Das soziale Stigma der Hofeunuchen. Claudian Claudianus Invektive gegen Eutrop im Werk "In Eutropium"


Hausarbeit, 2016
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Claudian Claudianus und sein Werk In Eutropium
2.2. Soziales Stigma in In Eutropium
2.2.1. Das äußere Erscheinungsbild und Weiblichkeit
2.2.2. Eutrops Vergangenheit als Sklave
2.2.3. Eutrops Kompetenzen und Handeln
2.3. Glaubwürdigkeit der Invektive Claudians gegen Eutrop

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Claudians Werk In Eutropium bietet eine wahnsinnige Anzahl von Vorwürfen Eutrop gegenüber. Außerordentlich interessant erscheint, ob diese Vorurteile typisch waren für die Spätantike. Dieses Werk und der Eunuchenkonsul sind in der Geschichtswissenschaft zwar reichlich erforscht und diskutiert worden, aber noch immer sind sich die Historiker über einige Aspekte von Claudians Biografie und seiner Motive, ebenso wie die des Eunuchen Eutrop nicht einig. So geht beispielsweise die ältere Forschung davon aus, dass die Ereignisse, die von Claudian geschildert werden, einen großen Wahrheitsgehalt aufweisen.1 Diese Gutgläubigkeit kritisieren wiederum neuere Forscher, wie Alan Cameron, dessen Ansicht nach „in ihr ebenso inadäquates Gegenteil verkehrt“2 und Claudian die komplette Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber Stilicho und dessen politischer Richtung unterstellt.

In meiner Hausarbeit werde ich im Folgenden zunächst auf den Autor Claudian Claudianus eingehen, seinen Hintergrund und sein Werk In Eutropium, welche meine Hauptquelle darstellt, zusammenfassen und auf den derzeitigen Forschungsstand eingehen. Im weiteren Verlauf werde ich mich mit dem sozialen Stigma auseinandersetzen, dass durch die Invektive über Eutrop vermittelt wird. Im Besonderen will ich hier auf drei verschiedene Aspekte eingehen: sein äußeres Erscheinungsbild und die dadurch entstehende Weiblichkeit, seine Vergangenheit als Sklave und seine Allgemeinen Kompetenzen beziehungsweise Eutrops Handeln. Fortführend will ich auch den Wahrheitsgehalt im Allgemeinen und vor allem der der Darstellung des sozialem Stigmas Eutrops darstellen.

Eine Hauptstütze meiner Arbeit bildet hierbei das vielzitierte Werk Claudian. Poetry and Propaganda at the Court of Honorius (1970) von Alan Cameron. Seine Wichtigkeit erhält das Buch durch seine umfangreiche Biografie Claudians, seine Beweggründe sowie viele weitere Details zu seinem Werk In Eutropium. Zugleich ist Camerons Schrift jedoch weitestgehend umstritten und einige Forscher widersprechen ihm in wesentlichen Dingen. Aufgrund dessen widme ich mich auch seinen Kritikern, so etwa Sigmar Döpp, der in seiner Habilitationsschrift von 1980 die Aspekte Camerons für teilweise unzutreffend erklärt und sich somit sehr gut für eine kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur eignet. Aus dem gleichen Grund verwendete ich auch die Artikel von Christian Gnilka3, der sogar so weit geht und von einem „höchst unbefriedigenden Claudianbuch“4 schreibt und dadurch Camerons Werk deutlich herabsetzt. Zudem verwende ich Gernot Michael Müllers 2011 erschienene, leicht veränderte Habilitationsschrift aus dem Jahre 2008, die sich mit den Dichtungen Claudians beschäftigte und mir so einen aktuellen Überblick über den Forschungsstand geben konnte. Die verwendete Übersetzung von In Eutropium ist aus dem Jahre 1992 von Helge Schweckendiek, der sich an die große Aufgabe machte eine möglichst sinngemäße, wie aber auch ein ähnliches Versmaß zu finden, damit ein annähernder daktylischer Sprachrhythmus beibehalten wird.5

2. Hauptteil

2.1. Claudian Claudianus und sein Werk In Eutropium

Obwohl Claudians Schriften schon von vielen Historikern betrachtet und genauer analysiert wurden, ist über sein Leben relativ wenig bekannt.6 Er soll ein wandernder Poet gewesen sein, der um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, für Aufträge zu den verschiedenen Zentren der Spätantike wanderte.7 Unter Honorius schrieb Claudian viele prunkvolle Reden auf den Kaiser, sowie den Heermeister Stilicho und weitere, die bis heute vielfach übersetzt und erforscht wurden.8 Alan Cameron geht in seinem Buch über Claudian sogar soweit, ihn als Stilichos offiziellen Propagandisten zu benennen9. Nach ihm war Claudians Hauptaufgabe, Stilicho gut aussehen zu lassen und seine jeweilige Meinung und politische Richtung zu vertreten und wenn nötig, sogar Geschichtsfälschung zu betreiben.10

Wie auch die Motive seiner Werke, ist seine Religionszugehörigkeit in der Forschung noch immer umstritten. Alan Cameron ist sich in seinem Artikel über antike Wanderpoeten sicher, dass Claudian dem paganen Glauben zugehörig war und stützt dies auf die antiken Autoren Augustin und Orosius (Aug. civ. 5, 26, 249 und Oros. Hist. 7, 35, 21).11 Dies steht im völligen Gegensatz zu Döpp, der auf Claudians deutlich christlich geprägten Gedichte eingeht, um seine mögliche Zugehörigkeit zum Christentum zu untermauern.12 Nicht zu widerlegen sind jedenfalls Claudians christlich geprägten Arbeitgeber, die wohl einen großen Einfluss auf die Inhalte seiner Werke nahmen. Einerseits sind die paganen Einflüsse in Claudians Werken sind nicht zu übersehen. So vergleicht er in seiner Invektive die Tatsache, dass der ehemalige praepositus sacri cubiculi Consul ist, mit der inzestuösen Beziehung des Ödipus und seiner Mutter, dem Seemonster Scylla und viele anderer Mythen. (1, 287-295). Andererseits gibt es im gleichen Werk auch viele biblische Anspielungen, die auf die göttliche Strafe vorbereiten soll, die durch Eutrops Ernennung zum Consul die Menschheit überkommen soll (1, 14-19).13 Die endgültige Entscheidung über Claudians Religiosität zu fällen, ob es sich nun um einen von den paganen Kulturen beeinflusster Christen oder um einen vom Christentum beeinflusster Paganer handelte, erscheint hier somit nicht abschließend klärbar.

Wiederum unproblematisch erscheint die Frage, warum sich Claudian entschied, über Eutrop zu schreiben. Eutrop ist zurecht einer der bekanntesten Eunuchen in der Spätantike und nach seinem Sieg gegen die Hunnen im Jahre 398 der wohl einzige, der jemals den Posten eines Consuls einnahm und schon damals eine durchaus polarisierende Persönlichkeit darstellte.14 In vielen Fällen ist das Werk Claudians die einzige Quelle, die Aufschluss auf das Leben und das Verhalten Eutrops gibt15 und gerade deswegen muss das Werk möglichst kritisch betrachtet werden, um ein möglichst realistisches Bild von dem ehemaligen Hofeunuchen und praepositus sacri cubiculi zu bekommen.

Die Datierung des Werkes ist wohl eines der umstrittensten Themen in der Claudianforschung. Dies liegt daran, dass sich der Entstehungszeitpunkt nicht an einem bestimmten Ereignis ausmachen lässt, so wie in etwa seine Panegyriken, die zu einem bestimmten Anlass geschrieben wurden. Ein Indiz lässt sich hier nur aus dem Zusammenhang des ganzen Werkes erschließen, was in der Feststellung sich als deutlich schwierig erweist. Beide Bücher sind jedoch offensichtlich nach Eutrops Antritt zum Consul fertiggestellt, da er schon sehr früh darauf eingeht (1, 26). Nach Cameron wurden beide Bücher zu verschiedenen Zeiten geschrieben, bis auf das Praefatio, dessen Niederschrift eindeutig vor dem Sturz Eutrops entstand.16 Dies begründet er mit dem Ende des zweiten Buches in dem Aurora, die Göttin der Morgenröte, Stilicho darum bittet, sie „von dem Sklavenjoch“ (2, 593)17 zu befreien. Dieses Joch beschränkt Cameron auf Eutrop und dessen Vergangenheit als Sklave. Dies setzt seiner Meinung nach voraus, dass Eutrop noch immer an der Macht ist und das Buch so vor seinem Sturz geschrieben werden musste.18 Im gleichen Sinne entstand das Erste Buch wohl außerdem vorher, da sein Fall hier nicht einmal erwähnt, sondern erst von Claudian gefordert wird (1, 22-23). Sigmar Döpp kommt in seiner Habilitationsschrift jedoch auf ein gegenteiliges Ergebnis, nämlich dass beide Bücher wohl erst nach dem Fall Eutrops geschrieben werden konnten, da Claudian es zu dieser Zeit nicht wagen konnte, den ehemaligen Machthaber im Ostreich Eutrop in so hohen Maße zu bedrohen, denn diese Invektive konnte der Eunuch als Kriegserklärung von Claudians Arbeitgeber Stilicho auffassen können.19 Müller geht in seiner Arbeit aus dem Jahre 2011 ähnlich wir Döpp davon aus, dass das Erste Buch erst der Amtsenthebung Eutrops aber noch vor seiner Verurteilung zeitlich einzugrenzen ist.20 Die fehlende Erwähnung des Falles des Eunuchen im Ersten Buch ist wohl nur ein dramaturgisches Stilmittel um die Geschichte langsamer zum Höhepunkt zu führen.

Das Erste, wie auch das zweite Buch der Invektive, lässt sich in drei verschiedenen Abschnitte gliedern und behandelt insgesamt die einzelnen Ereignisse der Karriere Eutrops.21 Bei dem ersten Teil handelt es sich um eine Einleitung (Prooemium), die beiden anderen Teile sind zwei gleichwertige Hauptteile. Das Erste Buch diffamiert erst Eunuchen im Allgemeinen und beleuchtet im weiteren Verlauf vor allem Eutrops Eunuchtum und seine Vergangenheit als Sklave in den verschiedensten Haushalten. Weiter betrachtet Claudian die Reaktionen zu der Consulatszeit Eutrops. Die Praefatio beschäftigt sich konkret mit dem Sturz des Eunuchenconsuls und seiner Verhöhnung. Eutrop ist wieder das, was er anfangs darstellte: er „fürchtet jetzt wieder die wohlbekannte Peitsche“ (2, Prae., 2).22

Das Zweite Buch untergliedert sich ebenfalls in einen Prooemium und zwei Hauptteile. Diesmal ist das Hauptthema Eutrops Consulzeit im Hinblick auf seinem drohenden Untergang durch den Gotenaufstand, dessen Erfolg Claudian auf Eutrops Unfähigkeit zurückführt.(2, 304-322). Der zweite Teil erzählt von den Reaktionen auf die Niederlage Eutrops gegen die Goten. Hier stellt Claudian seinen Arbeitgeber Stilicho als einzigen Ausweg zur Rettung dar: „du bist stark genug, um uns beide zu schützen“ (2, 599f).23

2.2. Soziales Stigma in In Eutropium

Da es sich bei dem Werk Claudians um eine Schmähschrift handelt, liegt das Augenmerk natürlich auf den negativen Aspekten Eutrops. Dadurch lässt sich viel über das soziale Stigma der Eunuchen erfahren, da der Autor immer wieder auf den Aspekt seiner Kastration zurückkommt und dadurch versucht, seine abwertende Darstellung und die vorgeschlagenen Aktionen ihm gegenüber zu rechtfertigen. Wörter wie Eunuch, Kastrat oder ähnliches werden in der kompletten Quelle sechsunddreißigmal verwendet.24 Die Art und Weise Eutrop zu diffamieren lässt sich dabei in drei grobe Kategorien unterteilen: sein äußeres Erscheinungsbild und die dadurch entstehende Weiblichkeit, seine Vergangenheit als Sklave und seine allgemeinen Kompetenzen, beziehungsweise sein Handeln

2.2.1. Das äußere Erscheinungsbild und Weiblichkeit

Das äußere Erscheinungsbild und die durch die Kastration entstehende Weiblichkeit mit der dadurch angenommenen femininen Sexualität spielen in In Eutropium eine sehr wichtige Rolle. Eutrop wird in vielen Betten eine wichtige Rolle zugeschrieben, als Lustknabe in seiner Kindheit und als Mätresse im Erwachsenenalter. Doch hat Eutrop einen konkreten Nachteil gegenüber einer Frau, denn er hat außer seinem Aussehen nichts, was seinen Geliebten an ihm binden könnte. Eine Gemahlin hingegen ist fähig, die Leidenschaft zu ersetzen durch die „Würde einer Mutter“ (1, 72-77) die die Ehe aufrecht erhält.25 Dem nicht fähig, wurde Eutrop nach langen Jahren des Verhältnisses mit Ptolemaeus von diesem fallen gelassen und verschenkt. Bei diesem Bruch spricht Claudian sogar von einer „Scheidung“ (1, 65) zwischen den beiden ehemaligen Geliebten, also offensichtlich einer offiziellen Trennung von Mann und Frau.26

[...]


1 Vgl. Fargues, Pierre: Claudien. Études sur sa poésie et son temps, Paris 1933. und Romano, Domenico: Claudiano, Palermo 1958; nach: Müller, Gernot Michael: Lectiones Claudianeae. Studien zu Poetik und Funktion der politisch-zeitgeschichtlichen Dichtungen Claudians, Heidelberg 2011, S. 23.

2 Müller: Lectiones Claudianeae, S.24.

3 Gnilka, Christian: Dichtung und Geschichte im Werk Claudians, in: FMS 10 (1976), S.96-124. und Rezension zu Alan Cameron: Claudian, Poetry and Propaganda at the Court of Honorius, in: Gnomen 49 (1977), S. 26-51.

4 Gnilka: Cameron, S.26.

5 Schweckendiek, Helge: Claudians Invektive gegen Eutrop (In Eutropium). Ein Kommentar, (Beiträge zur Altertumswissenschaft 10), Hildesheim/Zürich/New York 1992, S.34.

6 Schweckendiek: Claudians Invektive, S 1.

7 Cameron, Alan: Wandering Poets: A Literary Movement in Byzantine Egypt, in: Historia 14 (1965), S.470-509.

8 Long: Claudian’s In Eutropium, S.4-6.

9 Cameron: Claudian, S. VI. und 42.

10 Cameron: Claudian, S161-165.

11 Vgl. Cameron: Wandering Poets, S.475.

12 Genaueres: Döpp: Zeitgeschichte, S.24-41.

13 Long, Jaqueline: Claudian’s In Eutropium. Or, How, When, and Why to Slander a Eunuch, Chapel Hill/London 1996, S.27.

14 Long: Claudian’s In Eutropium, S.2.

15 Long: Claudian’s In Eutropium, S.3.

16 Cameron, Alan: Claudian. Poetry and Propaganda at the Court of Honorius, Oxford 1970, S.127 und 134.

17 Nach: Schweckendiek: Claudians Invektive, S.62.

18 Cameron: Claudian, S.136.

19 Döpp, Sigmar: Zeitgeschichte in Dichtungen Claudians, (Hermes 43), Wiesbaden 1980, S.167.

20 Müller: Lectiones Claudianeae, S.238-241-

21 Vgl. Müller: Lectiones Claudianeae, S.226 und Schweckendiek: Claudians Invektive, S.31.

22 Nach: Schweckendiek: Claudians Invektive, S.55.

23 Nach: Schweckendiek: Claudians Invektive, S.62.

24 Long: Claudian’s In Eutropium, S.107.

25 Nach: Schweckendiek: Claudians Invektive, S.36.

26 Nach: Schweckendiek: Claudians Invektive, S.36.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das soziale Stigma der Hofeunuchen. Claudian Claudianus Invektive gegen Eutrop im Werk "In Eutropium"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Rom im Umbruch: Das Imperium Romanum unter Theodosius II.
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V321360
ISBN (eBook)
9783668206359
ISBN (Buch)
9783668206366
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
In Eutropium, Eutrop, Claudian Claudianus
Arbeit zitieren
Johanna Hollesch (Autor), 2016, Das soziale Stigma der Hofeunuchen. Claudian Claudianus Invektive gegen Eutrop im Werk "In Eutropium", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321360

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