Peter Singers Personenbegriff und das Tötungsverbot von Tieren


Hausarbeit, 2016
10 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über Personen und Nichtpersonen
2.1. Personen
2.2. Nichtpersonen und bloß bewusste Wesen

3. Tötungsverbot
3.1. Hedonistischer Utilitarismus
3.2. Präferenz-Utilitarismus

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als der australische Philosoph Peter Singer 1979 die Praktische Ethik veröffentlichte, beförderte er nicht nur den akademischen Diskurs, wie das Mensch-Tier-Verhältnis auszusehen habe, sondern auch die Tierrechtsbewegung. Singers Denken war insofern revolutionär, als er keine speziesistischen Argumente mehr gelten ließ: Tiere dürften nicht anders behandelt werden, nur weil sie keine Menschen sind, es dürfe also keine In- und Out-Group- Konstruktion entlang der Spezies entstehen. Singer schlägt deswegen das Konzept der Person vor, nach dem Menschen und „nichtmenschliche Tiere“[1] nach gewissen Kriterien Personen sein können.

Im vorliegenden Essay soll der Frage nachgegangen werden, was Singer unter einer Person versteht und inwiefern sich dieser Begriff auf Menschen und Tiere beziehen lässt. Davon ausgehend werde ich betrachten, wie Singer für das Tötungsverbot für die verschiedenen Statusgruppen – Personen, Nichtpersonen, bloß bewusste Wesen – argumentiert. Ist er hierbei überzeugend und stimmig? Und wollen wir schließlich in einer Gesellschaftsordnung nach Singerschem Modell leben?

Ist Singers Theorie, die auf dem Utilitarismus beruht, also leistungsfähig genug, um sich auch Dingen wie der industriellen Massentierhaltung und der Tatsache, dass Tiere zunehmend als Objekte des Konsums betrachtet werden, zu stellen?

2. Über Personen und Nichtpersonen

Singer unterscheidet zwischen Personen und Nichtpersonen, wenn es um die moralische Berücksichtigung von Lebewesen und deren Handlungen geht.

2.1. Personen

Was eine Person philosophisch gesehen ist, fragt nicht erst Peter Singer. Nein, es gibt in der Tradition der Philosophie viele Denker*innen, die sich mit diesem Thema bereits beschäftigt haben, u.a. die Stoiker, Locke, Hegel und Kant.[2] Nichtsdestotrotz bringt Singer neue Impulse in die Diskussion, wenn er „Person“ nicht zwangsläufig als ein „menschliches Wesen“[3] verstanden wissen will, sondern auch Tiere in die Sphäre der Personen rückt: „[E]s könnte eine Person geben, die nicht Mitglied unserer Spezies ist. Es könnte auch Mitglieder unserer Spezies geben, die nicht Personen sind.“[4] Singer behauptet also erstens, dass Tiere Personen sein können, womit er den Speziesismus[5] verwirft. Zweitens stellt er die These auf, dass nicht alle Menschen Personen sind, was dem Alltagsverständnis diametral gegenübersteht. Um nun also Singers Personenbegriff zu kritisieren, müssen wir verstehen, was er genau unter einer Person versteht.

Singer zitiert dazu eine Standarddefiniton aus dem Oxford Dictionary: „ein selbstbewusstes oder rationales Wesen“[6], womit ein erster Rahmen gesetzt ist. Davon ausgehend ist es aber laut Singer ein spezielles Kriterium, das entscheidend sind: Es ist die Fähigkeit, sich als eines Individuums bewusst zu sein, das mit einer Vergangenheit und Zukunft ausgestattet ist.[7] Dieser Aspekt, den Locke eingeführt hat, sagt, dass ein Wesen nicht nur über momentane Bedürfnisse verfügt, sondern auch darüber hinaus Wünsche für die Zukunft entwickeln kann, was für Singer sehr bedeutend ist. Sein Denken gründet sich nämlich auf den Präferenz-Utilitarismus.[8] Präferenz mag hier in etwa mit Wunsch im engeren Sinne gleichbedeutend sein.

Für die moralische Berücksichtigung einer Handlung ist die Präferenz oder der Wunsch des entsprechenden Wesens entscheidend. Den Personenstatus erfüllen alle erwachsenen und gesunden Menschen, Säuglinge bzw. Kleinkinder und geistig behinderte Menschen oder auch Komapatienten fallen aber nicht darunter, da sie kein Selbstbewusstsein im starken Sinne haben.[9] Gewisse Tiere wie die großen Menschenaffen und Delfine kann Singer daher auch als Personen bezeichnen, da man bei diesen gewisse menschliche Eigenschaften wie komplexes Problemlösen oder Indizien auf eine Art Selbstbewusstsein findet.[10] Ob dies nicht sehr anthropozentrisch gedacht ist, fragt man sich an dieser Stelle. Und da sich und Tiere nicht verbal wie Menschen mitteilen können, kann ein Selbstbewusstsein im menschlichen Sinne nur vermutet werden – zwei zentrale Schwachpunkte der Singerschen Personenkonzeption also.

Bringt man Singers Theorie aber erst einmal ein gewisses Wohlwollen entgegen, so muss man annehmen, dass nur Personen zukünftige Präferenzen entwickeln, womit sich für Singer der moralische Vorrang der Person vor der Nichtperson zeigt.

2.2. Nichtpersonen und bloß bewusste Wesen

Der Person steht bei Singer die Nichtperson gegenüber. Diese definiert er folgendermaßen: „Es gibt viele Wesen, die empfindungsfähig sind und daher Lust und Schmerzen zu erfahren vermögen, aber nicht selbstbewusst und vernunftbegabt und somit keine Personen sind. Ich werde sie nachfolgend als ‚bloß bewusst‘ bezeichnen.“[11] Diese Wesen, worunter viele Tiere fallen, empfinden Lust und Schmerzen, dies aber nur auf ihre momentanen mentalen Zustände bezogen. Nach Singer fehlen ihnen jegliches Selbstbewusstsein und die für seine Theorie so wichtige Fähigkeit, ihre eigene Vergangenheit und Zukunft zu begreifen.

Hier lässt sich kritisieren, wie sinnvoll und stichhaltig diese Unterscheidung ist. Einerseits ist es empirisch äußerst schwer zu bestimmen, welches Wesen ein Selbstbewusstsein im starken, also menschlichen, Sinne hat. Wie will Singer denn beweisen, ob ein kognitiv eingeschränkter Mensch, ein Schimpanse oder ein Hummer eine Person ist oder nicht? Wer wie er behauptet, dass „[d]as bloß bewusste […] Wesen […] keine Präferenz in Bezug auf die Fortdauer seines Lebens [hat]“[12], muss sich seiner Behauptung sehr sicher sein, weil diese Aussage weitreichende Konsequenzen haben kann. Singer kann also bloß bewussten Lebewesen nur ein abgeleitetes Lebensinteresse zusprechen, indem er auf ihr Streben nach momentaner Lust und Schmerzvermeidung verweist.

Andererseits gibt es philosophische Kritik an Singers Personenbegriff. Damit, dass Singer einige Tiere als Personen und den Großteil als ‚bloß bewusst‘ bezeichnet, setzt er sich dem Verdacht aus, einen neuen Speziesismus zu prägen.[13] Singer nimmt nämlich genuin menschliche Eigenschaften als Maßstab, um zu entscheiden, ob ein Lebewesen eine Person ist. Genauer gesagt, zieht er nur Charakteristika des prototypisch gesunden Menschen heran, die für andere Lebewesen überhaupt nicht relevant sein müssen. Diese Diskussion kann hier nicht nachgezeichnet werden, es soll nur betont werden, dass Singers Theorie nur scheinbar den anthropozentrischen Blick auf das Tier überwindet. Wie Rosenberger sagt: „Der ‚garstige Graben’ zwischen Personen und Nichtpersonen wird anders gezogen als bisher, aber er wird nicht zugeschüttet.“[14]

Nun möchte ich darauf eingehen, was Singers Personenbegriff für die Frage nach dem Töten und ein mögliches Tötungsverbot bedeutet.

3. Tötungsverbot

Das Tötungsverbot bei Singer ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Wichtig ist, dass es eine große Rolle für Singer spielt, ob man aus hedonistisch- (Erklärung?) oder präferenzutilitaristischer Sicht argumentiert.

Utilitaristisch gesehen ist die Tötung immer dann ein Problem, wenn dem Wesen Schmerzen zugefügt werden, die vermeidbar sind (vgl. S. 192).

3.1. Hedonistischer Utilitarismus

Das Beenden der Existenz an sich bedeutet für einen hedonistischen Utilitaristen, dass potenzielle Lust verhindert wird.[15] Die Existenz an sich hat also keinen Wert, sondern bloß aktuelle mentale Zustände. So könnte man sagen, dass z.B. ein Nutzschwein in der westlichen Massentierhaltung zu einem reinen „Behälter“ für Lust und Schmerz degradiert wird, der durch ein neues Schwein ersetzt wird, sobald das erste geschlachtet wird.[16]

Indirekt ist die Tötung bloß bedeutsam, wenn dadurch Artgenossen beunruhigt und verängstigt werden, wie es z.B. in Schlachthöfen vorkommen kann.[17]

3.2. Präferenz-Utilitarismus

Schaut man sich die Sicht der Präferenz-Utilitaristen an, die Singer ja vertritt, so heißt es dazu bei ihm: „Für Präferenz-Utilitaristen ist die Tötung einer Person in der Regel schlimmer als die Tötung eines anderen Wesens, weil Personen in ihren Präferenzen sehr zukunftsorientiert sind.“[18] Kann die Tötung einer Person deswegen aber moralisch schwerer wiegen sein, nur weil sie sich auf die Zukunft hin entwerfen kann? Was sie momentan ist und auch empfindet, das könnte man Singer vorwerfen, ist doch entscheidend und nicht die Möglichkeit in der Noch-Nicht-Zeit der Zukunft.[19]

Singer geht aber dabei noch weiter, wenn er sagt, dass „dadurch [die Tötung] alles, was das Opfer in den vergangenen Tagen, Monaten oder sogar Jahren zu tun bemüht war, ad absurdum geführt [wird].“[20] Auf den ersten Blick mag man Singer hier zustimmen, wenn man bei einem Menschen an solche Dinge wie Lebenserfahrung, soziales Netz, Karriere, Bildung denkt. Dies sind nämlich alles Güter, die über die Zeit, mit Planung in die Zukunft, erreicht wurden. Soll aber solches, was oft nur eine Anhäufung von Lust und Bedürfnissen über lange Zeit hinweg bedeutet, wesenhaft wichtiger sein als das, was ein Wesen, das eher in einem Tagesrhythmus lebt und denkt, momentan ausmacht?

[...]


[1] Singer, Peter: Praktische Ethik [im Folgenden „PE“]: S. 98.

[2] Vgl. hierzu z.B. Mohr, Georg: Der Personenbegriff in der Geschichte der Philosophie. In: Person. Philosophiegeschichte – Theoretische Philosophie – Praktische Philosophie. Hrsg. v. Dieter Sturma. Paderborn: mentis 2001. S. 25-36.

[3] Singer, PE: S. 142.

[4] Ebd.

[5] S.o. und zum Speziesismusbegriff die Prägung von Richard D. Ryder.

[6] Singer, PE: S. 142.

[7] Vgl. ebd. S. 145.

[8] Singer, PE: S. 151: „jene Version des Utilitarismus, zu der wir gelangen, indem wir unsere eigenen Präferenzen […] verallgemeinern“.

[9] Singer, PE: S. 160.

[10] Singer, PE: S. 174-184.

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 161.

[13] Vgl. dazu Wustmans, Clemens: Tierethik als Ethik des Artenschutzes. S. 44.

[14] Rosenberger, Michael: Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier. S. 99f.

[15] Vgl. Singer, PE: S.161.

[16] Vgl. ebd: S. 194.

[17] Vgl. ebd: S. 146f.

[18] Ebd: S. 152.

[19] Vgl. Johnson, Edward: Leben, Tod und Tiere. In: Texte zur Tierethik. Hrsg. v. Ursula Wolf. Stuttgart: Reclam 2008 (=Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18535). S. 195-211.

[20] Singer, PE: S. 152.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Peter Singers Personenbegriff und das Tötungsverbot von Tieren
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Singers "Praktische Ethik"
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V321643
ISBN (eBook)
9783668210417
ISBN (Buch)
9783668210424
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
peter, singers, personenbegriff, tötungsverbot, tieren
Arbeit zitieren
Holger Nikutta (Autor), 2016, Peter Singers Personenbegriff und das Tötungsverbot von Tieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/321643

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