Angesichts der aktuellen Debatte um Inklusion soll in dieser Arbeit eine gezielte Betrachtung der Anforderungen an die Institution Schule im Hinblick auf die soziale und emotionale Förderung von Schülerinnen und Schülern vorgenommen werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche konkreten Ansprüche Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen aufgrund ihrer Lebenssituationen haben und welche Bedingungen sich daraus ergeben, die in einer Schule geschaffen werden müssen, um den Ansprüchen gerecht zu werden und ihnen eine angemessene schulische Umgebung zu bieten. Die Betrachtungen zu diesem Thema beziehen sich auf die inklusive Entwicklung in Deutschland und im Speziellen auf die Entwicklung in Sachsen-Anhalt.
Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich auf den Begriff und das Konzept Inklusion genauer eingehen. Rechtliche Grundlagen dieses Konzepts sowie die verschiedenen Formen schulischer Inklusion werden diskutiert. Abschließend erfolgt eine genaue Betrachtung des Standes der inklusiven Entwicklung in Sachsen-Anhalt. Im zweiten Teil der Arbeit werden die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen genau analysiert und dargestellt. Auf Grundlage der vorangegangenen Erkenntnisse und Betrachtungen wird im dritten Abschnitt dieser Arbeit ein eigenes Konzept für eine inklusive Schule entwickelt. Dieses Konzept orientiert sich vor allem an den besonderen Bedarfslagen der Kinder und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen und soll die Frage klären, welche speziellen Bedingungen in einer inklusiven Schule für diese Schülerinnen und Schüler geschaffen werden müssen um ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Da dieses entwickelte Konzept in der Realität aber nicht nachprüfbar ist und sich lediglich am Idealzustand orientiert, wird das Schulkonzept und damit verbunden der Landesschulversuch der IGS-Halle/Saale im vierten Teil der Arbeit untersucht. Die Ergebnisse dieses Landesschulversuchs sollen genutzt werden um das eigene erarbeitete Schulkonzept mit Praxiserfahrungen zu überarbeiten. Abschließend folgt eine Diskussion der wesentlichen Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Partizipation in der Schule
2.1 Zur Definition des Behinderungsbegriffs
2.2 Der Weg zum gemeinsamen Lernen
2.3 Integration versus Inklusion
2.4 Konzepte zum Umgang mit Vielfalt in der Schule
3. Stand der inklusiven Entwicklung im Land Sachsen Anhalt
4. Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen
4.1 Ausgangslage
4.1.1 Persönliche Dimension
4.1.2 Dimension des sozialen Umfelds
4.1.3 Gesellschaftliche Dimension
4.2 Begriffsklärung
4.3 Ursachen von Gefühls- und Verhaltensstörungen
4.4 Die Schule für Erziehungshilfe
4.4.1 Zielgruppe der Schule für Erziehungshilfe
4.4.2 Ziele und Aufgaben der Schule für Erziehungshilfe
4.5 Sonderpädagogischer Förderbedarf beim Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung
4.5.1 Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs
4.5.2 Formen sonderpädagogischer Förderung
5. Entwicklung eines Konzepts einer inklusiven Schule mit besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen
5.1 Die Schule für Alle
5.1.1 Raum und Zeit
5.1.2 Beziehung
5.1.3 Schulleben
5.1.4 Profession
5.1.5 Ernährung
5.1.6 Gestaltung des Unterrichts
5.1.7 Benotung
5.1.8 Außerschulische Angebote
5.1.9 Kooperation
5.1.10 Neue Aufgabe der Diagnostik
5.2 Zusammenfassung
6. Schulentwicklung in der Praxis am Beispiel des Schulversuchs der Integrativen Gesamtschule Halle/Saale
6.1 Die Ausgangslage integrativer Entwicklungen
6.2 Rahmenbedingungen des Landesschulversuchs
6.3 Die Schulentwicklung während des Landesschulversuchs
6.3.1 Verlauf des Schulversuchs
6.3.2 Wissenschaftliche Begleitung
6.3.3 Ergebnisse des Schulversuchs aus Sicht der Schüler, Lehrer und Eltern
6.4 Fazit des Schulversuchs
7. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Anforderungen an inklusive Schulen im Hinblick auf die soziale und emotionale Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen. Ziel ist es, auf Basis einer Analyse der Lebenslagen und einer theoretischen Fundierung ein schulisches Konzept zu entwerfen, das diesen besonderen Bedürfnissen in einer inklusiven Umgebung gerecht wird, und dieses durch Praxiserfahrungen eines Schulversuchs kritisch zu reflektieren.
- Inklusive Bildung und Schulentwicklung in Sachsen-Anhalt
- Ursachen und Auswirkungen von Gefühls- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen
- Analyse und Entwurf eines Konzepts für eine "Schule für Alle"
- Evaluation von Integrationsprozessen in der schulischen Praxis
Auszug aus dem Buch
4.1 Ausgangslage
Wir leben in einer komplexen, hochtechnisierten Gesellschaft. Die Industrialisierung und Urbanisierung hat das menschliche Leben stark verändert. Menschen leben gemeinsam in riesigen Großstädten, sind in durch moderne Medien in Sekunden miteinander im Gespräch, haben in wenigen Stunden einen halben Kontinent bereist um sich anschließend zwischen hunderten von Produkten im Supermarkt zu entscheiden. Künstliche, mediale Welten ersetzen reale Erfahrungsräume. Das Wissen der Gesellschaft wächst und damit auch die Komplexität der Lebensformen. „Subjektiv ist die Welt unüberschaubarer, unsicherer und gefährlicher, die Zukunft unklarer, Beziehungen komplexer und fragiler, Werte und Normen sind unverbindlicher geworden“ (Wieland 2011, S.30)
Sich in diese Strukturen einzufinden stellt für die Entwicklung eines Menschen eine große Herausforderung dar. Die Veränderung der Lebensformen führt dementsprechend auch zu einer Veränderung von Familie und Kindheit (vgl. Guth/Schulte 2009), denn jedes Individuum steht in einer Wechselwirkung zwischen sich und seiner Persönlichkeitsentwicklung, sowie seinem sozialen Umfeld und der Gesellschaft. In diesem Kontext findet kindliche Entwicklung statt. Unser soziales Verhalten, Handeln und Erleben ist daher ein Produkt von Entwicklungsprozessen, welches durch unsere Erfahrungs- und Lebenswelt beeinflusst werden kann. Das soziale Verhalten und Erleben ist damit auch ein veränderbares Konstrukt.
Betrachtet man diese Grundlage von sozialem Verhalten, Handeln und Erleben ergeben so ist es das Produkt von drei verschiedenen Dimensionen: der persönlichen Dimension, der Dimension des sozialen Umfelds und der gesellschaftlichen Dimension. In Wechselbeziehung dieser Dimensionen möchte ich im Folgenden auf Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen eingehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den Wandlungsprozess des deutschen Schulsystems hin zur Inklusion unter besonderer Berücksichtigung der wachsenden Zahl an Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich soziale und emotionale Entwicklung.
2. Partizipation in der Schule: Es werden der Behinderungsbegriff, der geschichtliche Weg zum gemeinsamen Lernen sowie der Unterschied zwischen Integration und Inklusion erörtert.
3. Stand der inklusiven Entwicklung im Land Sachsen Anhalt: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Erfahrungen aus dem Modellversuch „Grundschulen mit Integrationsklassen“ in Sachsen-Anhalt.
4. Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen: Hier werden die Lebenslagen und Ursachen von Gefühls- und Verhaltensstörungen analysiert, die Schule für Erziehungshilfe porträtiert und die Feststellung von Förderbedarf sowie Förderformen diskutiert.
5. Entwicklung eines Konzepts einer inklusiven Schule mit besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen: Es wird ein eigenes, ideales Schulkonzept („Schule für Alle“) mit Aspekten wie Raumgestaltung, Beziehungskultur, professionellem Teamansatz und Unterrichtsgestaltung entworfen.
6. Schulentwicklung in der Praxis am Beispiel des Schulversuchs der Integrativen Gesamtschule Halle/Saale: Die Arbeit prüft ein reales Beispiel für integrativen Unterricht und zieht Schlussfolgerungen aus dessen Erfolg und den dabei aufgetretenen Barrieren.
7. Diskussion: Abschließend werden die Grenzen der Integration in der Realität reflektiert und der notwendige Paradigmenwechsel im aktuellen Schulsystem resümiert.
Schlüsselwörter
Inklusion, Integration, Sonderpädagogik, Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Gefühls- und Verhaltensstörungen, Schule für Alle, Schulentwicklung, Förderbedarf, Regelschule, Lernumgebung, individuelle Förderung, Modellversuch, Sachsen-Anhalt, Diagnostik, Pädagogenteam.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Inklusion in der schulischen Praxis konkret gestaltet werden kann, um Kindern und Jugendlichen mit Gefühls- und Verhaltensstörungen gerecht zu werden und ihre soziale und emotionale Entwicklung optimal zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Abgrenzung von Integration und Inklusion, die Analyse der Lebenswelten von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten, die Rolle der Sonderpädagogik sowie die praktische Umsetzung inklusiver Schulmodelle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Entwicklung eines Konzepts für eine "Schule für Alle", das spezifisch die Bedürfnisse von Kindern mit Gefühls- und Verhaltensstörungen integriert, sowie der Vergleich dieses Modells mit realen Erfahrungen aus Schulentwicklungsprojekten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Literaturanalyse zum Inklusionsdiskurs und den Ursachen von Verhaltensstörungen sowie der Auswertung von Fallbeispielen und Evaluationsberichten, insbesondere des Landesschulversuchs der IGS Halle/Saale.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Auseinandersetzung mit Inklusionskonzepten, die Analyse der Lebenslagen betroffener Kinder, die Darstellung spezialisierter Förderangebote und die Entwicklung eines eigenen Entwurfs für eine inklusive "Schule für Alle".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Inklusion, Sonderpädagogik, emotionale und soziale Entwicklung, Verhaltensstörungen, Schulentwicklung und individuelle Förderung geprägt.
Warum ist das ökologische Modell für das Konzept der "Schule für Alle" so wichtig?
Das ökologische Modell betrachtet Störungen als Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Systeme (Umwelt, Familie, Schule). Es begründet den Auftrag, nicht das Kind zu therapieren, sondern die Strukturen der Schule so anzupassen, dass sie eine förderliche Umgebung für das Kind bieten.
Welche Bedeutung kommt der Teamarbeit in dem vorgestellten Konzept zu?
Die Arbeit betont, dass die vielfältigen Aufgaben einer inklusiven Schule nicht von Einzelkämpfern bewältigt werden können. Ein multiprofessionelles Team, bestehend aus Regelschullehrern, Sonderpädagogen und weiteren Fachkräften, ist essenziell, um eine individuelle Unterstützung aller Kinder zu gewährleisten.
- Arbeit zitieren
- Maria Schmidt (Autor:in), 2013, Ausgewählte Konzepte von Inklusion in der schulischen Praxis. Wie können Kinder und Jugendliche mit Gefühls- und Verhaltensstörungen bestmöglich gefördert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321429