Können soziale Netzwerke zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen?

Eine Analyse von publizierten Beiträgen über Depressionen unter dem Hashtag #notjustsad und der Stigmatisierung psychisch Kranker


Seminararbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Depression
2.1. Was ist eine Depression?
2.2. Symptome und Diagnose

3. Depression und soziale Netzwerke
3.1. Hashtag #notjustsad
3. 2. Inhalte unter #notjustsad

4. Stigma und psychische Krankheiten
4.1. Definition Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung
4.2. Der Prozess der Stigmatisierung
4.3. Folgen und Konsequenzen von Stigma und Diskriminierung für die Betroffenen
4.4. Das Bild der Psychiatrie und psychisch Erkrankter in den Medien

5. Entstigmatisierung durch soziale Netzwerke im Internet?
5.1. Die Notwendigkeit der Entstigmatisierung
5.2. Neue Möglichkeiten der Entstigmatisierung – soziale Netzwerke

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Laut der Studie The Global Burden of Disease, durchgeführt von der World Health Organisation, sind Depressionen eine der weit verbreitetsten psychischen Störungen (Murray/Lopez 1996:147ff.; Bauer/Kordy 2008:62). Allein in Deutschland leiden rund 4,9 Millionen Menschen (6,0%) im Alter von 18-79 Jahren an einer depressiven Erkrankung (Abbildung 1). Die Zahl der Menschen, die ein oder mehrere Male in ihrem Leben daran erkranken ist weitaus höher (11,6%) (ebd.). Doch obwohl so viele Menschen davon betroffen sind, werden Depressionen nicht als eine ernstzunehmende Krankheit in unserer Gesellschaft angesehen, sondern meist mit Eigenschaften wie Versagen und Charakterschwäche in Verbindung gebracht. Diese stehen in Konflikt mit dem normativen Bild eines aktiven, gesunden Menschen (Baer et al. 2015:2). Die Krankheitssymptome werden oft durch Unwissenheit und Mangel an Informationen über psychische Krankheiten fehlinterpretiert und führen zusätzlich zu psychosozialen Beeinträchtigungen durch Stigmatisierung (ebd.).

Die Medien spielen bei der Entstehung solcher Stigmata eine große Rolle, denn sie sind Mittler zwischen der Wirklichkeit und den Menschen, die diese wahrnehmen. Durch die Reproduktion und Verfestigung der Vorurteile durch die Medien, fällt es den Betroffenen schwerer offen über ihre Krankheit zu reden und Verständnis von den Außenstehenden zu erlangen (Baer et al. 2015:4). Aufgrund genau solch einer Situation entstand im November 2014 auf der Internetplattform Twitter der Hashtag #notjustsad – nicht nur traurig – und dient in sozialen Netzwerken seitdem als Ventil für Betroffene öffentlich über ihre Krankheit zu schreiben (Seelig 2015: 10f.).

In dieser Arbeit möchte ich zuerst anhand einer eigenen Analyse von Beiträgen unter #notjustsad die Inhalte der Beiträge herausarbeiten und überprüfen, ob sich die Stigmatisierung von psychisch [in dem Fall: depressiv] Kranken ebenso darin widerspiegelt. Daraufhin gehe ich näher auf das Konzept von Stigmatisierung, dessen Entstehung und die Folgen davon für psychisch Kranke ein. Ein Überblick über das Bild von Betroffenen in den Medien, soll die ausgearbeiteten Ergebnisse unter Punkt 3 bestätigen und eine Grundlage für die Ausgangsfrage der Entstigmatisierung durch soziale Netzwerke liefern. In dem letzten Kapitel widme ich mich der Notwendigkeit von Entstigmatisierung und diskutiere, ob und eventuell wie soziale Netzwerke zur Entstigmatisierung für Menschen mit psychischen Krankheiten, ferner Depressionen, beitragen könnten.

2. Depression

2.1. Was ist eine Depression?

Depression, vom Lateinischen „deprimere“ abgeleitet, was „niederdrücken“ bedeutet, ist eine der gravierendsten und meist verbreiteten psychischen Erkrankungen unserer Zeit. Sie zählt in Europa zu den Hauptursachen für Krankheit und Behinderung (Summer 2008:21) und bezeichnet einen psychischen Zustand, der bei den Betroffenen zu einer traurigen oder reizbaren Stimmung oder des Gefühls der Leere führt, welches die Funktionsfähigkeit in hohem Maße beeinträchtigt (DSM 2015: 209). Meist drückt sich die Depression dabei allerdings eher als eine körperliche Belastung aus und wird weniger als Störung der Affekte wahrgenommen (DSM 2015: 220).

2.2. Symptome und Diagnose

Depressiv erkrankte Menschen beschreiben ihre Stimmung meist als traurig, hoffnungslos oder niedergeschlagen. Sie verlieren das Interesse oder die Freude an Dingen, die früher als erfreulich empfunden wurden. Dies führt häufig dazu, dass sie sich von ihrem sozialen Umfeld zurückziehen oder Freizeitaktivitäten vernachlässigen. Des Weiteren leiden Betroffene oft unter Insomnie1 oder Hypersomnie2 und schildern Symptome wie Müdigkeit, vermindertes Energieniveau oder Ermattung, auch wenn keine körperlichen Belastungen stattgefunden haben. Die kleinsten Aufgaben, wie z.B. das morgendliche Aufstehen und Waschen, können zu totaler Erschöpfung führen. Es fällt ihnen schwer sich zu konzentrieren und alltägliche Entscheidungen werden oft zu einer Herausforderung. Die Gedanken eines Betroffenen drehen sich meist um alles Negative und das Wahrnehmungsvermögen beschränkt sich vorwiegend auf negative Ereignisse. Sie machen sich oft schwere Selbstvorwürfe und haben überdies ein mangelndes Selbstwertgefühl. Dieses resultiert darin, dass sie denken, sie seien schlechte Menschen und fielen den anderen mit ihrer Anwesenheit zur Last. Dieses Gefühl der Wertlosigkeit kann sich soweit steigern, dass sie Suizidpläne schmieden oder mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen (DSM 2015: 217-222).

Nicht alle Symptome treffen immer auf einen Erkrankten zu, sondern unterscheiden sich in ihrer Konstellation und Intensität von Person zu Person. Die Symptome sind nicht ständig vorhanden und treten stattdessen episodisch auf (DSM 2015: 223/224). Um eine Diagnose stellen zu können, müssen mindestens fünf der beschriebenen „Symptome, über einen Zeitraum von mindestens 2 aufeinanderfolgenden Wochen an fast jedem Tag die meiste Zeit des Tages anhalten. Außerdem muss die Episode mit klinisch bedeutsamen Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder sonstigen wichtigen Funktionsbereichen einhergehen.“ (ebd.: 220). Hier muss jedoch unterschieden werden zwischen Phasen der Traurigkeit und einer Depression. Denn Traurigkeit gehört zu den natürlichen Aspekten der menschlichen Erfahrungswelt (ebd.:227) und beinhaltet vorrangige Gefühle von Leere und Verlust, wobei die Depression eine anhaltende Niedergeschlagenheit und die Unfähigkeit, Glück und Freude wahrzunehmen, mit sich bringt (ebd.:218).

3. Depression und soziale Netzwerke

Um näher auf die Situation der Betroffenen und ihrer Meinung auf die soziale Repräsentation von Psychiatrie in der Gesellschaft bzw. Depression einzugehen, möchte ich im Folgenden eine Analyse von Beiträgen im Internet unter dem Hashtag3 #notjustsad –durchführen.

Zur Kategorisierung von Beiträgen dienten mir 100 willkürlich ausgewählte Beiträge, die unter dem Hashtag #notjustsad auf Twitter zu finden sind. Davon sind die meisten aus dem Zeittraum Januar – März 2016 gemischt mit Beiträgen aus dem November 2014, als der Hashtag gegründet wurde. Die Kategorien sind nach Vorkommen der Beitragsinhalte festgelegt worden, sodass jede Kategorie mindestens den Wert n=1 hat.

3.1. Hashtag #notjustsad

Am 10. November 2014 machte Jana S., eine Bloggerin aus Berlin, ihre Depressionen öffentlich, indem sie via Twitter ihrer Wut über das Unverständnis ihres Freundes Luft machen wollte. Wut, weil er ihre Depressionen nicht ernst nahm und sie nur als eine traurige Phase anstelle einer Erkrankung interpretierte (Seelig, 2015: 11-12). „Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.“ (@isayshotgun4, 10.11.2014), schrieb sie und setzte eine Welle von tausenden anschließenden Nachrichten zum Thema Depression in Gang. Um die Aussagen jedoch besser bündeln zu können, entstand der Hashtag #notjustsad5 (Seelig 2015:15), der innerhalb kurzer Zeit – auch wenn nur temporär – auf Platz eins der deutschen Twitter-Charts kletterte (Smith 2014).

3. 2. Inhalte unter #notjustsad

Beim Betrachten der Tabelle (Abbildung 3) fällt auf, dass überwiegend Symptome (Niedergeschlagenheit, Einsamkeit, Selbstabwertung, Hilflosigkeit, Ängste, Schuldgefühle und Suizidgedanken) in den Beiträgen thematisiert werden (=52%).

Das am häufigsten vorkommende Symptom, über das Betroffene schreiben, ist die Niedergeschlagenheit und die fehlende Kraft, die einfachsten Dinge zu verrichten, wie z.B. das Aufstehen: „Wollte mich heute eigentlich mit Ana treffen, aber meine Depression möchte mich nicht aufstehen lassen. #njs“ (@lorderline, 30.01.2016) Die Betroffenen fühlen sich in einem Teufelskreis gefangen, „Komme nicht aus dem Bett. Das macht mich sauer. Bin sauer- will etwas kaputt machen. Komme aber nicht aus dem Bett. #njs“ (@Dunkelschimmer, 26.02.2016), aus dem sie ausbrechen wollen, um ein normales Leben leben zu können(=3%): „Ich will wieder können wie ich will – ohne immer wieder von mir selbst ausgebremst zu werden #njs“ (@anni_sternchen, 05.02.2016).

Neun Prozent der ausgewerteten Tweets6 fühlen sich einsam und haben „Sehnsucht nach Menschen.. die bleiben.. die einen nicht vergessen.. die da sind.. bei dir.. #njs“ (@222sve, 25.02.2016) und fühlen sich trotz vieler Menschen um sie herum, alleine gelassen, wie Frau Eva es deutlich macht: „In der Menschenmenge gegen die Einsamkeit ankämpfen. Einsam jemanden suchen, der da ist. Selten ankommen. #njs“ (@frauevy, 01.02.2016). Es ist die Sehnsucht nach sozialen Kontakten, die Verständnis für ihr Leiden haben und keine Vorurteile oder Missverständnis für ihre Lage.

Die Einsamkeit resultiert oft in Selbstabwertung und Selbstvorwürfen: „Dieses Gefühl unwichtig zu sein, wird von Tag zu Tag stärker.. #njs“ (@_Maskenfrau_, 05.02.2016) und „Das Gefühl, nicht genug zu sein. Es ist da, immer.. #njs “ (ebd.). Diese Gefühle können soweit gehen, dass Suizidgedanken aufkommen, die ebenfalls sehr häufig unter dem Hashtag wiederzufinden sind. Die Betroffenen haben „[...] keine Lust mehr auf Atmen, auf bewegen, auf leben und auf diese Traurigkeit die [sie] zerstört und zerreißt #njs“ (@Doyouknowme1985, 05.03.2016) und wollen „Nichts mehr sehen müssen; Nichts mehr hören müssen; Nichts mehr fühlen müssen; Nicht mehr Atmen müssen; Nicht mehr leben müssen... #njs“ (@1991_michi, 25.02.2016). Die Hilflosigkeit wird hier am deutlichsten.

In mehr als einem Drittel der untersuchten Fälle wird thematisiert, dass die depressiv Erkrankten sich von Außenstehenden nicht verstanden und sich in der Gesellschaft stigmatisiert fühlten (=34%). Ein Grund, warum die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Erkrankung so gering ist, könne daran liegen, dass Angehörige und auch die Arbeitnehmer die Betroffenen in ihrem Leiden nicht ernst nehmen. „’Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf.’ – ’Depression.’ – ’Wir melden uns.’ #Njs“ (@__ole__, 11.11.2014), schreibt Olebix und zeigt auf, dass depressive Störungen immer noch negativ konnotiert und auf dem Arbeitsmarkt als ein Defizit angesehen werden.

Aussagen, wie „’Anderen gehts noch schlechter!’ [sind] Nicht hilfreich. Dann fühlst du dich noch schuldig, weil du dich nicht schlecht fühlen darfst. #njs“ (@nicosemsrott, 11.11.2014)

Depressive möchten mit ihrem Leiden keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen7, sondern ernst genommen werden8. Insbesondere, wenn sie sich anderen gegenüber öffnen: „Wenn ich offen über Gefühle schreibe und mich jemand selbstmitleidig nennt, dann verletzt mich das zutiefst. [...] #njs“ (@Frau_Sturmflut, 24.02.2016). Für viele ist deshalb die simulierte Zufriedenheit und die Geheimhaltung der Krankheit der Alltagsmodus, was viel Kraft und Verdrängungsenergie erfordert9. „Nur weil es mir vom äußeren Anblick her gut geht, heißt dass nicht, dass es von innen auch so ist“ (@Dunkelschimmer, 24.02.2016), beschreibt Dunkelschimmer seine paradoxe Haltung. Diese widersprechende Haltung sehen Depressive immer noch darin begründet, dass sich „In der ‚Gesellschaft’ [...] wenig getan [hat]. Wer nicht (indirekt) betroffen ist, macht sich über das Thema wenig/keine Gedanken. #njs“ (@isayshotgun, 09.11.2015). Die Vorurteile und Diskriminierungen scheinen psychischen Krankheiten immer noch anzuhängen, das haben diese Beiträge deutlich gemacht.

Doch wie entstehen Stigmata und wer hat (direkten) Einfluss darauf? Welche Folgen hat Stigmatisierung und Diskriminierung für die Betroffenen und welche Rolle spielen die Massenmedien dabei? Dies möchte ich in dem anschließenden Kapitel klären.

4. Stigma und psychische Krankheiten

4.1. Definition Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung

Goffman (1967:9) hat sich Mitte des letzten Jahrhunderts ausführlich mit dem Phänomen des Stigmas befasst. Der Begriff Stigma kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Zeichen“, „Brandmal“ bzw. „Stich“. Er wurde als Kennzeichnung für Sklaven, Verbrecher und Verräter in den Körper geritzt oder gebrannt. Das Stigma stellte somit einen „Verweis auf körperliche Zeichen [dar], die dazu bestimmt waren, etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers zu offenbaren“ (Goffman 1967:9) Diese gebrandmarkte Person wurde für unrein erklärt und sollte deswegen gemieden werden (ebd.).

Im Wörterbuch der Soziologie wird Stigma als ein

„Brand-, Schandmal (physisches oder soziales Merkmal) definiert, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe (oder Gesellschaft) negativ unterscheidet und aufgrund dessen ihre soziale Deklassierung, Isolation oder sogar allgemeine Verachtung droht (Stigmatisierung).“ (Hillmann 2007:864)

Ohne Vorurteile, Diskriminierung und Schuldzuweisungen gibt es jedoch keine Stigmatisierung, da dies Vorstufen der Stigmatisierung sind (Finzen 2013:26). Deshalb ist es wichtig, den Begriff der Diskriminierung zu erläutern: Im sozialwissenschaftlichen Bereich bedeutet Diskriminierung die „Ungleichbehandlung, im soziologischen Sinne ungleiche, herabsetzende Behandlung anderer Menschen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, zum Teil auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile und Gefühlslagen“ (Hillmann 2007:155). Wie aber kommt es zur Bildung eines Stigmas? Was führt zur Diskriminierung und Stigmatisierung einer Person?

4.2. Der Prozess der Stigmatisierung

Wie bereits aufgeführt, definiert Goffman (1967:9) das Stigma als ein Zeichen, dass das Individuum kennzeichnet. Dadurch soll allen anderen in der Gruppe kenntlich gemacht werden, dass das Stigma tragende Individuum über Eigenschaften verfügt, die sich von den anderen unterscheiden und als unerwünscht angesehen werden.

Dieses ist insofern von Bedeutung, als das Menschen unabhängig von ihrem Lebensort bestimmte Vorstellungen entwickeln, wie sie sich verhalten sollten, wie sie aufzutreten hätten und wie sie leben sollten (ebd.). Abgesehen davon, dass diese Vorstellungen uns prägen, haben sie eine entlastende Funktion. Und zwar die, fremde Menschen beim ersten Anblick in die uns bereits zur Verfügung stehenden Kategorien und Vorstellungen einzuordnen. Das heißt, wir haben im Vorfeld schon Vorstelleung über deren Eigenschaften, deren soziale Identität. Goffman (1967:10) bezeichnet diese Vorstellungen bzw. Erwartungen als virtuelle soziale Identität, die der aktuellen sozialen Identität gegenüberstehen. Letztere besteht aus Eigenschaften und Merkmalen, über die ein Mensch tatsächlich verfügt (ebd.). Wir machen jedoch oft die Erfahrung, dass unsere Erwartungen und Ansprüche von der tatsächlichen Wirklichkeit abweichen (ebd.). Manche solcher Differenzen können ohne weiteres akzeptiert werden, bei anderen wiederrum scheint es unmöglich. In Extremum kann es dazu führen, dass die Diskrepanzen so groß sind, dass diese andere Person für uns als schlecht, gefährlich, arm oder so abweichend erlebt wird, dass wir sie herabmindern (Goffman 1967:10-11).

Ferner fügt Goffman hinzu, dass nicht alle unerwünschten Eigenschaften zur Stigmatisierung führen, sondern nur diejenigen, die sich mit dem Bild von dem, was eine Person sein sollte, nicht vereinbaren ließen (ebd.:11). Als Stigma wird infolgedessen eine Eigenschaft bzw. ein Merkmal eines Individuums bezeichnet, „das zutiefst diskreditierend ist.“ (ebd.) Diese negativ bewertete Eigenschaft tritt für den Normalen in den Vordergrund und wird auf die gesamte Person übertragen, sodass alle anderen Eigenschaften, die an der Person geschätzt werden, als nichtig betrachtet werden. Das heißt, dieses eine Merkmal führt dazu, dass wir uns von der betroffenen Personen, die wir problemlos in unsere Gemeinschaft aufgenommen hätten, abwenden, weil sie in „unerwünschter Weise anders [ist], als wir antizipiert hatten“ (ebd.:13). Goffman (1967:14) erläutert weiter:

„Wir konstruieren eine Stigma-Theorie, eine Ideologie, die ihre Inferiorität erklären und die Gefährdung durch den Stigmatisierten nachweisen soll[...]. In unseren täglichen Unterhaltungen gebrauchen wir spezifische Stigmatermini wie Krüppel, Bastard, Schwachsinniger, Zigeuner als eine Quelle der Metapher und der Bildersprache, bezeichnenderweise ohne an die ursprüngliche Bedeutung zu denken. Wir tendieren dazu, eine lange Kette von Unvollkommenheiten auf der Basis der ursprünglichen einen zu unterstellen[...].“ (Goffmann 1967:14)

Es geht somit nicht um das Merkmal selbst, sondern um dessen negative Definition. Es handelt sich demnach um einen relationalen Prozess (Grausgruber. 2005:21).

[...]


1 Insomnie = Schlafstörung

2 Hypersomnie = Schlafsucht, gesteigertes Schlafbedürfnis

3 Ein Hashtag ist ein Schlagwort, das mittels des Rautenzeichens (#) als potentieller Suchbegriff markiert wird.

4 Das @-Zeichen dient bei Twitter als Verweis auf einen User, ähnlich wie das #-Rautezeichen bei Hashtags

5 In weiteren Zitaten wird #notjustsad mit #njs abgekürzt

6 Als Tweet wird eine Statusmeldung innerhalb des Microblogging-Dienstes Twitter bezeichnet.

7 „Mich macht es wütend, wenn Menschen sagen, ich würde mich nur wegen der Aufmerksamkeit verletzen. #notjustsad“ (@lorderline, 08.01.2016)),

8 1. „Depression ist kein Modetrend, es ist eine beschissene Krankheit, die einen Stück für Stück auffrisst. Es ist unerträglich. #notjustsad“ (@lorderline, 29.01.2016) 2. „Depressionen, viele sprechen darüber, noch mehr nehmen diese Krankheit immer noch nicht ernst! #notjustsad“ (@depressiv_leben, 24.01.2016)

9 „Nach Außen eine Stärke zeigen, die Innen nicht da ist, erschöpft mich #notjustsad“ (@anni_sternchen, 03.02.2016)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Können soziale Netzwerke zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen?
Untertitel
Eine Analyse von publizierten Beiträgen über Depressionen unter dem Hashtag #notjustsad und der Stigmatisierung psychisch Kranker
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Transkulturelle Psychiatrie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V321251
ISBN (eBook)
9783668204454
ISBN (Buch)
9783668204461
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Tarnkulturelle Psychiatrie, Ethnologie, Kulturanthropologie, #notjustsad, Depressionen, psychische Krankheiten, Burnout, Stigma, Stigmatisierung, affektive Störungen, Depressionen in den Medien, soziale Netzwerke, Endstigmatisierung, soziale Repräsentation, Hashtag, Twitter, Facebook, Jana Seelig, Öffentlichkeit, Diskussion, Identifikation, gemeinsam, Hilfe, Unterstützung
Arbeit zitieren
Oxana Peters (Autor), 2016, Können soziale Netzwerke zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321251

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