Feministische Gesprächsanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Feministische Linguistik
II.1 Vorläufer und Entstehung
II.2 Theoretische Ansätze
II.3 Forschungsbereiche

III Feministische Gesprächsanalyse

IV Stand der feministischlinguistischen Forschung in Lateinamerika

V Soziales Geschlecht und kommunikatives Verhalten am Beispiel Kubas
V.1 Auswahl des Materials
V.2 Thesen
V.3 Frauen und Frauenbewegung in Kuba
V.4 Analyse
V.4.1 Schweigen: Schwäche oder Dominanz?
V.4.2 Themeninitiierung und –akzeptierung
V.4.3 Themeninitiierung und nonverbale Kommunikation

VI Schlussfolgerung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

I Einleitung

Mit Beginn der “neuen Frauenbewegung” begann die linguistische Forschung, sich für das sprachliche Verhalten von Frauen und Männern zu interessieren. In den USA wurden in der ersten Hälfte der siebziger Jahre die ersten maßgeblichen Studien zu den beiden Hauptthemenbereichen “Weibliches Sprachverhalten und Repräsentation” sowie “Diskriminierung der Frauen durch das Sprachsystem” veröffentlicht. In Europa verbreitete sich die feministische Linguistik trotz ihres durchschlagenden Erfolges nur teilweise als neue Forschungsrichtung. In Deutschland und England wurden bereits Ende der siebziger Jahre deren Ergebnisse rezipiert und die wichtigsten Thesen weiterentwickelt. Im südlichen Europa brauchte es hingegen wesentlich länger bis sich die feministische Linguistik als eigenständiger Forschungszweig durchgesetzt hatte. Im Fall Spaniens wird diese Verzögerung mit der traditionell männerdominierten Gesellschaftsstruktur erklärt, in der zunächst vor allem die Erforschung der sozialen Rolle der Frau und die Durchsetzung der Idee der Gleichberechtigung wichtiger gewesen sei, als die Beschäftigung mit sprachlichen Verhaltensunterschieden zwischen den Geschlechtern.

Es erscheint daher nicht sehr verwunderlich, dass sich die Situation für Lateinamerika eigentlich noch prekärer darstellt. Insbesondere die feministische Gesprächsanalyse scheint hier ein noch “unbestelltes Feld” zu sein.

Die vorliegende Arbeit soll daher zunächst einen Einblick in die Entstehung der feministischen Linguistik geben, und anschließend die wichtigsten Theorien, Methoden und Ergebnisse aus der feministischen Gesprächsanalyse vorstellen.

Von den Vertretern der feministischen Linguistik ist im Laufe der Zeit immer wieder betont worden, dass es nicht ausreiche, die reine Wechselwirkung zwischen Sprache und Geschlecht zu berücksichtigen, sondern dass auch der gesamte politische, gesellschaftliche und ökonomische Kontext, in dem sich die Gesprächsteilnehmer befinden, in die Analyse und Interpretation der Ergebnisse einfließen müssen. Der Forschungsstand der feministischen Gesprächsanalyse in Lateinamerika hat in Verknüpfung mit dieser Forderung dazu geführt, dass in der vorliegenden Arbeit an ausgewähltem Beispielmaterial aus dem Dokumentarfilm Havanna mi Amor1 das Zusammenspiel von Sozialisation und kommunikativem Verhalten von Männern und Frauen aus Kuba analysiert wird. Dabei erhebt diese Arbeit allerdings nicht den Anspruch repräsentativ zu sein, geschweige denn allgemeingültige Aussagen über das sprachliche Verhalten von kubanischen Frauen machen zu können. Vielmehr soll es darum gehen, die möglicherweise existierende Korrespondenzen zwischen Sozialisation oder besser Lebenswirklichkeit und Sprache bzw. kommunikativem Verhalten aufzuzeigen.

II Feministische Linguistik

II.1 Vorläufer und Entstehung

Als Vorläufer der feministischen Linguistik können Berichte von Kaufleuten und Reisenden aus dem 17. Jahrhundert gewertet werden, in denen außereuropäische Länder beschrieben wurden, in denen den Autoren zufolge nur von Frauen gesprochene Sprachen existierten. Der Begriff der Frauensprache geht auf diese Berichte zurück, die aber später stark kritisiert wurden, weil sie mit der Annahme verbunden waren, dass derartige Phänomene nur in sogenannten “primitiven Völkern” vorkämen, nicht aber in “Kulturvölkern”. Seit Bodine (1975) werden Sprachen differenzierter als geschlechtsexklusiv oder geschlechtspräferenziell bezeichnet. Geschlechtsexklusiv bedeutet, dass eine Frauensprache grammatische Regeln in Phonologie, Morphologie und Syntax aufweisen muss, die sich eindeutig von den entsprechenden Regeln der zugehörigen Männersprache unterscheiden müssen, und / oder dass große Teile des Lexikons in geschlechtsexklusiven Dubletten vorliegen müssen.2 Ein Beispiel für eine Sprache mit geschlechtsexklusiven Differenzen wäre zum Beispiel das Japanische.

Bei geschlechtspräferenziellen Unterschieden im Sprechen, handelt es sich um solche Variationen, die typischerweise von einem Geschlecht verwendet werden. Sie wurden vor allem für das Englische und Deutsche gefunden, aber auch für das Spanische. Es handelt sich dabei um stilistische Vorlieben von Frauen und Männern, wie z.B. Indirektheiten, Abschwächungen und Höflichkeiten etc.

Die ersten linguistischen Studien, die bei europäischen Sprachen Differenzen im sprachlichen Verhalten von Frauen und Männern auf der Ebene des Wortschatzes, der Syntax und des Stils feststellten, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu nennen sind hier Fritz Mauthner (1921), der den Sprachgebrauch allgemein und das Gesprächsverhalten von Frauen untersuchte, und Otto Jespersen (1922, deutsch 1925), der sich mit Wortschatz und Syntax der Frauensprache beschäftigte. Mauthner führte die Differenzen auf soziale Faktoren zurück, beispielsweise führe die Halbbildung der Frauen dazu, dass diese im Deutschen vermehrt “unnötige” Fremdwörter benützten, während Männer diese mieden. Jespersen argumentierte biologistisch und bescheinigte den Frauen ein konservatives Sprachverhalten – im Gegensatz zum innovativen der Männer – und eine primitivere Syntax.3

Obwohl sich beide Beschreibungen auf individuelle Beobachtungen stützen und damit heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht mehr genügen, sind sie insofern interessant, als dass sie Frauensprache aus männlicher Perspektive als defizitäre Variante der Männersprache beschreiben. Eine Sichtweise, der sich auch die ersten “richtigen” Feministinnen nicht ganz entziehen konnten.

Als eigenständige Disziplin entstand die feministische Linguistik Mitte der siebziger Jahre im Rahmen der “neuen Frauenbewegung”4 und als Weiterentwicklung bzw. Teilbereich der soziolinguistischen Forschung (Labov /Shuy/Trudgill), in der “Geschlecht” neben anderen bereits als soziale Kategorie in die Untersuchungen miteinbezogen wurde.

Die wichtigsten Repräsentantinnen dieser Entstehungsphase sind Mary Ritchie Key und Robin Lakoff, die sich beide sowohl mit weiblichem Sprachverhalten, als auch mit der Diskriminierung der Frau durch das sprachliche System beschäftigten. Während Mary Ritchie Key sich in ihrem Aufsatz “Linguistic Behavior Of Male And Female” (1972) und drei Jahre später in ihrem Buch “Male/Female Language” (1975) dafür stark machte, dass Frauen nicht versuchen sollten, das sprachliche Verhalten von Männern zu kopieren, setzte Robin Lakoff in ihrem 1975 erschienen Aufsatz “Why Women Are Ladies” die Defizithypothese von Mauthner und Jespersen fort. Gleichzeitig formulierte Lakoff aber das Problem, dass Frauen, die das männliche Sprachverhalten kopieren oder immitieren, sich zwar Gehör verschafften, sich aber gleichzeitig dadurch als Frauen degradierten.

Der Unterschied zwischen den Thesen Lakoffs und Jespersens besteht darin, dass Lakoff das Sprachverhalten von Frauen nicht auf deren biologische Veranlagung, sondern auf ihre soziale Situation zurückführt. Lakoffs Sichtweise wurde in folgenden Studien vor allem kritisiert, weil sie das weibliche Sprechen als defizitär verstand.

Senta Trömel-Plötz übertrug die Ergebnisse von Key und Lakoff Anfang der achtziger Jahre auf die deutsche Sprache und ihre Verwendung durch weibliche Sprecher.5 Die zentralen Thesen und Ergebnisse waren:

- Der Wortschatz ist durch spezifische Interessen- und Arbeitsbereiche bestimmt (Kinder, Haushalt, Mode).
- Verwendung “leerer” Adjektive (“reizend”, “süß”) und Sprache der Verniedlichung, um weiblichen Stil gefällig zu machen, Aussagen abzuschwächen, Konflikte zu vermeiden.
- Verwendung der Frageintonation in Aussagesätzen und Aufforderungen.
- Unbestimmter, unsicherer Sprechstil durch Rückversicherungsfragen (tag questions), durch die das Bild der Frau als Abhängige verstärkt wird.
- Verwendung von Unschärfemarkierern (hedges) wie z.B. “Ich glaube ...”, die Aussagen abschwächen und den Eindruck von Unsicherheit hinterlassen.
- Häufiger Gebrauch von emphatischen Adverbien (“das ist so süß”).
- Frauen passen sich in Aussprache und Syntax eher der Standardsprache an als Männer, um ihren niedrigeren gesellschaftlichen Status aufzuwerten.
- Verwendung überhöflicher Formen und weniger Schimpfwörter, um dem Bild der Frau als schön und höflich zu entsprechen.

II.2 Theoretische Ansätze

Es existieren zwei grundlegende Erklärungsansätze in der feministischen Linguistik, die versuchen, die Differenzen zwischen dem sprachlichen Verhalten von Frauen und Männern auf unterschiedliche Ursprünge zurückzuführen. Zu differenzieren ist hier zwischen der biologischen und der soziologischen Argumentation. Ein dritter Ansatz, das Paradigma der Homologie verbindet die beiden ersten miteinander.6

Der biologische Ansatz führt die Differenzen im Sprechen von Frauen und Männern auf die evolutionsbedingte physiologische Verfassung der beiden Geschlechter zurück. Bei Frauen habe sich die linke Hirnhemisphäre, die für die Sprachfunktionen zuständig ist, stärker entwickelt, weil sie in der Evolutionsgeschichte immer schon die sozial kommunikativen Aufgaben übernommen hätten - Versorgung des Nachwuchses etc. -, während bei den Männern die rechte Hirnhemisphäre, also die räumlich visuelle Orientierung, ausgeprägter sei. Daher seien Frauen im sprachlichen Stil verbal-kommunikativ, relational, emotiv und kontextbezogen, wohingegen Männer einen eher räumlich analytischen, abstrahierenden und kontextunabhängigen Stil pflegten.

Im Gegensatz dazu begründet der soziologische Ansatz die Differenzen zwischen weiblichen und männlichen Sprechern durch die Position und Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft. Die Unterordnung der Frau unter den Mann in patriarchalen Gesellschaften verlange von ihr sprachliches Verhalten, das dieser gesellschaftlichen Position entspräche und diese manifestiere, also einen unsicheren, höflichen Stil.

Der dritte Ansatz, das Paradigma der Homologie, verbindet die beiden ersten miteinander. Demnach generiert die natürlich physiologische Verfassung die sozialen Rollen der Geschlechter und deren Verhalten. Diese Paradigmen werden in der Erziehung und Sozialisation der Kinder aufrechterhalten und weitergegeben.

Für die weitere Forschung war und ist vor allem die Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht (engl. sex) und dem sozialen Geschlecht (engl. gender) wichtig. Da sich für den biologistischen Ansatz keine handfesten Beweise über die direkte Verbindung und Einflussnahme zwischen biologischem Geschlecht und Sprache bestätigen ließen, verwendet die feministische Linguistik den Begriff “Geschlecht” für die sozialen Kategorien von Weiblichkeit und Männlichkeit.

Auf den drei genannten Erklärungsansätzen bauten die verschiedenen Theorien der feministischen Linguistik auf, setzten sie fort oder dachten sie kritisch weiter. Chronologisch betrachtet ist die Dominanz- bzw. Defizithypothese, die von Robin Lakoff aufgestellt wurde, der erste theoretische Ansatz, mit dem versucht wurde, die Differenzen zwischen weiblichem und männlichem Sprechen zu klären. In den Studien, die sich diesem Ansatz anschlossen, wurden dessen Ergebnisse insbesondere für die Gesprächsanalyse bestätigt, wobei vor allem die Frage nach Macht und Dominanz in gemischtgeschlechtlichen Gruppen gestellt wurde.

Kritisiert wurde die Dominanz- bzw. Defizithypothese nicht nur für ihre “männliche” Sichtweise, die zu einseitigen Interpretationen führe, sondern auch für die (von diesem Standpunkt) Fehlinterpretationen semantischer Bedeutungen von linguistischen Figuren, wie z.B. den tag questions, oder Unterbrechungen in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten.7

Die Differnzhypothese bzw. die Theorie der zwei Kulturen versuchte, eine derartige Einschränkung zu vermeiden. Ihre wichtigste Vertreterin nach Mary Ritchie Key ist Deborah Tannen (1986), die sich auf Ergebnisse aus der Ethnolinguistik stützt. Durch die unterschiedliche Sozialisation in der Kindheit würden sich zwei differierende Subkulturen bilden, so Tannen, deren gegenseitige Verständnisschwierigkeiten jenen vergleichbar seien, die zwischen Sprechern aus zwei verschiedenen Ländern oder Kulturkreisen existierten. Die Negativbewertung des sprachlichen Verhaltens von Frauen wird hier grundsätzlich abgelehnt.

Kritiker dieses Ansatzes beriefen sich darauf, dass die Differenzen im sprachlichen Verhalten von Frauen und Männern eines Kulturkreises nicht so gravierend seien wie jene, zwischen zwei Sprechern oder Sprecherinnen verschiedener kultureller Horizonte.8 Dennoch wird diese Theorie insbesondere in der Gesprächsanalyse nach wie vor als Grundlage der Hypothesenbildung verwendet.

Die Theorien von Lakoff und Tannen wurden in der Folge durch die Einbeziehung sozialer und pragmatischer Kontexte in die Untersuchung erweitert.

In der jüngeren Forschung zur feministischen Linguistik wurden postmoderne und poststrukturalistische Ansätze entwickelt, die auf dem Dekonstruktivismus Derridas, auf der Diskursanalyse Foucaults und Lyotards Postmoderne-Begriff basieren.9 Deren zentrale Thesen sind:

[...]


1 Havanna mi Amor, Dokumentarfilm, Regie: Uli Gaulke, Deutschland 2000, 82 Minuten.

2 Vgl. Samel, Ingrid: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft, Berlin 1995, S. 24.

3 Zur genaueren Beschreibung der beiden Ansätze vgl. Samel, Ingrid: a.a.O., S. 25ff.

4 Zum Begriff der “neuen Frauenbewegung” vgl. Samel Ingrid: a.a.O., S. 14 f. Die neue Frauenbewegung stellt demnach die zweite Phase der Frauenbewegung dar, und hatte ihren Ursprung in der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition von 1967/68.

5 Vgl: Trömel-Plötz, Senta: Linguistik und Frauensprache. In: dies: Frauensprache – Sprache der Veränderung, Frankfurt am Main 1982. S. 31.

6 Vgl. Rodríguez Alfano, Lidia: Acercamiento teórico crítico al discurso de las mujeres. In: Iztapalapa. Análisis del Discurso. Teorías,Métodos y Áreas de Estudio, Revista de Sciencias sociales y Humanidades, año 23, No. 53, Universidad Autónoma Metropolitana, México 2002, S. 70.

7 Dass Frauen vermehrt tag questions benutzen, wurde auch in Folgestudien festgestellt. Dass diese aber immer Ausdruck von Unsicherheit seien, wurde allerdings von Cameron (1992) widerlegt. Vgl. Cameron, D: Not gender differences but the difference gender makes – explanation in research on sex and language. In: International Journal of the Sociology of Language 94, S. 13-26.

8 Vgl. Heros Diez Canseco, Susana de los: Discurso, identidad y género en el castellano peruano, Lima 2001, S. 59.

9 Vgl. Rodríguez Alfano, Lidia: a.a.O., S. 76-79.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Feministische Gesprächsanalyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistisches Institut)
Veranstaltung
HS: Genderreflexionen Lateinamerika
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V32164
ISBN (eBook)
9783638329521
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feministische, Gesprächsanalyse, Genderreflexionen, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Inken Seltmann (Autor), 2004, Feministische Gesprächsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32164

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