Die Rassenproblematik in den USA im amerikanischen Spielfilm. Szenenanalyse des Films „L.A. Crash“


Essay, 2014
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

„Es ist das Gefühl der Berührung. In einer normalen Stadt geht man zu Fuß. [...] Man berührt einander, rempelt sich an. In L.A. berührtdich nie jemand. Wir sind doch immer nur hinter Metall und Glas. Ich glaube, diese Berührung fehlt uns so sehr, dass wir miteinander kollidieren müssen, um überhaupt etwas zu spüren.”[1]

Diese Aussage stammt von Detective Graham Waters (Don Cheadle) und ist an seine Partnerin Ria (Jennifer Esposito) gerichtet. Rassismus, was in dem Film L.A. Crash thematisiert wird, basiert in gewisser Weise tatsächlich auf solch fehlenden Berührungen. In einer Stadt wie Los Angeles, in der Menschen mit zahlreichen unterschiedlichen Ethnien miteinander leben, scheint Rassismus also, laut Graham, vorprogrammiert zu sein. Der Film L.A. Crash verbildlicht diesen Aspekt sehr gut, indem Menschen verschiedener Herkunft durch Zufall aufeinander treffen und miteinander in Kontakt geraten beziehungsweise miteinander kollidieren.

Der Regisseur, Paul Haggis, inszeniert eine Geschichte aus netzwerkartig angelegten Handlungen. Der Film beginnt und endet mit dem Fund einer Leiche, wodurch die Zwischenszenen Rückblenden auf den Tag zuvor darstellen. Durch die einzelnen Szenen, welche sich für den Zuschauer nach und nach zu einem Netzwerk zusammenfügen, wird deutlich, dass die einzelnen Charaktere in gewissen Situationen aufeinander angewiesen sind, obwohl ihnen diese Tatsache nicht bewusst zu sein scheint. Der Film macht mithilfe alltagsähnlicher Situationen deutlich, dass Rassismus von jedem ausgehen sowie jeden treffen kann.

Eine der Schlüsselszenen des Films zeigt einen Autounfall, in welchem Christine (Thandie Newton) verwickelt ist.[2]In dieser Ausarbeitung soll diese Szene analysiert und die filmischen Mittel herausgearbeitet werden.

Christine ist die Ehefrau des TV-Direktors Cameron (Terrence Howard). Die beiden begegnen dem Zuschauer zum ersten Mal, als sie vom Polizisten Ryan (Matt Dillon) und seinem Partner angehalten werden, da ihr Wagen desselben Typs ist wie ein Auto, das zuvor gestohlen wurde.Ryan behandelt die beiden sehr respektlos, obwohl schnell klar wird, dass es sich nicht um das gestohlene Auto handelt. Vor allem Christine bekommt Ryans sexistische Art zu spüren, als er sie auf widerliche Weise an intimen Stellen ihres Körpers anfasst. Christine wird sichtlich gedemütigt und dem Zuschauer wird vermittelt, dass Ryan seine Machtposition ausnutzen und demonstrieren wollte.[3]

Im weiteren Verlauf des Films wird deutlich, wie sehr das Ehepaar und vor allem Christine unter Ryans Demütigungen leidet, denn es kommt zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, in welchem es hauptsächlich darum geht, dass Cameron nichts gegen Ryans sexuelle Belästigung getan habe.[4]

Von Ryan bekommt der Zuschauer auch in anderen Szenen vermittelt, dass er sowie rassistisch als auch sexistisch veranlagt zu sein scheint. Ein Zitat, welches Ryan gegenüber seinem Kollegen (Officer Hanson) äußert, nachdem er erfährt, dass dieser beantragt hat nicht mehr mit ihm, sondern mit einem anderen Kollegen Streife zu fahren ist meiner Meinung nach für den gesamten Film sehr aussagekräftig. Er sagt nämlich, „sei du noch ein paar Jahre länger dabei. Du glaubst zu wissen wer du bist? Du hast nicht die leiseste Ahnung!“.[5]Dies macht deutlich, wie prägend und vorurteilsbelastet das Leben eines Polizisten zu sein scheint. Die aktuellen Statistiken in den USA in Bezug auf die Gefängnisinsassen besagen, dass der Anteil an Afroamerikanern und Lateinamerikanern überdurchschnittlich hoch ist[6], was ein Grund für Ryans Vorurteile gegenüber diesen Menschen sein könnte. Dass er Vorurteile gegenüber Menschen anderer ethnischer Herkunft hegt, wird im Film an einigen Stellen deutlich.

Am Ende des Films ist es schließlich Hanson, der sich die Aussage Ryans noch einmal vor Augen führen muss, als er seinen Vorurteilen zum Opfer fällt, und einen unschuldigen Afroamerikaner erschießt, obwohl er doch Ryan immer für seine rassistische Art verachtet hatte.[7]

Die Szene in welcher Christine in einen Autounfall verwickelt ist beginnt damit, dass Ryan und sein neuer Kollege zum Unfallort kommen. Ryan stürmt sofort aus dem Auto und man sieht ihn wie in Zeitlupe, an allen anderen Unfallwagen vorbei, geradewegs zum letzten Auto hinzulaufen. Während Ryan rennt sieht man ihn meistens von vorne oder von der Seite, zum Teil sieht man den Weg aber auch aus seiner Sicht. Die Musik ist sehr langsam, fast schon beruhigend und ohne Gesang. Erst als Ryan an dem Auto, welches falsch herum auf dem Dach liegt angekommen ist, erklingen Gesänge. Die Musik ist jedoch immer noch sehr langsam und erinnert an Kirchengesang, wodurch meiner Meinung nach die Dramatik der Szene noch stärker hervorgehoben wird.

Ryan kniet nun neben dem Wagen und fragt ob alles in Ordnung sei. Der Zuschauer ahnt in diesem Moment noch nicht, dass es sich um Christine handelt, welche im Auto eingeklemmt ist. Als Ryans Kollege ebenfalls am Auto erscheint fordert Ryan ihn auf, den Feuerlöscher zu holen um den Brand an einem anderen Wagen zu löschen, wodurch Ryan alleine am Unfallwagen ist und nun durch das Fenster Kontakt mit der Frau im Innern aufnimmt. Er will schon anfangen sie zu befreien, als sie plötzlich in sein Gesicht schaut. Der Zuschauer sieht sofort die Furcht, die ihre Gesichtszüge verraten und Christine fängt an zu schreien und lehnt entsetzt und voller Wut Ryans Hilfe ab. Sie schreit ihn an, es könne ihr „jeder andere […] helfen, nur nicht [er]“[8]. Als Ryan erkennt, dass es sich um die Frau handelt, die er wenige Stunden zuvor noch angehalten und gepeinigt hatte, sieht man auch, dass seine Gesichtszüge für einen Moment erstarren. Doch nach wenigen Sekunden kommt er wieder zu Fassung und versucht Christine zu beruhigen. Nachdem er sie auf das tropfende Benzin und das Feuer aufmerksam gemacht hat und ihr mitteilt, dass niemand anderes da sei außer ihm, lässt sie seine Hilfe schließlich zu. Dem Zuschauer wird an dieser Stelle noch einmal bewusst, wie gedemütigt und verzweifelt Christine sein musste, nachdem sie Ryans sexistische Art zu spüren bekam. Sie wäre lieber gestorben, als sich erneut von diesem Mann anfassen zu lassen.

Nachdem sie sich beruhigt hat versucht Ryan erneut sie aus dem Auto zu retten.

Dem Zuschauer wird demonstriert, wie brenzlig die Situation ist, denn die Kamera zeigt zwischendurch immer wieder das tropfende Benzin und das Feuer im Hintergrund.

Ryan bittet Christine nun um Erlaubnis, über sie fassen zu dürfen. Christine, die erkannt zu haben scheint, dass er ihre letzte Rettung ist, wehrt sich nun nicht mehr gegen seine Versuche sie zu befreien.

Während der Rettung kommt es zu sehr intimen Momenten zwischen den beiden, denn ihre Gesichter sind nur wenige Millimeter voneinander entfernt. In dieser Szene geht Ryan Christine erneut „an die Wäsche“, er zieht diesmal jedoch ihren Rock herunter, bevor er über sie steigt. Als Zuschauer kann man diese Geste zweierlei deuten. Zum einen könnte man meinen, dass Ryan seine Fehler und seine Demütigung gegenüber Christine wieder gut machen wollte, zum einen kann mich sich aber auch fragen, ob es in dieser Situation, in der sich die beiden momentan befinden, überhaupt wichtig ist, dass ihr Rock nicht an rechter Stelle sitzt. Dass Ryan sich überhaupt anmaßt, ihr erneut an solch eine intime Stelle zu fassen, ist äußerst abstrus.

Während Ryan verzweifelt versucht Christine aus den Zwängen des Wagens zu lösen und herauszuziehen verbreiten sich Benzin und Feuer immer schneller und schließlich kommt es zu einer Explosion. Der Zuschauer sieht für einen kurzen Moment lediglich von außen, wie der Partner von Ryan auf das Auto zu rennt während das Auto in Feuer aufgeht. Der Partner zieht Ryan nun aus dem Wagen und Christine bleibt zunächst noch im Auto gefangen, doch Ryan kriecht zurück und hält sie fest, sodass sein Partner die beiden in letzter Sekunde aus dem Auto ziehen kann. In diesem Moment, als das Auto anfängt Feuer zu fangen wird die Musik sehr laut und man hört nicht mehr, was die Menschen sagen, man sieht lediglich ihre Gesichtsausdrücke, welche bloße Angst und Entsetzen ausdrücken.

Sofort nachdem Ryan und Christine aus dem Auto gerettet sind kommt es zu einer weiteren,größeren Explosion, sodass dem Zuschauer noch einmal bewusst wird, wie knapp diese Situation wirklich war.

Christine, völlig aufgelöst von dem, was ihr gerade widerfahren ist, geht in Ryans Armen in Tränen auf. Er versucht sie zu beruhigen. Dann wird Christine von zwei anderen Polizisten fortgebracht. Während sie sich von Ryan entfernen, blickt Christine sich noch einmal zu ihm um. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie ihm einerseits dankbar ist, andererseits aber auch die Welt nicht mehr versteht, weil der Mann, den sie zuvor bis aufs äußerste gehasst zu haben scheint, nun ihr großer Retter und Held war. Ihr Blick spiegelt Dankbarkeit, Unsicherheit und Unverständnis in einem.

Ryan blickt Christine ebenfalls hinterher. Sein Bild erinnert in diesem Moment an einen großen Helden und hat nichts mehr mit dem rassistisch und sexistisch veranlagten Mann zu tun, den man zuvor in Ryan gesehen hat.

Diese Szene zeigt meiner Meinung nach sehr gut, dass es in dem Film L.A. Crash keine eindeutigen „Täter – Opfer“ Rollen gibt. Jeder der Hauptcharaktere in diesem Film ist in gewissen Situationen einmal das „Opfer“ und in anderen Situationen der „Täter“. Zum anderen wird ersichtlich, dass die Menschen aufeinander angewiesen sind und einander in problematischen Situationen brauchen, auch wenn sie einander normalerweise vielleicht sogar verachten.

Ryans Zitat, dass Hanson keine Ahnung habe, wer er sei, lässt sich in gewisser Weise auch auf alle anderen Figuren des Films anwenden, denn in kritischen Situationen stehen viele der Akteure „neben sich“ und projizieren ihre persönlichen Probleme und ihre Aggressionen auf Menschen anderer ethnischer Herkunft. Auch Ryan hat persönliche Probleme, denn sein Vater ist schwer krank. Kurz bevor er Cameron und Christine demütigt, ist er mit diesem Problem konfrontiert, was ihn wahrscheinlich letztendlich dazu bewegt hat, die beiden auf diese unmoralische Art zu behandeln.

Alles in einem spiegelt der Film, wenn auch etwas überspitzt, Alltagssituationen wider, die man sich als Zuschauer meiner Meinung nach sehr gut vorstellen kann. Der Zuschauer erkennt, dass jeder Vorurteile gegenüber Menschen anderer Herkunft hat und dass jeder ein Stück weit rassistisch ist, auch wenn es einem selbst vielleicht gar nicht bewusst ist.

Durch die episodische Erzählweise, den sogenannten „short cuts“, werden dem Zuschauer sehr viele verschiedene Charaktere und ihre jeweiligen Geschichten vorgestellt, wodurch viele Identifikationsmöglichkeiten geboten sind. Desweiteren wird durch die vielen Handlungsstränge Spannung bei dem Zuschauer aufgebaut, da erst im Verlauf des Films die Zusammenhänge deutlich werden.

Meiner Meinung nach ist der Film in Bezugauf Rassismus und Sexismus sehr sehenswert, da er die alltäglichen Probleme beleuchtet, und nicht nur den offensichtlichen Rassismus, sondern auch den beiläufigen und verdeckten Rassismus thematisiert.

Das Zitat von Graham Waters, welches zu Beginn dieser Ausarbeitung steht, verdeutlicht durch die Metaphern Metall und Glas, dass heutzutage eine Berührungsarmutzwischen Menschen verschiedener ethnischer Herkunft in der Gesellschaftherrscht. Zwar leben immer mehr Menschen verschiedener Ethnien zusammen in einer Stadt, doch eine wirkliche Verschmelzung hat es bisher nicht gegeben. Dies wird zum Beispiel durch die verschiedenen Stadtteile in Städten wie Los Angeles deutlich, in welchen die verschiedenen Ethnien in gewisser Weise immer noch getrennt leben. In L.A. Crash wird diese Tatsache der Berührungsarmut sehr gut deutlich und die Fremdartigkeit der verschiedenen Mentalitäten und Kulturen kommt ausgezeichnet zum Vorschein.

Quellenverzeichnis

- L.A. Crash (Spielfilm), Paul Haggis (Regisseur), USA 2004.

- http://www.welt.de/politik/article1739690/Ein-Prozent-der-US-Buerger-sitzt-im-Gefaengnis.html (Letzter Zugriff: 20.12.2013).

[...]


[1]L.A. Crash (Spielfilm), Paul Heggis (Regisseur), USA 2004, 3:50 Minute und folgende.

[2]Ebd. 60 – 67 Minute.

[3]Ebd. 16:30 – 22:20 Minute.

[4]Ebd. 23:30 – 25 Minute.

[5]Ebd. 57 ff. Minute.

[6]http://www.welt.de/politik/article1739690/Ein-Prozent-der-US-Buerger-sitzt-im-Gefaengnis.html (Letzter Zugriff: 20.12.2013)

[7]Ebd. 86 – 90 Minute.

[8]Ebd. 61:50 ff. Minute.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Rassenproblematik in den USA im amerikanischen Spielfilm. Szenenanalyse des Films „L.A. Crash“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Sklaverei und Rassenproblematik im amerikanischen Spielfim
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V321087
ISBN (eBook)
9783668204898
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassenproblematik, spielfilm, szenenanalyse, films, crash
Arbeit zitieren
Svenja Schäfer (Autor), 2014, Die Rassenproblematik in den USA im amerikanischen Spielfilm. Szenenanalyse des Films „L.A. Crash“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321087

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