Philosophisch-praktische Betrachtung der Berufspädagogik. Die Vermittlung von sozialen Kompetenzen in der (Alten)Pflegeausbildung


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 2,0

Alfred Zimmer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Grundfragen und Verständnis von Berufspädagogik

3. Ermöglichung von soziale Kompetenzen
3.1. Die eigene Ausbildung nach dem Konzept von Liliane Juchli
3.2 Die sozialen Kompetenzen in der Altenpflege-Ausbildung damals und heute
3.3 Das Subjekt in Zentrum?

4. Fehlende Bausteine

5. Neue Wege in der Handlungsorientierung

6. Soziale Kompetenzen und die Frage der Herrschaft

7. Fazit

Quellenverzeichnis

„Eine richtige Theorie ist das Praktischste, was es gibt“

Friedrich Wilhelm Dörpfeld (1829 - 1893)

1. Einleitung

Das Feld der Berufspädagogik ist ein Teilfeld innerhalb des ’weiten Feldes’ Pädagogik. Als Studierender der Berufspädagogik im Gesundheitswesen steht man dabei an einem Punkt, von dem aus man in mindestens zweierlei Richtung schauen kann. Zum einen ist dies die Reflexion dessen, ‚wie’ man selbst in der Pflegeausbildung unterrichtet wurde. Zum anderen ist es die Reflexion des Studieninhalts und der begrenzten Erfahrung als Lehrperson. In beiden Fälle aber ist es eine Auseinandersetzung mit der Frage, was Pädagogik (bzw. Berufspädagogik) überhaupt sei, was diese beabsichtigt und vor allem, wie deren Umsetzung gelingen kann.

In dieser Arbeit möchte ich diese beiden Perspektiven ausführen, sprich mein eigenes Erleben als Auszubildender mit heranzuziehen.

Im Hinblick auf den Titel der Arbeit, soll es hier um die Frage gehen, ob denn nicht das ’Subjekt an sich’ in der beruflichen Ausbildung zu wenig Beachtung, Bedeutung und ’Spielraum’ erhält? Ob neben dem notwendigen Erwerb von Technik und Wissen, sprich der Ausbildung beruflicher Fertigkeiten, dann, wenn von dem Erwerb sozialer Kompetenzen gesprochen wird, nicht wesentliche Aspekte vernachlässigt werden? Denn Technik und Wissen, aufgefüllt mit beruflich erwünschten Sozialkompetenzen, schaffen nicht zwangsläufig ein menschliches Gefäß, das als Grundlage jeglicher professionellen (menschlichen) Tätigkeit gegeben sein muss. In diesem Sinne wird die personale Kompetenz in dieser Arbeit den sozialen Kompetenzen zugeordnet. Dies kann fragwürdig erscheinen, soll aber als Frage durchaus offen bleiben.

Soziale Kompetenz bedeutet hier also nicht nur das soziale Wahrnehmen, Erleben und Handeln nach außen, sondern ebenso nach innen, sich selbst gegenüber. Hierzu gibt es Bedingungen, die förderlich sind. Und es kann erkannt werden, dass es Bedingungen gibt, die eine solche Kompetenz sich selbst gegenüber erschweren.

Zunehmende Entfremdung, Leistungsoptimierung oder Wissensüberflutung, was alles durchaus der berufsbildenden Notwendigkeit entspringen kann, braucht ein Gegengewicht, einen offenen ’Spiel-Raum’ für das Subjekt. Und mag dieser Aspekt sicherlich nicht das ’Hauptgeschäft’ der Berufspädagogik sein, so ergeben sich doch negative Folgen für die Ausbildung und spätere Berufspraxis, wenn er vernachlässigt wird oder unerkannt bleibt.

2. Grundfragen und Verständnis von Berufspädagogik

Berufspädagogik lässt sich nach Schelten (2004) als Wissenschaft und Praxis der Berufserziehung umschreiben. Sie entstand begrifflich in den 1920er in Verbindung mit dem Begriff Berufsschule und deren berufsbildendem Unterricht. Inzwischen hat sich das Feld der Berufspädagogik auf das gesamte berufliche Schulwesen ausgeweitet. Als fester Bestandteil der Erziehungswissenschaften vertritt sie darin die Vertiefungsrichtung berufliche Bildung (vgl. ebd. S. 42).

So geht auch in der Berufspädagogik sehr wohl um grundlegende pädagogischen Fragestellungen, die wiederum auf die philosophische Frage zurückführen, ’was ist der Mensch, was kann er wissen, wie soll er handeln, was darf er hoffen’, so wie Kant es formuliert hat.

Pädagogik kann man ursprünglich aus dem Griechischen kommend mit „Knabenführung“ übersetzen. Sie umfasst alle Aufgaben, die damit verbunden sind. Diese Aufgaben betrafen ursprünglich die Begleitung, später dann die Erziehung junger Menschen, und münden heute in dem Begriff der Erziehungswissenschaft (vgl. Dietrich (1988), S. 14 f). Der Weg zu diesem heutigen Begriff beschreibt den Prozess der Theoriebildung innerhalb dieses Faches, das sich innerhalb der letzten 200 Jahre als eigenständige, und zur Philosophie abgegrenzte Disziplin, entwickelt hat.

Der Begriff 'Theorie' meint von seinem wiederum ebenfalls philosophischen griechischen Ursprung eine 'denkende Betrachtung der Dinge' (vgl. ebd.). Auf die Berufspädagogik bezogen, gilt es also die Tatsachen und Erscheinungen der Erziehung, Bildung und Ausbildung zu betrachten.

Dies alles führt auf die Grundsatzfrage was der Mensch sei und was Bildung generell ist. Und auf die berufliche Praxis eines Menschen in der Gesellschaft bezogen, führt es weiter zu der Frage der gesellschaftlichen Macht, der Kultur und der Steuerung. Wie sehr wird Pädagogik (und ihre Theorie-Bildung) eingesetzt (und von wem), um den Menschen dorthin zu ziehen, wo er hin soll?

Solche Fragen müssen zwar gestellt werden, gerade in der Pädagogik. Sie können aber natürlich nicht abschließend beantwortet werden. Sie stehen zwangsläufig offen und müssen dies im Hintergrund auch bleiben.

Ein guter Pädagoge ist vielleicht derjenige, der an diesen offenen Fragen im Untergrund immer wieder spürbar anstößt, an ihrer Offenheit ununterbrochen nagt, dieses aber aushält und darin wächst, weil er sich selbst zu seinem Tun in professionelle Beziehung setzt.

In diesem Sinne ist Berufsbildung und Berufspädagogik nicht ohne Allgemeinbildung und ’Beziehungsarbeit’ zu denken. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit allgemeiner Schulbildung, dem Bildungssystem insgesamt, auf der einen Seite. Ebenso wie sie auf der anderen Seite von der konkreten Beziehung und dem Dialog zwischen Lehrer und Lernendem abhängt.

Die Praxis der Berufsbildung wurzelt in den gesellschaftlichen Entwicklungen der Moderne und ist inzwischen ebenso an einem Punkt angelangt, der ihre Steuerung oder deren Illusion als offene Fragen aufwerfen.

Unter dem Aspekt der Ökonomisierung von Berufsbildung, der steigenden Komplexität von Wissen und der Optimierung menschlicher Leistung, könnte man z.B. also fragen, ob inzwischen die Berufsbildung nicht gezielter im Kindergarten schon beginnen sollte, sich über die ganze Schulzeit kontinuierlich noch mehr steigern müsste, um so in einer wirklichen beruflichen Hochleistungs-Kompetenz enden zu können?

Vielleicht wird gerade dies versucht. Vielleicht ließe sich so den zunehmenden und immer früher eintretenden Erscheinungen von menschlichem Zusammenbruch und Burn-Out wirksam begegnen.

Aus Sicht der notwendigen Leistungsoptimierung, der Kompetenz-Entwicklung und des Fortschritts, wäre dies die logische theoretische Folgerung.

In klaren Gegensatz hierzu steht jedoch Hentig (2006). Er vertritt in seinem Konzept, worin er nach Antworten auf die Frage nach der 'richtigen Pädagogik' sucht, einen Standpunkt, der den Begriff „Entschulung“ (S.21) verwendet.

Die Instrumentalisierung und Einpassung des Lernenden in eine womöglich selbst instrumentalisierte Pädagogik, wird hier grundsätzlich abgelehnt. „Entschulung“ versucht den Lernenden von diesem System zu befreien und dadurch eine andere soziale Kultur zu entwickeln.

Meinem Verständnis nach wird hier das Subjekt ins Zentrum gerückt. Es lernt in verschiedenen, angemessenen sozialen Räumen verschiedenste Fertigkeit, lernt sich dabei selbst zu steuern in seinem Lernen und nähert sich darin aus eigenem Wollen den beruflichen Notwendigkeiten (Kompetenzen).

Letztendlich ist die Frage einer solchen grundlegenden Entwicklung oder Veränderung jedoch eine Frage der Beweglichkeit von gesellschaftlicher Kultur und Herrschaft. Pädagogisches Handeln ist beschränkt auf den gegebenen gesellschaftlichen Rahmen.

3. Ermöglichung von sozialen Kompetenzen

Soziale Kompetenzen stellen einen Auszug aller Kompetenzen dar, die im Menschen angesiedelt sind (vgl. Kanning (2009), S. 14). Die genauere Bestimmung und Definition, was konkret damit gemeint ist, reichen von Anpassungsfähigkeit bis Durchsetzungsfähigkeit des Individuums und hängen immer vom Kontext, sprich vom jeweiligen '(Berufs)-Feld' oder dem sozialen System ab. Zudem wird unterschieden zwischen sozialer Kompetenz als Potential und sozial kompetentem Verhalten in einer konkreten Situation (vgl. ebd., S. 12 f).

Im Zusammenhang mit sozialen Kompetenzen tauchen oftmals auch andere ergänzende oder ersetzende Begriffe und Konzepte auf, wie soziale Intelligenz, emotionale Intelligenz, personale Kompetenz, interpersonale Kompetenz oder Selbstkompetenz. All diese Begriffe hängen in unterschiedlicher Verwendung miteinander zusammen, je nach Kontext und Sprecher (vgl., ebd. S. 22 ff).

Wenn also von sozialer Kompetenz gesprochen wird, ist es jeweils unumgänglich, zu klären, was gemeint ist und welcher Kontext besteht. Immer aber geht es um menschliche Fähigkeiten in der Interaktion mit seiner (menschlichen) Mitwelt.

So kann man auf die Frage, was der Mensch sei, nun naiv antworten: ’Er ist wohl nicht nur ein Ding, das sich durch Technik und Wissen zu höchstmöglicher Errungenschaft und Leistung optimiert.’

Das Soziale, das in meiner Sicht, neben dem Bewusstsein und dem Erkenntnisdrang den Menschen ausmacht, ist gekennzeichnet durch das ’Sich’ Erleben in der Begegnung, das es ihm per se erst ermöglicht, sich seines Daseins bewusst zu werden und sich selbst zu erkennen. Dies ist für den Menschen existenziell.

Nun wird dagegen in der Berufspädagogik von sozialen Kompetenzen gesprochen. Wenn diese jedoch in gleicher Weise als Instrument betrachtet werden wie Technik und Wissen, entsteht zwangsläufig ein Ungleichgewicht. Dieses ginge bildlich in die Richtung, dass ein Mensch tatsächlich ein Ding sein könnte.

Beraubt sich der Mensch dadurch nicht seines Selbst? Oder ist dies aber geradezu notwendig, damit ein Mensch als produktives Mitglied der Gesellschaft funktioniert?

Soziale Kompetenzen werden in der pädagogischen, in der psychologischen, in der ökonomischen und der pflege-bezogenen Fachliteratur ausführlich und natürlich mit verschiedenen Schwerpunkten und Sichtweisen behandelt. Es wird versucht soziale Kompetenzen schematisch zu erfassen und zu bewerten, wie zum Beispiel in Kanning (2009): Diagnostik sozialer Kompetenzen. Oder, als weiteres Beispiel, durch den Kompetenzatlas von Erpenbeck und Heyse, worin in einem komplexen Verfahren (KODE® und KODE®X) Kompetenzen definiert, ermittelt und steuerbar gemacht werden sollen (vgl. Erpenbeck, J., Heyse (2010), S. 11 -19). Solche Entwicklungen, die aus dem Personal-Management kommen, münden für die Pädagogik in dem, was heute als Bildungs-Controlling bezeichnet wird. In Bezug auf die Ökonomie, wie auch auf Organisationsentwicklung innerhalb von (beruflichen) Bildungseinrichtungen, könnte dieses Vorgehen zum angestrebten Standart werden.

Es wird darin ein Unterschied zwischen sozialen und personalen Kompetenzen gemacht, der sicherlich seine Berechtigung hat. Vor allem, wenn man weiter wissenschaftlich differenzieren möchte. In dieser Arbeit soll es aber nicht um diese Differenzierung gehen, sondern um die Betrachtung im Sinne der Pädagogik.

Zu den sozialen Kompetenzen zähle ich in diesem Fall auch die personale Kompetenz, als soziale Kompetenz sich selbst gegenüber und als Grundlage, um sich überhaupt in Bezug und in (pflegerische) Beziehung geben zu können.

Die differenzierte und komplexe Erfassung von Kompetenzen, wie sie im BildungsControlling erfolgt, soll hier nicht weiter dargestellt und untersucht werden. In dieser Entwicklung in der (Berufs) Pädagogik erscheint mir durchaus die Gefahr zu liegen, der Mensch könnte rein funktional und als Instrument gesehen werden.

Denn mag es auch wichtig und sinnvoll sein, soziale Kompetenzen in den Blick zu nehmen, und zu schauen wie diese zu fördern sind, so stellt sich die Frage, ob dies so technisch angegangen werden kann bzw. ob es nicht hauptsächlich um die versuchte Steuerung geht, deren Illusion mit Herrschaftsbestrebung kompensiert werden soll. Es kann zwar im Sinne dessen, dass es bei sozialen Kompetenzen primär auf das Konstituieren (oder gar Existieren) ’seiner Selbst’ geht, trotzdem sinnvoll sein, soziale Kompetenz auch funktional für die Gesellschaft oder für die Ökonomie zu betrachten. Doch nicht als Hauptsache. Eine funktionale Betrachtung wäre durchaus vorstellbar, wenn denn die primäre Bedeutung von sozialen Kompetenzen wirklich beachtet und entsprechend respektiert wird. Dies würde aber eine praktische Konsequenz für die (Berufs-) Pädagogik bedeuten, indem sich Räume im Curriculum, im System überhaupt, zeigen müssten, und Lehrer entsprechend gebildet werden (als Subjekt), die diese Räume einfordern und füllen können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Philosophisch-praktische Betrachtung der Berufspädagogik. Die Vermittlung von sozialen Kompetenzen in der (Alten)Pflegeausbildung
Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Veranstaltung
Berufspädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V321584
ISBN (eBook)
9783668209657
ISBN (Buch)
9783668209664
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufspädagogik, Pflegeausbildung, Altenpflegeausbildung
Arbeit zitieren
Alfred Zimmer (Autor), 2013, Philosophisch-praktische Betrachtung der Berufspädagogik. Die Vermittlung von sozialen Kompetenzen in der (Alten)Pflegeausbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321584

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