiel von Kognition und Motorik, ebenso wird
deutlich, dass der Bildungsprozess hier durch Interaktion mit der Umwelt (Rutsche und gemeinsames
Spiel) hervorgerufen wird. Durch wiederholtes Ausprobieren erkennt Mia, dass die Gummisohle die Ur-
sache für das Steckenbleiben ist und beim Beraten mit der Erzieherin und Pia wirken Sprache und Kog-
nition zusammen. Mia und Pia fühlen sich kompetent, das Phänomen ergründen zu können, sie sind al-
so emotional gefestigt und sozial ebenfalls in der Lage, gemeinsam vorzugehen (Bindung). Beim Auspro-
bieren des Rutschverhaltens gehen die Mädchen vom Bekannten zum Unbekannten, sie lassen die
Objekte zunächst herunterrutschen, dann werfen bzw. schubsen sie sie die Rutsche hinauf. Hier ist
erneut das Zusammenspiel von Kognition und Motorik erkennbar, beim Einordnen der Erkenntnisse mit
der Erzieherin ergänzen sich Sprache, Kognition und sozial-emotionale Fähigkeiten. Als andere Kinder
auf die Rutsche wollen, sind die Mädchen in der Lage, diesen Wunsch anzuerkennen und wechseln den
Standort ­ hier zeigt sich die Verbindung von Moral und Kognition, und als sie anderen interessierten
Kindern ihre bisherigen Ergebnisse vorstellen, wirken Meta-Kognition und Sprache zusammen.
2.
Wie Kinder lernen, sich bilden und die Rolle der Erwachsenen/pädagogischen Fachkräfte im Prozess
Nachdem ich im obigen Punkt Bildungs- und Lernprozesse im Kindergarten beschrieben habe, möchte
ich im Folgenden darauf eingehen, wie Kinder sich bilden und welche Rolle Erwachsene in diesem
Prozess einnehmen.
Bildung ist subjektiv, ein Aus- und Weiterbilden der eigenen Persönlichkeit und daher auch immer
Selbstbildung (vgl. Laewen/Anders 2002, S. 127). Sie ist aktiv und aneignend, die Neurobiologie sieht
das Kind als Konstrukteur, als kompetenten Gestalter der eigenen Bildungsprozesse. (Selbst-)Bildung
kann dabei aber nicht abgeschirmt stattfinden, sondern ganzheitlich, in Interaktion mit anderen Men-
schen und/oder an Gegenständen der Welt (vgl. Preissing 2004, S. 7). Pia und Mia erforschen gemein-
sam in einer für sie realen Lebenssituation und aus ihrem eigenen Interesse heraus die Beschaffenheit
verschiedener Objekte ihrer Umwelt, und ihr gemeinschaftliches Handeln verstärkt die Lust am Lernen,
die Menschen von Geburt an innewohnt (vgl. Spitzer 2002, S. 181, 192). Zum Lernen und Sich-Bilden
braucht das Kind jedoch auch immer Sicherheit, eine Bindung an Bezugspersonen, die es begleiten und
bestärken. Laewen und Anders sprechen von Ko-Konstruktion, die den Anteil erwachsener Fachkräfte
an Bildungsprozessen beschreibt, während Selbstbildung die Eigenaktivität des Kindes betont. Im obi-
gen Beispiel befindet sich die Erzieherin der Mädchen (Bezugsperson) ebenfalls auf dem Außengelände
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und unterstützt die zwei in ihrem selbständigen Forschen, indem sie mit ihnen zusammen bspw. das
Verhalten der Objekte auf der Rutsche vergleicht und benennt. Fühlt das Kind sich also wohl und wird
durch Lob und Anerkennung bestärkt und stimuliert, wird es seine Umwelt neugierig, aufmerksam und
lustvoll erforschen (vgl. Spitzer 2002, S. 177, 190, vgl. Leu 2007). Bindung und Bildung bedingen sich
also wechselseitig und brauchen einander.
Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, Fehler zuzulassen und Kinder nicht in ihrem Handeln zu stören, da
schnelles Eingreifen und Erklären der Erwachsenen mit dem Aufbau der eigenen Bildungsprozesse kolli-
dieren. Die Suche nach Antworten ist das Ziel und so sollten Erwachsene Entdeckungen erstnehmen
und bekräftigen, denn Lernerfolge befriedigen und führen zu Selbstvertrauen, sodass sich eine Lust auf
mehr Lernen einstellt (vgl. Leu 2007). Pädagogische Fachkräfte sollten die Augen offen halten für span-
nende Situationen und Kindern Zeit und Raum zum selbständigen Erforschen geben, da die Festigung
von Einsichten der Wiederholung bedarf. Idealerweise beteiligen sie sich und können so die Faszination
nachvollziehen, die von der Welt auf Kinder ausgeübt wird. Pädagogische Fachkräfte sollten zudem eine
fehlerfreundliche Atmosphäre schaffen und darauf achten, dass ihre Nachfragen keinen Prüfungs-
charakter haben, bspw. ,,Was passiert, wenn...?" ist eine Formulierung, die weiteres Forschen anregt
(vgl. Marzinzick/Tegtmeier 2009, S. 4ff). Eine weitere wichtige Aufgabe von pädagogischen Fachkräften
ist es, Kinder mit Themen in Berührung zu bringen, die ihnen in ihrem persönlichen Umfeld sonst nicht
begegnen würden, die Fachkräfte jedoch als bedeutsam empfinden. Laewen und Anders sprechen hier
von der Zumutung von Themen, und wieder wird deutlich, wie wichtig sowohl das Lernen-Wollen und
die Eigentätigkeit der Kinder als auch die Begleitung und Unterstützung durch Erwachsene in Bil-
dungsprozessen ist. Speziell im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) ist der Auftrag von Kindertages-
stätten zur Erziehung, Bildung und Betreuung gesetzlich verankert und darauf sowie auf die weiteren
Grundlagen der Arbeit in Kindertagesstätten werde ich im nächsten Punkt eingehen.
3. Gesetzliche Grundlagen
Ging es zu Anfang der Kinder"betreuung" zunächst nur um Beaufsichtigung, stellte Fröbel Mitte des 19.
Jhds. die körperliche, geistige und seelische Förderung des kindlichen Individuums und dessen Selbst-
tätigkeit in den Vordergrund. Heute sind das Sozialgesetzbuch 8 (SGB VIII) (speziell das KJHG, §22) sowie
in Niedersachsen der Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsi-
scher Tageseinrichtungen für Kinder (im Folgenden ,,Orientierungsplan/-pläne") die Grundlage für die
Arbeit in Kindertagesstätten. Bildung ist Sache der einzelnen Bundesländer, daher variieren Inhalt,
Schwerpunkte und Umfang der Orientierungspläne von Land zu Land, außerdem unterliegen sie dem
Subsidiaritätsprinzip, was bedeutet, dass Träger auf Grundlage des SGB VIII individuell Schwerpunkte
für die Arbeit in ihren Einrichtungen setzen können. Orientierungspläne sind daher Handlungsempfeh-
lungen für die Praxis und bieten einen Rahmen für die Arbeit im Elementarbereich unseres Bildungs-
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systems, sind aber nicht verbindlich umzusetzen.
Die drei bedeutsamsten Bildungsziele, die die Orientierungspläne verfolgen, sind Vorbereitung auf
lebenslanges Lernen, die Bereitschaft, unsere demokratische Gesellschaft eigenverantwortlich mitzu-
gestalten und ein sozialverantwortliches Handeln zu entwickeln, das Gemeinschaftsfähigkeit und somit
Hineinwachsen in unsere Demokratie möglich macht. Partizipation wird als Grundsatz zur Erreichung
dieser Ziele verstanden. Die seit Anfang 2000 in den Bundesländern bestehenden Orientierungspläne
resultieren aus dem KJHG und machen nicht nur die an pädagogische Fachkräfte gestellten Anfor-
derungen transparent, sie füllen auch den Bildungsauftrag, der sich aus dessen erstem Paragraph er-
gibt, mit Inhalt. Dieser besagt, dass ,,jeder junge Mensch [...] ein Recht auf Förderung seiner Entwick-
lung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit [hat]"
(SGB VIII, §1), was in §22, Abs. 2, Punkt 1 aufgegriffen wird. Kindertagesstätten stellen die erste Stufe
im Bildungssystem dar und haben neben dem o.g. auch den gesetzlichen Auftrag, ,,die Erziehung und
Bildung in der Familie [zu] unterstützen und [zu] ergänzen" (SGB VIII, §22, Abs. 2, Punkt 2).
Erziehungsberechtigte sollen in wichtige Entscheidungen der Erziehung, Bildung und Betreuung
einbezogen werden (vgl. SGB VIII, §22a, Abs. 2) und das Angebot soll allgemein die Bedürfnisse von
Kindern und ihren Familien sowohl pädagogisch als auch organisatorisch im Blick haben (vgl. SGB VIII,
§22a, Abs. 3). Dies betrifft nicht nur die Erziehung, Bildung und Betreuung in verschiedenen Entwick-
lungsbereichen, sondern auch Werte- und Regelvermittlung, wobei die Förderung an individuelle Merk-
male des Kindes (u.a. Alter, Fähigkeiten, ethnische Herkunft) anknüpfen soll (vgl. SGB VIII, §22, Abs. 3).
Seit 1990 ist die Trias aus Erziehung, Bildung und Betreuung im KJHG, §22 fest verankert. Betreuung
umfasst u.a. das Eingehen auf die Grundbedürfnisse, Pflege, Fürsorge und Schutz (Schutzauftrag nach
SGB VIII §8a) und sowie die Aufsichtspflicht. Sie bildet den Grundbaustein, da die Beziehung zwischen
Kind und (Bezugs-)Erzieherin entscheidend ist für u.a. das kindliche Wohlbefinden, die Annahme von
Förderimpulsen in allen Bereichen und für Reaktionen auf z.B. emotional herausfordernde Situationen.
Die Bausteine Erziehung und Bildung sind oft schwer von einander zu trennen, Erziehung bedeutet all-
gemein gefasst die Einführung in Verhaltensregeln und -weisen, Bildung meint allgemein die Aneignung
von Wissen. Erziehung bezieht sich in diesem Kontext auf die Erziehung von Kindern durch Erwachsene.
Sie erfolgt aufgrund der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen und ist möglich, da er ,,erziehbar" ist.
Erziehung meint die Einführung in von der Gesellschaft positiv bewertete Verhaltensweisen, Regeln,
Werte und Gepflogenheiten durch Vorbilder und Partizipation und richtet sich somit an das Moral- und
Sozialverhalten des Kindes. Sie hilft dem Kind, seine Persönlichkeitsstruktur auszubilden. Bildung bein-
haltet ebenfalls die Entwicklung und Festigung der Persönlichkeit (formale Bildung), aber auch das Ken-
nenlernen und Erschließen der Welt (materiale Bildung), was sowohl durch Selbstbildung als auch durch
Ko-Konstruktion mit anderen geschieht. Aber nicht nur der Erwerb von, sondern auch die kritische Aus-
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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Spielend lernen. Was ist Bildung im Kindergarten?
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
8
Katalognummer
V320994
ISBN (eBook)
9783668202948
ISBN (Buch)
9783668202955
Dateigröße
1289 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Lernprozess, Kindergarten, Alltag, spielen, Ko-Konstruktion, gesetzliche Grundlagen, KJHG, SGB VIII, Selbstbildung, Orientierungsplan, Lernbereiche, Forschen, §§, Bildungsplan
Arbeit zitieren
Katharina Ihme (Autor), 2016, Spielend lernen. Was ist Bildung im Kindergarten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320994

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