Die Gefährdung des Ganzen. Dekonstruktivistische Architektur von Frank O. Gehrys "Haus des Architekten"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016
28 Seiten
Martin Großhold (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dekonstruktivistische Architektur
2.1 De-konstruktion – Der philosophische Ursprung
2.2 Eine Architektur der Uneinheitlichkeit

3. Frank O. Gehry: „Das Haus des Architekten“ (1977/78, 1991)

4. Derridas Nullpunkt der Verrücktheit – dekonstruktvistisches Bauen als Kritik und Negation traditioneller abendländischer Architektur

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In keinem anderen Bereich scheint sich die Postmoderne-Diskussion stärker abzubilden und intensiver zu thematisieren als in der Architektur der Dekonstruktion. Zahlreiche renommierte Architekten werden zu dieser Bewegung gezählt, die wichtigsten Theoretiker beschäftigen sich ausgiebig mit den Phänomenen einer Architektur, die in der späten zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Die folgende Arbeit soll einen Einblick in diesen Diskurs geben. Was sind die charakteristischen Züge einer solchen dekonstruktivistischen Architektur, wo liegen ihre Wurzeln und wie realisiert sie sich tatsächlich an einem konkreten Bauwerk? Ausgehend von den philosophischen Ursprüngen des Begriffs der Dekonstruktion und einer allgemeinen Wesensbestimmung der Architekturströmung soll im zweiten Teil das „Haus des Architekten“ von Frank O. Gehry ausführlich vorgestellt werden. Das Haus gilt als erster konsequent dekonstruktivistischer Bau und Paradebeispiel für Gehrys Architekturverständnis. Im dritten Teil soll dann, ausgehend von Jaques Derridas Aufsatz „Am Nullpunkt der Verrücktheit – Jetzt die Architektur“ die Verbindung von Philosophie und baulicher Praxis vollzogen und so die Lesart einer Architektur der Dekonstruktion als Kritik an der traditionellen abendländischen Architektur und der Metaphysik der Moderne erläutert werden.

2. Dekonstruktivistische Architektur

2.1 De-konstruktion – Der philosophische Ursprung

Den Begriff der Dekonstruktion im Rahmen eines Architektur-Diskurses zu verwenden, erscheint zunächst paradox. Der Bau von Gebäuden erfordert immer Konstruktion, es muss ausgemessen, berechnet und entworfen werden. Ganz offensichtlich wird hier etwas zur Entstehung gebracht - die Vereinigung von Architektur und Dekonstruktion darf folglich nicht in einem ganz engen Sinne verstanden werden. Vielmehr macht es Sinn, das Wort aufzuteilen und so den doppelten Boden der verwendeten Begrifflichkeit aufzuzeigen: De-konstruktion in der Architektur hat ganz grundsätzlich und entstehungstechnisch gesehen natürlich auch mit Konstruktion zu tun[1].

Seine Ursprünge hat die Dekonstruktion in der Philosphie Jaques Derridas[2]. Beeinflusst von strukturalistischen Strömungen und dem Werk Martin Heideggers führt dieser den Begriff als philosophischen Topos ein, der sich dann im weiteren Verlauf und nicht immer im Sinne Derridas zu einem hauptsächlich literaturwissenschaftlich gelesenen Ansatz entwickelt. Der Begriff verbindet die schon bei Heidegger auftauchenden Termini Konstruktion und Destruktion. Diese Aufschlüsselung veranschaulicht noch einmal ganz deutlich, was Dekonstruktion nicht ist. Sie „meint eben nicht die auflösende Verneinung von Konstruktion, […] sondern ein Zusammendenken und Zusammenführen von Kon-struktion und De-struktion in einen Zusammenhang.“[3] Die Anhänger der Dekonstruktion sprechen von ihr als einer Praxis oder Haltung. Das Wort Methode soll vermieden werden, da ein Kernpunkt von Derridas Theorien ist, gerade eine solche Methodik nicht zu akzeptieren. Jaques Derrida steht für eine Überwindung traditioneller Philosophie und die Suche nach völlig neuen Denk- und Darstellungsformen. Er wendet sich ganz allgemein gegen eine auf Oppositionen und dialektischen Systemen beruhende Totalisierung in den verschiedensten Disziplinen. Er kritisiert die Entwürfe und Theorien einer traditionellen Metaphysik, die aus einer für gegeben hingenommen Subjektzentriertheit die Welt einteilt und ordnet. „Es ist Derridas Ziel, mit Dekonstruktionen eine Möglichkeit zu finden, den totalisierenden Reduktionismus, der im Begriff der Methode steckt, zu vermeiden [...].“[4] Dabei liegt sein Augenmerk nicht auf einer Zerstörung (Destruktion) der für ihn nicht haltbaren Umstände, vielmehr geht es ihm um eine Analyse und Überwindung der Geltungs- und Konstitutionsbedingungen des Kritisierten. Derrida erweitert hierfür den traditionellen Textbegriff:

„Das, was ich also Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. [...] Ich habe geglaubt, daß es notwendig wäre, diese Erweiterung, diese strategische Verallgemeinerung des Begirffs des Textes durchzuführen, um der Dekosntruktion ihre Möglichkeit zu geben, der Text beschränkt sich folglich nicht auf das Geschriebene, auf das, was man Schrift nennt im Gegensatz zur Rede. Die Rede ist ein Text, die Geste ist ein Text, die Realität ist ein Text in diesem neuen Sinne.“[5]

Auch beim Zeichenbegriff nimmt Derrida Modifikationen vor: Er löst das traditionelle Verhältnis von Signifikat (Vorstellungsbild) und Signifikant (Laut-/Schriftbild) auf. Für ihn gibt es dieses hierarchische Verhältnis nicht, ein Signifikat befindet sich „immer schon in der Position des Signifikanten“[6]. Ein Text besteht demnach aus Signifikanten von Signifikanten, aus Zeichen von anderen Zeichen. Derrida verneint die Hierarchisierung von Sprache und Schrift und entlarvt einen durch ein Signifikat nachträglich zugeschriebenen Sinn als bloßen Effekt. Er ereicht dadurch ein völlig neues Textverständnis, der sich gegen den vorherrschenden, von Derrida so bezeichneten Logozentrismus wendet und den Akt der Dekonstruktion von vornherein mit einschließt.

Eine zentrale Variable dieser Dekonstruktion ist die différance[7]. Das Wort ist eine Neuschöpfung Derridas, das mit dem in der gesprochenen Sprache nicht hörbaren Austausch der Buchstaben a und e spielt[8]. Derrida radikalisiert wie bereits oben deutlich wird Saussures Theorie von der Bedeutung des Zeichens, welche erst durch die Unterscheidung zu anderen Zeichen entsteht. Das Gemeinte ist so immer abwesend und entsteht erst durch die Unterscheidung eines ‚Anderen’. Das ‚Nicht-Gesagte’ wird zentral, das Mitdenken von weiteren Möglichkeiten entscheidend. Dekonstruktion wird so zu einem Gegenmodell der Hermeneutik und wendet sich gegen die Frage nach dem einen ‚richtigen’ Sinn.

„In dieser auch polemischen Ausrichtung kann die Dekonstruktion leicht als ein Verfahren der Entlarvung erscheinen: Texte werden so gelesen, daß es nicht nur keine ‘reine’ Bedeutung unabhängig vom sprachlichtextuellen Ausdruck gibt, sondern auch der gewohnte Zusammenhang zwischen Autor und Text, d.h. die Intention aufgegeben werden muß. Ziel ist eine Schicht des Textes, von der der Autor nichts weiß oder die er zumindest nicht beherrscht und die den Zusammenhang des Texts und damit eine Auffassung in Frage stellt, für die ein Text nur eine ‘transparente Folie’ über Bedeutung und Sinn ist.“[9]

Der Text soll so aus sich selbst heraus verstanden werden. Dabei muss allerdings klar werden, dass man immer mit Lesarten arbeitet und so Vorraussetzungen konstituiert, die Mitmöglichkeiten ausblenden. Diese sind aber nach wie vor maßgeblich an der Konstruktion und gleichzeitig der ‚Zerstreuung’ eines Textes beteiligt. „Der Text wird zu einer Struktur ohne sinngebendes Zentrum, in der konträr zu einem Textverständnis, das von der Autorität des Autors oder vom Gedanken einer organischen Einheit her gedacht wird, alle Beziehungen, und zwar ohne jede Hierarchie, möglich sind.“[10] Als Konsequenz dieser Annahmen entsteht eine scheinbar paradoxe, aber im Sinne Derridas logische und an seinen Texten immer wieder vorgeführte Situation: Die Vorraussetzungen für Dekonstruktion können selbst wieder dekonstruiert werden. Peter Engelmann findet hierfür eine sehr passende Metapher: „Man könnte vielleicht […] von einer Leiter sprechen, die zurückgestoßen wird, wenn man auf ihr hochgestiegen ist.“[11]

Es ist unmöglich, eine allgemeingültige Charakterisierung von Dekonstruktion abzugeben, da sie sich immer individuell erst am spezifischen Text offenbart. Die dekonstruktivistische Aktivität kann an jedem Text und somit, ausgehend von Derridas erweitertem Textbegriff, in den verschiedensten Bereichen wie Philosophie, Politik, Recht, Literatur, Kunst und eben auch Architektur durchgeführt und erkannt werden.

2.2 Eine Architektur der Uneinheitlichkeit

Erstmals wirklich in den Blick der Öffentlichkeit geriet dekonstruktivistische Architektur durch die 1988 im New Yorker Museum of Modern Art stattfindende Ausstellung „Deconstructivist Architecture“. Philip Johnson und Mark Wigley präsentierten hier Bauten von sieben Architekten, die diese Stilrichtung auf durchaus verschiedene Weise[12] entscheidend mitprägten. Unter anderem wurde auch das Wohnhaus von Frank O. Gehry in Santa Monica, das als erstes dekonstruktivistisches Gebäude gilt, vorgestellt.

[...]


[1] Eine Aussage Peter Eisenmans deutet auf diese Problematik hin: „ Ich spreche nie von Dekonstruktion. […] Es ist sehr schwer im Sinne der Dekonstruktion über die Architektur zu sprechen, denn wir sprechen nicht von Ruinen oder Fragmenten. Der Begriff ist zu metaphorisch und zu abstrakt für die Architektur.“ Derrida, Jaques: Ein Brief an Peter Eisenman. In: Eisenman, Peter: Aura und Exzeß. Zur Überwindung der Metaphysik der Architektur. Wien: Passagen, 1995. S.165-175. Hier: S.174.

[2] Für eine ausführlichste Analyse der Zusammenhänge von Philosophie und Architektur über die frühen Überlegungen Derridas und den Begriff der Dekonstruktion vgl. Wigley, Mark: Architektur und Dekonstruktion. Derridas Phantom. Basel/Berlin/Boston: Birkhäuser, 1994.

[3] Pahl, Jürgen: Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts. Zeit-Räume. München: Prestel, 1999. S.190.

[4] Engelmann, Peter: Postmoderne und Dekonstruktion. Zwei Stichwörter zur zeitgenössischen Philosophie. In: Ders. (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam, 1990. S.23.

[5] Jaques Derrida im Gespräch mit Peter Engelmann. Zitiert nach: Engelmann 1990: Postmoderne und Dekonstruktion. S.21.

[6] Derrida, Jaques: Grammatologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1992. S.129 ???

[7] Für eine detaillierte Begriffsbestimmung vgl: Derrida, Jaques: Die Différance. In: Engelmann 1990: Postmoderne und Dekonstruktion. S.76-113. auch: Engelmann, Peter: Postmoderne und Dekonstruktion. Zwei Stichwörter zur zeitgenössischen Philosophie. In: Ebd. S.5-32.

[8] différence = substantiviertes Verb différer (unterscheiden, aber auch aufschieben!)/différant = Partizip; Derrida macht so nochmals auf spielerische Weise seine Kritik am Stellenwert der gesprochenen Sprache (Phonozentrismus) deutlich. Dieses Vorgehen der gleichzeitigen Anwendung seiner Theorien auf seine Texte selbst ist typisch für Derrida.

[9] Weimar, Klaus: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Band 1: A-G. Berlin: De Gruyter, 1997. 3., neubearb. Auflage. S.334.

[10] Ebd.

[11] Engelmann 1990: Postmoderne und Dekonstruktion. S.22.

[12] Charles Jencks erkennt in der dekonstruktivistischen Bewegung vier unterscheidbare Tendenzen. Vgl. dazu: Jencks, Charles: Die neuen Modernen. Von der Spät- zur Neo-Moderne. Stuttgart: Dt. Ver.-Anst., 1990. S.203.

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Details

Titel
Die Gefährdung des Ganzen. Dekonstruktivistische Architektur von Frank O. Gehrys "Haus des Architekten"
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V321481
ISBN (eBook)
9783668243255
ISBN (Buch)
9783668243262
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gefährdung, ganzen, dekonstruktivistische, architektur, frank, gehrys, haus, architekten, dekonstruktivismus, baukunde
Arbeit zitieren
Martin Großhold (Autor), 2016, Die Gefährdung des Ganzen. Dekonstruktivistische Architektur von Frank O. Gehrys "Haus des Architekten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321481

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