Die Entwicklung des Frauenbildes in Spanien des 19. Jahrhunderts

Anhand der Romane La Gaviota von Fernán Caballero, Tristana von Benito Pérez Galdós und Memorias de un solterón von Emilia Pardo Bazán


Magisterarbeit, 2003

85 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Situation der Frau im sozial-historischen Kontext des 19. Jahrhunderts
2.1 Frau und Mann
2.2 Frau und Bildung
2.3 Frau und Arbeit

3. La Gaviota (1849) von Fernán Caballero
3.1 Biographischer Hintergrund
3.2 Darstellung der Frau in La Gaviota
3.2.1 Die ideale Frau bei Caballero
3.2.2 Marisalada als negative Frauenfigur

4. Tristana (1892) von Benito Pérez Galdós
4.1 Biographischer Hintergrund
4.2 Der Entwurf der "mujer nueva" bei Pérez Galdós
4.3 Scheitern eines Emanzipationsmodells

5. Memorias de un solterón (1896) von Emilia Pardo Bazán
5.1 Biographischer Hintergrund
5.2 Die Schwestern Neira: Vertreterinnen der traditionellen Frauenrolle
5.3 Der Entwurf der "mujer nueva" bei Pardo Bazán
5.4 Feítas Emanzipation: Triumph oder Scheitern?

6. Schlußbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Bild der Frau in der Literatur verändert und entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte so wie sich die politischen und sozialen Verhältnisse, unter denen sie lebt, eine Änderung erfahren. Das 19. Jahrhundert als die die Zeit der großen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umbrüche in Spanien und in ganz Europa bewirkt eine neue Definierung der Position der Frau in der Gesellschaft. Während aber in vielen europäischen Ländern wie England und Deutschland die Frau dank der sich gegen Mitte des Jahrhunderts neu formierenden Frauenbewegungen einen bedeutenden Schritt nach vorne Richtung mehr Rechte und Unabhängigkeit vom Mann macht, bleiben in Spanien die Reformen, die den Frauen mehr Rechte garantieren und sich somit den veränderten politischen und sozialen Verhältnisse anpassen, fast im Laufe der gesamten Zeitspanne aus. Die drei Faktoren, die den Fortschritt bezüglich der Frauenrechte in den anderen erwähnten Ländern begünstigen, sind Industrialisierung, Nichtkatholizismus und Tradition geistiger Freiheit.[1] Da in Spanien diese Faktoren fehlen, entwickelt es sich zu einem Land, "indem der im 19. Jahrhundert in Europa zusammen mit den linkspolitischen geistigen Strömungen aufkommende Feminismus - abgesehen von einer kurzen historischen Zäsur - bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wie eine gegen den katholischen Glauben gerichtete `Ketzerei´ bekämpft wurde."[2]

Diese Situation beeinflußt in hohem Maße die Darstellung der Frau in der Literatur im betrachteten Zeitraum. Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fehlt in der spanischen Literatur fast ausschließlich eine fundierte Auseinandersetzung mit den Problemen und eine zielgerichtete Sensibilisierung für die legitimen Rechte der Frauen. Die meisten Autoren des vorletzten Jahrhunderts - unter ihnen auch viele Schriftstellerinnen - halten an einer misogynen Literaturtradition fest, die die Vormachtstellung des Mannes zu festigen und den kleinsten Widerstand dagegen im Keim zu ersticken versucht. Erst nach der bürgerlichen Revolution von 1868 wird vermehrt, meist von liberalen Schriftstellern, auf die Frauenproblematik aufmerksam gemacht und versucht, die Gesellschaft zur Reformen auf diesem Gebiet zu bewegen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Darstellung des Frauenbildes in der spanischen Literatur im Verlauf des 19. Jahrhunderts verändert und worauf diese Veränderungen zurückzuführen sind. Hierfür werden die Romane dreier Autoren untersucht, die als charakteristisch für ihre jeweilige Epoche gelten können. Fernán Caballero - der männliche Pseudonym von Cecilia Böhl de Faber - mit ihrem Roman La Gaviota (1849) wird dabei als Vertreterin der ersten Jahrhundertshälfte angesehen. Tristana (1892) von Benito Pérez Galdós mit und Memorias de un solterón (1896) von Emilia Pardo Bazán sollen als Beispiele für die Zeit nach der Revolution von 1868 gelten. Obwohl die letzten beiden Romane in dem kurzen Zeitabstand von 4 Jahren veröffentlicht sind, ist in ihnen eine deutliche Entwicklung in der Präsentation und Gewichtung der Frauenfrage festzustellen. Deshalb ist es unserer Ansicht nach legitim, diese Romane unter dem Aspekt des gestellten Themas auszuwählen.

Eine wichtige Grundlage für das bessere Verständnis der Darstellung der Frau in den zu untersuchenden Werken ist die Kenntnis der Situation der Frau im Spanien des 19. Jahrhunderts. Deshalb werden zunächst die Rechte der Frauen in bezug auf drei wichtige Aspekte des Alltagslebens, nämlich Familie, Bildung und Arbeit, auf der Grundlage der Gesetzesgebung in Spanien zu dieser Zeit beleuchtet. Der Zugang zu Bildung und Arbeit war für Frauen in hohem Maße von ihrer Klassenzugehörigkeit abhängig, deshalb wird dies in den jeweiligen Kapiteln besonders berücksichtigt.

In Anschluß daran werden die drei Romane einzeln untersucht. Am Ende soll ein Vergleich zwischen ihnen angestellt werden, der das Ziel hat, die Entwicklung des Frauenbildes anhand der herausgearbeiteten Ergebnisse aufzuzeigen.

2. Die Frau im sozial-historischen Kontext des 19. Jahrhunderts

2.1 Frau und Mann

Bezeichnend für die Situation der Frau bezüglich ihrer Rechte und Pflichten - im besonderen im Kontrast zum Mann - ist die Gesetzgebung im von uns untersuchten Zeitraum, die von zwei Rechtstexten repräsentiert wird: Novísima Recopilación von 1805 und Código Civil von 1889. Für das erstgenannte Gesetzesbuch ist charakteristisch, daß es "als eine Sammlung vorhergehender spanischer Rechtstexte in der direkten Tradition des mittelalterlichen spanischen Rechts steht"[3], einer Tradition, in welcher der Mann die Rechte in der Familie und der Gesellschaft fast ausschließlich für sich vereinnahmt und die Frau entsprechend ihrer "natürlichen" geistigen und moralischen Inferiorität sich dem Mann unterzuordnen hat.[4] Der Código Civil ist dagegen "vom aufklärerisch orientierten Code Napoléon aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts beeinflußt und bezieht die Wertvorstellungen des neuen bürgerlich-liberalen Regimes (individuelle Freiheit, Gleichheit, Eigentum) in seine Gesetzesauffaßungen mit ein."[5] Die verränderte geistige Einstellung findet ihren Niederschlag jedoch nur in der Entdeckung der Männerrechte. Die Frauen dagegen büßen nach dem neuen Gesetzesbuch sogar noch mehr Grundrechte, nämlich die ökonomische Unabhängigkeit, ein.[6]

Wie sich die Frauenrechte im einzelnen in bezug auf die Familie und auf ihre Abhängigkeit vom Mann entwickeln, soll im folgenden beschrieben werden.[7]

Das Gesetz spricht der ledigen Frau ab ihrem 23. Lebensjahr fast die gleichen Rechte hinsichtlich Eigentum, Vertragsfähigkeit usw. wie dem Mann zu, wenn sie auch mit bestimmten Einschränkungen verbunden sind. Nach der Eheschließung verliert dagegen die Frau "alle ihre Rechte als juristische Person, ihre Unabhängigkeit und ihre Recht auf Individualität"[8], eine Tatsache, die Geraldine M. Scanlon dazu verleitet, die Ehe als "esclavitud legal"[9] zu bezeichnen. Die Frau wird unter die Vormundschaft des Ehegatten gestellt und wird gesetzlich zur Unterwerfung verpflichtet: "El artículo 57 del Código Civil dice: `El marido debe proteger a la mujer, y ésta obedecer al marido´, noción que tenía fuerza de artículo de fe y que, de hecho, estaba justificada por la doctrina religiosa."[10] Die Frau hat praktisch keine Rechte in der Familie. Sie hat keinen Zugang zu den gemeinsamen Gütern ohne die Erlaubnis des Ehemannes. Sie darf nichts erben, nichts kaufen oder verkaufen usw. ohne das Einverständnis des Ehegatten. Diese Regelungen werden dadurch begründet, daß sie "una expresión de la ley natural" seien, und weil sie "a la protección de la mujer más que al beneficio del hombre"[11] bestimmt seien.

Aber nicht nur in materieller Hinsicht ist der Mann Besitzer aller Güter der Frau. Mit der Eheschließung gewinnt der Mann "[los] derechos exclusivos de propiedad sobre el cuerpo de su mujer, no pudiendo ésta disponer de su cuerpo libremente."[12] Damit erklärt Kreis: "die bekannte doppelte Moral hinsichtlich der geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Bewertung des gleichen Tatbestandes im Rahmen der gültigen Sexualmoral."[13] So wird der Ehebruch bei der Frau nach dem Gesetz streng geahndet (mit einer Gefängnisstrafe bis zu 6 Jahren), während im Falle des Ehemannes man stichhaltige Beweise für die Untreue erbringen muß. Darüber hinaus wird die Schuld am Ehebruch des Mannes, wenn erwiesen, meistens der Frau, die ihn verführt hat oder der eigenen Ehefrau zugeschrieben.[14]

In den oben aufgeführten die Frau betreffenden gesetzlichen Bestimmungen kommt ein deutlicher Widerspruch zum Ausdruck, und zwar, "daß die Frau einerseits vom Zivilrecht in ihrer vorgeblichen moralischen und intellektuellen Schwäche als eine schutzbedürftige Minderjährige hingestellt wird, während sie strafrechtlich als voll für ihr Verhalten verantwortliche erwachsene Person behandelt wird."[15] Auf diese Mißstände weist in ihren Schriften die spanische Frauenrechtlerin Concepción Arenal, eine der wenigen spanischen Feministinnen, hin. Sie prangert offenherzig die Ungerechtigkeiten, welche die Frau in der spanischen Gesellschaft zu ertragen hat, an. Im Hinblick auf die Widersprüchlichkeiten in der Gesetzgebung sagt sie: "La una [ley] nos dice: Eres un ser imperfecto: no puedo concederte derechos. La otra: Te considero igual al hombre y te impongo los mismos deberes: si faltas en ellos incurrirás en idéntica pena. Es tal la fuerza de la costumbre que saludamos todas estas injusticias con el nombre de derecho."[16] Einige Jahrzehnte nach Arenal erhebt ihre Stimme eine andere große Vorkämpferin für die Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert, nämlich Emilia Pardo Bazán, die öffentlich die Ungleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz in einer Gesellschaft brandmarkt, welche die "derechos del hombre"[17] anerkannt hat, die der Menschheit jedoch noch nicht.[18] Die gesellschaftliche Akzeptanz für die Probleme der unterdrückten Frauen bleibt bis weit ins 20. Jahrhundert aus, was sich deutlich in dem Mangel an Veränderung der Gesetze des Código Civil niederschlägt, der - abgesehen von einer kurzen Unterbrechung während der Zweiten Republik - bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts gültig war.[19]

2.2 Frau und Bildung

Die Bildung ist nach Scanlon "la condición previa más importante para la emancipación, pues la ignorancia es un medio tanto para mantener sometida a la mujer como para justificar ese sometimiento."[20] Der desolate Zustand der Frauenbildung kann also als ein wichtiger Grund für die Unausgeglichenheit in der Rollenverteilung in Spanien angesehen werden. Durch die Aufrechterhaltung der von der katholischen Kirche geprägten Frauenrolle in der patriarchalischen Gesellschaft, ihre geschlechtsspezifische Vorbestimmung als Ehefrau und Mutter, aber auch aufgrund der Geringschätzung der geistigen Fähigkeiten der Frauen wird in Spanien des 19. Jahrhunderts den Frauen der Zugang zu Bildung erschwert. Die jungen Mädchen und Frauen wurden auf die erwähnte für sie vorgesehene Rolle vorbereitet, indem man sie in "labores propias del sexo"[21] wie beispielsweise Handarbeiten unterrichtet. Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben galten nicht nur als unnützlich, sondern ja als moralisch verwerflich.[22]

In der ersten Hälfte dieses Zeitraumes gibt es nur eingeschränkte Möglichkeiten für eine schulische Ausbildung der Frauen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß in der Tat nur Mädchen der Mittel- und der Oberschicht Zugang zu den Bildungsanstalten hatten.[23] Infolgedessen ist es nicht verwunderlich, daß gegen Mitte des 19. Jahrhunderts 90,4% der spanischen Frauen Analphabeten waren.[24]

Für einen bedeutenden Schritt in Richtung Verbesserung der Frauenbildung sorgte Ende der 60er Jahre die bürgerlich-liberale Bewegung des Krausismus. Seine Ideologie stützte sich auf die Schriften des deutschen Philosophen Karl C. F. Krause und verfolgte als explizites Ziel die Vervollkommnung des Menschen durch Bildung, die auch die Frauen einschloß. Die Bestrebungen der krausistas zur aktiven Unterstützungen der geistigen Bildung der Frauen schlugen sich in Gründung von der Asociación para la Enseñanza de la Mujer, die ihrerseits sich um den Aufbau von Lehrzentren für Frauen bemühte. So wurden La Escuela de Institutrices und einige Berufsschulen geschaffen.[25] Trotz der liberalen Absichten der krausistas und der Bemühung um Erweiterung der intellektuellen Bildung der Frauen durch die Zusatzausbildung in Fächern wir Geographie, Geschichte, Medizin, Wirtschaft, Kunst, bleibt für sie die Lebenserfüllung einer Frau in der Ehe und Mutterschaft.[26]

Die Erfolge in der Frauenbildungsfrage der krausistas bleiben bescheiden, weil sie nur von einer Minderheit in Anspruch genommen werden. Ihnen wird aber das Verdienst einer "Pionierleistung"[27] anerkannt.

Aus den Bestrebungen der liberalen und progressiven Kräfte in Spanien ergeben sich somit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine radikalen Verbesserungen im Bildungsniveau der spanischen Frauen. Darum beträgt die Analphabetenrate unter den Frauen um 1900 immer noch alarmierende 71,5%.[28]

2.3 Frau und Arbeit

Die Arbeit war für die Frauen ebenso wichtig, wenn nicht sogar vielleicht wichtiger als die Bildung, denn "la educación por sí sola no bastaba para dar a las mujeres la igualdad con los hombres, ya que la dependencia económica también suponía un servilismo espiritual."[29] In der patriarchalischen spanischen Gesellschaft des vorletzten Jahrhunderts wurde - wie bereits erwähnt - die Pflicht jeder Frau in der Aufgabe als Ehefrau und Mutter gesehen. Die Ehe sollte ihre einzige "carrera" sein und sie wurden zielstrebig auf diese "profesión" vorbereitet, denn die Ehe war laut der katholischen Doktrin "la única en la que ellas podían dar satisfacción a su naturaleza sentimental y sacrificada."[30] Die ihnen von der Natur gegebene Inferiorität, wie man glaubte, prädestinierte die Frauen nur für die Hausarbeit. Man versuchte ihre Rolle in der Gesellschaft durch Euphemismen wie "ángel de hogar", "sacerdotisa de la familia / del matrimonio" für sie und "elevada / gloriosa / nobilísima misión", " sus sacrátisimos deberes", "su sacrátisimo ministerio" für ihre Pflichten im Haus aufzuwerten.[31] Diese Maßnahmen zielten jedoch eindeutig darauf ab, die Unterwürfigkeit der Frauen zu fördern.[32]

Die Unterschiede in der Haltung der Gesellschaft zu Frauenarbeit unterschiedlicher sozialen Schichten waren zum Teil erheblich. Ehefrau- und Mutterrolle war weitestgehend den Frauen der Oberschicht vorbehalten, da sie auch aus finanziellen Gründen nicht arbeiten brauchten. Die Frauen, die überwiegend am Arbeitsprozeß teilnahmen, waren Mitglieder der Mittel- und Unterschichten.

Die aus Existenzgründen zur Arbeit gezwungenen Frauen der clase baja wurden als billige Arbeitskräfte für schlecht angesehene Tätigkeiten angestellt. Diese Tatsache: "o era aceptado como parte del orden natural de las cosas o se consideraba lamentable, pero inevitable."[33] Das häufigste Betätigungsfeld der Vertreterinnen der Unterschichten war die Dienerschaft in fremden Haushalten. Dienstmädchen war der "weibliche Beruf par excellence"[34] im 19. Jahrhundert. Viele Frauen der clase baja waren aber auch als Arbeiterinnen in der Tabak- und Textilindustrie, in Munitionsfabriken und Bergwerken, als Flechterinnen, Färberinnen oder Bäckerinnen beschäftigt.[35]

Zahlreiche Frauen der Mittelschicht sahen sich auch aus materieller Not gezwungen, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen. Dies betraf vor allem die unverheirateten Frauen und die Witwen. Viele von ihnen versuchten ihre Tätigkeit streng geheim zu halten, da sie sonst von den Kreisen ihrer Gesellschaftsschicht verstoßen worden wären.[36] Für die verheirateten Frauen galt Arbeiten außer Haus als "deshonra" und "degradante" nicht nur für sie, sondern auch für ihren Mann. Berufe für die Frauen der clase media, die eher von der Gesellschaft akzeptiert wurden, waren die der Lehrerin, Telegraphistin, Krankenschwester, Angestellten in Handel und Wirtschaft usw. Dabei ist zu bedenken, daß man den Frauen immer Positionen zubilligte, die den status quo der Männer nicht gefährdeten, und daß die weiblichen Arbeiter bedeutend niedrigere Entlohnung als ihre männlichen Kollegen bekamen.[37]

Der Zugang der Frauen zu Berufen wie zum Beispiel Rechtsanwalt, Arzt, Richter, Politiker usw., die als Männerdomäne angesehen wurden, wurde extrem erschwert. Obwohl die krausistas 1868 das Recht der Frauen auf universitäre Ausbildung per Gesetz garantierten, gab es nur wenige von ihnen, die sich trauten, sich an der Universität einzuschreiben, da dies von öffentlichem Hohn und Spott begleitet wurde. Die wenigen, die eine akademische Ausbildung abgeschlossen hatten, durften in ihren jeweiligen Bereichen meistens nicht arbeiten. Daher ist es nicht erstaunlich, daß zum Beispiel die erste Professorin an einer spanischen Universität (im Fach Romanische Literaturen) erst Anfang des 20. Jahrhunderts (1916) berufen wurde. Es war Emilia Párdo Bazán, eine der leidenschaftlichsten Verfechterinnen der Frauenrechte im Spanien des 19. Jahrhunderts.[38]

Die bisher aufgeführten sozialen und politischen Voraussetzungen sollen bei der Analyse der Romane berücksichtigt werden.

3. La Gaviota (1849) von Fernán Caballero

3.1 Biographischer Hintergrund des Romans

Angesichts der großen Bedeutung des Lebens und des Weltbildes von Cecila Böhl de Faber für das Verständnis des Romans La Gaviota[39], der 1849 in der Zeitung "El Heraldo" als Fortsetzungsroman zum ersten Mal erschien, soll zuerst einmal ein kurzer Überblick über die Lebensumstände und der geistigen Entwicklung der Autorin gegeben werden, die meiner Ansicht nach einen Einfluß auf La Gaviota ausgeübt haben.

Cecilia Böhl de Faber kommt 1796 in der Familie des Deutschen Johann Böhl de Faber und der Spanierin irischer Herkunft Francisca Larrea auf die Welt. Daher fallen ihre prägenden Jugendjahre mit der aufkommenden deutschen Frühromantik zusammen, deren begeisterter Anhänger ihr Vater ist. Es ist auch der Vater, der einen enormen Einfluß auf die künftige Schriftstellerin ausübt. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, daß die Autorin einige Jahre ihrer Ausbildung bei ihrem Vater in Hamburg verbringt, während die Mutter in Spanien weilt. Sie hat sich ihr Leben lang mit ihm geistig verbunden gefühlt und viele seiner Grundüberzeugungen übernommen, auf denen ihr späteres Schaffen basiert. Die wichtigsten davon sind der christliche Glauben, der die Menschen auf ihr Ziel im Jenseits vorbereitet; die konservative Ablehnung der französischen Aufklärung, welche die Ursache für den aufkommenden Materialismus und die Fortschrittsbestrebungen ist, die auf die Veränderung der alten Ordnung abzielen, die scharfe Verteidigung der christlichen Tradition in Spanien sowie die von Thron und Altar gestützte hierarchische Ordnung vor Demokratie und Sozialismus; die Besinnung auf die den nationalen Charakter prägenden Sitten, Gebräuche und Überlieferungen des einfachen Volkes, das im Gegensatz zur Stadtbevölkerung noch nicht von der schädlichen Zivilisation "kontaminiert" wurde. Infolgedessen verfolgt die Autorin das Ziel, ein realistisches Bild der Spanier zu zeichnen und damit ihre gegenwärtige Kultur für die nachkommenden Generationen festzuhalten.[40]

Die oben skizzierten Anschauungen zeugen von einer streng katholisch-konservativen Grundhaltung von Cecilia Böhl de Faber.[41] Gänzlich davon beeinflußt ist auch ihre Vorstellung von der Frauenrolle in der spanischen Gesellschaft. Demnach gehört die Frau in die von der Tradition klar umrissenen Grenzen ihrer Funktion als Ehefrau und Mutter. Diese Überzeugung wird der Autorin selbst von ihrem Vater suggeriert: "La esfera intelectual no se ha hecho para las mujeres. Dios ha querido que el amor y el sentimiento sean su elemento."[42] Diesem Grundsatz bleibt Celica Böhl de Faber lange treu. Die Schriften, die sie verfaßt, dienen zunächst der Unterhaltung von Familie und Freunden. Deshalb ist sie sehr verärgert, als ihre Mutter 1835 die Erzählung La madre, o el combate de Trafalgar ohne das Einverständnis der Tochter an El Artista schickt.[43] Ein Zeugnis ihrer Ideologie bezüglich der Frau ist der Brief, den die Autorin nach dem Erscheinen ihrer Erzählung an die Herausgeber oben erwähnten Zeitschrift schreibt: "No sólo no he pensado jamás en escribir para el público, sino que es mi sistema, tanto en teoría como en práctica, que más adorna la débil mano de una señora la aguja que no la pluma."[44] Einige Jahre danach gibt sie erneut ihre Meinung kund, die der frauenfeindlichen christlichen Tradition verpflichtet ist: "La pluma, como la espada, se hizo para la fuerte mano del hombre."[45] Dennoch veröffentlicht Cecilia Böhl de Faber 1849, im Alter von 53 Jahren, La Gaviota und drei weitere Romane. Dies führt Kirkpatrick nicht nur auf die prekäre finanzielle Situation zurück[46], die sie zu diesem Schritt zwingt, sondern auch auf die gewachsene Toleranz gegenüber Frauenschriften, nachdem Autorinnen wie Carolina Coronado und Gertrudis Gómez de Avellaneda ihre Werke mit Erfolg publiziert hatten: "For Cecilia Boehl, recentley bankrupted by her third husbund and always timorous about public opinion, the demonstrated acceptability and economic benefits of women's writing swung the balance in her decision to publish the manuscripts that she had accumulated over the years."[47]

Mit der Erscheinung ihrer Romane verändert Cecilia Böhl de Faber keineswegs ihre Ansichten über die Frauenrolle in der Gesellschaft, was gewisse Widersprüche mit sich bringt. Die Autorin verbirgt ihre Identität hinter dem bezeichnenderweise männlichen Pseudonym Fernán Caballero[48], der den inneren Konflikt zwischen ihrer Berufung und den Gesetzen ihres Geschlechts unter Beweis stellt. Ihre traditionelle Sichtweise nimmt jedoch meistens überhand, deshalb schreibt sie verzweifelt nach der Enthüllung ihrer Identität durch Joaquín de Mora, den Freund und Herausgeber Fernán Caballeros, in einem Brief an Hartzenbusch:

No sabe Mora, el daño material y moral que me ha hecho! Las lágrimas que me hace derramar, y con qué ligereza ha turbado para siempre, mi único bien, mi paz interior y éxtasis - Oh!! Si yo hubiese podido preveer esto, yacerían en cenizas estas novelas![49]

Einige Jahre später äußert sie sich zu dieser Angelegenheit in einem Brief an Antoine de Latour, der ihre Werke mit seinem Artikel in der Pariser Zeitung Le Correspondant auch in Frankreich bekannt gemacht hatte, folgendermaßen: "Yo daría mi vida por haber podido lograr el que mis escritos y mi persona quedasen tan separados como la noche y el día."[50]

Somit ist deutlich geworden, daß die Prinzipien und die Taten von Fernán Caballero einen klaren Widerspruch aufweisen, auf der einen Seite vertritt sie kämpferisch die Grenzen der traditionellen Frauenrolle, auf der anderen Seite überschreitet sie selbst eben diese Grenzen, indem die Autorin als Frau den Weg geht, gegen den sie sich so entschieden auflehnt.[51]

Diesen Widerspruch entdeckt man auch in den Werken der Schriftstellerin, ins besondere im Roman La Gaviota, auf den im folgenden näher eingegangen werden soll.

3.2 Darstellung der Frau in La Gaviota

Ausgehend von den Ausführungen oben über das Weltbild Fernán Caballeros ist selbstverständlich zu erwarten, daß die Werke der Autorin ihre konservative Grundhaltung widerspiegeln. Diese Annahme bestätigt sich auch im Hinblick auf das Frauenbild, das Fernán Caballero in dem hier zu behandelnden Werk vermittelt, das La Gaviota heißt. Wenn auch von einer Frau geschrieben, ist es kein feministischer Roman. Im Gegenteil: die Autorin verteidigt energisch die traditionell katholisch-patriarchalische Gesellschaftsordnung, die der Frau eine nur begrenzte Anzahl von Möglichkeiten von ehrenhafter und geordneter Existenz anbietet, während die kleinste Durchbrechung der strikt umrissenen Verhaltensgrenzen sanktioniert wird. Somit handelt es sich hier um einen Radikalismus, dem jede Toleranz fremd ist und der aus der Perspektive der Extreme die Welt nur in Gut und Böse einteilt. Diese Tendenz zum Manichäismus ist auch bei Fernán Caballero zu beobachten. Das erklärte Ziel der Autorin, das sie mit dem Roman La Gaviota verfolgt, ist: "dar una idea exacta, verdadera y genuina de España, y especialmente del estado actual de la sociedad, del modo de opinar de sus habitantes, de su índole, aficiones y costumbres." (123) Fernán Caballero beansprucht für ihr Werk einen fast dokumentarischen Wert: "Para escribirla [la novela], no ha sido preciso más que recopilar y copiar." (ibid.) Trotzdem wird in La Gaviota deutlich, daß die beanspruchte wirklichkeitsgetreue Darstellung der spanischen Gesellschaft zu sehr durch den Blickwinkel der ideologischen Überzeugungen Fernán Caballeros verformt wird. Natürlich reflektiert jedes literarische Werk die Philosophie seines Verfassers, dennoch kann man Klibbe zustimmen, wenn er behauptet: "Fernan Caballero's defect in The Sea Gull is her undue emphasis upon her faith in the traditional values of Spain."[52]

Die Autorin präsentiert in dem Roman eine breite Palette von Frauenfiguren, wobei die meisten von ihnen eine untergeordnete Rolle spielen. In Übereinstimmung mit ihrer Ideologie zeichnet sie Fernán Caballero fast ausschließlich negativ oder positiv[53], obwohl sie im Vorwort zu La Gaviota andere Absichten ankündigt: "en vano se buscarán en estas paginas caracteres perfectos, ni malvados de primer orden, como los que se ven en los melodramas; porque el objeto de una novela de costumbres debe ser ilustrar la opinión sobre lo que se trata de pintar, por medio de la verdad; no extraviarla por medio de la exageración." (124)

Im Anschluß werden zunächst die Frauentypen analysiert, die durch ihre Idealisierung eine Vorstellung von der in den Augen der Autorin perfekten Frau liefern. Trotz der offenen Sympathien, die Fernán Caballero für die meisten dieser Frauenfiguren bekundet, füllen sie nur die "Nebenrollen" aus. Die Protagonistin María Santaló dagegen, die als negatives Beispiel einer Frauenfigur dient, steht im Mittel des Romans, deshalb wird sie in einem gesonderten Kapitel behandelt.

3.2.1 Die ideale Frau bei Fernán Caballero

Bei der Untersuchung der Vorstellung von der perfekten Frau werde ich mich auf die 3 Grundaspekte: Familie, Erziehung und Arbeit (vgl. 2) stützen, da sie die Grundlagen der Lebensverhältnisse einer Frau (wie auch eines Mannes) bilden.

In La Gaviota stellt die Autorin verschiedene Gesellschaftsklassen dar. Im ersten Teil des Romans (ausgenommen die Anfangskapitel) konzentriert sich die Handlung auf Villamar, einem kleinen Dorf an der andalusischen Atlantikküste, wo die Witwe tía María und ihre Familie lebt. Demnach sind hier die Vertreterinnen des einfachen Volkes Gegenstand der Handlung. Im zweiten Teil führt die Erzählerin den Leser in die vornehmen Kreise der feinen Gesellschaft ein, wo man in Sevilla die Bekanntschaft mit den Teilnehmern der tetulia der condesa de Algar und später in Madrid von der duquesa de Almansa macht.

Alle Frauen, dem pueblo oder den Oberschichten angehörend, erfüllen ihre einzige Bestimmung im Leben: Ehefrau und Mutter sein. Daß sie gute Ehegattinnen und Mütter sind, hebt Fernán Caballero immer wieder hervor. Tía Marías Schwiegertochter Dolores beispielsweise ist die vorbildlich gehorsame Ehefrau. Als die gutmütige Tante den kranken Stein bei sich zu Hause aufnimmt, wo alle drei Generationen unter einem Dach leben, fürchtet sich Dolores vor der Reaktion ihres Mannes, der seine Zustimmung dafür noch nicht gegeben hatte. Ihre Unschuld betont sie vor ihm mit den Worten: "Manuel, es un pobre enfermo. Tu madre ha querido recogerlo. Yo me opuse a ello, pero su merced quiso. ¿Qué había yo de hacer?" (164) Diese Äußerung zeugt von der großen Abhängigkeit, welche die Ehefrau an den Mann bindet. Für sie ist es praktisch unmöglich, eine Handlung ohne seine Erlaubnis zu unternehmen, denn sonst droht die Strafe. Dolores ist auch "ejemplo de la buena, joven, virtuosa y hacendosa madre."[54] Fernán Caballero entwirft das idyllische Bild der Mutter umgeben von ihren Kindern:

Dolores, sentada en una silla baja, remendaba una camisa de su marido. Sus dos niñas, Pepa y Paca, jugaban cerca de la madre. Eran dos lindas criaturas, de seis y ocho años de edad. El niño de pecho, encanastado en su andador, era el objeto de la diversión de otro chico de cinco años, hermano suyo, que se entretenía en enseñarle gracias que son muy a propósito para desarrollar la inteligencia, tan precoz en aquel país. (196)

Durante toda esta escena, Dolores había dado de mamar al niño y procuraba dormirle, meciéndole en sus brazos y cantándole. (202f.)

A la izquierda de la chimenea, Dolores, sentada en una silla baja, sostenía en el brazo al niño depecho, el cual, vuelto de espaldas a su madre, se apoyaba en el brazo que le rodeaba y sostenía, como en el barandal de un balcón, moviendo sin cesar sus piernecitas y sus bracitos desnudos, con risas y chillidos de alegría, dirigidos a su hermano Anís [...] . (218)

Ochoa charakterisiert ganz im Sinne der Ideologie Dolores treffend:

La buena Dolores, tipo de mujer del pueblo, sumisa, laboriosa, atenta al bienestar común, es como el alma de aquellas reuniones, en las que, sin embargo, rara vez se oye su voz, ni interviene su voluntad; pero está en todo; es el centro de aquella reducida esfera, el lazo que une a todas aquellas almas; es la esposa y la madre, la buena esposa y la buena madre, luz y calor del hogar doméstico.[55]

Die "linda y elegante" (296) condesa de Algar ist ebenso eine mustergültige Ehegattin. Sie bekommt zwar mehr Freiheiten von ihrem Mann (sie darf sich zum Beispiel in der Gesellschaft frei bewegen): "pero, gracias a su excelente carácter, no abusaba de los privilegios de tal." (ibid.) Ihre opferbereite Natur stellt die junge Frau unter Beweis, als ihr Kind schwer krank wird. Die vorbildliche Mutter verzichtet auf alle Vergnügungen und pflegt selbstlos ihren leidenden Sohn:

Desde los primeros síntomas había olvidado esta todo cuanto la rodeaba: su tertulia, sus prendidos, sus diversiones, a Marisalada y sus amigos, y, antes que a todo, al elegante y joven coronel de que hemos hablado. Nada existía en el mundo para esta madre, sino su hijo, a cuya cabecera había pasado quince días sin comer, sin dormir, llorando y rezando. (334)

In der Beschreibung der Ehefrau des duque de Almansa Leonor erreicht Fernán Caballero den Höhepunkt in der Idealisierung einer Frauenfigur im Roman. Während die condesa de Algar sozialen Umgang pflegt - er beschränkt sich zwar hauptsächlich auf die von ihr veranstalteten tertulias, gibt ihr jedoch die Möglichkeit, den Kontakt zu der Gesellschaft nicht vollkommen zu verlieren - lebt die duquesa de Almansa gänzlich von der Öffentlichkeit abgeschieden: "su reserva y austeridad la alejaban de las diversiones y ruidos del mundo, a los cuales, por otra parte, no tenía la menor inclinación." (394) Leonor ist im Gegensatz zu der Protagonistin die vollkommene Ehefrau: sie schenkt ihrem Mann die gebührende Zuneigung und gebärt ihm früh ein Kind: "Leonor y Carlos se habían querido casi desde su infancia con aquel afecto verdaderamente español, profundo y constante que ni se cansa ni se enfría. Se habían casado muy jóvenes. A los dieciocho años, Leonor dio una niña a su marido, el cual tenía ventidós a la sazón." (ibid.) Die ihrem Leben sinngebenden Bereiche sind, wie es sich für die tadellose Ehefrau gehört, die Kirche und die Familie. Sie ist wie ihre ganze Familie "sumamente devota" (ibid.) Die Autorin schreibt ihr alle erdenklichen Tugenden zu, Leonor ist "hija afectuosa y sumisa, amiga generosa y segura, madre tierna y abnegada, esposa exclusivamente consagrada a su marido" (395). Somit wird die duquesa de Almansa zur Verkörperung der von der perfekten Frau zu erwartenden Unterwerfung und Opferbereitschaft stilisiert. Darin findet sie auch ihre Selbstverwirklichung. Sie verabscheut den Ehebruch und die Emanzipation:

No había aprendido ni en los libros ni en el teatro, el gran interés que se ha dado al adulterio, que por consiguiente no era a sus ojos sino una abominación, como lo era el asesinato. Jamás habría llegado a creer, si se lo hubiesen dicho, que estaba levantado en el mundo un estandarte, bajo el cual se proclamaba la emancipación de la mujer. Más es; aun creyéndolo, jamás lo hubiera comprendido; como no lo comprenden muchos, que ni viven tan retiradas, ni son tan estrictas como lo era la duquesa. Si se le hubiera dicho que había apologistas del divorcio, y hasta detractores de la santa institución del matrimonio, habría creído estar soñando, o que se acercaba el fin del mundo. (394f.)

Als Leonor die Vernachlässigung durch ihren Ehemann bemerkt, die auf seine Begeisterung für Marisalada zurückzuführen ist, schweigt sie, obwohl sie darunter leidet: "Sin embargo, el duque, hasta entonces tan afectuoso, la descuidaba cada día más. La duquesa lloraba, pero callaba." (395) Das Wichtigste für die duquesa de Almansa bleibt die Aufrechterhaltung der Fassade. Von der Zuneigung ihres Ehemannes zu María überzeugt, leugnet Leonor die Affäre vor der Tante: "Lo que no consentiré jamás - dijo la duquesa - es que la calumnia venga a hostilizar a mi marido, aquí, en su misma casa y a los oídos de su mujer." (434)

Fernán Caballero entschädigt die perfekte Ehefrau für ihre Leiden am Ende von La Gaviota, indem der duque de Almansa zu seiner Frau zurückkommt, nachdem er von dem schändlichen Verhalten seiner Angebeteten erfahren hat. Auf sein Schuldbekenntnis antwortet Leonor: "No me hables nunca de tus faltas y yo no te hablaré nunca de mis penas." (ibid.). Dadurch kommt "das Verständnis vom natürlichen Wesen der Frau als der passiv Leidenden"[56] zum Ausdruck. Der Eindruck vollkommener Idylle wird zum Schluß durch die Rückkehr der Familie nach Andalucía, weit weg von der "verdorbenen" Hauptstadt, suggeriert, wo sie glücklich "como los ángeles en el cielo" (435) sein werden.

Auf eine andere idealisierte Frauenfigur treffen wir bei der "tief religiösen, doch lebenstüchtigen"[57] tía María. In der nach streng patriarchalischen Regeln geordneten Familie der tía María nimmt sie den höchsten Rang ein, da ihr Mann nicht mehr lebt. Aus Mangel an männlichen Vertretern, welche die Familie sozusagen regieren, übernimmt tía María die Funktion des Familienoberhauptes, wobei sie nicht nur in die Angelegenheiten ihrer eigenen Familie, sondern auch in die der ganzen Nachbarschaft eingreift. Deshalb sieht Klebbe in ihr die Verkörperung der Spanischen Mutter.[58] Würde man die duquesa de Almansa als die Inkarnation der Überfrau verstehen, so entspräche tía María dem Inbegriff der Übermutter.

[...]


[1] Kreis, Karl-Wilhelm: Zur Entwicklung der Frau in Spanien vom Beginn der "liberalen Ära" der bürgerlichen Gesellschaft an bis hin zur Zweiten Republik. In: Heymann, Jochen / Mullor-Heymann, Montserrat: Frauenbilder - Männerwelten. Berlin: Tranvía, 1999, S. 45.

[2] Ibid.

[3] Ibid., S. 46.

[4] Vgl. ibid.

[5] Ibid., S. 47.

[6] Ibid.

[7] Hierfür wird die Rechtsprechung laut dem Código Civil zitiert, die noch weit ins 20. Jahrhundert (bis zur Zweiten Republik) gültig blieb (vgl. Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 48).

[8] Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 48f.

[9] Scanlon, Geraldine M.: La polémica feminista en la España contemporánea (1868-1974). Madrid: Akal, 1986, S. 126.

[10] Ibid., S. 127.

[11] Ibid., S. 130.

[12] Ibid., S. 133.

[13] Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 49.

[14] Vgl. Scanlon, Geraldine M., S. 131f.

[15] Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 50.

[16] Zitiert nach Pardo Bazán, Emilia: La mujer española y otros escritos. Madrid: Cátedra, 1999, S. 203.

[17] Pardo Bazán, Emilia, a.a.O. S. 153, vgl. Näheres dazu unter 5.1

[18] In diesem Fall spielt die Autorin mit der Doppeldeutigkeit des spanischen Wortes "hombre", das "Mensch" und "Mann" bedeutet.

[19] Vgl. Kreis, Karl-Wilhelm, S. 46.

[20] Scanlon, Geraldine M., a.a.O. S. 15.

[21] López-Cordón Cortezo, María Victoria: La situación de la mujeres a finales del Antiguo Régimen (17601860). In: Capel Martínez, Rosa María (Coord.): Mujer y Sociedad en Epsaña, 1700-1975. Madrid: Instituto de la Mujer, 1986, S. 101.

[22] Scanlon zitiert einen Text aus dem Jahre 1852, in dem das Schreiben für die Mädchen als unnötig gesehen wird: "por serler más perjudical que útil." Vgl. Scanlon, Geraldine M., a.a.O. S. 15.

[23] Erst 1847 wurde per Gesetz verfügt, daß jeder Ort mit mehr als 500 Einwohnern eine Mädchenschule errichten muß, und einige Jahre später, 1857, wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Vgl. Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 51f.

[24] Im Vergleich dazu beträgt die Analphabetenrate bei den Männern 61,9%, d.h. nur eine von zehn Frauen konnten lesen und schreiben, bei den Männern waren es immerhin vier von zehn. Vgl. López-Cordon Cortezo, María Victoria, a.a.O. S. 102.

[25] Vgl. Scanlon, Gerladine M., a.a.O. S. 34f.

[26] Vgl. ibid., S. 31f.

[27] Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 55.

[28] Scanlon, Geraldine M., a.a.O. S. 50.

[29] Ibid., S. 58.

[30] Ibid.

[31] Ibid., S. 59.

[32] Eine kuriose Tatsache in Spanien nicht nur des 19. Jahrhunderts ist, daß viele der spanischen Frauen (selbst gebildete Literatinnen wie Cecilia Böhl de Faber, vgl. 3) aufs Heftigste die traditionelle Frauenrolle verteidigen. Wie Scanlon feststellt: "Los años de sometimiento había creado una mentalidad de esclavitud que hacía a las mujeres incapaces de reconocer su degradación. Por otra parte, la esclavitud se hallaba atractivamente disfrazada; la captura de un marido rico suponía una vida de lujos y de holganza, mientras que la emancipación ofrecía pocos atractivos para las que estaban condicionadas a la dependencia. Después de todo, era más fácil dejar la lucha o la existencia en manos de los hombres y retirarse al confortable refugio protector del hogar." Scanlon, Gerladine M., a.a.O. S. 60. Diese Beobachtung kann sich natürlich nur auf die gutsituierte Mittel- und auf die Oberschicht beziehen, da die unteren Klassen verständlicherweise keinen Zugang zu "lujos" und "holganza" hatten.

[33] Ibid., S. 64.

[34] Kreis, Karl-Wilhelm, a.a.O. S. 60.

[35] Vgl. ibid., S. 62f.

[36] Scanlon, Geraldine M., a.a.O. S. 61.

[37] Vgl. Kreis, Karl-Wilhlem, a.a.O. S. 62.

[38] Vgl. ibid., S. 65ff.

[39] Für die Zitate wird die Cátedra-Ausgabe des Herausgebers Demetrio Estébanez verwendet: Caballero, Fernán: La Gaviota. Madrid: Cátedra, 1998. Die Seitenzahlen werden hinter dem Zitat in Klammern angegeben.

[40] Vgl. Tietz, Manfred: Fernán Caballero La Gaviota. In: Roloff, Volker / Wentzlaff-Eggebert, Harald: Der spanische Roman vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart u.a.: Metzler, 1995, S. 218f.

[41] Der katholische Glaube wird der jungen Cecilia Böhl de Faber hauptsächlich von den spanischen und irischen Verwandten indoktriniert, wobei man da besonders auf den Einfluß der irischen Großmutter mütterlicherseits verwiesen wird. Vgl. Langa Laorga, María Alicia: Fernán Caballero: El reflejo de una época. In: Cuadernos de Historia Moderna y Contemporánea, Vii, 1986, S. 142. Aber auch der Vater dient in dieser Hinsicht als Vorbild, weil er aus Überzeugung 1813 zum Katholizismus konvertiert. Vgl. die Einleitung von Demetrio Estébanez in Fernán Caballero, a.a.O. S. 23.

[42] Herrero, Javier: Fernán Caballero: Un nuevo planteamiento. Madrid: Gredos, 1963, S. 39.

[43] Vgl. Estébanez, Demetrio, a.a.O. S. 37f.

[44] Zitiert nach Kirkpatrick, Susan: Las románticas. Berkeley u.a.: University of California Press, 1989, S. 245.

[45] Zitiert nach Montesinos, José F.: Fernán Caballero: Ensayo de justificación. Berkeley: University of California Press, 1961, S. 109.

[46] Nachdem Cecilia Böhl de Faber eine glückliche und finanziell gesicherte zweite Ehe mit dem marqués de Arco Hermoso geführt hatte, kommen nach seinem Tod und nach ihrer erneuten Heirat (mit dem viel jüngeren Antonio Arrom de Ayala) schwere Zeiten auf sie zu, denn ihr Ehemann ruiniert sie. Als Konsequenz seines Mißgeschicks nimmt er sich 1859 das Leben. Vgl. dazu Demetrio Estébanez, a.a.O. S. 32ff.

[47] Kirkpatrick, Susan, a.a.O.

[48] Weiterhin soll das Pseudonym der Autorin beim Verweis auf La Gaviota verwendet werden, da der Roman unter diesem Autornamen erschien und die ideologische Haltung von Cecilia Böhl de Faber gegenüber ihrem Werk zeigt.

[49] Zitiert nach Kirkpatrick, Susan: On the Threshold of the Realist Novel: Gender and Genre in La gaviota. In: PMLA, 3, 1983, S. 324.

[50] Zitiert nach Montesinos, José F., a.a.O. S. 111.

[51] Noch eine bedeutende Ungereimtheit springt ins Auge: Obwohl Fernán Caballero immer als eine große Verfechterin der spanischen Tradition und als große Patriotin aufgetreten war, die ihn ihren Romanen das "richtige" Spanien darstellen wollte, war sie sich ihrer Spanischsprachkenntnisse nicht sicher und verfaßte La Gaviota auf französisch. Der Roman wurde von ihrem Verleger Joaquín de Mora übersetzt. Vgl. Davies, Catherine: Spanish Women's Writing, 1849-1996. London u. a.: Athlone, 1998, S. 41 und 44.

[52] Klibbe, Lawrence H.: Fernán Caballero. New York: Twayne, 1973, S. 79.

[53] Auch Pedraza Jimenéz und Rodríguez Cáseres betonen diesen Umstand: "Los personajes no están vistos en la profundidad; su caracterización es superficial y maniqueísta. En aras de la lección moral se nos ofrecen criaturas enteramente virtuosas o afeadas con todos los vicios." Vgl. Pedraza Jiménez, Felipe B./Rodríguez Cáseres, Milagros: Manual de la literatura española. Bd. VI Época Romántica. Tafalla: Cénlit, 1982, S. 287.

[54] Quiles Faz, Amparo: Pintar el pueblo: Nacionalismo y personajes femeninos en la obra de Fernán Caballero. In: Donaire, 15, 2000, S. 50.

[55] Ochoa, Eugenio, a.a.O. S. 140.

[56] Tietz, Manfred, a.a.O. S. 229.

[57] Vgl. ibid., S. 222.

[58] Vgl. Klibbe, Laurence H., a.a.O. S. 73.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Frauenbildes in Spanien des 19. Jahrhunderts
Untertitel
Anhand der Romane La Gaviota von Fernán Caballero, Tristana von Benito Pérez Galdós und Memorias de un solterón von Emilia Pardo Bazán
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
85
Katalognummer
V32137
ISBN (eBook)
9783638329347
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Frauenbildes, Spanien, Jahrhunderts, Romane, Gaviota, Fernán, Caballero, Tristana, Benito, Pérez, Galdós, Memorias, Emilia, Pardo, Bazán
Arbeit zitieren
Ilina Bach (Autor), 2003, Die Entwicklung des Frauenbildes in Spanien des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32137

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